Sezession
7. November 2018

Das europäische Ich

Götz Kubitschek / 7 Kommentare

Europa ist geteilt, die Trennlinie verläuft zwischen Finnland und Rußland entlang durch die Ostsee auf Lübeck zu...

Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

... an der ehemaligen innerdeutschen Grenze und der Tschechischen Republik entlang um Österreich herum bis hinunter nach Triest: im Westen fast aussichtslos überrannt von Nicht-Europäern, im Osten nicht; im Westen ökonomisch unvorstellbar produktiv, im Osten nicht; im Westen ohne Chance auf national-widerständige Mehrheiten (zu gründlich ist eine selbstbewußte Politik durch Nationalmasochismus, politische Korrektheit und repressive Toleranz zerstört worden), im Osten Ansätze, wirksame Zusammenschlüsse gegen die EU mit völlig anderen Parametern zu bilden.

Unter den im Europa-Heft der Sezession vorgestellten Europa-Konzepten ist das »Europa der Vaterländer« das unserem Kontinent angemessene, das Intermarium (inklusive seiner Visegrad-Keimzelle) mit Blick auf die heutige Lage und vor allem auf die zukünftige Entwicklung das wünschenswerte. Es ist das Konzept einer Sezession des Ostens vom Westen. Zu dieser Thematik hat Martin Lichtmesz im Heft unter dem Titel "Wenn Aeneas vor der Wahl steht" einen großartigen Beitrag vorgelegt.

Die neuen Bundesländer gehören dabei in Mentalität, Alltags- und Wahlverhalten sowie historischem Bewußtsein zum Osten.

Der europäische Osten besitzt Stoff genug für eine verbindende, große Erzählung – für das also, was ein Wir-Gefühl stiften und zwanzig Nationen überwölben könnte. Es ist der antitotalitäre Befreiungskampf gegen eine kurze nationalsozialistische Besatzung oder faschistische Epoche und danach gegen eine jahrzehntelange sowjetische Besatzung samt ihrer Schlüsselereignisse 1953 (DDR), 1956 (Ungarn), 1968 (Tschechoslowakei), 1980 (Polen) und endlich 1989/90 (Befreiungsrevolution in allen Ländern).

Sichtbar und zum Besuchermagnet geworden ist diese Rückeroberung der nationalen Souveränität im Museum »Terror Haza« mitten in Budapest. Ohne Opferhierarchie sind dort die in den Kerkern und Lagern Getöteten von 1944 bis 1989 in Bildergalerien nebeneinander aufgereiht, und die Täter-Akten über die faschistischen (1944 – 1945) und kommunistischen (1945 – 1989) Gewaltherrscher und Schergen liegen nebeneinander in den Archiven des Museums.

Daß jedes der Länder ostwärts der markierten Linie ein solches Archiv aufbauen, eine solche antitotalitäre Befreiungserzählung verbreiten könnte, ist das Verbindende und zugleich das Trennende: Die Geschichte hat den Osten Europas mehr als skeptisch gemacht gegenüber europäischen Träumen, die an der nationalen Souveränität rühren. Wieso sollte er sich erneut, diesmal »europäisch«, überwölben lassen? Und wenn er es in Ansätzen tut: Sind das nicht Zusammenschlüsse gegen den großen, den bevormundenden Zusammenschluß?

Diejenigen, die ein großes Europa, eine den Westen miteinbeziehende Renaissance eines »jungeuropäischen Konzepts« fordern, müssen erklären können, warum sie es überhaupt wollen.

Europa als Großraum gegen andere Großräume? Ist das nicht das, was die EU versucht, und zwar mit genau jenen Mitteln der Konzern- und Staatswirtschaft, die in den konkurrierenden Großräumen (China, Rußland, USA) ebenfalls angewendet werden? Was, wenn das Effizienzdenken tatsächlich planmäßig und gesteuert Europa in den Griff nähme und nach den Maßstäben einer totalen Mobilmachung gegen den chinesischen Staatskapitalismus oder das amerikanische »fracking« in allen Lebensbereichen in Stellung brächte?

Und wenn Europa darüber hinaus auch noch ganz anders gestaltet werden soll, »solidarisch« und »antikapitalistisch« nämlich (Benedikt Kaiser hat dazu im Heft die Eckpunkte ausgeführt): Bedürfte es dazu nicht wiederum einer Mauer, und einer Führungskaste, die "weiter" ist als die noch nicht erzogenen Völker? Und wenn dies dann doch nicht: Wie sollte er sich durchsetzen – der antikapitalistische, solidarische, nicht-chauvinistische Geist?

Wohl nur durchs Vorleben, oder? Es gibt diesen Geist ja längst. Seine Träger leben in den städtischen und ländlichen Alltagsgemeinschaften Europas, in denen die vielbemühte selbstoptimierende Einpassung ins Getriebe nicht der Maßstab für ein gelingendes Leben ist, und sie leben in bildungsbürgerlichen Familien, in denen ein an der europäischen Hochkultur ausgerichteter, nicht vernutzender Geist gepflegt wird.

Solidarität, Verortung, Geist, Lektüre, Reisen, Abstinenz vom Globus – das europäische Ich muß nicht neu erfunden werden und wird als altes Ideal dringend gebraucht. Dieses "übernationale Europa", das ein geistiges Europa ist, beschwört Eberhard Straub in einem Text - auch er zu finden im Themenheft "Europa" der Sezession, das man - nun endlich kommt der Hinweis! - hier erwerben und hier abonnieren kann.


Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

Kommentare (7)

eike
11. November 2018 01:47

"Der europäische Osten besitzt Stoff genug für eine verbindende, große Erzählung – für das also, was ein Wir-Gefühl stiften und zwanzig Nationen überwölben könnte."

Da kann man anderer Ansicht sein.

Wir haben keinen Bedarf an - um nicht zu sagen 'die Nase voll von' - "großen Erzählungen" die ein mehr oder minder künstliches "Wir-gefühl stiften" und zig Nationen oder gar den ganzen Globus "überwölben".

An solchen, die den "antitotalitären Befreiungskampf gegen eine kurze nationalsozialistische Besatzung" feiern, schon gar nicht.

Erstens brauchen wir uns nicht mit Erzählungen zu rechtfertigen, wenn wir das bleiben wollen, was wir seit tausend Jahren waren.

Zweitens müßten Erzählungen nicht aus dem Osten importiert werden, Walt Disney würde uns belehren, daß fast alle seine Erzählungen aus dem Germanischen Raum stammten.

Drittens kann man mit Erzählungen keine Erzählungen widerlegen; auch die EU, die "universalen Menschenrechte", die "Versklavung der Dritten Welt",... sind solche, und, wie der Autor richtig, aber leicht inkonsequent anmerkt: die Erzählenden "müssen erklären können, warum sie es überhaupt wollen".

Gustav Grambauer
11. November 2018 08:26

"Seine Träger leben in den städtischen und ländlichen Alltagsgemeinschaften Europas, in denen die vielbemühte selbstoptimierende Einpassung ins Getriebe nicht der Maßstab für ein gelingendes Leben ist"

Zum Beispiel in Neuzelle nahe der Oder, wo das Parteienkartell schon lange entmachtet ist. Tut mir leid, es ist wieder ein Clip, aber der "Imagefilm" des Dorfes ist in jeder noch so kleinen Einzelheit eine so herrliche - bewußte - Ansage an alle Kulturervoluzzer des Restes der Welt, daß ich ihn der werten Leserschaft nicht vorenthalten will. Bin zufällig darauf gestoßen nachdem meine Mutter uns ihren Weihnachtswunsch mitgeteilt hat, "irgendwas über Bärbel Wachholz". Bitte selber finden unter "neuzelle das wünsch ich mir"

- G. G.

Gustav Grambauer
11. November 2018 09:25

Haben alle die epochale Zäsur mitbekommen, nachdem am Vortag endgültig klar geworden war, daß Trump mehr als ein kleiner reparabler Betriebsunfall ist?:

https://de.sputniknews.com/kommentare/20181107322881973-macron-eu-armee-gegen-usa/

Eine Erwiderung auf die Schwärmereien von einem neuen Pilsudski-Intermarium, heute vielleicht als "USA-Projekt Via Carpathia" zu benennen, ist der süffisante Halbsatz in dem Sputnik-Artikel über "Polen, das seit langem schon zu einer echten US-Provinz werden will." Erinnere dazu nur an die "berühmte" Presseerklärung von Stratfor-Friedmann im Jahr 2015. Wiederum meine Erwiderung wäre, daß solche Projekte den Auftraggebern auch entgleiten können (weniger in Polen und im baltischen Kindergarten, mehr im südlicheren Teil, in dm der Haß auf Rußland - bis jetzt - noch kaum entfacht werden konnte) und Rußland am Ende der lachende Dritte sein könnte.

- G. G.

Lotta Vorbeck
11. November 2018 19:13

@eike - 11. November 2018 - 01:47 AM

"Der europäische Osten besitzt Stoff genug für eine verbindende, große Erzählung – für das also, was ein Wir-Gefühl stiften und zwanzig Nationen überwölben könnte."

Da kann man anderer Ansicht sein.

..."

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Ja, kann man. - Muß man aber nicht.

Wer je im Hause eines über achtzigjährigen, seit seiner Kindheit im Memeldelta ansässigen Deutschen in illustrer Runde bei Degtine, Speck und sauren Gurken zusammensaß und dabei selbst erlebte, wie der Gastgeber umstandslos vom Deutschen ins Litauische, ins Russische und zurück ins Deutsche zu wechseln imstande ist, versteht sofort, welche Art von großer Erzählung ein tatsächliches, ost-mitteleuropäisches Wir-Gefühl stiften könnte und wie total man als BRD-Insasse von dieser gemeinsamen, europäischen Geschichte abgeschnitten ist.

eike
12. November 2018 05:24

@ Lotte Vorbeck 11. November 2018 19:13

Es geht hier um mehr als sentimentale Erzählungen. Es geht um die Frage - zumindest verstehe ich den Artikel so - auf welcher Basis, mit welchen Argumenten, kämpfen wir um unsere Identität, wie motivieren wir unseren Wunsch nach Eigenständigkeit.

Wir waren die Nation, die - sicher nicht allein, aber an führender Stelle - die wissenschaftlichen, technischen, philosophischen und kulturellen Standards der westlichen Welt setzte.

Wir brauchen keine Erzählungen zu importieren, um unseren Kampf gegen die Invasoren zu rechtfertigen, denen eine Clique von Kollaborateuren die Tore geöffnet hat. Sie werden wieder gehen müssen, so wie die französischen Eroberer nach 150 Jahren in Algerien.

RMH
12. November 2018 08:17

"könnte", Lotta Vorbeck, "könnte" …

Rein tatsächlich lassen sich mit den billigsten antideutschen Ressentiments zumindest in 2 unserer Nachbarländer, Polen und Tschechien, noch jede Wahl gewinnen (auch bei uns wählen ja noch 80% den Mainstream - warum sollte es dort groß anders sein?).

Besinnen wir uns doch eher auf unser eigenes, bevor wir uns gleich wieder irgendwo anschließen müssen oder dran hängen oder auch nur einreihen wollen. Die anderen würden es doch ohnehin wieder viel zu schnell als "aufdrängen" oder gar "an sich reißen" interpretieren …

Im Übrigen macht für mich der Artikel von G.K. nur Sinn als Einleitungsartikel zu Folgeartikeln. Und genau das war und ist er ja auch. Er eröffnet das Themenheft der Sezession zum Thema Europa.

Für sich allein gestellt, würde sich der Artikel leider nur wieder in die sich seit einiger Zeit bei den neuen rechten breit machenden Vorstellungen einer Loslösung von Teilen Mitteldeutschlands vom Rest Deutschlands einreihen (auch der Pegida Frontmann träumt davon ja mittlerweile ganz offen).

Für mich ist das kein Thema - Deutschland hat sich nie davon erholt, dass 1848 und danach ein Deutschland mit Österreich nicht realisiert werden konnte und es erst einmal nur das preußisch dominierte Kleindeutschland gab. Heute gibt es Leute, die ernsthaft wieder zurück wollen in eine Art von deutschem Flickenteppich, also noch hinter die kleindeutsche Lösung. Da passt der Artikel zum WK I von Herrn Wessels irgendwie nicht dazu.

H. M. Richter
12. November 2018 10:04

^ @Lotta Vorbeck

"Wer je im Hause eines über achtzigjährigen, seit seiner Kindheit im Memeldelta ansässigen Deutschen in illustrer Runde bei Degtine, Speck und sauren Gurken zusammensaß und dabei selbst erlebte [...]
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Und zwischendurch von den köstlichen alten Apfelsorten kosten durfte, danach wieder mit einem alten Kurenkahn hinüber nach Nidden setzte, Zander mit Dill und Schmand dort aß, zwischendurch reichlich vom wahrlich köstlichen Memelner Bier trank, die Nacht anschließend in frisch gestärktem Bettzeug im 'Haus Blode' ("Wo sonst?") verbrachte und sich immer wieder mit dort lebenden Leuten, alten wie jungen, austauschte, wird Ihnen nur zustimmen können !

P.S.:
Dank noch für Ihre kürzlich gegebenen, köstlichen "Feldgieker"-Einblicke !
Vielleicht gibt es ja irgendwann einmal ein Sezessionisten-Festmahl in Schnellroda, bei dem die Teilnehmer ihre Gaben aus den unterschiedlichsten Stammlanden und Provinzen zusammenführen. Gewissermaßen dann ein 'Treffen in Telgte' der etwas anderen Art ...

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