26. Oktober 2018

Der europäische Hindernisparcours

Benedikt Kaiser

Als Arthur Moeller van den Bruck nach dem Massensterben im Ersten Weltkrieg über die Zukunft Deutschlands und Europas nachdachte, mündete dies im Bonmot, daß wir Germanen waren, daß wir Deutsche sind – und daß wir Europäer sein werden.

Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.

Heute, etwa einhundert Jahre später, drängt sich die Frage auf: Sind wir Europäer geworden? Es gibt Anlaß zur Skepsis, was die Mitmenschen anbelangt, was andere politische Lager anbelangt, aber zuerst sollte man bei sich ansetzen, in der politischen Rechten.

Dominique Venner, einer ihrer zeitgenössischen Köpfe, hat Jahrzehnte nach Moeller van den Bruck an der nationalen Verengung seiner Zeit im allgemeinen und seines rechten Milieus im besonderen gelitten. Für ihn war es nicht vorstellbar, »nur« Franzose oder »nur« (keltischer) Normanne zu sein. Er folgte darin seinem Landsmann Pierre Drieu la Rochelle, dem Vordenker der europäischen Einheit in Vielfalt. Gleich Drieu war es für Venner eine Tatsache, daß man als Mensch in Europa eine dreifache Zugehörigkeit besitze, eine triple appartenance, die Region, Nation und Europa umfasse. Europäische Begegnungen, europäischer Austausch und europäische Gesinnung: Für Venner war diese Stufenabfolge eine Conditio sine qua non für eine wahrhaft Neue Rechte auf gesamteuropäischer Ebene.

Bevor an Konzepte, Programme oder gar konkrete Realisierungswege einer »europäischen Einheit« von rechts gedacht werden kann, gilt es, einen Rahmen für europäische Begegnungen aufzuspannen. Die wiederholten Fraktionsauflösungen im Europaparlament aufgrund geschichtlicher Ereignisse, die fehlende Kooperation rechtsstehender Gruppen auf inter-nationaler Ebene – insbesondere sie legen ja nahe, daß eine tatsächlich zukunftsfähige europäische Rechte nur wird gedeihen können, wenn Ideologien der gegenseitigen Ablehnung, die noch immer häufig mit den nationalen Leidenschaften einhergehen, überwunden oder zumindest gezügelt werden.

Tiefsitzende und reproduzierte nationale Chauvinismen und Mikronationalismen sind Hindernisse, die überwunden werden müssen. Mit Mikronationalismus ist ein Nationalismus gemeint, der sich auf keine klassische Nation bezieht, sondern eine Region oder einen Teil einer bisherigen Nation zur eigenständigen Nation aufgewertet sehen will. Alain de Benoist formulierte, daß der Mikronationalismus alle Nachteile eines regulären, größeren Nationalismus in beengender Weise in sich aufnimmt, während die Vorteile einer größeren nationalen Integrationsidee keine Berücksichtigung finden. Ein Mikronationalismus wird in diesem Sinne als imaginierte oder überbetonte Gemeinschaft (man denke an das erfundene »Padanien« der alten Lega Nord; ein Gegenbeispiel wäre der vielschichtige Fall Katalonien) der größeren, nationalen Gemeinschaft entgegengesetzt. Er war über Jahrzehnte hinweg der Traum vieler Rechter. Das lag an der Schwäche der großen Nationen, an Kriegen, aber auch an der Idealisierung von kleineren Völkern. Man sprach vom Europa der Regionen, in dem Nationen überflüssig würden; Henning Eichbergs Umfeld war federführend.

Ein neuerlicher Regionalismus der Rechten, wie er im libertären Bereich um Hans-Hermann Hoppe und im neurechten Bereich von einzelnen Publizisten goutiert wird, verhieße für das 21. Jahrhundert eine gesamteuropäische und realpolitische Krisis, denn ein zerklüftetes und in sich noch mehr gespaltenes Europa wäre wirtschaftlich, technologisch, außenpolitisch oder militärstrategisch leichte Beute: China erschließt mit der neuen Seidenstraße Infrastruktur und Wirtschaftsfelder bis tief nach Europa hinein, die Türkei ist einer der externen Player auf dem Balkan, Rußland mischt in Osteuropa mit, die USA bindet speziell die baltischen Staaten an sich, die Golfstaaten bemühen sich um muslimische Minderheiten. Damit geraten europäische Länder und Völker in zusätzliche Interessenskonflikte, was Europa weiter schwächt und die Akteure von Außen auf Kosten der innereuropäischen Kohäsion stärken könnte. An inneren Widersprüchen ist Europa reich, mit ihnen wird man ringen müssen. Externe Widersprüche gilt es aus dem ureigenen Interesse des Selbsterhalts vom Kontinent gemeinschaftlich fernzuhalten.

Derartige Überzeugungen sind rechts der Mitte nicht en vouge, und das liegt oft an einem Mißverständnis: Viele Rechte, in Deutschland und anderswo, fürchten bei einer europäischen Positionierung den Vorwurf der EU-Apologie. Doch das jetzige EU-Europa ist kein Europa der Regionen, Nationen und Völker, sondern das Europa des freien Warenverkehrs, der offenen Grenzen nach innen und partiell auch nach außen: Es ist das Europa des Marktes, auf dem alles, wie Eberhard Straub formulierte, »zur Ware und damit zum Wert und jede menschliche Beziehung zu einer Geldbeziehung« reduziert wird. In seinem Buch Zur Tyrannei der Werte fährt Straub fort, daß nicht »Dasein, sondern Konsum« als »Pflicht« erscheine: »Der Aufstieg vom Menschen zum Endverbraucher war das Programm fröhlicher Markttheologen. Sie erhoben den Markt zum Erlöser, Retter und Befreier«. Diese Markthörigkeit liegt in der DNA der Europäischen Union, wie wir sie kennen – einer Union, die deshalb abgelehnt werden sollte und nicht aus dem Grund, daß ihre Hauptdarsteller eine gemeinsame Außenpolitik oder eine kollektive Sicherheitsstruktur präferieren.

Daß sich am Integrationskonzept des Kapitals die heterogene Riege der multikulturell-linksliberalen Pressure groups beteiligt, verschärft die antieuropäische Note der Europäischen Union. Einzelne Eingriffe »Brüssels« in den Alltag sind auch angesichts dieses Befunds nicht das Kernproblem, das von der EU in ihrer Gesamtheit verkörpert wird, in der die europäischen Völker (wie auch innerhalb der Völker die einzelnen Landsleute) oft mehr als Konkurrenten und weniger als Partner verstanden werden, ungeachtet dessen, daß unentwegt von gemeinsamen »europäischen Werten« und ähnlichem fabuliert wird. Es verhält sich anders: Die EU schürt gerade durch ihre vermeintlich »paneuropäische« Art nationale Chauvinismen und bringt Menschen gegeneinander auf, nicht zuletzt qua Wohlstandsdisputen. Es ist dies ein Muster, das auch in den USA oder China auftritt – man hat innerstaatlich mit alimentierten Regionen zu tun, was Mißgunst weckt und nur abgefedert werden kann, wenn eine verbindende Idee zumindest das Bewußtsein dafür schafft, daß Unterschiede und Ausgleichsleistungen dem Gesamtinteresse unterstehen.

Doch der EU mangelt es nun an geistiger »Erdung« an ein Gesamtinteresse europäischer Völker und ihrer Identitäten angesichts des ökonomistisch ausgerichteten Nützlichkeitsdenkens. Dabei wäre für ein neues Europa, das Einigendes über Trennendes stellt, der Topos der Solidarität, eines Gefühls der Zusammengehörigkeit in Krisensituationen, unabdingbar. Diese soziale Solidarität erforderte die Erkenntnis dessen, daß der Hauptwiderspruch innerhalb der EU nicht zwischen den europäischen Völkern verläuft, sondern, überspitzt formuliert, zwischen den Bedürfnissen der Völker einerseits und dem Bedürfnis des transnationalen Kapitals und seiner unterschiedlichen Sachverwalter und Mittelsmänner andererseits.

Zu den Sachverwaltern und Mittelsmännern dieses – hier verkürzt »Kapital« – genannten Blocks zählen Behörden, Verwaltungsstrukturen, die »Bürokratie« also; dazu zählen tonangebende Journalisten des Mainstreams; dazu zählt wesentlich die führende politische Klasse, welche die Völker nicht schützt, keine großen Erzählungen für sie entwickelt und keinerlei Idee für den Raum Europa im 21. Jahrhundert besitzt – während die Mehrheit der europäischen Bevölkerungen, explizit der jüngeren Jahrgänge, im materialistischen Rausch allgegenwärtiger Konsummöglichkeiten gefangen sind und die westeuropäische »Postpolitik« (Chantal Mouffe) gerade deshalb so wenig widerständige Hürden bewältigen muß.

Diese postpolitisch-konsumistische Entwicklung ist besonders für nichtmaterialistische Akteure Ärgernis und Hindernis zugleich, wobei man nun im Kleinen versuchen kann, sich dem konsumistischen Modell zu entziehen und andere in diesem Sinne zu beeinflussen. Durch individuelle Entscheidungen wird Formuliertes authentischer, wobei auch dann noch die Crux bestehen bleibt, daß man durch individuelles Verhalten keine grundlegenden Strukturen in Politik, Wirtschaft, Gesellschaft ändern können wird: Als kleine Minderheit der gegenteiligen Lebensführung im Zeitalter der Warenästhetik und -verfügbarkeit bliebe man ohne attraktive Massenwirkung.

Materialismus und »Besitzindividualismus« (Mouffe) prägen also die europäische Lebenswirklichkeit, während immerhin deutlich wird, daß monetäres Wohlergehen oder auch die bloße Aussicht auf Konsummöglichkeiten nicht länger verschleiern können, daß dies für eine europäische Einheit spätestens dann nicht (mehr) ausreicht, wenn andere Faktoren – nichteuropäische Massenzuwanderung, externe Player – daran erinnern, daß es an einem effektiven und nachhaltigen Schutzschirm für die Völker nach innen wie außen mangelt. Es ist nur folgerichtig, daß Günter Maschke der EU jedwede Großraumrolle abgesprochen hat. Europa, so der intellektuelle Solitär, sei »ein System geworden, das Gehorsam fordert, ohne Schutz zu bieten«. Der in der EU gegenwärtig ausgefochtene Klassenkampf von oben wird innerhalb dieses von Maschke angesprochenen Systems von den herrschenden Eliten gegen die Bevölkerungsmehrheiten geführt.

Was man indessen – nach Klärung der Feindbestimmungen – braucht, ist eine positive Vision eines einigen Europas jenseits kategorisch materialistischer Denkweisen, und das heißt: die Vision eines dreitausendjährigen Kulturkreises, der von einem Reichtum an kulturellen, nationalen und religiösen Werten, an Regionen, Kulturen und Völkern geprägt ist, die sich wechselseitig befruchtet und beeinflußt haben. Gerd-Klaus Kaltenbrunner forderte bereits vor 40 Jahren für die konservative Hemisphäre ein, sie solle fürderhin aus dem »unverbrauchten Reichtum an Intelligenz, Energie und Schöpfertum, den wir ›Europa‹ nennen dürfen«, Kraft schöpfen.

Ebendiese unaufhebbare Verschränkung der europäischen Lebensrealitäten ist es, die – um jenseits der Metapolitik auch die realpolitische Praxis nicht zu vernachlässigen – Andreas Mölzer meinte, als er von der kulturellen, politischen und geographischen Nähe der Regionen und Nationen zueinander sprach; ebendiese typisch europäische Sonderlage schaffe »das Bewußtsein gemeinsamer Wurzeln« und gebe »Hoffnung für eine gemeinsame europäische Zukunft«. Freilich stellt sich daran anschließend die naheliegende Frage: Wie soll sie aussehen? Allein, Patentrezepte sind nicht die Sache an der Wirklichkeit orientierter politischer Akteure. Fest steht gleichwohl, daß die Überlegungen auf diesem zu beschreitenden Weg unter Drieu la Rochelles Maxime »Revolutionieren und Anknüpfen« stehen müßten. Gesucht wird die konservative Revolution europäischer Dimension.

Sie wird sich nicht nur gegen restaurative und zukunftshinderliche Bestrebungen der »alten« Rechten zu richten haben, sondern auch gegen massenmedial präsente linksliberale »Paneuropäer« wie Ulrike Guérot und ihr urbanes Fußvolk. Dieser Typus Europäer kennt nur den aufgeklärten, mündigen Weltbürger, der mithin zufällig auf dem Territorium der europäischen Staaten lebt. Wenn Rechte sie deshalb kritisieren, ist das folgerichtig. Das Problem dabei ist, daß dies meist mit dem Verweis auf Argumente aus dem 20. Jahrhundert geschieht, mit Bezugnahmen auf alte Problemstellungen, die nicht immer diejenigen von heute sind.

Dabei kann man auch von einem rechten (pan)europäischen Standpunkt Guérot kritisieren: Denn die fehlende Rückgebundenheit an Region, Nation, Europa ist die Ursache aller weiteren Fehlschlüsse; die Rechte hat – theoretisch – freie Bahn. In der Praxis sieht es anders aus. Denn die nationalen Leidenschaften, die, wie der neurechte Publizist Wolfgang Strauss einige Jahre vorher in mehreren Büchern prognostizierte, etwa in Ostmitteleuropa und Südosteuropa den real existierenden Bürokraten-Sozialismus in den Orkus der Geschichte zu verdrängen halfen, bedürften für eine europäische Einigung der Zügelung. Europa ist nicht nur ein Schutzschirm nach außen vor externen Akteuren und Interessensgruppen, sondern auch ein Schutzschirm nach innen vor dem Comeback innereuropäischer Revanchegelüste, gerade in der Mitte, im Südosten und im Osten des Kontinents.

Die erste »Venner-Ebene« – europäische Begegnungen – funktioniert denn auch nur, solange man apodiktische nationale Fragen ausklammert. Denn würde man ausdiskutieren, daß – beispielshalber – für relevante Teile der serbischen Rechten Kroaten »katholische Serben« sind, wäre jeder weiterführende Verständigungsschritt unmöglich (was ebenso im umgekehrten Falle gilt, als versucht wurde, eine kroatisch-orthodoxe Kirche zu konstituieren, um die vom Kroatentum »abgefallenen« Serben zu »reintegrieren«). Würde man, jetzt im größeren Maßstab gedacht, die These, daß das Christentum (pan)europäische Identität stiftet, dahingehend zuspitzen, welche Konfession nun der Heilsbringer sein solle, wäre ebenso jeder weiterführende Verständigungsschritt unmöglich.

Eine abschließende und für alle Seiten akzeptable Geschichtsschreibung zu formulieren, ist schlicht unmöglich. Auf europäischer Ebene wäre vielmehr zu konstatieren und für die politische Praxis zu bedenken, daß jedes Volk eine individuelle schicksalhafte Vergangenheit mit eigenen Markern, Eckpunkten, Identitäten und Traumata hat, daß man aber zugleich die heutigen Lösungen und Ansätze nicht im trennenden Gestern suchen darf, sondern erkennen muß, daß gegenseitiges Abwerten stets in einen Abwärtsstrudel führt. Der wirkungsmächtige nationale Mythos, der in mancher Hinsicht (wieder) entfesselt ist, konnte den Kommunismus überwinden helfen und die Völker mit Selbsterhaltungswillen und Durchsetzungskraft ausstatten, aber er hat 2018 keine Antworten auf die neuen Krisen von heute oder von morgen. Die nationale Enge führte eben auch zu kleinteiligen, nachholbedürftigen Ökonomien, die sich in Abhängigkeit vom Westen befinden und seit kurzem auch von nichteuropäischen Konkurrenten umgarnt werden; sie führte auch zur Massenarbeitslosigkeit und Abwanderung der Jugend; sie führte auch zu weiterer sozialer und nationaler Spaltung, und zwar in stetiger Lauerstellung auf neu-alte Konflikte als externalisierender Ausweg für oftmals interne Problemstellungen.

Es ist in diesem Sinne die ewige Wiederkehr des Gleichen, die uns Europäer trennt: Alte wie frische Narben sorgen für Auseinandersetzungen und erschweren den europäisch-entschlossenen Neuanfang. Historische Verbrechen, Zerwürfnisse, Ungerechtigkeiten – Europa ist reich an ihnen. Nicht immer ist es für aufgewühlte patriotische Empfindungen rational einleuchtend, daß die europäischen Völker nie davon profitiert haben können, wenn sie ihre vermeintlichen und tatsächlichen Widersprüche auskämpften. Sieger, das waren nie die Völker. Sie waren immer die Verlierer – mit dem Ergebnis, daß wir heute beispielsweise die EU vorfinden, wie wir sie kennen.

Ein genuin rechtes Hindernis im Parcours zur europäischen Einheit ist dabei also die explizite Traditionsorientierung der eigenen politischen Denkweise. Die Rechte sollte daher ernst nehmen, was Karl Marx in seinem Achtzehnten Brumaire des Louis Bonaparte schrieb, wonach die Menschen zwar ihre eigene Geschichte schreiben, aber »nicht aus freien Stücken unter selbstgewählten, sondern unter unmittelbar vorhandenen, gegebenen und überlieferten Umständen«. In Zeiten »revolutionärer Krise«, so fährt Marx fort, »beschwören sie ängstlich die Geister der Vergangenheit«.

So werden den heute Lebenden die Traditionen aller toten Geschlechter oktroyiert. Doch Traditionen sind nicht per se zu goutieren, nur weil sie eben Traditionen sind – man wäre dann nicht konservativ, sondern reaktionär im schlechten Sinne. Denn es gibt Zeitpunkte, in denen man als Konservativer nicht nur bewahrend denken muß, sondern aufbrechend, d. h. revolutionär. Speziell in bezug auf eine ungesunde Vergangenheitsfixierung und innereuropäische Spaltungsmechanismen verhält es sich so. Denn daß es die Idee Europa schon in status nascendi unmöglich macht, wenn vergangene Konflikte reproduziert werden, um heute – etwa in kurzsichtigen Wahlkämpfen verschiedenster rechter Parteien, die Stimmung gegen ein Nachbarland machen – auf Wählerstimmenjagd zu gehen, ist evident.

Das Gegenargument, wonach das Volk solche einfachen Bilder benötige, weil Europa nur eine abstrakte Leerstelle sei, kann man verschieden entkräften: auch demoskopisch: Denn der diffuse Wille im Volk zur europäischen Zukunft ist durchaus zu konstatieren. Alle aussagekräftigen Umfragen, ob von Bertelsmann oder von weniger weltanschaulich festgelegten Instituten, belegen, daß tatsächlich mindestens 50, teilweise 60 bis 70 Prozent der Deutschen »für Europa« plädieren, und zwar für Europa als Gemeinschaft. Gewiß muß die Frage gestellt werden: Was meint Europa als Gemeinschaft? Was bedeutet es, sie zu befürworten? Jenseits des Nebulösen kann man konkret fragen: Was kann die politische Rechte diesen Menschen anbieten? Welche große Erzählung haben wir als substantielle Alternative für Europa? Daß es noch keine grundlegende Erzählung von rechts gibt, ist der schwierigen geschichtlichen Lage geschuldet, den Beständen, wie sie nun einmal sind, den jeweiligen (Leidens-)Erfahrungen der Menschen. Das Fehlen der europäischen Erzählung liegt infolgedessen nicht nur am latenten oder manifesten Chauvinismus, aber doch erheblich.

Mit dem schweren Gepäck von Nachbarschaftskriegen und Stereotypen beladen, das es erschwert, den Blick auf äußere Gegner und zeitgenössische Herausforderungen zu lenken, erreicht man als Fundamentalalternative zum Establishment und seinen Ausläufern weder die akademische Erasmus-Plus-Jugend noch die quantitativ viel stärkere Jugend von Athen bis Lissabon, von Warschau bis Madrid, die die EU mit Jugendarbeitslosigkeit und der uneingeschränkten Macht der sogenannten Markterfordernisse verbindet. Es ist dies eine europäische Jugend im Krisenmodus, die vielerlei Interessen und Hoffnungen hat, aber die es nicht verdient, daß die Rechte europäischer Länder von der Entweder-Oder-Frage ausgeht, als ob es nur die Wahl gäbe zwischen einer europäischen Superbürokratie und dem Rollback zum alten Nationalstaat. Keine der beiden angeblichen Optionen ist besser, beide sind schlimmer.

Eine neue Form der Einheit müßte in Bälde gefunden werden, in der die Nationalstaaten eine ähnliche Rolle spielten wie die Länder der Bundesrepublik. Ein Bayer bleibt auch in Deutschland Bayer, ein Schotte hört nicht auf, Schotte zu sein, weil es Großbritannien gibt. Es stellt sich die Frage, wieso es sich bei einem einigen Europa anders verhalten sollte, das sich über Zusammenschlüsse subsidiär von unten nach oben aufbaut, von einer Region über die Nation bis hinauf zu Europa. Man gibt Identität und Herkunft nicht preis, nur weil der staatliche Rahmen aufgrund der Anforderungen größer, sicherer und stärker aufgespannt wird.

Denn heute bieten die klassischen, auf sich bezogenen Nationalstaaten, diese Geschöpfe des 19. Jahrhunderts, weder Schutz vor den Failed states an den Grenzen Europas, noch Sicherheit vor den Verwerfungen des Weltmarktes, noch kann ein einzelner Nationalstaat in Europa die Digitalisierung beherrschen oder weitreichende infrastrukturelle, politische oder wirtschaftliche Gegenmodelle zu China oder den USA aufbauen. Anders postuliert: Der Nationalstaat allein schützt die Völker Europas nicht mehr, weil zunehmend neue Kapitel aufgeschlagen werden, die seine Handlungsoptionen überschreiten.

Gesucht werden muß nun jene – dezidiert europäische – Form der Einheit, in welcher die unterschiedlichen Stärken jeder einzelnen Region und Nation gebündelt und die Schwächen abgefedert werden. Wenn man sich aus nationalistischer Enge oder Selbstüberhöhung heraus für stark genug hält, alleine zu bestehen, erliegt man einer »Wahnvorstellung«, wie Drieu la Rochelle bereits in den 1930er Jahren voraussah – und zwar realisierte er das in einer Epoche, in der die rasanten Entwicklungen rund um Digitalisierung, Industrie 4.0 und Hyperglobalisierung noch gar nicht denkbar, geschweige denn so wirkungsvoll und folgenreich wie heute erscheinen konnten.

Die Antwort auf das Scheitern der EU kann daher nicht die Rückkehr zum Nationalstaatsdenken sein, jedenfalls nicht in Westeuropa, wo neue Wege beschritten werden müssen, deren exakte Routen entlang des Leitmotivs »Unser Europa ist nicht ihre EU« zu entwickeln sein werden. Denn unser Europa ist ein Europa, das mehr ist als nur Vertragswerk, mehr als offene Grenzen, offene Märkte, offene Gesellschaften; ein Europa, das Regionen, Nationen und Völker nicht gegeneinander ausspielt, sondern an ein gemeinsames Bewußtsein appelliert, weil wir im selben Boot sitzen und ein solidarisches und soziales, selbstbewußtes und souveränes Europa brauchen. Auch wenn man nun dem Historiker Rolf Peter Sieferle folgt, der davon ausging, daß für die kommenden Generationen der Sozialstaat nur als vereinigtes Europa und das vereinigte Europa nur als Sozialstaat eine Zukunft hat, wird man doch der Kritik der Europaskeptiker beipflichten müssen, daß es derzeit nicht ausreichend bewußte Europäer gibt. Eine angemessene Zahl von ihnen ist aber Voraussetzung für alles weitere, und diese Europäer zu finden und zu formen, ist eine von vielen Aufgaben der sich als »Jungeuropäer« innerhalb der Rechten verstehenden Personenkreise.

»Daß es Deutsche gibt«, so schrieb Hendrik de Man vor 90 Jahren, »ist nicht die Folge des Bestehens eines Deutschen Reichs, sondern dessen Ursache. Ein unabhängiges Amerika, ein geeintes Italien, ein selbständiges Polen konnten erst bestehen, nachdem genug Amerikaner, Italiener und Polen da waren, die dies wollten. Ein neues Europa setzt daher neue Europäer voraus.« Neue Europäer, deren konkrete politische Utopie es sein muß, die EU sukzessive zu überwinden oder aber von innen heraus umzugestalten.

Die Idee »neuer Europäer«, deren Bewußtsein die nationale Leidenschaften mit einbezieht und als starken Motor der Geschichte begreift, ohne aber die gesamteuropäische Notwendigkeit zu negieren, ist idealistisch gedacht, und die Genese dieser »Elite« wäre äußerst langwierig und benötigte überdies – jenseits des Vernunfteuropäertums aus Sachzwängen – den Mythos des Gemeinsamen. Dieser Mythos könnte beispielsweise durch gemeinsame Kämpfe gegen ein »Außen« oder die Bewußtseinsentwicklung durch manifeste Krisenerlebnisse entstehen. Das derzeitige Fehlen eines solchen ist indes kein spezielles Argument gegen das vereinte Europa von rechts: Auch die Befürworter eines Rollbacks zum alten, mittlerweile erheblich durch die normative Kraft des Faktischen relativierten Nationalstaates des 19. / 20. Jahrhunderts können ja nicht erklären, wie sich diese Rückentwicklung gegen alle (sozialen, politischen, technologischen, wirtschaftlichen usw.) Realitäten vollziehen sollte, noch dazu ohne nationalbewußte Elite, die man in der Hinterhand wüßte als Gegenpol zur herrschenden Klasse.

Die Rückkehr zu einem Status, der vergangen ist, ist ebenso utopisch wie das Anstreben eines Fernzieles, das noch nicht realisierbar erscheint. Pikanterweise könnten rechte Paneuropäer dabei auf den Faktor Emmanuel Macron hoffen: Womöglich werden der französische Präsident und vergleichbare Politiker auf ihrem (falschen) Weg zur europäischen Integration Hürden abräumen, die ihren Gegenspielern von rechts wiederum ihre eigene Vision leichter realisierbar machen ließe. Der neue Status quo gälte, folgt man diesem Gedankenexperiment, als Ausgangspunkt für ein neues Europa, das gewisse Klippen, die jetzt von Macron und Co. sukzessive abgetragen werden, gar nicht mehr vorfinden wird.

Vielleicht stagniert Macrons Europaplan aber auch und wir müssen mit dem Ist-Zustand zurecht kommen, der seine Krisen und Defizite über die Jahre hinweg verschleppen kann. Doch auch in diesem Falle würde die EU keine Ewigkeitsklausel kennen; ihr Bestand in zehn oder zwanzig Jahren wäre auch dann noch in Zweifel zu ziehen. Entweder erfolgt ein eventuell folgender Rückbau der EU aufgrund einer Schritt-für-Schritt-Reduktion durch Austritte, Beispiel Brexit, oder durch eine bewußte Abschaffung durch ihre Kernmitglieder. Eine bewußte Abschaffung indes würde in diesem Kontext bedeuten, daß eine politische Welt, deren Stabilität gebetsmühlenartig gepredigt wird, aus den Angeln gehoben würde. Derjenige aber, der eine bestehende Welt aus den Angeln heben will, bedarf, so Ernst Jünger in seinem Essay An der Zeitmauer, eines festen Fixpunktes, eines Denkstiles.

Daß dieser Denkstil frei von Elementen einer überspannten nationalistischen Restauration sein wird, ist nur eine der drängenden Herausforderungen, die vor der Formulierung konkreter Ideen zum sozialen, politischen oder wirtschaftlichen Aufbau Europas zu bewältigen sind. Das ist, so gilt es zu betonen, gänzlich unabhängig davon, wie weit man die europäische Vergemeinschaftung treiben möchte. Ob man daher an ein umfassendes oder eingeschränktes Revival des Nationalstaats glaubt oder das vereinigte »Jungeuropa« als Gegenmodell zum »Europa der Vaterländer«, der »Republik Europa« oder auch des EU-Europas erträumt: Identitätsbewußte Rechte sollten erkennen, daß die symbolischen Ressourcen nicht mehr länger ausschließlich aus nationalen Traditionen und Geschichtsbezügen, negativen zumal, geschöpft werden müssen, sondern daß es Zeit ist, sich dem »europäischen Morgen« (Drieu la Rochelle) zuzuwenden. Der Hindernisparcours ist kräftezehrend, aber zu bewältigen.


Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.


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