Sezession
1. April 2017

Der bewegte Mann

Ellen Kositza

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Was sehen wir? Sieben Personen. Sechs davon agieren definitiv eine männliche Rolle aus. Bei der siebten, ganz rechts im Bild, blieb die geschlechtliche Zuweisung auch unter Hinzuziehung weiterer Bilder allen Betrachtern unklar. Das ist deshalb bemerkenswert, weil sie als einzige Person unverschleiert »Gesicht zeigt«. Drei Männer sind in dieser Aufnahme verdeckt, jedoch tragen auch sie Kapuzen und zum Teil Sonnenbrillen. Wir sehen ferner eine zeltähnliche Überdachung und ein Banner, das sich aufgrund typographischer Eigenheiten  als  Werbestoff der Partei »Die Linke« zuordnen läßt. Was ist da los? Warum der Gletscherlook?

Der 17. Februar 2017, der Aufnahmetag des Photos, ging weder aufgrund einer besonderen Intensität der Sonnenstrahlung noch einer extremen Kälte in die meteorologischen Annalen des Landkreises Saalekreis ein. Die Kluft diente der Tarnung. Denn: Das hier abgebildete Personal war Teil eines Aufmarsches, der sich gegen die Winterakademie des Instituts für Staatspolitik (IfS) richtete. Unter dem Kampfruf »IfS dichtmachen!« hatten im Vorfeld sowohl an Universitäten als auch in sachsen-anhaltischen Kleinstädten mehr als ein Dutzend »Mobilisierungsveranstaltungen« stattgefunden, auf denen dazu aufgerufen wurde, mißliebige Einstellungen mundtot zu machen.

Bemerkenswert: Sogar auf diesen oft stundenlangen »Mobi-Treffen« innerhalb  universitären, mithin staatlichen Geländes wurde so sorgsam wie lookistisch sortiert. Als »Interes- sent« ging nur durch, wer links genug aussah. Wer den linksradikalen Äußerlichkeitskriterien nicht vollends entsprach, wurde hinauskomplimentiert – so geschehen in Halle und Dresden. In Leipzig und Merseburg hingegen war die Tarnung wohl geschmeidig genug.

Knapp einhundert Menschen folgten letztlich dem breitgestreuten Ruf (es riefen unter anderem: Bündnis Aufstehen gegen Rassismus Mitteldeutschland; Bündnis Querfurt für Weltoffenheit; SDS.Die Linke MLU) ins erklärte Feindesland Schnellroda.  Sie  zogen  krakeelend, mittelfingerstreckend und bannerschwenkend (»Intelektuelle [sic!] Rechte halt’s Maul!«) durchs Dorf.

Nun also diese Gruppe hier. Widmen wir uns der dritten Person, von rechts gesehen. Hände vergraben in Bluejeans, das Kinn im schwarzen Megaschal verborgen, die Augen sonnenbrillenbedeckt, das empfindliche Haupt doppelt gehütet sowohl von Basecap als auch von einer Kapuze. Bleiben sichtbar: Wangenpartie, strichförmig gespreizte Lippen, Nasolabialbereich. Der kecke Spruch über Mother’s baby, father’s maybe findet hier definitiv keinen Anker: Das ist ganz offenkundig, allen Tarnversuchen zum Trotz, das junge Antlitz eines Ralf Stegner!


Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

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