Sezession
1. April 2017

Das Werk von Rolf Peter Sieferle: Zwischen Behemoth und Leviathan

Michael Wiesberg

Michael Wiesberg

Michael Wiesberg ist Lektor und freier Publizist.

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Seinen letzten Essay veröffentlichte der Umwelthistoriker Rolf Peter Sieferle im Winterheft 2015 /16 der Zeitschrift Tumult, wo er mit »Deutschland, Schlaraffenland – Auf dem Weg in die multitribale Gesellschaft« eine der wohl luzidesten Analysen zu dem »ganz Europa destabilisieren- den Wahnsinn der Grenzöffnung« vorlegte.

Diese Grenzöffnung sei vielleicht »nur der Vorbote umfassenderer Konvulsionen«, »in denen alles untergehen« werde, »was uns heute selbstverständlich ist«. Drei Tage vor seinem Freitod in Heidelberg im September 2016 schickte er an seine engsten Freunde noch einen Brief, in dem er zu der Schlußfolgerung kam, daß wir »es zur Zeit offenbar mit einer gezielten Selbstzerstörung der deutschen, europäischen, westlichen Kultur zu tun« haben. Danach ver- stummte der gebürtige Stuttgarter für immer, der als Denker sui generis zu Lebzeiten bei weitem nicht die Aufmerksamkeit erfuhr, die ihm aufgrund der Bedeutung seines Werks eigentlich hätte zukommen müssen.

Sieferle war zunächst lange Zeit in Mannheim als Privatdozent und Professor tätig, ehe er im Jahre 2000 eine Berufung auf den Lehrstuhl für Wirtschaftsgeschichte in St. Gallen erhielt. In ihrem Nachruf wies die Wiener Umwelthistorikerin Verena Winiwarter, die mit Sieferle immer wieder wissenschaftlich zusammenarbeitete, darauf hin, daß sich der
»brillante Vortragende« dem »internationalen Konferenztourismus« entzogen und die »gelegentliche Abgeschiedenheit als Privatgelehrter« geschätzt habe. Das habe »seiner Bekanntheit« geschadet. »Viele von uns«, so Winiwarter, trauerten um »einen unbestechlichen, aber stets wohlwollenden Kritiker«, aber auch um »einen humorvollen, treuen Freund«, der sich »fremden Denkwelten« gegenüber »wie kaum ein anderer« aufgeschlossen zeigte.

Es waren wohl diese Eigenschaften, die Sieferle zu einem Seismographen für die Offenlegung von »unterirdischen« Transformationsprozessen prädestinierten, die ihr besonderes Profil durch dessen Bemühen gewannen, seine Erkenntnisse mit Niklas Luhmanns Systemtheorie zu amalgamieren. Moralisierende Einlassungen, schon gar politisch korrekter Natur, finden sich in seinem Werk deshalb so gut wie nicht.
Von diesem Ansatz sind auch seine eben postum publizierten Miszellen geprägt, die im kaplaken-Band Finis Germania nachgelesen werden können. Überdies erschien in der Werkreihe von Tumult die letzte Studie Sieferles; sie trägt den Titel Das Migrationsproblem. Beide Publikationen können auch als Belege dafür gelesen werden, warum der Umwelthistoriker, dessen Arbeitsschwerpunkte Umweltgeschichte, Universalgeschichte, Sozial- sowie Kultur- und Ideengeschichte der Industrialisierung umfaßten, immer wieder als »Universalgelehrter« bezeichnet wurde. Sein umfassender Bildungshorizont ermöglichte ihm Analysen und Synthesen, die eine Gesamtschau auf Vorgänge eröffneten, wie sie so sonst kaum zu finden sind. Die Lektüre von Sieferles Texten bedeutet deshalb immer einen Erkenntnisfortschritt – auch wenn diese Erkenntnisse, zumal aus deutscher Sicht, schmerzlich sein können.

Läßt man das Gesamtwerk Sieferles Revue passieren, ist ein durchgehender roter Faden zu erkennen, der sich bis in seine letzten Schriften erstreckt. Auf einige ausgewählte Veröffentlichungen seines Werkes sei im folgenden eingegangen.


Michael Wiesberg

Michael Wiesberg ist Lektor und freier Publizist.

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