Sezession
1. April 2017

Das Recht des Fremdlings

Gastbeitrag

von Thomas Wawerka

pdf der Druckfassung aus Sezession 77/April 2017

Eine Kollegin hat am Kirchturm ihrer Gemeinde ein großes, weithin sichtbares Banner hängen: »Ich war ein Fremder unter euch. – Jesus«.

Nur dieser Satz – keine Folgerung, keine Forderung, und dennoch: Wie mächtig spürt man den ethischen Imperativ, der sich wie ein unsichtbares Kraftfeld um ihn herum ballt. Jesus, der Sohn einer Flüchtlingsfamilie, die vor dem Kindermord des Herodes in Ägypten Asyl suchte. Jesus, zeitlebens ein Fremder im Gefüge der antiken jüdischen Gesellschaft, wo»Füchse ihre Gruben und Vögel ihre Nester haben, aber der Menschensohn nichts, wo er sein Hauptbette« (Luk 9,58). Jesus, der als Sohn Gottes »in sein Eigentum kam, aber die Seinen nahmen ihn nicht auf« (Joh 1,11). Jesus: ein Fremdling – auch Zeitgenossen, die sich dem christlichen Glauben sonst gar nicht verpflichtet fühlen, dafür aber der von Angela Merkel ausgerufenen »Willkommenskultur«, weisen dieser Tage gern darauf hin.

Ganz in Übereinstimmung mit der theologischen Tradition seines Volkes fordert Jesus zudem im Gleichnis von der Scheidung im letzten Gericht ein, das »Recht des Fremdlings« zu beachten (Mt 25,35). Aber worin besteht es denn eigentlich, dieses Recht? Was sind die ethischen Forderungen der Bibel im Umgang mit Ausländern?

In den Schriften des Alten Testaments findet man unter der deutschen Übersetzung des »Fremdlings« zwei hebräische Begriffe: den Ger und den Nach’ri (oder auch Bennechar). Der Ger bezeichnete in der archaischen Stammeszeit den Gast, der unter dem besonderen Schutz seines Gastgebers steht. Ein bewegendes Beispiel für den hohen Stellenwert, den der Schutz des Fremdlings im Sittengesetz einnahm, findet sich in 1.Mose 19: Engel kommen in der Gestalt von Menschen in die Stadt Sodom und kehren unter Lots Dach ein. Die Bewohner der Stadt rotten sich vor seinem Haus zusammen und fordern, daß Lot die Fremdlinge heraus- gebe, damit sie sie vergewaltigen können. Lot weigert sich, denn sie stehen unter seinem Schutz, und bietet der aufgebrachten Menge stattdessen seine Frau und seine Töchter an.

In späterer Zeit, in der Israel ein Königreich war und nicht mehr  das Sittengesetz, sondern das kanonisierte Recht offizielle Geltung beanspruchte, bezeichnet der Ger einen Ausländer, der zum Judentum übergetreten ist, also einen Proselyten. Jude konnte ja eigentlich nur sein, wer von einer jüdischen Mutter geboren wurde. Das Gesetz regelt aber auch die Ausnahme. Wenn ein Ausländer den Glauben an den einen Gott bekannte und sich seinem Gesetz unterstellte, so galt das Gesetz für ihn wie für einen Juden: »Es soll ein und dasselbe Recht unter euch herrschen, für den Ger genauso wie für den Einheimischen – denn ich bin der Herr, euer Gott.« (3. Mose 24,23)

Die Hinwendung zum Judentum ist als eine so weit wie nur möglich denkbare Anverwandlung vorzustellen. Der Nach’ri wird erst durch den Vorgang der Assimilation zum Ger und erlangt damit einen sozialen Status, der es ihm erlaubt, am Gottesdienst im Tempel oder der Synagoge teilzunehmen und damit ein Teil der jüdischen Gesellschaft zu werden (Jes 56,6.7).


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