Sezession
1. April 2017

Blinde Flecken – Über die Notwendigkeit geistiger Selbstbeschränkung

Gastbeitrag

von Frank Lisson

pdf der Druckfassung aus Sezession 77/April 2017

Was passiert mit uns, wenn wir zu denken beginnen, das Ergebnis aber nicht unserer Meinung entspricht? Haben wir dann falsch gedacht? Denn die eigene Meinung kann für den Meinenden nicht falsch sein, sonst würde er ihr nicht anhängen. Um der Verlegenheit einer solchen Aporie zu entgehen, ist es ratsam, das Denken der Meinung unterzuordnen oder es in deren Dienstpflicht zu nehmen, also nur dann und nur so lange vom Denken Gebrauch zu machen, wie es in keinem Widerspruch zum selbst- wertbildenden Dogma steht.

Die Geistesgeschichte legt reichlich Zeugnis davon ab, daß das Problem der Inkompatibilität von Vernunft (Logos) und Meinung (Dogma) gewissermaßen »von Anfang an« bestand. Bereits Heraklit äußerte sich immer wieder mißmutig darüber: »Logisch kann der Mensch nicht denken, denn allein die Umwelt lenkt das Denken.« Oder: »Was sie sehen, erkennen sie nicht.« Doch sind es gerade diese Wahrnehmungslücken, die das Subjekt für die eigene Sache überhaupt erst handlungsfähig machen.

Ohne Voreingenommenheit für die eigene Sache könnte sich niemand um seiner Selbstbehauptung willen positionieren; der Streit (Polemos) bliebe aus. Denn die Notwendigkeit zur Handlung ergibt sich gemeinhin aus der Bedrohung subjektiver Wertvorstellungen durch das Vorhandensein anderer Auffassungen, die es eben deshalb zu bekämpfen gilt.

Aus der philosophischen Frage, was das Beste für den einzelnen innerhalb staatlicher Gemeinschaft, der Polis, sei, entstand das Politische. Damit aber war die Philosophie, sobald sie gesellschaftsrelevant wurde, sich bereits selber in den Rücken gefallen. Denn von nun an wurde die Frage nach dem Wahren, Guten und Schönen nicht mehr vorrangig ontologisch, also objektiv, sondern soziologisch, also subjektiv gestellt. Als wahr, gut und schön galt jetzt, was mir in meiner jeweiligen Situation nützt. Denn alles Politische bezeichnet den Utilitarismus derjenigen, die als Einzelne über ein Ganzes bestimmen und davon profitieren wollen. So entzog man die Frage, was das Wahre, Gute und Schöne sei, dem Denken und führte sie dem Meinen zu.


 Gastbeitrag

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