Sezession
1. April 2017

Geschlecht, Kultur, Natur: Eine Handreichung

Gastbeitrag

von Sophie Liebnitz

pdf der Druckfassung aus Sezession 77/April 2017

Der Umgang mit Frauen oder weiblichen Nutzernamen in rechten Foren ist meiner Erfahrung nach zum weit überwiegenden Teil sachlich, häufig freundlich und anerkennend. Wenn er gelegentlich Anlaß zu Kommentaren gibt, dann viel eher im Sinne einer positiven Auszeichnung als umgekehrt. Hier wie anderswo sind konventionelle Vorstellungen über »die Rechte« und »die Rechten« erfahrbar als das, was sie eben sind: als Klischees.

Dennoch stößt man nicht ganz selten auf eine aggressive Tendenz gegenüber Frauen, die unversehens erschreckende Wucht entfalten kann. Sein Haupt erhebt dann ein verfestigter, brennender Ärger, der sich nicht genugtun kann, eine Abneigung, die aus den schwarzen Tiefen der Kulturgeschichte auftaucht und ohne Vorwarnung vom Diskursiven ins Obszöne übergeht.

Freilich gibt es auch Anlaß zu berechtigter Kritik. Besonders seit der sogenannten Flüchtlingskrise finden sich wiederholt Netzeinträge, die nicht ganz zu Unrecht das willfährige Verhalten von Staat und Gesellschaft gegenüber den Hereindrängenden »den« Frauen anlasten. Der Anschein gibt den Kommentatoren recht, sind die freiwilligen Helfer doch meist freiwillige Helferinnen und ist der Mentalitätswandel, der diesen Defätismus hervorgebracht hat, erst durch die Vorarbeit der Grünen, einer ideologisch und personell weiblich dominierten Partei, möglich geworden.

Trotzdem: Jene Diskurse, welche diese invertierte Form der Hilfsbereitschaft rechtfertigen sollen, sind nicht von Frauen entwickelt worden. Die historisch tieferen Wurzeln sind in einer heute fast vollständig durch- gesetzten einseitigen Lektüre des Christentums zu suchen. Diese begreift dessen Gehalt unter Übergehung der Maiestas und des Tremendum, also der erhabenen, ja furchteinflößenden Momente der Gottheit, verkürzend als »Liebe«, und zwar als nichts als Liebe. Damit schließt diese Lesart problemlos an einen vagen Humanismus an, von dem sie letztlich nicht mehr unterscheidbar ist. Vorreiter dieser Tendenz war die als Neologie bekannte protestantische Theologie der Aufklärung, die ohne Rücksicht auf spirituelle Verluste Dogmen untergrub und göttliche Gebote als bloß moralische reformulierte.

Der nietzscheanisch inspirierte Vorwurf, das Christentum sei eine »weibische« Religion, ist mindestens mißverständlich. Denn »männlich« oder »weiblich« bleibt im Hinblick auf eine Religion zwangsläufig eine symbolische Qualifikation. Wo der Religionsgründer und alle, die sich in seiner Nachfolge institutionell behaupten konnten, Männer waren, tritt dieser Symbolcharakter geschlechtlicher Zuschreibungen mit besonderer Deutlichkeit hervor. Phänomene wie der teilweise erhebliche Einfluß der Frauenmystik oder der Frauen im Pietismus tun dieser Feststellung keinen Abbruch − sie bewahren immer ein antiinstitutionelles Moment. Weitere Quellen liegen bei jenen Denkern der Aufklärung, die die Geltung universeller Werte über alles andere gestellt sehen wollten und sich dabei auf ein abstraktes Konzept vom »Menschen« und seinen ihm von »Natur« aus zukommenden »Rechten« beriefen.

Diese agierten im Rahmen einer Salonkultur, die zwar von geistreichen Damen ausgerichtet, deren Diskurskultur aber von männlichen intellektuellen Matadoren beherrscht wurde, die die Stars der Soireen waren und blieben. Ob sie dabei über die Umgangsformen hinaus einem besonderen weiblichen Einfluß unterlagen, ist äußerst fraglich. Rousseau etwa steht, sieht man vom politischen Theoretiker ab, für ein in seiner Empfindsamkeit weiblich konnotiertes Denken. Dies hinderte ihn keineswegs daran, das Salonleben als effeminiert zu kritisieren und ein pädagogisches Modell zu verfechten, welches Frauen praktisch keine körperliche und intellektuelle Bewegungsfreiheit zugestand.


 Gastbeitrag

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