Meme: kognitive Biowaffen im Informationskrieg?

Nils Wegner

Nils Wegner ist studierter Historiker, lektorierte 2015–2017 bei Antaios, IfS und Sezession und arbeitet als Übersetzer.

Die soge­nann­te Kunst­in­stal­la­ti­on »He Will Not Divi­de Us« des Schau­spie­lers Shia LaBe­ouf rich­tet sich gegen US-Prä­si­dent Trump. Die Anla­ge besteht aus einer Inter­net­ka­me­ra, vor der Trump-Geg­ner ihre Wut und ihre Angst vor­tra­gen sol­len. Da tau­chen eine Hand­voll jun­ge Leu­te auf, wat­scheln im Krebs­gang mit fuch­teln­den Armen her­um und krei­schen dabei infer­na­lisch. Das ist ein Mem: »Autis­tic screeching«.

Face­book führt ein neu­es Paket an Emo­ti­cons ein, die eine glup­sch­äu­gi­ge vio­let­te Tau­be in ver­schie­de­nen drol­li­gen Posen zei­gen – inner­halb von zwei Wochen über­schwemmt eine Wel­le von Dar­stel­lun­gen die­ser Tau­ben mit Haken­kreu­zen die sozia­len Netz­wer­ke. Die Vögel­chen sit­zen auf der Schul­ter Adolf Hit­lers oder sind zum Reichs­ad­ler umsti­li­siert. Dar­auf­hin tre­ten lin­ke Grup­pen auf den Plan und »ent­tar­nen« die Tau­be (»Trash Dove«) als Sym­bol einer neo­na­zis­ti­schen Inter­net­ver­schwö­rung – schon ist sie ein Mem. Das Pho­to einer voll­ver­schlei­er­ten Frau und eines Trans­ves­ti­ten im Kleid­chen, die in der New Yor­ker U‑Bahn neben­ein­an­der sit­zen, geht unter der Über­schrift »Das ist die Zukunft, die Libe­ra­le wol­len« bin­nen weni­ger Stun­den um die gan­ze Welt, pro­vo­ziert erreg­te Reak­tio­nen von ganz rechts bis ganz links und läßt den Slo­gan iko­nisch wer­den, der seit­her tau­sen­de Bil­der ganz ande­rer Sinn­zu­sam­men­hän­ge ziert: »Mem-Magie« reins­ten Wassers.

Wer das alles für kru­de Netzwitz­chen hält, die bin­nen weni­ger Tage wie­der ver­ges­sen sein wer­den, der kratzt nur an der Ober­flä­che eines nicht mehr zu igno­rie­ren­den Phä­no­mens unse­res digi­ta­len Infor­ma­ti­ons­zeit­al­ters. Die Myria­den von oft­mals höchst kryp­ti­schen Sinn­bil­dern, ‑fil­men und sons­ti­gen Kom­mu­ni­ka­ti­ons­mit­teln, für die sich die Sam­mel­be­zeich­nung »Mem« eta­bliert hat, sind trotz ihrer schein­ba­ren Albern­heit  in Wahr­heit der Schlüs­sel zum Ver­ständ­nis der nie­der­schwel­li­gen Onlinekommunikation.

Und sie sind, wie spä­tes­tens der »gro­ße Mem­krieg von 2016« im Zuge des US-Prä­si­dent­schafts­wahl­kampfs gezeigt hat, ohne Pro­ble­me poli­tisch instru­men­ta­li­sier­bar. Damit soll nicht gesagt sein, daß die Mil­lio­nen Besu­cher von Foren wie 4chan, Tumb­lr oder Red­dit, die auf selbst­er­stell­ten Inhal­ten der Nut­zer basie­ren und so gewis­ser­ma­ßen Kreiß­sä­le für Meme dar­stel­len, über einen fest­ge­füg­ten theo­re­ti­schen Hin­ter­grund ver­füg­ten. Die Mem­theo­rie dient viel­mehr der Beschrei­bung des Phä­no­mens einer wild­wüch­si­gen Kom­mu­ni­ka­ti­ons­gue­ril­la im Netz des 21. Jahrhunderts.

Die Begriffs­prä­gung selbst ist schon fast ein hal­bes Jahr­hun­dert alt und geht zurück auf den bri­ti­schen Bio­lo­gen Richard Daw­kins. Daw­kins ist stren­ger Athe­ist und ver­ficht in sei­nen popu­lär­wis­sen­schaft­li­chen Büchern zur Evo­lu­ti­ons­bio­lo­gie einen neo­dar­wi­nis­ti­schen Ansatz; die­se Aus­rich­tung hat ihm den Spitz­na­men »Darwin’s Rott­wei­ler« (Ste­phen Hall im Dis­co­ver-Maga­zin) ein­ge­bracht. Mit sei­nem Buch The Sel­fi­sh Gene (dt. Das ego­is­ti­sche Gen) von 1976 erlang­te er welt­wei­te Auf­merk­sam­keit, weil dar­in die neu­ar­ti­ge sozio­bio­lo­gi­sche The­se vor­ge­bracht wur­de, daß es sich bei den Genen um die tat­säch­li­chen Objek­te der evo­lu­tio­nä­ren Selek­ti­on handele.

Zum Ver­ständ­nis: Seit Dar­win wur­de die­ser Sta­tus gemein­hin den Arten (»Art­erhal­tung« usf.) zuge­schrie­ben. Im Lau­fe des 20. Jahr­hun­derts fokus­sier­te die Wis­sen­schaft mehr und mehr die Indi­vi­du­en und ihren jewei­li­gen Über­le­bens­kampf, wes­halb Daw­kins’ The­se wenig mehr als ein radi­ka­les Wei­ter­den­ken dar­stell­te: Da sich Indi­vi­du­en durch sexu­el­le Fort­pflan­zung nicht voll­stän­dig repli­zie­ren, son­dern nur einen rela­tiv klei­nen Teil ihres Chro­mo­so­men­sat­zes wei­ter­ge­ben kön­nen, liegt die Ver­mu­tung nicht fern, daß in Wahr­heit die Gene selbst mit­ein­an­der im Wett­be­werb der Fit­ness ste­hen.

Die Orga­nis­men selbst sind nach die­ser Inter­pre­ta­ti­on nicht viel mehr als »Über­le­bens­ma­schi­nen« und »Vehi­kel«, die die Gene auf dem Weg aus der Ursup­pe her­aus um sich selbst auf­zu­bau­en began­nen, um ihre Ver­meh­rungs­chan­cen zu erhö­hen. Das aber läßt im Umkehr­schluß die Fra­ge zu, wie­viel Wil­lens­frei­heit dem ein­zel­nen Indi­vi­du­um noch ver­blei­be, wenn sei­ne Gene unab­läs­sig auf ihre eige­ne Repro­duk­ti­on »hin­ar­bei­ten« (was natür­lich nur ein anschau­li­ches Bild ist, da Gene weder Absich­ten noch Gefüh­le haben – Daw­kins selbst nennt sie »blin­de Repli­ka­to­ren ohne Bewußtsein«).

Zur Unter­maue­rung sei­ner sozio­bio­lo­gi­schen The­se bemüh­te sich Daw­kins im glei­chen Werk, auch das Zusam­men­wir­ken der Men­schen in einen evo­lu­tio­nä­ren Zusam­men­hang zu stel­len: Ana­log zu den Genen als kleins­ten Trä­gern der Erb­infor­ma­ti­on sei­en kleins­te Bewußt­s­eins­in­hal­te vor­stell­bar, etwa ein­zel­ne Gedan­ken oder Emo­tio­nen, die eben­so im Repli­ka­ti­ons­wett­be­werb stün­den und dem­nach mit den übli­chen Theo­rien im Sin­ne einer sozio­kul­tu­rel­len Evo­lu­ti­on beschrie­ben wer­den könnten.

Als Namen für die hypo­the­ti­sche neue Ein­heit schlug Daw­kins in Anleh­nung an das grie­chi­sche Mime­ma für »Nach­ge­mach­tes« Meme / Memes als Ana­lo­gon zum bio­lo­gi­schen Gene /Genes vor; die Ein­hal­tung die­ser klang­li­chen Ent­spre­chung gebie­tet hier­zu­lan­de die Benut­zung des höl­zer­nen deut­schen »Mem«/»Meme« gegen­über »Gen«/»Gene«. Bemer­kens­wert ist, daß in Deutsch­land bereits zu Beginn des 20. Jahr­hun­derts ein sehr ähn­li­cher Begriff für kul­tu­rel­le Evo­lu­ti­on im Sin­ne der damals aktu­el­len Theo­rie eines orga­ni­schen Gedächt­nis­ses geprägt wor­den war: 1904 griff der Evo­lu­ti­ons­bio­lo­ge Richard Semon einen Vor­trag des Phy­sio­lo­gen Ewald Hering auf (»Über das Gedächt­nis als all­ge­mei­ne Funk­ti­on der orga­ni­sier­ten Mate­rie«, 1870) und ent­wi­ckel­te des­sen Gedan­ken in sei­nem eige­nen Werk Die Mne­me als erhal­ten­des Prin­zip im Wech­sel des orga­ni­schen Gesche­hens (vom grie­chi­schen Mne­me für »Erin­ne­rung«) weiter.

In die­se Kate­go­rie fie­len dem­nach kul­tu­rel­le Arte­fak­te wie Klei­der­mo­den, bekann­te Melo­dien oder Schlag­wor­te eben­so wie abs­trak­te Über­zeu­gun­gen, etwa poli­ti­sche Ideo­lo­gien und der Got­tes­glau­be. Die Meme ent­ste­hen als ein­zel­ne Bewußt­s­eins­in­hal­te, sobald »das mensch­li­che Ner­ven­sys­tem auf eine Erfah­rung reagiert« (Mihá­ly Csíks­zent­mi­há­lyi), und unun­ter­bro­chen kämp­fen unzäh­li­ge von ihnen inner­halb des »Mem­pools« um Aus­brei­tung, also um die Auf­merk­sam­keit ande­rer Men­schen, ihrer poten­ti­el­len Wir­te und Vek­to­ren – so nennt man in der Bio­lo­gie und Gen­tech­nik Trans­port­ve­hi­kel, oft die Über­trä­ger von Krankheiten.

Den Vor­teil haben dabei sol­che Meme, die dem sozio­kul­tu­rel­len Umfeld angepaßt sind. So wie ein­zel­ne Gene zuein­an­der  in Wech­sel­wir­kung tre­ten kön­nen, gibt es soge­nann­te »koad­ap­ti­ve Mem­kom­ple­xe« (spä­ter zu »Mem­ple­xe« ver­kürzt), die gemein­sam repro­du­ziert wer­den und sich intern ver­stär­ken. »Demo­kra­tie« läßt sich bei­spiels­wei­se als ein sol­cher Mem­plex beschrei­ben, bestehend aus Sub­m­em­ple­xen wie »freie Wah­len« oder »Mei­nungs­frei­heit«, die sich wie­der­um in ein­zel­ne Meme zer­le­gen las­sen. Die Schwie­rig­keit einer genau­en Defi­ni­ti­on des hoch­kom­ple­xen und gleich­zei­tig asso­zia­ti­ven Unter­su­chungs­ge­gen­stands zeigt sich bereits dar­in, daß der Begriff Mem in die­sem Sin­ne sowie als erfolg­rei­che Imi­ta­ti­on der deut­schen ter­mi­no­lo­gi­schen »Vor­ar­beit« – die Daw­kins nicht bekannt war – selbst ein Mem dar­stellt, das sich gegen ande­re Model­le kul­tu­rel­len Wan­dels zu behaup­ten hat.

Es über­rascht daher nicht, daß inner­halb des eta­blier­ten wis­sen­schaft­li­chen Dis­kur­ses als sozio­kul­tu­rel­lem Umfeld anfangs nie­mand so recht etwas mit dem neu­en Kom­mu­ni­ka­ti­ons­kon­zept anzu­fan­gen wuß­te. Der Fort­be­stand des Mem­be­griffs war der zugrun­de­lie­gen­den bio­lo­gis­ti­schen Defi­ni­ti­on nach, die sich im ein­fa­chen Satz »If it does­n’t spread, it’s dead« (dt. Wenn es sich nicht aus­brei­tet, ist es tot) zusam­men­fas­sen läßt, mehr als frag­lich. Erst nach einem knap­pen Jahr­zehnt kam Leben in die Theo­rie, maß­geb­lich ange­sto­ßen durch wis­sen­schaft­li­che Kolum­nen des US-Kogni­ti­ons­wis­sen­schaft­lers Dou­glas R. Hof­stadter, die 1985 gesam­melt unter dem Titel Meta­ma­gi­cal The­mas. Ques­ting for the Essence of Mind and Pat­tern erschie­nen.

»Meme­tik« und »Meme­ti­ker« eta­blier­ten sich ana­log zu Gene­tik und Gene­ti­ker, und der fach­be­reichs­über­grei­fen­de Anspruch des Denk­ge­bäu­des zog all­mäh­lich Wis­sen­schaft­ler ver­schie­dens­ter Hin­ter­grün­de an. Den end­gül­ti­gen Durch­bruch im Sin­ne einer schlag­ar­tig erhöh­ten Auf­merk­sam­keit (und somit meme­ti­schen Ver­brei­tung) schaff­te die Mem­theo­rie jedoch erst durch Publi­ka­tio­nen außer­halb des aka­de­mi­schen Betriebs, die den Cha­rak­ter des Repli­ka­tors als unheim­li­che  Steue­rungs­in­stanz des mensch­li­chen Bewußt­seins über­be­ton­ten: Virus of the Mind (»Virus des Geis­tes«) von Richard Bro­die, dem Ent­wick­ler von Micro­soft Word, und Thought Con­ta­gi­on (»Gedank­li­che Anste­ckung«) des Mathe­ma­ti­kers Aaron Lynch erschie­nen bei­de 1996 und beschäf­tig­ten sich ins­be­son­de­re mit irra­tio­na­len Kul­tur­be­stand­tei­len wie Ideo­lo­gien und Reli­gio­nen, also gan­zen Mem­ple­xen, die sich durch kom­mu­ni­ka­ti­ve Anste­ckung inner­halb einer Gesell­schaft aus­zu­brei­ten schie­nen. Die­se Vor­stel­lung von Spra­che als Virus fand sich in der Bel­le­tris­tik schon bedeu­tend frü­her, so in den frü­hen 1960er Jah­ren beim bekann­ten Beat-Autoren Wil­liam S. Bur­roughs; der Ein­zug der Meme in die Pop­kul­tur, die doch nach eige­nem Anspruch erst aus ihnen selbst her­vor­ge­hen soll­te, ver­schaff­te den mit ihnen befaß­ten Meme­ti­kern unge­ahn­ten Aufwind.

Pas­send zur all­ge­mei­nen Ver­brei­tung des Inter­nets erschien von 1997 bis 2005 die Online­pu­bli­ka­ti­on Jour­nal of Meme­tics mit dem Unter­ti­tel »Evo­lu­tio­nä­re Model­le der Infor­ma­ti­ons­über­tra­gung«, die zur zen­tra­len Debat­ten­platt­form der inter­na­tio­na­len Mem­for­scher wur­de. 1999 ver­öf­fent­lich­te die bri­ti­sche Psy­cho­lo­gin Sus­an Black­mo­re ihr von Richard Daw­kins sehr gelob­tes Buch The Meme Machi­ne (dt. Die Macht der Meme), das die ursprüng­li­che Theo­rie ver­tief­te und mit ver­schie­dens­ten Phä­no­me­nen des kul­tu­rel­len Main­streams wie auch der Sprach­ent­wick­lung und mensch­li­chen Selbst­wahr­neh­mung in Ein­klang zu brin­gen ver­such­te; bei ihrem Werk dürf­te es sich um die ein­fluß­reichs­te, aber auch umstrit­tens­te Arbeit zum The­ma handeln.

Vom aka­de­mi­schen Dis­kurs zurück in die Tie­fen des Inter­nets: Was bleibt von den gelehr­ten Spe­ku­la­tio­nen über kom­mu­ni­ka­tiv ver­brei­te­te Infor­ma­ti­ons­re­pli­ka­to­ren ange­sichts unge­zähl­ter Hit­ler-Film­schnip­sel mit absur­den Unter­ti­teln, zum ras­sis­ti­schen Haß­sym­bol erklär­ten Comic­frö­schen (»Pepe the Frog«) und Albern­hei­ten wie dem »Har­lem Shake« oder der »Ice Bucket Chal­len­ge«? Wer mit den berüch­tig­ten Wor­ten des US-Repu­bli­ka­ners Rick Wil­son, der damit selbst zu einem Mem wur­de, davon aus­geht, es hand­le sich bei den Urhe­bern sol­cher Inhal­te um »meist kin­der­lo­se, allein­ste­hen­de Män­ner, die zu japa­ni­schen Zei­chen­trick­fil­men mas­tur­bie­ren«, der irrt sich gründlich.

Die ursprüng­lich rela­tiv harm­lo­sen Inter­net­me­me, ange­fan­gen mit den simp­le Emo­tio­nen aus­drü­cken­den »Rage faces« bis hin zur Geo­po­li­tik- und Geschichts­sa­ti­re der »Coun­try­balls«, haben im US-Prä­si­dent­schafts­wahl­kampf des ver­gan­ge­nen Jahrs ihre »Unschuld« als rei­ne Spaß­ver­an­stal­tung ver­lo­ren. Eben­so wer­den sie längst nicht mehr von ste­reo­ty­pen Nerds und Kel­ler­kin­dern gefer­tigt, die sich nie von ihren Com­pu­tern und Smart­pho­nes zu lösen schei­nen – die Poli­tik hat einer auf Iro­nie und Anspie­lun­gen grün­den­den Sze­ne einen Hauch von Ernst ver­lie­hen. Wenn heut­zu­ta­ge Richard Spen­cer vom Natio­nal Poli­cy Insti­tu­te oder ande­re zen­tra­le Ver­tre­ter der Alt­Right augen­zwin­kernd davon spre­chen, sie hät­ten Prä­si­dent Trump »in die Wirk­lich­keit gememt«, dann läßt sich das vor dem oben aus­ge­brei­te­ten theo­re­ti­schen Hin­ter­grund durch­aus nachvollziehen.

Die zahl­lo­sen Bil­der und sons­ti­gen Meme etwa, die Trump vor der Wahl als Gott­im­pe­ra­tor oder glor­rei­chen Heer­füh­rer dar­stell­ten, schaff­ten dem­nach bei ihren »Wir­ten« einen Grund­ein­druck von Trump als alle­go­ri­scher Herr­scher- und Vater­fi­gur, nicht viel anders als der bri­ti­sche Skan­dal­jour­na­list Milo Yianno­pou­los, der – mit sei­ner eige­nen Homo­se­xua­li­tät spie­lend – von Trump kokett als »Dad­dy« sprach.

Wesent­li­che Kenn­zei­chen der Inter­net­me­me unse­rer Zeit, ob nun poli­tisch oder nicht, sind der schlüs­si­gen Ana­ly­se Limor Shif­mans zufol­ge Vari­anz, Nach­ah­mung und Nut­zer­be­tei­li­gung. Das ers­te Kri­te­ri­um unter­schei­det Meme von in ihrer Ver­brei­tung ähn­li­chen »vira­len« Inhal­ten, etwa Ent­hül­lungs­nach­rich­ten oder belieb­ten Wer­be­vi­de­os: Bei­de ver­brei­ten sich ent­lang der nicht linea­ren, son­dern – um dem Post­struk­tu­ra­lis­mus einen pas­sen­den Begriff zu ent­leh­nen – »rhi­zo­ma­ti­schen«, undurch­schau­bar ver­wor­re­nen und hier­ar­chie­los ver­knüpf­ten Kom­mu­ni­ka­ti­ons­struk­tu­ren des Inter­nets. Doch wäh­rend sich die Virals nur betrach­ten und wei­ter­ver­brei­ten las­sen, laden die Meme ihrem Namen gemäß zur Nach­ah­mung und Abwand­lung ein. Das schafft neben dem Buh­len um die Auf­merk­sam­keit der Nut­zer einen Wett­be­werb um die Deu­tungs­ho­heit, da sich Meme auch kapern las­sen: So wur­de das ein­gangs erwähn­te Mem mit Bur­katrä­ge­rin und Trans­ves­tit ganz bewußt auch von Libe­ra­len wei­ter­ver­brei­tet, die dazu erklär­ten: »Tole­ranz und öffent­li­cher Per­so­nen­nah­ver­kehr – ja, genau das wol­len wir!«

Empi­risch zeigt sich jedoch bis­her eine bemer­kens­wer­te Talent­lo­sig­keit der poli­ti­schen Lin­ken bei der Schaf­fung neu­er Meme. Erklär­bar ist das mit einem Man­gel an Selbst­iro­nie und Krea­ti­vi­tät (bes­tes Bei­spiel sind die halb­her­zi­gen Ver­su­che, belieb­te Donald-Trump-Meme eins zu eins auf den SPD-Kanz­ler­kan­di­da­ten Mar­tin Schulz zu über­tra­gen) sowie vor allem feh­len­der Angriffs­lust. Dazu gehört vor allem, Online-Ver­bal­at­ta­cken des poli­ti­schen Geg­ners nicht aus­zu­wei­chen, son­dern voll in sie hin­ein­zu­lau­fen und immer noch eins drauf­zu­le­gen – eine an das Cul­tu­re jamming der anar­chis­ti­schen Gegen­kul­tur ange­lehn­te Tak­tik der Kommunikationsguerilla.

So wird maxi­ma­le Auf­merk­sam­keit sicher­ge­stellt und häu­fig das eine oder ande­re neue Mem »gebo­ren«. Was in den USA den Mem­plex der Edgi­ness, also unge­fähr »Grenz­wer­tig­keit«, bil­det, ist ein Wil­le zur Kon­tro­ver­se und Geschmack­lo­sig­keit, der in der Bun­des­re­pu­blik auf­grund gel­ten­der Straf­ge­set­ze größ­ten­teils nicht repli­zier­bar ist.

Viel­leicht braucht es das auch gar nicht. Einer gedeih­li­chen poli­ti­schen Meme­tik sind auch im deutsch­spra­chi­gen Raum theo­re­tisch kei­ner­lei Gren­zen gesetzt. Es gibt jedoch zwei Bedin­gun­gen: Die Con­di­tio sine qua non ist eine unvor­ein­ge­nom­me­ne Her­an­ge­hens­wei­se. Weder soll­te man die auf den ers­ten Blick meist kryp­ti­schen, weil vor­aus­set­zungs­rei­chen Meme vor­ei­lig als Kin­de­rei­en oder blo­ßes Spiel abtun, noch darf stur ent­lang der erfolg­rei­chen US-Vor­bil­der gear­bei­tet wer­den. Zur Erin­ne­rung: Ein Mem muß dem sozio­kul­tu­rel­len Umfeld angepaßt sein und Abwand­lun­gen ermög­li­chen, um erfolg­reich zu sein.

Zwei­tens bedarf es einer Schär­fung des Gespürs für Bil­der, Tex­te usf., die sich »memen« las­sen. Ein grif­fi­ges Bei­spiel fin­det sich direkt vor der Haus­tür: Sei­ne umfas­sen­de Repor­ta­ge über Götz Kubit­schek im Spie­gel 51 /2016 über­ti­tel­te Tobi­as Rapp (oder die Redak­ti­on) mit »Der dunk­le Rit­ter«. Das ist nicht ein­mal eine Steil­vor­la­ge, es ist bereits ein kom­plet­tes Mem, das nur noch der Ein­spei­sung in den unend­li­chen Dis­kurs des Inter­nets bedarf und dort übri­gens wie­der­um inter­na­tio­nal anschluß­fä­hig wäre, ist doch der iko­ni­sche Wert der Comic­fi­gur »Bat­man«, des pop­kul­tu­rel­len »dunk­len Rit­ters«, schon mehr­mals in der ame­ri­ka­ni­schen Alt­Right rege dis­ku­tiert worden.

Es braucht nur den Wil­len, aus der alt­be­kann­ten Lethar­gie und dem Jam­mern über schlech­te Pres­se her­aus­zu­kom­men, um die vom poli­ti­schen Geg­ner in die Welt gesetz­ten Schlag­wor­te und Inhal­te »umzu­dre­hen«, emo­tio­nal neu auf­zu­la­den und zum eige­nen Vor­teil ein­zu­set­zen. Dazu braucht es wenig Zeit­auf­wand: Die wesent­li­che Funk­ti­on der sozia­len Netz­wer­ke des Web 2.0 ist das »(Mit-)Teilen«, und so reicht es voll­kom­men, ein neu­es Mem gut sicht­bar zu pla­zie­ren und den Repli­ka­to­ren ihren Lauf zu las­sen. Krea­ti­ve, ans Werk!

Nils Wegner

Nils Wegner ist studierter Historiker, lektorierte 2015–2017 bei Antaios, IfS und Sezession und arbeitet als Übersetzer.

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