Sezession
1. April 2017

Meme: kognitive Biowaffen im Informationskrieg?

Nils Wegner

Nils Wegner

Nils Wegner ist studierter Historiker und arbeitet als Übersetzer und Lektor.

Die sogenannte Kunstinstallation »He Will Not Divide Us« des Schauspielers Shia LaBeouf richtet sich gegen US-Präsident Trump. Die Anlage besteht aus einer Internetkamera, vor der Trump-Gegner ihre Wut und ihre Angst vortragen sollen. Da tauchen eine Handvoll junge Leute auf, watscheln im Krebsgang mit fuchtelnden Armen herum und kreischen dabei infernalisch. Das ist ein Mem: »Autistic screeching«.

Facebook führt ein neues Paket an Emoticons ein, die eine glupschäugige violette Taube in verschiedenen drolligen Posen zeigen – innerhalb von zwei Wochen überschwemmt eine Welle von Darstellungen dieser Tauben mit Hakenkreuzen die sozialen Netzwerke. Die Vögelchen sitzen auf der Schulter Adolf Hitlers oder sind zum Reichsadler umstilisiert. Daraufhin treten linke Gruppen auf den Plan und »enttarnen« die Taube (»Trash Dove«) als Symbol einer neonazistischen Internetverschwörung – schon ist sie ein Mem. Das Photo einer vollverschleierten Frau und eines Transvestiten im Kleidchen, die in der New Yorker U-Bahn nebeneinander sitzen, geht unter der Überschrift »Das ist die Zukunft, die Liberale wollen« binnen weniger Stunden um die ganze Welt, provoziert erregte Reaktionen von ganz rechts bis ganz links und läßt den Slogan ikonisch werden, der seither tausende Bilder ganz anderer Sinnzusammenhänge ziert: »Mem-Magie« reinsten Wassers.

Wer das alles für krude Netzwitzchen hält, die binnen weniger Tage wieder vergessen sein werden, der kratzt nur an der Oberfläche eines nicht mehr zu ignorierenden Phänomens unseres digitalen Informationszeitalters. Die Myriaden von oftmals höchst kryptischen Sinnbildern, -filmen und sonstigen Kommunikationsmitteln, für die sich die Sammelbezeichnung »Mem« etabliert hat, sind trotz ihrer scheinbaren Albernheit  in Wahrheit der Schlüssel zum Verständnis der niederschwelligen Onlinekommunikation.

Und sie sind, wie spätestens der »große Memkrieg von 2016« im Zuge des US-Präsidentschaftswahlkampfs gezeigt hat, ohne Probleme politisch instrumentalisierbar. Damit soll nicht gesagt sein, daß die Millionen Besucher von Foren wie 4chan, Tumblr oder Reddit, die auf selbsterstellten Inhalten der Nutzer basieren und so gewissermaßen Kreißsäle für Meme darstellen, über einen festgefügten theoretischen Hintergrund verfügten. Die Memtheorie dient vielmehr der Beschreibung des Phänomens einer wildwüchsigen Kommunikationsguerilla im Netz des 21. Jahrhunderts.

Die Begriffsprägung selbst ist schon fast ein halbes Jahrhundert alt und geht zurück auf den britischen Biologen Richard Dawkins. Dawkins ist strenger Atheist und verficht in seinen populärwissenschaftlichen Büchern zur Evolutionsbiologie einen neodarwinistischen Ansatz; diese Ausrichtung hat ihm den Spitznamen »Darwin's Rottweiler« (Stephen Hall im Discover-Magazin) eingebracht. Mit seinem Buch The Selfish Gene (dt. Das egoistische Gen) von 1976 erlangte er weltweite Aufmerksamkeit, weil darin die neuartige soziobiologische These vorgebracht wurde, daß es sich bei den Genen um die tatsächlichen Objekte der evolutionären Selektion handele.

Zum Verständnis: Seit Darwin wurde dieser Status gemeinhin den Arten (»Arterhaltung« usf.) zugeschrieben. Im Laufe des 20. Jahrhunderts fokussierte die Wissenschaft mehr und mehr die Individuen und ihren jeweiligen Überlebenskampf, weshalb Dawkins' These wenig mehr als ein radikales Weiterdenken darstellte: Da sich Individuen durch sexuelle Fortpflanzung nicht vollständig replizieren, sondern nur einen relativ kleinen Teil ihres Chromosomensatzes weitergeben können, liegt die Vermutung nicht fern, daß in Wahrheit die Gene selbst miteinander im Wettbewerb der Fitness stehen.


Nils Wegner

Nils Wegner ist studierter Historiker und arbeitet als Übersetzer und Lektor.

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