Sezession
1. April 2017

»Leck mich, Mutter Natur!« – Neues von der Geschlechterfront

Ellen Kositza

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Eine Art »fluides Individuum« scheint mir das Wunschbild rezenter Utopisten zu sein. Ein Paradox: Individualismus zählt heute zu den unhintergehbaren Blaupausen. Das beginnt in der frühkindlichen Erziehung (»eigene Gefühle äußern«, Neigungsgruppen im Kindergarten) und endet im hohen Alter (»selbstbestimmtes« Sterben). Aus diesem Grund besteht unsere Gesellschaft – der »Westen« – nur noch aus Segmenten.

Innerhalb dieser Zersetzung haben sich aus Individuen Gruppen gebildet. Über die Charaktertypen der Individualisierung hat David Riesman in seinem Weltbestseller The Lonely Crowd (1950; dt. Die einsame Masse, Darmstadt 1956) das Wesentliche gesagt. Der Pferdefuß jedes noch so originellen Individualismus ist die Identität – genau diese gemeindet das Individuum ja wieder in Kollektive ein.

Dem Kollektiven wohnt eine zähe Viskosität inne. Begreife ich mich beispielsweise als sensible, nichtweiße, heterosexuelle Frau, habe ich nolens  volens  vier Gemeinden am Hals, denen ich Solidarität schuldig bin: den Frauen, den Nichtweißen, den Heten und den Sensiblen. Fluidität wäre eine passable Option! Ein populäres Präfix ist daher trans-, Bedeutung: über, hindurch, jenseits. Wir kennen die beliebten Lemmata: Transkulturation, Transgender, Transfer. »Trans« erhebt sich über die Dinge, es ist eine gewaltige universalistische Gebärde. Unsere Trans-Individuen folgen dem Gedankengebäude der grenzenlosen Fluidität: heute Türke, morgen Deutscher; heute Arbeiterkind, morgen Doktorand. Geboren als Mann, heute: Frau. Heute Heteroehe und drei Kinder, morgen schwul.

Die  Auflösung   aller   Gewißheiten  führt nun nicht zu einem fröhlichen Durcheinander all dieser fluiden Transidentitäten. Schön wär’s zwar, aber da hat der Träumer seine Rechnung ohne den Menschen gemacht. Es führt zu  einer Verunklarung der Fronten. Es gilt: Baue eine Front, eine Hierarchie ab – und zig neue entstehen. Besonders augenfällig geschieht dieser Umbau mit all seinen Verstrickungen im Bereich der Geschlechterpolitik. Der Geschlechterkampf nimmt wieder Fahrt auf, und das liegt nicht nur am Frühling mit dieser Vielzahl von Frauenfesten, etwa dem Internationalen Frauentag, dem »Equal Pay Day«,  dem Mädchenzukunftstag und dem altbackenen Muttertag, der sicher auch noch einen cooleren Namen erhalten wird.

Die aktuelle Emma titelt »Frauenproteste weltweit« und richtet den Fokus sowohl auf Amerika und dessen populäre Töchter (Meryl Streep, Jane Fonda, Miley Cyrus und und- und), die nun gemeinsam mit fünf Millionen Wutfrauen auf die feministischen Anti-Trump- Barrikaden gingen, als auch auf die Türkei, wo Erdogan Verhütung und Abtreibung als »Verrat an der Nation« bezeichnet hat und die Damen grollen läßt. Das feministische Internetportal jezebel.com schreibt von einer gigantischen feministischen Revolte, die über Lateinamerika rolle, und in Polen protestierten 20000 Frauen gegen eine schärfere Abtreibungsgesetzgebung. (Sie hatten dazu ein ulkiges Symbol entworfen: einen Uterus , der mit einem seiner Eileiter die sogenannte Stinkefingergeste vollführt.)


Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

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