Sezession
1. April 2017

Die geistige Sprengkraft der Klassiker-Lektüre

Gastbeitrag

Ein Gespräch mit Günter Scholdt über seine Literarische Musterung

pdf der Druckfassung aus Sezession 77/April 2017

Sezession: Was ergab Ihre literarische  Musterung? Eine neue Traditionskompanie?

Scholdt: Die Literatur kämpft auf keiner Seite. Mir ging es um die Widerlegung des Vorurteils, Klassiker stünden für unverbindliche Zeitflucht und taugten vornehmlich als Floskeln-Steinbruch für Festreden. Diese Einschätzung wird im vorliegenden Band entkräftet. Vielmehr konstatiert der Leser erstaunt, wie lebendig auf die konkrete politische Gegenwart beziehbar zahlreiche kanonisierte Werke sind. Bei Orwells 1984, Sartres Fliegen, Frischs Biedermann oder Ionescos Nashörnern z. B. scheint es gar, als seien sie ausdrücklich für uns heute geschrieben.

Sezession: Wie erklärt sich das?

Scholdt: Schlüsseltexte  der  National-  oder Weltliteratur wirken als aktuelle Mahnung bzw. Appell oder erweisen sich als zeitlose Sozial- und Politmodelle. Ihre Distanz zur Gegenwart bietet die Chance, Konflikte unserer Tage mit größerer Unvoreingenommenheit zu analysieren. Vom höheren Standpunkt aus erleben wir heutige Probleme wie Szenarien, die im Weltlauf schon dutzendfach in unterschiedlichen Kostümen durchgespielt wurden. Brechts Galilei, Sophokles’ Antigone, Kleists Michael Kohlhaas oder Molières Menschenfeind stehen für Tausende, denen im Prinzip Ähnliches widerfahren ist.

Ibsens Konfrontation zwischen Masse und Einzelmensch im Volksfeind ist die Ursituation des gesellschaftlichen Außenseiters. Auch Inquisition ist eine zeitübergreifende Einrichtung, die sich bei uns gegenwärtig »zivilgesellschaftlich« verkleidet.

Sezession: Das behauptet mit umgedrehten Vorzeichen etwa auch Volker Lösch, der in Dresden Frischs Graf Öderland gegen Pegida inszenierte.

 Scholdt: So etwas wirkt mit Blick auf das Establishment grotesk. Daher sollten wir die Klassiker von den Lorbeergirlanden heutiger Usurpatoren befreien, um ihre geistige Sprengkraft wieder herzustellen und erneut zu erfahren, was ein freies Wort bedeutet. Denn auffallend viele Texte der Weltliteratur haben in irgendeiner Weise mit Widerstand zu tun, offenbar einem Kernthema aller Zeiten und Länder, das in Zeiten von Heiko Maas, Anetta Kahane oder Hans-Georg Maaßen gewiß nicht obsolet geworden ist.

Sezession: Handelt es sich also um eine  Anleitung zur Widerstandslektüre?

 

Scholdt: Man kann es so sehen, obwohl sich der Anspruch meines Buchs nicht darauf be- schränkt und ich dem (zuweilen etwas vernutzten) Begriff gegenüber ein wenig fremdle. Schließlich mißbrauchen ihn ausgerechnet die schäbigsten Unterdrücker freier Meinungen. Ich denke an tückische Leerformeln wie die vom »Aufstand der Anständigen« oder vom »wehrhaften Staat«, wenn es unserer Funktionselite schlicht um alternativlosen Machterhalt geht. Widrig ist mir auch das inflationäre Widerstandsgerede rückblickender  Schreibtischmärtyrer, die solches Verhalten etwa im Dritten Reich zur fast einklagbaren Norm versimpeln.

Zudem gründeten Adorno-Schwärmer bald jeglichen Kunstanspruch auf vermeintlichen Oppositions- und Subversionsgehalt. Auch birgt es Probleme, daß man mit dem Begriff vornehmlich heroische Militanz assoziiert.

Aber natürlich fördert die Lektüre ein Aufbegehren gegen nicht nur geistigen Zwang unserer keineswegs intakten Demokratie. Auch wir sollten den täglichen (medial verschwiegenen) Rechtsbruch und zahllose an Orwells 1984 gemahnende Praktiken heutiger Gesinnungslenker nicht einfach hinnehmen. Öffentlich gefördertes Spitzelwesen, Neusprech-Gebote und aktuelle Spielarten einer »Gedanken-Polizei« erzeugen schließlich eine soziale Umweltverschmutzung, der gegenüber die ökologische an Bedeutung verblaßt.


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