1. Juni 2017

Wer sagt hier: afrikanischer Ausbreitungstyp?

Ellen Kositza

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

OMG! Wer eigentlich noch nichts weiß, kennt jedenfalls diesen Ausruf. Anders als andere Netzkürzel dieser Sorte ragt OMG, Oh my God, in die Sphäre des Transzendenten. Nun haben wir, knapp aus dem Alter der Netzkürzelnutzer heraus, einen neuen Rap-Gott. Oder Hip-Hop? Die Fachpresse ist uneins. Nicht über das Göttliche, sondern des Genres wegen.

Es geht um Kendrick Lamar. Dunkle Hautfarbe, sozialisiert in einem kalifornischen Problembezirk – wie man sieht (am wenigsten: das Kalifornische). Das Video zum sogenannten Song »Humble« (dt. demütig, bescheiden), aus dem nebenstehendes Bild stammt, wurde im ersten Monat nach Veröffentlichung rund 150 Millionen Mal (allein) auf YouTube angeschaut, das zu »DNA« (dessen Liedtext recht gut zu einem Zukunft-Heft passen mag) etwa 50 Millionen mal. Bombastische Zahlen! Die pure Masse bezeugt die Relevanz!

Wir sehen offenkundig eine Adaption des Abendmahls, wie es uns Leonardo da Vinci überliefert hat. Wir zählen keine zwölf Jünger, sondern sieben Männer of colour, Herrn Lamar dabei in der Mitte thronend. Ich habe im Netz keinen Hinweis darauf gefunden, warum Lamar neuerdings Schläfenlocken trägt. Er ist kein Jude. Vier der Menschen/Jünger tragen Sonnenbrillen, obwohl offenkundig diffuse Lichtverhältnisse herrschen. Die Brille scheint dazuzugehören wie der Kapuzenpulli, ein Accessoire ohne Zweck.

»Verdunklungsabsicht« ist eine schräge Vermutung, zumal die Szenerie ohnehin düster genug wirkt. Die Typen haben Weißbrot aufgetischt und vier Flaschen Wein. Die Kerle rechts neben Lamar sind einigermaßen gechillt, sie mümmeln die lasche, weiße Teigware; der Weinkenner unter ihnen prüft das Flaschenetikett. Links von Lamar findet ein Diskurs statt. Welcher Art, können wir nicht wissen. Philosophie, Musikgeschichtliches? Oder geht es um eine Pussy, eine Gang?

Man muß über eine Menge Phantasie und Empathie verfügen, um Texte wie die von Lamar zu verstehen. Seine »Musik« ist extrem wortlastig und beinhaltet ein wenig mehr als das genreübliche uh, ah, your boobs, my dick, bitch. Dies alles freilich auch, und wir wissen natürlich, daß grobe, derbe, sexistische und mordlüsterne Aufrufe in Liedern von deklassierten schwarzen jungen Männern niemals ernstgenommen werden dürfen. Sie dienen dem Streßabbau und sind ironisch oder lustig gemeint.

Ich bin nun erstens unsicher, ob Kendrick Lamars Lyrics (wie das alteuropäische Wort »Sang« und das moderne Wort »Text« im euphemisierend-universalisierenden angloamerikanischen Sound übersetzt werden) etwas mit Lyrik zu tun haben oder eher in die Kategorie »Gebrabbel« fallen. Ich bin zweitens unsicher über das Vorwissen der Hörermasse. Wer schaut sich das eigentlich an? Ich hatte  eine kleine private Umfragelawine gestartet, sprich: die eigenen Kinder angefixt und so ziemlich alle Bekannten unter 35 Jahren: Wer von euch / von euren Freunden a) kennt Kendrick Lamar, b) mag diese Art Botschaft/Musik, c) kann mir sagen, warum?

Ergebnis: null. Einige kannten den Namen, sie sagten »vom Weghören«. Vermutlich agiert dieser Popgott Lamar in einer Filterblase, die die meine nicht im entferntesten tangiert. Ob ich (die ich zugegeben keine Dunkelhäutigen im Freundeskreis habe) daraus schließen darf, daß Lamar ein Künstler ist, der vor allem Dunkelhäutige (und weiße Feuilletonisten) anspricht? Wäre das also »Ethnomusik«?

Schauen wir nach bei Lamars Klickhit »DNA«. DNA, was soll das vor allem heißen in einem Kontext, in dem »fuck«, »penetrate«,»heritage«, »nigga« die meistgebrauchten Wörter sind? Worauf spielt das an? Auf den »afrikanischen Ausbreitungstyp«?  Im   Bioabitur der neunziger Jahre sprach man an deutschen Gymnasien noch von DNS, Desoxyribonukleinsäure: ein Biomolekül, das Träger der Erbinformation ist. Wer heute außerhalb akademischer Kreise dieses Kürzel im Munde führt, steht im Verdacht, eine »biologistische« Diskussion anzuzetteln. Ein »Biologist« reduziert die Würde eines Menschen auf sein Erbgut. Das hat man nicht gern.

DNA, so wird Herrn Lamar nun im (ernsthaft: überaus artistischen) Vorspann des Videos beschieden, steht für »Dead Niggas Association«. Das ist eine bittere Auslegung. Das spielt darauf an, daß dunkelhäutige Menschen mit größerer Wahrscheinlichkeit  gewaltsam  sterben als Weiße. Aber weshalb bloß? Wir hören Lamar stammeln: Es geht um Cocaine, Power, Poison, Pain (wagneresk in dieser Reihenfolge!), Hormones, Sex, Money, Murder, Burglars und um dies: »I don’t compromise, I just penetrate«.

Je nun. Wir könnten sagen, das sei doch eine hochironische Form  der  Selbstbezichtigung. Musiker dieser Sorte reden dauernd vom Totficken, Kaputthauen und Fertigmachen, und oft tun sie es weitaus dezidierter als der Lyriker Lamar. Das ist alles witzig gemeint, ein Spiel mit dem Spiel – oder so.

Lamar gilt nun in seiner Peer group einerseits als Verräter. Erstens weil Obama ihn eingeladen hatte und ihn herzlich umarmte und zweitens weil der Barde eine Mitschuld der Schwarzen an den polizeilichen Übergriffen gegen dieselben behauptete. Ausgerechnet von weißen Journalisten mußte Lamar sich dafür rügen lassen.

Lamar hatte in einem Interview ziemlich harmlos gesagt: »Wie können wir Respekt erwarten, wenn wir selbst keinen Respekt für uns haben?« Ein deutscher Schreibmensch (ZEIT) fand das unerhört: »Das ist eine verquere Rekonstruktion, die die Proteste gegen Polizeigewalt gegen Schwarze delegitimiert.« Andererseits ist Lamars Lied »Alright« (»Nigga we gon’ be alright«) zu einem der Protestsongs der Black-lives-matter-Bewegung geworden.

Auf dem Cover seines vorigen Albums hatte Herr Lamar eine jubelnde, johlende Menge von Männern of colour abgebildet. Sie haben sich nackt oder halbnackt vor dem Weißen Haus zusammengefunden. Einer der farbigen Burschen hält einen weißen Säugling auf dem Arm. Natürlich würde kein Mensch von Verstand ein solches Photo als Negativabzug dulden! Ich stelle mir ferner vor, eine Kapelle weißer Halbstarker würde (in ironischer Absicht, klar) Texte veröffentlichen, die »DNA« titelten und in denen es um »Loyalität«, »Erbe«, »Schicksal«, »Sex«, »Mord« und »grauenhafte« fremde DNA ginge. Wäre jemand bereit, diese Art Witz zu goutieren? Hundert Millionen Klicks hinzunehmen? Herr Lamar darf das. Er ist »the realest nigga after all«, und sein Erbgut ist »soldier’s DNA«.

Vor zwölf Jahren hatte ein französisches Modehaus mit einer Anzeige geworben, die sich ebenfalls grob an die überkommene Abendmahldarstellung anlehnte. Auf den Plakaten waren weibliche Mannequins zu sehen, ein Mann mit nacktem Oberkörper wurde umarmt. Die katholische Kirche hatte dagegen geklagt, die blasphemische Werbung mußte entfernt werden. Lamar nun stellt nicht nur das Abendmahl düster verfremdet dar, er behauptet von sich im »DNA«-Text ferner, aus »immaculate conception« entstanden zu sein.

Die unbefleckte Empfängnis ist nun historisch relativ einzigartig. Die Kirche hat mittlerweile kein Problem mit solchen Mätzchen, vielleicht mußten sich die Verantwortlichen mittlerweile einer Schulung zu Toleranz und Coolness unterziehen. Was sehen wir also, was lernen wir? Es gibt realpolitisch, realreligiös eine Hierarchie der Opfer. Wer bestimmt die, wer etabliert sie? Wir. Die Farblosen. Dergleichen liegt, anscheinend, in unserer DNS begründet.

 


Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.


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