Sezession
1. Juni 2017

Der gewaltlose Clausewitz

Martin Sellner

Martin Sellner

Martin Sellner ist Kopf der österreichischen Identitären Bewegung.

Das erste Mal hörte ich den Namen Gene Sharp in einer Doku über den Arabischen Frühling. Darin wurde um den US-amerikanischen Politik- wissenschaftler ein regelrechter Mythos aufgebaut. Sein Werk Von der Diktatur zur Demokratie sollte eine Art Blaupause zum friedlichen Umsturz darstellen. Wer ist dieser Gene Sharp, und was ist dran an dieser reißerischen Behauptung?
Der Mann, der militärisch klingende Titel wie Power and Struggle oder Gandhi Faces the Storm für seine Texte wählt, ist erklärter Pazifist. Geboren 1928, studierte er Sozialwissenschaften an der Ohio State University und wurde 1968 zum Doktor der Philosophie in Oxford promoviert. Daneben verbrachte er wegen Wehrdienstverweigerung neun Monate in Haft und diente als Sekretär von A. J. Muste, einem bekannten amerikanischen Pazifisten. Doch Sharp war und ist kein verträumter Friedensapostel. Obwohl er 2009 und 2012 für den Friedensnobelpreis nominiert wurde, ist sein Denken durchwegs militärisch.

Sharp grenzt sich stets von pazifistischen Utopien ab. Er gilt als »Clausewitz des gewaltfreien Widerstands«; das erwähnte Buch Von der Diktatur zur Demokratie verfaßte er 1993 in Zusammenarbeit mit Robert Helvey, einem Oberst der US-Armee. Sharp war der einer der ersten, der den gewaltlosen Widerstand zum Zentrum seiner wissenschaftlichen Arbeit machte. Auf seinem Lehrstuhl für Politische Wissenschaften an der Universität von Massachusetts, den er ab 1972 innehatte, widmete er sich dem Vergleich aller bekannten gewaltlosen Revolutionsbewegungen. Als er ihre Strukturen und Prinzipien destilliert hatte, gründete er 1983 die »Albert Einstein Institution«.
Die Kernthese seiner Arbeit: Gewaltloser Widerstand ist effektiver, um Diktaturen zu Fall zu bringen. Die Militärstrategin Erica Chenoveth hat das mittlerweile in einer wissenschaftlichen Studie bestätigt: Im Untersuchungszeitraum von 1900 bis 2006 waren gewaltlose politische Bewegungen doppelt so erfolgreich wie militante Gegenparts.
Das legendäre Buch Sharps ist in 30 Sprachen übersetzt worden. Es hat in einer beachtlichen Welttournee von Serbien über Georgien, Ukraine und Weißrußland bis nach Kairo seine Spuren hinterlassen. Das von den USA finanzierte und unterstützte »CANVAS Institute« organisiert weltweit Vorträge und schult Aktivisten aufbauend auf Sharps Ideen. Die Demonstranten am Tahir-Platz schworen darauf, DDR-Dissident Gerd Poppe beteuert, wie sehr ihn das ins Land geschmuggelte Buch inspiriert hat, und sogar die Muslim-Bruderschaft bot übersetzte Texte zum Download an. Ein »Revolutions-Franchise« nennt die ZEIT das.
Das Leseerlebnis, an das mich Sharps Texte erinnerten, war Lenins Was tun? Genau wie Lenin heftet er sich an die Fährte der Macht. »Anders als Utopisten«, so leitet Sharp sein Buch Power and Struggle ein, »versuchen die Vertreter der gewaltlosen Aktion nicht, die Macht zu ›kontrollieren‹, indem sie sie abschaffen oder ablehnen.« Sie wollen sie ergreifen! Alle Macht ist für Sharp »soziale Macht«, also die Fähigkeit, das Verhalten anderer direkt oder indirekt zu beeinflussen. Politische Macht sei lediglich ein Sonderfall, der sich durch seine Zielsetzung unterscheide.

Macht könne, so lautet Sharps These, am besten über ihre Quellen kontrolliert werden, von denen er sechs auflistet: Autorität, menschliche Ressourcen, deren Fertigkeiten, unsichtbare Faktoren (wozu er die herrschende Ideologie zählt) sowie materielle Ressourcen und Sanktionen.

Korrespondierend zählt er sieben Gründe auf, aus denen Menschen gehorchen. Sie tun es aus Gewohnheit, Angst vor Sanktionen, moralischem Pflichtgefühl, Eigeninteresse, Identifikation mit dem Herrscher, Gleichgültigkeit (die sogenannte »Zone of Indifference«) oder Mangel an Selbstvertrauen. All diese Faktoren, das ist Sharps zentrales Argument, können nicht vom Staat kontrolliert werden. Die Kooperation der Bevölkerung gilt es, durch organisierte und sichtbare »Nichtteilname« zu ersetzen. So trocknet man alle Quellen der Macht aus und bringt die Gründe des Gehorsams ins Wanken.

Ab einer gewissen Stärke der Opposition bleiben nach Sharp nur noch vier Möglichkeiten für das System übrig: »Conversion, accommodation, coercion, or disintegration«, also Anpassung, Entgegenkommen, Zwang oder Auflösung. Es übernimmt die Ideen und Forderungen der Revolutionäre oder es zerfällt.

Die Steigerung der »People Power« und der Nichtkooperation geschieht durch den »gewaltlosen Zwang«, der den Unmut sichtbar macht und den Gegner aus der Reserve lockt. Sharp listet folgende Kategorien gewaltloser Kampfmittel auf:

  1. Gewaltloser Protest und »Überredung« (durch Kundgebungen, Protestmärsche, Mahnwachen, Aktionen, Theater );
  2. Nonkooperation in Form gesellschaftlicher und politischer Nichtzusammenarbeit (Ächtung von Personen im privaten Umfeld, Rückzug aus sozialen Institutionen, Wahlboykotte, ziviler Ungehorsam) und wirtschaftlicher Verweigerung (Boykotte, Streiks, etc.);
  3. gewaltlose Intervention (rasche, gewaltlose Besetzungen, Sitins, Hungerstreiks, symbolische Inbesitznahmen bis hin zu Einsetzungen von Parallelregierungen).

Das Arsenal an Techniken dient dem Zweck, die Autorität des Systems zu schwächen sowie die Qualität und Quantität des Widerstands aufzubauen. Bezogen auf die oben aufgelisteten Faktoren politischer Macht bedeutet das, mittels öffentlicher Aktionen die Leute aus ihrer Gewohnheit und Gleichgültigkeit zu reißen, ihnen durch niederschwelligen Massenaktivismus und Solidarität die Angst vor Repression zu nehmen und ihnen durch Etappensiege Selbstvertrauen zu geben.

Die Öffentlichkeit und Gewaltfreiheit des Vorgehens ist dabei essentiell. Sharp nennt das »gewaltlose Disziplin« und predigt sie, inspiriert von Gandhi, als eine ritterliche Tugend. Nur das gewaltlose, niederschwellige und im besten Falle humorvolle Vorgehen der Aktivisten ist für die Masse anschlußfähig. Die totale Transparenz beugt der Isolierung vor und ermöglicht sogar, die Wirkung der Repression umzukehren. Als »Clausewitz« der gewaltlosen Aktion entwirft Sharp einen Stufenplan zur Anwendung dieser Mittel in zwei Phasen. Die »Dispersionsphase« dient der Evaluierung und dem Aufbau des eigenen Potentials.

In ihr überwiegen gezielte kleine Aktionen und Interventionen, die sich an kleineren Symptomen und Randthemen des Systems abarbeiten; er nennt das »selektiven Widerstand«. Diese Schritte münden in eine »Konzentrationsphase«, in der, von den Farbrevolutionen lehrbuchartig vorgeführt, eine friedliche Platzbesetzung die finale Forderung stellt.

Sharps Duktus wird hier zunehmend militärisch. Er unterscheidet eine »Grand Strategy«, deren finales Ziel der Machtwechsel ist, von der Strategie, die über einzelne Kampagnen Zwischenziele im Gesamtkonzept anvisiert. Das Lehrbuch zum friedlichen Umsturz, das Sharp unter anderem 2012 den alternativen Nobelpreis einbrachte, beinhaltet eine Prüfliste zur Ausarbeitung einer »Grand Strategy«: Welche Machtquellen der Diktatur sind am anfälligsten? In welchen Gruppen gibt es die größte Bereitschaft zum öffentlichen Widerstand? Welche selektive Kampagne eignet sich zum Start des Widerstands?

Aus der Beantwortung dieser Fragen und nach Einschätzung der eigenen Mittel und Kräfte ergibt sich eine langfristige »Grand Strategy«, in der gestaffelte Kampagnen ineinandergreifen, bis die »People Power« am Zenit und das Ziel erreicht ist. Sharps Lektüre hat für Aktivisten  eine geradezu kathartische Wirkung! Welche Art von Strategie verfolgen wir durch unsere eigenen Aktionen? Haben wir überhaupt eine? Das einende Band, das tausende Homepages, Videos, Aktionen, Kurzkampagnen, Geldspenden, Hausprojekte, Bücher, Lieder und Schulungen zu einem einzigen Zug verbindet, fehlt fast immer. Sharp macht dieses Fehlen schmerzlich bewußt.

Seine Analysen beziehen sich zwar auf Militärdiktaturen, weswegen ein Großteil der Faktoren, Aktionen und Ziele auf die Situation bei uns nicht übertragbar sind. Die Grundstruktur trifft jedoch zu: Einwanderungs- und Islamkritiker sind eine versprengte, unorganisierte und verfemte Opposition, die sich einem totalitären Apparat gegenübersieht, der ihr das politische Existenzrecht abspricht. Unsere Aktivisten kämpfen jedoch nicht gegen, sondern »um« den Staat. Unser Kampffeld ist fast ausschließlich das, was Sharp die »unsichtbaren Faktoren«  nennt,  es ist die kulturelle Hegemonie im Sinne Antonio Gramscis.

Das Schlachtfeld, auf das sich Sharps Plan gut übertragen läßt, wäre die Metapolitik. Sein Konzept ist die folgerichtige Ergänzung zu Alain de Benoists Gramsci-Rezeption. Sharps Modell ist stringent und pragmatisch. Es hat wenig politikwissenschaftliche Tiefe, sondern will funktionieren.

Die meisten der Bewegungen, auf die Sharp rekurriert oder die er mitangestoßen hat, sind im weitesten Sinne »links«. Sie fügen sich – von Gandhi, über Martin Luther King bis hin zum Tahir-Platz – in das vom universalistische Narrativ der Emanzipation. Sofern es gegen »den Westen« geht, ist eine temporär befreiungsnationalistische Richtung durchaus vorgesehen. Der Fluchtpunkt all jener Bewegungen ist jedoch immer die »vereinte Menschheit«; ihre Bezugsgröße ist das Individuum. Alles, was sich diesem Fortschritt  und  Globalisierungsprozeß verweigert und seine konkrete Identität behauptet, wird traditionell als »Diktatur« diffamiert.

Sharp und seine Jünger übernehmen diesen Jargon unkritisch. Auch die Anwendung ihrer Techniken im Westen wird von CANVAS nur für linke »emanzipatorische« Ziele der totalitären Gleichheit und Grenzöffnung anempfohlen. Daß Konservative diese Texte für sich entdecken könnten, kam ihnen wohl ebensowenig in den Sinn wie Gramsci, als er seine Gefängnishefte verfaßte.

Für mich bündelt sich der scheinbare Widerspruch zwischen einem konservativ-revolutionären Ziel und einer »linken« Widerstandsmethode in zwei Fragen:

  1. Ist die Widerstandstechnik nur als vom Westen finanzierter Regime change umsetzbar?
  2. Ist Sharps Methode intrinsisch und ideengeschichtlich »links«?

Die erste Frage ist leichter zu beantworten. Zwar bezieht sich Sharp immer wieder auf die »Unterstützung internationaler Bewegungen« durch die Weltöffentlichkeit. Aber nie ist dieser Faktor eine Conditio sine qua non. Im Gegenteil: Es unterscheidet den gewaltlosen Widerstand gerade von extremistischen, paramilitärischen Gruppen, daß er (jedenfalls im besten Fall) ohne ausländische Unterstützung existieren kann. Seine Offenheit und Anschlußfähigkeit können ihn unabhängig machen: Seine Basis ist die Masse. Daß selbst die CIA die Techniken Sharps anwendet, ist kein Einwand gegen sie, sondern ein Beweis für ihre Wirksamkeit. Da in unseren westlichen Meinungsdiktaturen die Repressionen vergleichsweise harmlos, die Metapolitik dynamisch, vernetzt und komplex und die Widerstandsmöglichkeiten zahlreich sind, ist die Erfolgsbedingung eine andere als in Militärdiktaturen. Unsere »Grand Strategy« ist kein Regime change, sondern ein Opinion change, ein Meinungsumschwung, der durch Sharps Techniken mit wesentlich geringerem Aufwand erzielt werden könnte.

Die zweite Frage stellt uns vor eine größere Herausforderung. An keinem Punkt appelliert Sharp in den strategischen Schriften (nur auf die beziehe ich mich) dezidiert an den linken Universalismus. Er bejaht die Demokratie – doch das tat Carl Schmitt auch. Anders als Schmitt versteht Sharp darunter allerdings nicht nur eine Frage der Legitimation und Homogenität, sondern die Existenz von Opposition und vom Staat unabhängiger sozialer Gruppen, also einen Pluralismus. Er sieht diese NGOs aber weniger als Agenten des Globalismus, sondern als Immunsystem eines Volkes. Ich denke, daß man bei Sharp die Methode klar von linken Intentionen trennen kann.

Sharps Techniken zielen ganz neutral auf Destabilisierung einer monolithischen Ordnung durch gesellschaftlichen Pluralismus ab. Ist das per se »links«? Geht man von einer schicksalhaften Involution der Weltgeschichte und dem notwendigen Sieg des letzten Menschen aus, so wäre  es denkbar, Sharps subversive Methoden an sich als Gefahr für den Katechon zu betrachten. Dann ist Aktivismus aber an sich  abzulehnen. Sieht man allerdings die heutige »Ordnung« als ein »System gewordenes Chaos« (Alexander Dugin) und glaubt an in die Möglichkeit einer konservativen Revolution, gibt es auch Raum für Sharps Methoden.

Erkennt man den Zusammenhang zwischen totalem Staat und Moderne sowie die Wahlverwandtschaft von Universalismus, Egalitarismus und Progressismus mit dem Totalitarismus, so ist Arendts Kritik an diesem ebensowenig »links« wie Sharps Leitfaden zu seiner Überwindung. Dem Universalismus der »Emanzipation«, die auf betriebsblinder Aufklärung und veralteten Ideologien aufbaut, kann ein ethnopluralistischer Freiheitskampf entgegengesetzt werden.

Die intendierte Abschaffung des Politischen durch die Globalisten bedeutet tatsächlich eine Wucherung der Kontrollmechanismen und den Übergang zu einer Erziehungsdiktatur. Gerade die Demokratie in ihrer direkten Form wird den Eliten daher immer suspekter. Darf unser Kampf dabei auch kreativ, subversiv, ja »postmodern« geführt werden, wie sich das heute in identitärem Straßentheater und Demos der US-amerikanischen AltRight-Bewegung abzeichnet? Ja! Wie sagte Walter Benjamin?

»Daß es ›so weiter‹ geht, ist die Katastrophe.«

Tatsächlich haben die Eliten der Meinungsdiktaturen derzeit nur eines im Sinn: die »Ruhe« aufrechtzuerhalten. Und damit meinen sie ihre Macht. Es soll konsumiert, gearbeitet und gefeiert werden. Terroranschläge und Unruhen sollen als Teil des Alltags akzeptiert werden. The show must go on. Die schweigende Mehrheit wird durch Angst und Isolation in eine Art digitales Biedermeier gedrängt, während jeder Dissident mit der Aura des Extremismus, der Gewalt und des Obskuren versehen wird. Vor nichts müssen sich die heutigen Funktionseliten so sehr fürchten wie vor einer offenen, transparenten und gewaltlosen Bewegung, die allein diese emotionale Barriere einreißen kann. Wie man diese aufbaut, kann man bei Gene Sharp lernen. Das schönste daran ist: Man kann das alles völlig offen tun.

Deswegen muß die Bewegung auch keine Angst vor Verbot und Beobachtung oder gar dem Leak von »Interna« haben. Die »Strategie« ist es, die legalen und gebotenen Mittel der Demokratie gegen jene anzuwenden, die sich fälschlicherweise zu ihren Alleinvertretern gemacht haben. Unsere Programme, unsere Inhalte, unsere Haltungen dürfen und sollen an die Öffentlichkeit, die wir uns Aktion für Aktion, Kampagne für Kampagne zurückerobern wollen. Daß uns ein  »linker«  Theoretiker wie Sharp dabei ebenso inspiriert wie »linke« Aktionsformen von Greenpeace, ist ein Widerspruch, der nicht auf uns, sondern auf den linken Universalismus zurückfällt. Um sein Projekt der globalen Emanzipation durchzusetzen, muß er nach außen und innen immer diktatorischer werden. Zum Vorgehen gegen diese linke Erziehungsdiktatur muß Sharps »Leitfaden zur Befreiung« nicht von uns vereinnahmt werden – er wurde für uns geschrieben.


Martin Sellner

Martin Sellner ist Kopf der österreichischen Identitären Bewegung.


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