Der demobilisierende Mythos

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Zeit und Raum sind die Bedin­gun­gen, die unse­re kör­per­li­che Exis­tenz defi­nie­ren und limi­tie­ren, wes­halb sie in einem gewis­sen Sin­ne auch die Haupt­fein­de der Pro­gres­sis­ten, Uto­pis­ten, Trans­hu­ma­nis­ten und art­ver­wand­ten Erben des Pro­me­theus sind. Das Leben ist »der Narr der Zeit«, heißt es bei Shake­speare, »und Zeit, des Welt­laufs Zeu­gin, muß enden!« Wo Zeit und Raum auf­ge­ho­ben sind und gleich­sam in einem Punkt zusam­men­fal­len, dort ist viel­leicht das Para­dies, das »Gol­de­ne Zeit­al­ter«, das unver­gäng­li­che Sein. »Du siehst, mein Sohn, zum Raum wird hier die Zeit«, heißt es in Wag­ners Par­si­fal, näm­lich in Mont­sal­vat, wo der Hei­li­ge Gral ver­wahrt wird.

Das Ende der Zeit zu besie­geln und damit die in Raum und Zeit gefal­le­ne Schöp­fung ins wie­der­ge­won­ne­ne Para­dies des »himm­li­schen Jeru­sa­lem« zu über­füh­ren, das blieb bis zum Beginn der Neu­zeit Gott vor­be­hal­ten. Wie auch das ein­zel­ne Men­schen­le­ben war die Welt­ge­schich­te von der Ver­trei­bung aus dem Para­dies bis zum apo­ka­lyp­ti­schen Gericht eine Frist, die uner­bitt­lich ablief. Die Anti­ke ließ dem Men­schen hier wenig Spiel­raum: Die Home­ri­schen Epen und atti­schen Tra­gö­di­en zei­gen ihn als Spiel­ball über­per­sön­li­chen Geschicks und will­kür­li­cher, unab­än­der­li­cher gött­li­cher Beschlüs­se. In der grie­chi­schen Mytho­lo­gie sind selbst die Göt­ter dem von den Moi­ren zuge­teil­ten Fatum unterworfen.

In der christ­li­chen Zeit spiel­te der freie Wil­le eine etwas grö­ße­re Rol­le als in der Anti­ke, obwohl die Prä­de­sti­na­ti­ons­leh­re immer wie­der in der Theo­lo­gie auf­tauch­te. Dem Men­schen oblag die Ent­schei­dung, nach den gött­li­chen Gebo­ten zu leben oder aber den Weg der Sün­de ein­zu­schla­gen, der in die ewi­ge Ver­damm­nis füh­ren konn­te. Man­che Theo­lo­gen deu­ten das Chris­ten­tum als Erlö­sung aus dem als Gefäng­nis emp­fun­de­nen ewi­gen Kreis­lauf der Natur, also der Zeit selbst.

Im Pre­di­ger Salo­mo erklingt die Kla­ge über die­sen unun­ter­bro­che­nen Wan­del von Wer­den und Ver­ge­hen, der die Ver­geb­lich­keit jeg­li­chen mensch­li­chen Stre­bens offen­bar wer­den läßt: »Es gibt nichts Neu­es unter der Son­ne.« Nach Roma­no Guar­di­ni befrei­te Chris­tus »den Men­schen aus der Unent­rinn­bar­keit des Wech­sels von Leben und Tod, von Licht und Fins­ter­nis, von Auf­stieg und Nie­der­sin­ken. Er durch­bricht die ver­zau­bern­de, schein­bar von allem Daseins­sinn gesät­tig­te, in Wahr­heit alle per­so­na­le Wür­de auf­lö­sen­de Ein­tö­nig­keit der Natur«, auf deren Grund in Wahr­heit »Schwer­mut, Über­druß, Öde, Ernüch­te­rung und Ver­zweif­lung« lie­gen. Bei T. S. Eli­ot heißt es: »Geburt, und Paa­rung, und Tod./Das ist alles, das ist alles, das ist alles,/Geburt, und Paa­rung, und Tod.« »Ich elen­der Mensch«, ruft der hei­li­ge Pau­lus ange­sichts des­sen aus. »Wer wird mich erlö­sen vom Lei­be die­ses Todes?«

Im Mit­tel­al­ter wur­de wie in der Anti­ke die mensch­li­che Hybris gegen­über den gott­ge­woll­ten Gren­zen scharf geäch­tet. »Für Dan­te ist das Unter­neh­men des Odys­seus, über die Säu­len des Her­ku­les – das heißt die Meer­enge von Gibral­tar – hin­aus ins offe­ne Meer zu fah­ren, ein Fre­vel, der ihm Unter­gang bringt«, bemerk­te Guar­di­ni in sei­nem Buch Das Ende der Neu­zeit (1950). »Der Mensch der neu­en Zeit fühlt das Uner­forsch­te als ver­lo­ckend. Es reizt ihn zur Ent­de­ckung. Er beginnt neue Erd­ge­bie­te zu erobern. Er fühlt die Mög­lich­keit, sich in die end­lo­se Welt zu wagen und sich zu  ihrem Herrn zu machen.«

Mit der Neu­zeit beginnt die Erschlie­ßung und Kon­trak­ti­on des glo­ba­len Rau­mes, die ein­her­geht mit einer zuneh­men­den Beschleu­ni­gung der Zeit. Charles Péguy klag­te vor Ein­bruch des Ers­ten Welt­kriegs, daß sich die Welt seit der Zeit Chris­ti nicht so ver­än­dert habe wie in den von ihm aus gese­hen letz­ten 30 Jah­ren. Dabei dach­te er vor allem an die fort­schrei­ten­de Herr­schaft der mam­mo­nis­ti­schen Bour­geoi­sie, von der »alle Ver­ir­run­gen, alle Ver­bre­chen« aus­ge­hen und die alle Welt nach ihrem Bil­de model­lie­ren will. Die­ser Pro­zeß wur­de von den gro­ßen Kri­ti­kern der Moder­ne auf unter­schied­li­che Wei­se beschrie­ben. Speng­ler spricht vom Über­gang der Kul­tur in die Spät­pha­se der »Zivi­li­sa­ti­on«, die urban, irreli­gi­ös, mate­ria­lis­tisch, kos­mo­po­li­tisch, intel­lek­tua­lis­tisch und tech­no­kra­tisch ist.

Bei Hei­deg­ger droht das Zeit­al­ter der »Machen­schaf­ten« und des »Gestells«, der Seins­ver­dun­ke­lung und Seins­ver­ges­sen­heit, bis zur größ­ten aller Gefah­ren, dem Anbruch des »end­lo­sen Win­ters« der göt­ter­lo­sen »Welt­nacht«. Für den Begrün­der des »inte­gra­len Tra­di­tio­na­lis­mus«, den fran­zö­si­schen Phi­lo­so­phen René Gué­non, bedeu­te­te die Moder­ne den Anbruch des »Reichs der Quan­ti­tät«. Das berühm­te Prin­zip des »größ­ten Glücks der größ­ten Zahl« der uti­li­ta­ris­ti­schen Ethik ent­springt dem quan­ti­ta­ti­ven Geist der Moder­ne. In der moder­nen Welt ermög­licht die Tech­nik die mas­sen­haf­te Pro­duk­ti­on von iden­ti­schen Mas­sen­gü­tern zum Zwe­cke des mas­sen­haf­ten Kon­sums durch mehr oder weni­ger iden­ti­sche Massenmenschen.

Die libe­ra­le Mas­sen­de­mo­kra­tie ver­folgt mas­sen­eu­dä­mo­nis­ti­sche Idea­le, deren Ver­wirk­li­chung der gesam­ten Mensch­heit zuge­dacht ist, die sich seit Mit­te der 1950er Jah­re mit einer Rasanz ver­mehrt, wie sie in der pla­ne­ta­ri­schen Geschich­te bis­her unbe­kannt und unvor­stell­bar war. Das Maß­lo­se, Uner­sätt­li­che, die »Meta­phy­sik des Unbe­grenz­ten« (Domi­ni­que Ven­ner) und des Sich-nicht-begren­zen-Wol­lens sind zur Signa­tur unse­rer Zeit gewor­den. »Schon eure zahl ist fre­vel«, heißt es bei Ste­fan George.

Gué­non stell­te die »auf­stei­gen­de«, »evo­lu­tio­nä­re« Geschichts­er­zäh­lung der Moder­ne radi­kal auf den Kopf. Das Mit­tel­al­ter deu­te­te er als letz­te Mani­fes­ti­on der authen­ti­schen »Tra­di­ti­on« in Euro­pa, also einer hier­ar­chisch geglie­der­ten, orga­ni­schen Gesell­schaft, die im Tran­szen­den­ten ver­an­kert ist und sich an unver­gäng­li­chen meta­phy­si­schen Prin­zi­pi­en ori­en­tiert, die alle Lebens­be­rei­che durchdringen.

Den Bogen Refor­ma­ti­on-Renais­sance-Auf­klä­rung ver­warf Gué­non als ste­ti­gen Zer­fall und Nie­der­gang, wobei er sich ver­blüf­fend gleich­gül­tig gegen­über den Errun­gen­schaf­ten der Küns­te und Wis­sen­schaf­ten der Neu­zeit zeig­te. Gué­non betrach­te­te die auf­ge­klär­te, libe­ra­le, tech­ni­sier­te, mate­ria­lis­ti­sche, demo­kra­ti­sche, also anti- und gegen­tra­di­tio­nel­le Zivi­li­sa­ti­on der west­li­chen Welt als ein wah­res Krebs­ge­schwür, das sich über den gan­zen Pla­ne­ten aus­brei­te, um auch noch die letz­ten nach tra­di­tio­na­len Prin­zi­pi­en orga­ni­sier­ten Kul­tu­ren zu zer­set­zen, etwa Indi­ens, Afri­kas und der ara­bi­schen Welt.

Damit kann man ihn als frü­hen Kri­ti­ker des west­li­chen Chau­vi­nis­mus und Uni­ver­sa­lis­mus sehen; im »Kampf der Kul­tu­ren« stell­te er sich vehe­ment auf die Sei­te der nicht­west­li­chen Kul­tu­ren, was etwa in sei­ner Kon­ver­si­on zum sufis­ti­schen Islam Aus­druck fand.

Die eigent­li­che Poin­te in Gué­nons Den­ken ist aller­dings die Vor­stel­lung, daß selbst die anti­tra­di­tio­nel­len Kräf­te nur Aus­druck eines über­ge­ord­ne­ten Zei­ten­laufs sind, Sym­pto­me und Kata­ly­sa­to­ren, die das Ende eines kos­mi­schen Zyklus ein­lei­ten. Die pro­me­t­hei­schen Macher, die Welt‑, Mensch­heits- und Selbst­erlö­ser, wären dem­nach nur Figu­ren einer höhe­ren Vor­se­hung. Denn auch die Zeit hat nach tra­di­tio­na­lis­ti­scher Auf­fas­sung einen qua­li­ta­ti­ven Cha­rak­ter, wes­halb jedes Zeit­al­ter sei­nen Kai­ros und sei­ne beson­de­re Signa­tur hat.

In sei­nem Haupt­werk Die Kri­sis der Neu­zeit (1927; dt. 1950) schrieb Gué­non: »Nach indi­scher Leh­re wird ein Zeit­kreis der Mensch­heit, Man­van­t­a­ra genannt, in vier Zeit­al­ter ein­ge­teilt, die zugleich die Gezei­ten einer stu­fen­wei­sen Ver­dun­ke­lung der urtüm­li­chen Geis­tig­keit anzei­gen: es sind die glei­chen Abschnit­te, die sei­tens der Über­lie­fe­run­gen des abend­län­di­schen Alter­tums als gol­de­nes, sil­ber­nes, eher­nes und eiser­nes Zeit­al­ter bezeich­net wurden.

Wir befin­den uns gegen­wär­tig im vier­ten, dem Kali-Yuga oder ›düs­tern Zeit­al­ter‹, und zwar, so heißt es, schon seit mehr als sechs­tau­send Jah­ren, mit­hin seit Zeit­läuf­ten, die allen der ›klas­si­schen‹ Geschichts­schrei­bun­gen bekann­ten weit vor­aus lie­gen.« Gué­non ver­mu­te­te, daß die Welt »nach allem, was die Leh­ren der Über­lie­fe­rung an Hin­wei­sen bie­ten, wahr­haf­tig in den End­ab­schnitt des Kali-Yuga, ins näch­tigs­te Gebiet« die­ses Zeit­al­ters ein­ge­tre­ten sei, »in den Zustand der Auf­lö­sung, aus dem nur noch durch eine Welt­ka­ta­stro­phe her­aus­zu­kom­men ist; denn nicht blo­ßes Auf­rich­ten tut nun­mehr not, son­dern völ­li­ge Erneuerung.«

Gué­nons Schü­ler Juli­us Evo­la zufol­ge (Den Tiger rei­ten, 1961; dt. 1997) bedeu­tet die­ses »eiser­ne« Zeit­al­ter den »Über­gang zur chao­ti­schen Frei­set­zung von Kräf­ten des ein­zel­nen und der Gemein­schaft (sowohl mate­ri­el­ler, psy­chi­scher und spi­ri­tu­el­ler Art). Die­se Kräf­te waren zuvor auf ver­schie­de­ne Wei­se durch Geset­ze, die von oben kamen, und durch Ein­flüs­se, die von einem höhe­ren Ord­nungs­prin­zip aus­gin­gen, gebun­den.« Am Ende des Zyklus »erwacht« jedoch die Gott­heit Kali, Sym­bol für die »ursprüng­li­chen Kräf­te von Leben und Welt«, also auch von orgi­as­ti­scher Sexua­li­tät, Tod und Zerstörung.

Ein wei­te­rer Schü­ler Gué­nons, Mar­tin Lings, der bereits die Ent­wick­lung von Schrift und Acker­bau als frü­he spi­ri­tu­el­le Nie­der­gangs­sym­pto­me deu­te­te, for­mu­lier­te: »Im End­ab­schnitt eines Zeit­krei­ses erreicht die Welt den höchs­ten Grad ihrer Tren­nung vom Urgrund« (Die elf­te Stun­de, 1987; dt. 1989). Das End­sta­di­um des »Eiser­nen Zeit­al­ters« ent­spricht also der End­zeit der christ­li­chen Heils­ge­schich­te, der von einem uni­ver­sa­len Glau­bens­ab­fall gepräg­ten Herr­schaft des Anti­chris­ten, nach Gué­non eine »sata­ni­sche« Par­odie all des­sen, was wahr­haft spi­ri­tu­ell und tra­di­tio­nal ist.

Der ehe­ma­li­ge Katho­lik Gué­non über­nahm mit­hin das Para­do­xon des christ­li­chen Vor­bilds: Der Anti­christ muß kom­men nach dem Wil­len Got­tes, der selbst die sie­ben Sie­gel des Buchs der Apo­ka­lyp­se öff­nen läßt. Den­noch besteht die Pflicht, den Kräf­ten der Zer­set­zung zu wider­ste­hen. Die­se aber sind »ver­gleich­bar einer Welt­ka­ta­stro­phe, die zwar dem regel­rech­ten Lauf der Din­ge ent­springt, aber bei abge­son­der­ter Betrach­tung gleich­wohl als umstür­zen­de Regel­wid­rig­keit erscheint«. Kon­se­quen­ter­wei­se rief er dazu auf, die »Schwe­re der Lage« ohne »Opti­mis­mus« oder »Pes­si­mis­mus« zu sehen, denn der Zyklus müs­se voll­endet wer­den, um ein neu­es »Gol­de­nes Zeit­al­ter« zu initi­ie­ren. Gué­nons Deu­tung der Geschich­te mar­kiert wahr­schein­lich den extrems­ten Gegen­pol zu jeg­li­chem moder­nen Mach­bar­keits- und Fort­schritts­den­ken, des­sen »Gol­de­nes Zeit­al­ter« im Gegen­satz zu dem der Tra­di­tio­na­lis­ten in der Zukunft liegt und von Men­schen­hand her­bei­ge­führt wer­den kann.

Sämt­li­che Ver­su­che, Raum und Zeit zu beherr­schen, jeder mate­ria­lis­ti­sche Auf­stand gegen Tod und Schick­sal, ob gene­ti­scher, tech­no­lo­gi­scher oder kyber­ne­ti­scher Art, wäre dem­nach Aus­druck einer fal­schen Meta­phy­sik, die nur die Auf­ga­be hat, die Zer­set­zung aller Res­te der »wirk­li­chen Über­lie­fe­rung«, aller ver­blie­be­nen Kul­tu­ren im eigent­li­chen Sin­ne, zu voll­enden und die Beschleu­ni­gung Rich­tung Null­punkt, also Rich­tung Kol­laps voranzutreiben.

In den Wor­ten Rein­hold Schnei­ders soll der Baby­lo­ni­sche Turm­bau gelin­gen, denn erst sei­ne Spit­ze wer­de den Blitz des Gerichts her­ab­ru­fen: »Der Turm ist das letz­te, was der Mensch ver­mag zur Voll­endung der Geschich­te: die Her­aus­for­de­rung ›Kom­me bald!‹« Auch hier war Gué­non kon­se­quent, indem er sich einer Reli­gi­on anschloß, die zu einem gott­er­ge­be­nen Fata­lis­mus neigt, und zwar bezeich­nen­der­wei­se in ihrer mys­ti­schen, »brah­ma­ni­schen« und nicht dschi­ha­dis­ti­schen Aus­prä­gung. Sein Schü­ler Juli­us Evo­la ent­schloß sich hin­ge­gen in den 1930er Jah­ren gewis­ser­ma­ßen zum Weg der Krie­ger­kas­te, indem er Gué­nons Prin­zi­pi­en mit einem rabia­ten, nietz­schea­ni­schen Anti­chris­ten­tum kurz­schloß und aktiv ver­such­te, auf die Poli­tik des ita­lie­ni­schen Faschis­mus welt­an­schau­li­chen Ein­fluß zuneh­men, in dem er zumin­dest Ele­men­te der »männ­lich-sola­ren« Tra­di­ti­on zu erken­nen glaubte.

Zur glei­chen Zeit erblick­te auch Mar­tin Hei­deg­ger in der »natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Revo­lu­ti­on« einen ver­meint­li­chen »Auf­bruch« vol­ler »Herr­lich­keit« und »Grö­ße«, der womög­lich in die Tie­fen­schich­ten »von zwei Jahr­tau­sen­den abend­län­di­scher Geschich­te« rei­chen kön­ne, deren »Geschick« das »Wort Nietz­sches« genannt hat­te: »Gott ist tot!«. Gott­fried Benn schrieb noch im April 1949: »Auch heu­te bin ich der Mei­nung, daß der N.S. ein ech­ter und tief­an­ge­leg­ter Ver­such war, das wan­ken­de Abend­land zu retten.

Daß dann unge­eig­ne­te und kri­mi­nel­le Ele­men­te das Über­ge­wicht beka­men, ist nicht mei­ne Schuld und war nicht ohne wei­te­res vor­aus­zu­se­hen.« Faschis­mus und Natio­nal­so­zia­lis­mus waren ange­tre­ten, den Ver­falls­kräf­ten der Moder­ne ent­ge­gen­zu­wir­ken, und betei­lig­ten sich am Ende nur um so gründ­li­cher am Werk der Zerstörung.

Obwohl Evo­la nach dem Krieg von neo­fa­schis­ti­schen Krei­sen als Vor­den­ker ver­ehrt wur­de, zog er sich zuneh­mend auf eine »brah­ma­ni­sche«, »apo­li­ti­sche« Hal­tung zurück. Ihm blieb nur mehr die eige­ne spi­ri­tu­el­le Unbeug­sam­keit als Hüter abso­lu­ter Prin­zi­pi­en: »Geht ein Zyklus einer Zivi­li­sa­ti­on auf sein Ende zu, so ist es schwie­rig, durch Wider­stand oder offe­ne Oppo­si­ti­on zu den herr­schen­den Kräf­ten irgend etwas zu erreichen.

Der Strom ist zu stark, man wür­de mit­ge­ris­sen wer­den. Wesent­lich ist aber, sich von der ver­meint­li­chen All­macht und dem ver­meint­li­chen Tri­umph der Kräf­te der Zeit nicht beein­dru­cken zu las­sen. Sol­che Kräf­te ste­hen in kei­ner Ver­bin­dung zu irgend­ei­nem höhe­ren Prin­zip und haben einen begrenz­ten Spiel­raum.« Es scheint, daß im Kali-Yuga, im Zeit­al­ter der Mas­sen­po­li­tik, jedes Unter­fan­gen, eine wah­re und gerech­te Ord­nung her­zu­stel­len, zum Schei­tern ver­dammt ist. »Fin­det eine Son­nen­fins­ter­nis statt, so sitzt jeder­mann im Schat­ten«, schrieb Péguy: »Alles beginnt mit Mys­tik und endet in Poli­tik.« Damit mein­te er: Mys­tik ent­ar­tet stets in Poli­tik – das sei all­ge­mei­nes Gesetz.

Der Mythos vom in ewi­ger hyper­boräi­scher Fer­ne lie­gen­den »Gol­de­nen Zeit­al­ter« der Ursprungs­tra­di­ti­on ist viel­leicht so etwas wie das Gegen­teil von Sorels »mobi­li­sie­ren­den« Mythen. Wer will, wer kann sich dem Zei­ger der eher­nen Zei­ten­uhr ent­ge­gen­stel­len? Selbst die, die es ver­su­chen, ste­hen letzt­lich in sei­nem Dienst.

Am Ende bleibt den radi­ka­len Krebs­gän­gern nur der Weg zu den Betern und Büßern übrig. Benn, der sich sei­ner­seits an der Poli­tik die Fin­ger ver­brannt hat­te, hat­te es lan­ge vor Evo­la selbst erkannt, als er über des­sen 1935 auf deutsch erschie­ne­nes Buch Erhe­bung wider die moder­ne Welt schrieb: »[…] abso­lu­ter Besitz des Ich, abso­lu­ter nack­ter Besitz, Wirk­lich­keit schlecht­hin, Mensch: sei­end, ein­fach, abge­son­dert, erschre­ckend, vor dem die Göt­ter ver­gäng­lich sind.« Eine sol­che Hal­tung wer­den sich nur jene ret­ten, »die im Orden, die im Eli­tis­mus, in der Aske­se, die im Fas­ten sind.

In Klös­tern, schwar­ze Mön­che, weni­ge, in einem unaus­lösch­li­chen Schwei­gen, in einer unum­stöß­li­chen Pas­si­vi­tät, dage­gen Trap­pis­ten wür­den wie Der­wi­sche wir­ken. Dort erle­ben sie das Ende, die Mit­ter­nacht. Dort voll­füh­ren sie das Amt der Ver­bin­dung und der Über­tra­gung von den Kei­men der Leben­den von einem Zyklus zu dem ande­ren. Dank ih- nen ist die Tra­di­ti­on trotz allem gegen­wär­tig, die Flam­me brennt.«

 

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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