1. Juni 2017

Der demobilisierende Mythos

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Zeit und Raum sind die Bedingungen, die unsere körperliche Existenz definieren und limitieren, weshalb sie in einem gewissen Sinne auch die Hauptfeinde der Progressisten, Utopisten, Transhumanisten und artverwandten Erben des Prometheus sind. Das Leben ist »der Narr der Zeit«, heißt es bei Shakespeare, »und Zeit, des Weltlaufs Zeugin, muß enden!« Wo Zeit und Raum aufgehoben sind und gleichsam in einem Punkt zusammenfallen, dort ist vielleicht das Paradies, das »Goldene Zeitalter«, das unvergängliche Sein. »Du siehst, mein Sohn, zum Raum wird hier die Zeit«, heißt es in Wagners Parsifal, nämlich in Montsalvat, wo der Heilige Gral verwahrt wird.

Das Ende der Zeit zu besiegeln und damit die in Raum und Zeit gefallene Schöpfung ins wiedergewonnene Paradies des »himmlischen Jerusalem« zu überführen, das blieb bis zum Beginn der Neuzeit Gott vorbehalten. Wie auch das einzelne Menschenleben war die Weltgeschichte von der Vertreibung aus dem Paradies bis zum apokalyptischen Gericht eine Frist, die unerbittlich ablief. Die Antike ließ dem Menschen hier wenig Spielraum: Die Homerischen Epen und attischen Tragödien zeigen ihn als Spielball überpersönlichen Geschicks und willkürlicher, unabänderlicher göttlicher Beschlüsse. In der griechischen Mythologie sind selbst die Götter dem von den Moiren zugeteilten Fatum unterworfen.

In der christlichen Zeit spielte der freie Wille eine etwas größere Rolle als in der Antike, obwohl die Prädestinationslehre immer wieder in der Theologie auftauchte. Dem Menschen oblag die Entscheidung, nach den göttlichen Geboten zu leben oder aber den Weg der Sünde einzuschlagen, der in die ewige Verdammnis führen konnte. Manche Theologen deuten das Christentum als Erlösung aus dem als Gefängnis empfundenen ewigen Kreislauf der Natur, also der Zeit selbst.

Im Prediger Salomo erklingt die Klage über diesen ununterbrochenen Wandel von Werden und Vergehen, der die Vergeblichkeit jeglichen menschlichen Strebens offenbar werden läßt: »Es gibt nichts Neues unter der Sonne.« Nach Romano Guardini befreite Christus »den Menschen aus der Unentrinnbarkeit des Wechsels von Leben und Tod, von Licht und Finsternis, von Aufstieg und Niedersinken. Er durchbricht die verzaubernde, scheinbar von allem Daseinssinn gesättigte, in Wahrheit alle personale Würde auflösende Eintönigkeit der Natur«, auf deren Grund in Wahrheit »Schwermut, Überdruß, Öde, Ernüchterung und Verzweiflung« liegen. Bei T. S. Eliot heißt es: »Geburt, und Paarung, und Tod./Das ist alles, das ist alles, das ist alles,/Geburt, und Paarung, und Tod.« »Ich elender Mensch«, ruft der heilige Paulus angesichts dessen aus. »Wer wird mich erlösen vom Leibe dieses Todes?«

Im Mittelalter wurde wie in der Antike die menschliche Hybris gegenüber den gottgewollten Grenzen scharf geächtet. »Für Dante ist das Unternehmen des Odysseus, über die Säulen des Herkules – das heißt die Meerenge von Gibraltar – hinaus ins offene Meer zu fahren, ein Frevel, der ihm Untergang bringt«, bemerkte Guardini in seinem Buch Das Ende der Neuzeit (1950). »Der Mensch der neuen Zeit fühlt das Unerforschte als verlockend. Es reizt ihn zur Entdeckung. Er beginnt neue Erdgebiete zu erobern. Er fühlt die Möglichkeit, sich in die endlose Welt zu wagen und sich zu  ihrem Herrn zu machen.«

Mit der Neuzeit beginnt die Erschließung und Kontraktion des globalen Raumes, die einhergeht mit einer zunehmenden Beschleunigung der Zeit. Charles Péguy klagte vor Einbruch des Ersten Weltkriegs, daß sich die Welt seit der Zeit Christi nicht so verändert habe wie in den von ihm aus gesehen letzten 30 Jahren. Dabei dachte er vor allem an die fortschreitende Herrschaft der mammonistischen Bourgeoisie, von der »alle Verirrungen, alle Verbrechen« ausgehen und die alle Welt nach ihrem Bilde modellieren will. Dieser Prozeß wurde von den großen Kritikern der Moderne auf unterschiedliche Weise beschrieben. Spengler spricht vom Übergang der Kultur in die Spätphase der »Zivilisation«, die urban, irreligiös, materialistisch, kosmopolitisch, intellektualistisch und technokratisch ist.

Bei Heidegger droht das Zeitalter der »Machenschaften« und des »Gestells«, der Seinsverdunkelung und Seinsvergessenheit, bis zur größten aller Gefahren, dem Anbruch des »endlosen Winters« der götterlosen »Weltnacht«. Für den Begründer des »integralen Traditionalismus«, den französischen Philosophen René Guénon, bedeutete die Moderne den Anbruch des »Reichs der Quantität«. Das berühmte Prinzip des »größten Glücks der größten Zahl« der utilitaristischen Ethik entspringt dem quantitativen Geist der Moderne. In der modernen Welt ermöglicht die Technik die massenhafte Produktion von identischen Massengütern zum Zwecke des massenhaften Konsums durch mehr oder weniger identische Massenmenschen.

Die liberale Massendemokratie verfolgt masseneudämonistische Ideale, deren Verwirklichung der gesamten Menschheit zugedacht ist, die sich seit Mitte der 1950er Jahre mit einer Rasanz vermehrt, wie sie in der planetarischen Geschichte bisher unbekannt und unvorstellbar war. Das Maßlose, Unersättliche, die »Metaphysik des Unbegrenzten« (Dominique Venner) und des Sich-nicht-begrenzen-Wollens sind zur Signatur unserer Zeit geworden. »Schon eure zahl ist frevel«, heißt es bei Stefan George.

Guénon stellte die »aufsteigende«, »evolutionäre« Geschichtserzählung der Moderne radikal auf den Kopf. Das Mittelalter deutete er als letzte Manifestion der authentischen »Tradition« in Europa, also einer hierarchisch gegliederten, organischen Gesellschaft, die im Transzendenten verankert ist und sich an unvergänglichen metaphysischen Prinzipien orientiert, die alle Lebensbereiche durchdringen.

Den Bogen Reformation-Renaissance-Aufklärung verwarf Guénon als stetigen Zerfall und Niedergang, wobei er sich verblüffend gleichgültig gegenüber den Errungenschaften der Künste und Wissenschaften der Neuzeit zeigte. Guénon betrachtete die aufgeklärte, liberale, technisierte, materialistische, demokratische, also anti- und gegentraditionelle Zivilisation der westlichen Welt als ein wahres Krebsgeschwür, das sich über den ganzen Planeten ausbreite, um auch noch die letzten nach traditionalen Prinzipien organisierten Kulturen zu zersetzen, etwa Indiens, Afrikas und der arabischen Welt.

Damit kann man ihn als frühen Kritiker des westlichen Chauvinismus und Universalismus sehen; im »Kampf der Kulturen« stellte er sich vehement auf die Seite der nichtwestlichen Kulturen, was etwa in seiner Konversion zum sufistischen Islam Ausdruck fand.

Die eigentliche Pointe in Guénons Denken ist allerdings die Vorstellung, daß selbst die antitraditionellen Kräfte nur Ausdruck eines übergeordneten Zeitenlaufs sind, Symptome und Katalysatoren, die das Ende eines kosmischen Zyklus einleiten. Die prometheischen Macher, die Welt-, Menschheits- und Selbsterlöser, wären demnach nur Figuren einer höheren Vorsehung. Denn auch die Zeit hat nach traditionalistischer Auffassung einen qualitativen Charakter, weshalb jedes Zeitalter seinen Kairos und seine besondere Signatur hat.

In seinem Hauptwerk Die Krisis der Neuzeit (1927; dt. 1950) schrieb Guénon: »Nach indischer Lehre wird ein Zeitkreis der Menschheit, Manvantara genannt, in vier Zeitalter eingeteilt, die zugleich die Gezeiten einer stufenweisen Verdunkelung der urtümlichen Geistigkeit anzeigen: es sind die gleichen Abschnitte, die seitens der Überlieferungen des abendländischen Altertums als goldenes, silbernes, ehernes und eisernes Zeitalter bezeichnet wurden.

Wir befinden uns gegenwärtig im vierten, dem Kali-Yuga oder ›düstern Zeitalter‹, und zwar, so heißt es, schon seit mehr als sechstausend Jahren, mithin seit Zeitläuften, die allen der ›klassischen‹ Geschichtsschreibungen bekannten weit voraus liegen.« Guénon vermutete, daß die Welt »nach allem, was die Lehren der Überlieferung an Hinweisen bieten, wahrhaftig in den Endabschnitt des Kali-Yuga, ins nächtigste Gebiet« dieses Zeitalters eingetreten sei, »in den Zustand der Auflösung, aus dem nur noch durch eine Weltkatastrophe herauszukommen ist; denn nicht bloßes Aufrichten tut nunmehr not, sondern völlige Erneuerung.«

Guénons Schüler Julius Evola zufolge (Den Tiger reiten, 1961; dt. 1997) bedeutet dieses »eiserne« Zeitalter den »Übergang zur chaotischen Freisetzung von Kräften des einzelnen und der Gemeinschaft (sowohl materieller, psychischer und spiritueller Art). Diese Kräfte waren zuvor auf verschiedene Weise durch Gesetze, die von oben kamen, und durch Einflüsse, die von einem höheren Ordnungsprinzip ausgingen, gebunden.« Am Ende des Zyklus »erwacht« jedoch die Gottheit Kali, Symbol für die »ursprünglichen Kräfte von Leben und Welt«, also auch von orgiastischer Sexualität, Tod und Zerstörung.

Ein weiterer Schüler Guénons, Martin Lings, der bereits die Entwicklung von Schrift und Ackerbau als frühe spirituelle Niedergangssymptome deutete, formulierte: »Im Endabschnitt eines Zeitkreises erreicht die Welt den höchsten Grad ihrer Trennung vom Urgrund« (Die elfte Stunde, 1987; dt. 1989). Das Endstadium des »Eisernen Zeitalters« entspricht also der Endzeit der christlichen Heilsgeschichte, der von einem universalen Glaubensabfall geprägten Herrschaft des Antichristen, nach Guénon eine »satanische« Parodie all dessen, was wahrhaft spirituell und traditional ist.

Der ehemalige Katholik Guénon übernahm mithin das Paradoxon des christlichen Vorbilds: Der Antichrist muß kommen nach dem Willen Gottes, der selbst die sieben Siegel des Buchs der Apokalypse öffnen läßt. Dennoch besteht die Pflicht, den Kräften der Zersetzung zu widerstehen. Diese aber sind »vergleichbar einer Weltkatastrophe, die zwar dem regelrechten Lauf der Dinge entspringt, aber bei abgesonderter Betrachtung gleichwohl als umstürzende Regelwidrigkeit erscheint«. Konsequenterweise rief er dazu auf, die »Schwere der Lage« ohne »Optimismus« oder »Pessimismus« zu sehen, denn der Zyklus müsse vollendet werden, um ein neues »Goldenes Zeitalter« zu initiieren. Guénons Deutung der Geschichte markiert wahrscheinlich den extremsten Gegenpol zu jeglichem modernen Machbarkeits- und Fortschrittsdenken, dessen »Goldenes Zeitalter« im Gegensatz zu dem der Traditionalisten in der Zukunft liegt und von Menschenhand herbeigeführt werden kann.

Sämtliche Versuche, Raum und Zeit zu beherrschen, jeder materialistische Aufstand gegen Tod und Schicksal, ob genetischer, technologischer oder kybernetischer Art, wäre demnach Ausdruck einer falschen Metaphysik, die nur die Aufgabe hat, die Zersetzung aller Reste der »wirklichen Überlieferung«, aller verbliebenen Kulturen im eigentlichen Sinne, zu vollenden und die Beschleunigung Richtung Nullpunkt, also Richtung Kollaps voranzutreiben.

In den Worten Reinhold Schneiders soll der Babylonische Turmbau gelingen, denn erst seine Spitze werde den Blitz des Gerichts herabrufen: »Der Turm ist das letzte, was der Mensch vermag zur Vollendung der Geschichte: die Herausforderung ›Komme bald!‹« Auch hier war Guénon konsequent, indem er sich einer Religion anschloß, die zu einem gottergebenen Fatalismus neigt, und zwar bezeichnenderweise in ihrer mystischen, »brahmanischen« und nicht dschihadistischen Ausprägung. Sein Schüler Julius Evola entschloß sich hingegen in den 1930er Jahren gewissermaßen zum Weg der Kriegerkaste, indem er Guénons Prinzipien mit einem rabiaten, nietzscheanischen Antichristentum kurzschloß und aktiv versuchte, auf die Politik des italienischen Faschismus weltanschaulichen Einfluß zunehmen, in dem er zumindest Elemente der »männlich-solaren« Tradition zu erkennen glaubte.

Zur gleichen Zeit erblickte auch Martin Heidegger in der »nationalsozialistischen Revolution« einen vermeintlichen »Aufbruch« voller »Herrlichkeit« und »Größe«, der womöglich in die Tiefenschichten »von zwei Jahrtausenden abendländischer Geschichte« reichen könne, deren »Geschick« das »Wort Nietzsches« genannt hatte: »Gott ist tot!«. Gottfried Benn schrieb noch im April 1949: »Auch heute bin ich der Meinung, daß der N.S. ein echter und tiefangelegter Versuch war, das wankende Abendland zu retten.

Daß dann ungeeignete und kriminelle Elemente das Übergewicht bekamen, ist nicht meine Schuld und war nicht ohne weiteres vorauszusehen.« Faschismus und Nationalsozialismus waren angetreten, den Verfallskräften der Moderne entgegenzuwirken, und beteiligten sich am Ende nur um so gründlicher am Werk der Zerstörung.

Obwohl Evola nach dem Krieg von neofaschistischen Kreisen als Vordenker verehrt wurde, zog er sich zunehmend auf eine »brahmanische«, »apolitische« Haltung zurück. Ihm blieb nur mehr die eigene spirituelle Unbeugsamkeit als Hüter absoluter Prinzipien: »Geht ein Zyklus einer Zivilisation auf sein Ende zu, so ist es schwierig, durch Widerstand oder offene Opposition zu den herrschenden Kräften irgend etwas zu erreichen.

Der Strom ist zu stark, man würde mitgerissen werden. Wesentlich ist aber, sich von der vermeintlichen Allmacht und dem vermeintlichen Triumph der Kräfte der Zeit nicht beeindrucken zu lassen. Solche Kräfte stehen in keiner Verbindung zu irgendeinem höheren Prinzip und haben einen begrenzten Spielraum.« Es scheint, daß im Kali-Yuga, im Zeitalter der Massenpolitik, jedes Unterfangen, eine wahre und gerechte Ordnung herzustellen, zum Scheitern verdammt ist. »Findet eine Sonnenfinsternis statt, so sitzt jedermann im Schatten«, schrieb Péguy: »Alles beginnt mit Mystik und endet in Politik.« Damit meinte er: Mystik entartet stets in Politik – das sei allgemeines Gesetz.

Der Mythos vom in ewiger hyperboräischer Ferne liegenden »Goldenen Zeitalter« der Ursprungstradition ist vielleicht so etwas wie das Gegenteil von Sorels »mobilisierenden« Mythen. Wer will, wer kann sich dem Zeiger der ehernen Zeitenuhr entgegenstellen? Selbst die, die es versuchen, stehen letztlich in seinem Dienst.

Am Ende bleibt den radikalen Krebsgängern nur der Weg zu den Betern und Büßern übrig. Benn, der sich seinerseits an der Politik die Finger verbrannt hatte, hatte es lange vor Evola selbst erkannt, als er über dessen 1935 auf deutsch erschienenes Buch Erhebung wider die moderne Welt schrieb: »[…] absoluter Besitz des Ich, absoluter nackter Besitz, Wirklichkeit schlechthin, Mensch: seiend, einfach, abgesondert, erschreckend, vor dem die Götter vergänglich sind.« Eine solche Haltung werden sich nur jene retten, »die im Orden, die im Elitismus, in der Askese, die im Fasten sind.

In Klöstern, schwarze Mönche, wenige, in einem unauslöschlichen Schweigen, in einer unumstößlichen Passivität, dagegen Trappisten würden wie Derwische wirken. Dort erleben sie das Ende, die Mitternacht. Dort vollführen sie das Amt der Verbindung und der Übertragung von den Keimen der Lebenden von einem Zyklus zu dem anderen. Dank ih- nen ist die Tradition trotz allem gegenwärtig, die Flamme brennt.«

 


Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.


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