Sezession
1. Juni 2017

Übermorgen – Sieben Bilder

Götz Kubitschek

Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

1.) Als ich am Beet kniete, um Rettich zu verziehen, traf es mich wie ein Nackenschlag: Nichts tust du noch, ohne es politisch einzuordnen. Alles hat seinen Platz in deinem Bild erhalten, wird politisch vernutzt. Warum kam Dir eben das Wort »identitär« in den Sinn, als du vor und hinter dem Pflänzchen die zu nahen Nachbarn jätetest?

Ist dieses bißchen Gemüse, sind die paar Hühner, die Beerenbüsche, die Apfelbäume, sind die Ziegen und die Salatköpfe widerständige Akte oder nicht doch einfach das, was dir Freude bereitet, wie jedem Freund der Fluren (und von dieser Sorte trifft man doch in jedem Dorf ein paar)? Der Gärtner, der Hegende: fraglos eine politische Figur, du hast sie selbst verwendet und dabei an Gerhard Nebel, Baldur Springmann und Tom Bombadil gedacht. Der Gärtner vor allem aber: eine uralte, fördernde, dem Leben zugewandte, singende Gestalt, die es gibt, seit du seßhaft bist. Man sagt, deiner Großmutter seien drei Ernten im Jahr gelungen. Du sagst, deine Frau sei nie schöner als in der Mittagshitze eines sommerlichen Gartens, wenn man die Früchte lautlos reifen hören kann. In welche ferne Zeit bloß verschiebst Du den Dank? Auf übermorgen?

2.) Es muß Anfang 1991 gewesen sein, als ein Unteroffizier der Fernspäh-Kompanie, in der ich diente, im Suff aus zwei Latten ein Kreuz bastelte, es mit Schuhcreme einschmierte und sich selbst ein Laken überwarf. Dann stolperte er durch die Kaserne und pflanzte das Kreuz vor einer Unterkunft für Rußlanddeutsche auf, die jenseits lag. Der Unteroffizier war zu faul selbst für die geringste Verschleierungsmaßnahme. Er fackelte sein Kreuz innerhalb der Umzäunung ab, schrie irgendetwas in die Nacht und stiefelte zurück in die Unterkunft. Wir Rekruten bekamen von alldem nichts mit.

Am nächsten Morgen trat die Kompanie vollzählig vor dem hohen Gebäude der alten Ulanenkaserne an. Der Spieß berichtete von dem Vorfall, den die Wache protokolliert hatte, und äußerte lapidar, daß der Täter seiner und unseres Kompaniechefs Meinung nach ohne jeden Zweifel aus unseren Reihen stamme – keinem der anderthalbtausend Fernmelder und Nachschieber, mit denen wir uns den Standort teilen mußten, sei derlei zuzutrauen. Er gebe nun diesem Idioten drei Sekunden Zeit, vorzutreten und sich zu stellen, uns allen eine knappe Minute, um den Kerl auszuliefern. Niemand rührte sich.

Der Spieß befahl uns ins Stillgestanden, unser Chef, der Major, trat aus dem Gebäude und ließ sich melden. Er befahl seine Feldwebel zu sich und entsandte sie zur Durchsuchung der Stuben. Nach wenigen Minuten brachte man ein Laken, das seinen Besitzer zweifelsfrei als den Täter überführte: Er hatte es vorschriftsmäßig wieder auf sein Bett gezogen, die beiden hineingeschnittenen Augenlöcher sorgfältig glattgestrichen auf Höhe des Kopfkissens. Nun trat er vor, gestand, weinte ein wenig und wurde abgeführt. Unser Chef regelte die Sache. Der Unteroffizier wurde degradiert, schob drei Monate lang an jedem Wochenende Dienst, bewährte sich, besuchte den Laufbahnlehrgang noch einmal und schied nach acht Jahren Dienstzeit als ein Stabsunteroffizier aus, der sich nie wieder etwas Derartiges zuschulden hatte kommen lassen.

Wir Rekruten wurden damals nicht lange behelligt mit irgendeiner »Aufarbeitung« dieses Falles. Derlei kam wohl vor, und in der Theorie war klar, daß so etwas generell unreif, idiotisch, eines Soldaten nicht würdig war. Aber wir lernten mit der Zeit auch die Gemütslage besoffener Kerle kennen, die als Staatsbürger in Uniform, bar jeder Tradition, in der Sinnkrise des Militärs nach der Wende und im Post-Histoire nichts mit sich anzufangen wußten und auf dumme Gedanken kamen, wenn sie zu lange in der Kaserne herumsaßen und mitbekamen, daß man sie alle- samt für Mörder hielt und halten durfte.

Ich war mit jenem Unteroffizier dreimal auf Trupp, einmal über anderthalb Wochen bei saumäßig naßkaltem Wetter in miesem Gelände. Selten bin ich besser geführt worden, und ich habe dabei auf die Zuversicht und kameradschaftliche Fürsorge zu vertrauen gelernt, die den guten Vorgesetzten auszeichnet und von denen es in der Fernspäherei Dutzende gab. Sie alle haben diese Armee verlassen müssen oder sind aus freien Stücken gegangen.


Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

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