1. Juni 2017

Moderner Konservativismus: rechte Ideen in der postmodernen Welt

Gastbeitrag

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Wir sprechen erst seit der Französischen Revolution in der Politik von links und rechts. Eine Links-rechts-Aufteilung entlang ideologischer Standpunkte ist aber auch auf die davorliegenden und sowieso auf die späteren Jahrhunderte übertragbar: Rechts ist die Tendenz zur Bewahrung, links die zur Erneuerung. Begriffe wie Bewahrung (rechts) und Erneuerung (links) werden hier im positiven Sinne verwendet. Wertet man sie negativ, vertritt die Rechte den Rückschritt, während man der Linken Erneuerungswahn und Verschlossenheit gegenüber der Welt der Traditionen vorwerfen kann.

Wachstum und Erhaltung, Maßlosigkeit und Rückständigkeit – beide Begriffspaare gehören zu den bedeutenden Aspekten der Geschichte.

Im Goldenen Zeitalter sind diese Kräfte auf einen Ausgleich bedacht, in dem alles erhalten bleibt, was gut ist, und alles Schlechte zum Guten verändert wird. Im Eisernen Zeitalter ist es genau umgekehrt: Alles, was schlecht ist, bleibt erhalten, und alles, was als gut gilt, wird um- gekrempelt – das Gute geht dabei verloren. Dieses (Eiserne) Zeitalter ist nicht schöpferisch, sondern bedeutet Verfall und Zerstörung. Das Goldene Zeitalter läßt die Kultur aufblühen, das Eiserne frißt sie. Natürlich liegt die Realität immer irgendwo zwischen den Extremfällen, jede Epoche enthält Prozesse des Schaffenden und des Zerstörenden. Die wesentliche Frage ist, ob sich diese Kräfte im Gleichgewicht befinden oder aus den Fugen geraten.

Grob gesagt zerstörte die Französische Revolution neben vielem anderen auch das schöpferische Gleichgewicht: Die Rechte (Bewahrung) ging in die Defensive, und die Linke (Erneuerung) schlüpfte in die Rolle des Alleinherrschers. Die Zerrüttung des politischen Gleichgewichtes bedeutete für die Linke, daß sie in die Falle ihrer eigenen negativen Tendenzen geriet. Ideenpolitisch betrachtet herrschten im 20. Jahrhundert nur linksgesinnte Ideen und »-ismen« – denn von der Politikwissenschaft als »bürgerliche Rechte« oder gar als »rechtsextrem« bezeichnete Ideen sind eigentlich mehrheitlich links. Statt der Bewahrung und Erhaltung galt fortan für alle dasselbe Ziel: das Vorantreiben von Erneuerung, Veränderung und Progression. Der Kommunismus hing ähnlichen stark an der utopischen Erneuerung wie der Nazismus.

Auch die Anhänger der liberalen Demokratie glauben an die Versprechen einer schönen neuen Welt, für die man alles Bisherige drastisch verändern oder – anders formuliert – zerstören müsse und dürfe. Das Schema ist dabei immer dasselbe: Die Linke räumt alles ab, zerschlägt, verschlingt und verdaut die Substanz – und scheitert letztlich mit ihrem Experiment. Und deshalb steckt unsere Welt in einer wirtschaftlichen, gesellschaftlichen, politischen, moralischen und ideologischen Krise. Man könnte behaupten, die Geschichte verliefe immer nach diesem Muster, aber das stimmt nicht: Diesmal ist es anders, denn es ist kein Gegengewicht in Aussicht. Wohin wir blicken: Verfall.

Die derzeitige globale Weltordnung droht für uns Menschen, für unsere Kultur und unser Ökosystem in einer Katastrophe zu enden.

Wenn wir die derzeitige politische Lage in Europa betrachten, scheint es so, als sei nicht die Rechte, sondern die Linke gescheitert. Die traditionellen linksgesinnten, sozialistischen Parteien gehen reihenweise unter, während die rechten politischen Kräfte immer stärker werden. Aber mehr noch: Was sich gerade vollzieht, ist das Ende des seit 1789 /93 vorhandenen politischen Systems. Im Sinne der klaren Links-rechts-Trennung sind alle gleichermaßen gescheitert.

Das führt einerseits zu weltanschaulicher Verwirrung, denn die heutigen politischen Parteien sind an und für sich alle irgendwie links: Die Tendenz der Erneuerung unterdrückt die in ihnen vorhandene Kraft der Bewahrung. Andererseits haben die linken und rechten Ansätze an sich ihren jeweiligen Sinn verloren. Sie sind nicht imstande, die Probleme des 21.Jahrhunderts zu begreifen – geschweige denn sie zu lösen. Aus dieser doppelten Sackgasse können wir uns nur dadurch befreien, daß wir das politisch Überkommene aufgeben. Auf der weltanschaulichen Ebene ist die Dichotomie von rechts und links, von Bewahrung und Erneuerung noch immer entscheidend, doch auf der Ebene der angewandten Politik ist daran nicht mehr zu denken.

Es stellt sich nun die Frage, ob es nicht schizophren wäre, wenn wir unsere theoretischen Überzeugungen nicht in der Praxis der gesellschaftlichen Prozesse verwirklichen wollten. Die Frage ist wichtig, die Bedenken sind berechtigt. Der Grund, warum wir trotzdem einen neuen Lösungsansatz empfehlen, stammt nicht aus unserem Desinteresse an ideologischer Reinheit, sondern aus der Erkenntnis, daß die praktische Umsetzung der Links-rechts-Einordnung vor unüberwindbaren Hürden steht. Konfuzius hatte recht, als er sagte, daß alles mit der Wiederherstellung der echten Bedeutung der Wörter beginne.

Doch was sollen wir tun, wenn uns das nicht mehr gelingt? Sollen wir in den Elfenbeinturm flüchten, die Praxis der Gesellschaftsbildung aufgeben und der Zerstörung der Welt zusehen? Oder retten wir nicht lieber, was zu retten ist, und bauen etwas auf, das unter diesen neuen Bedingungen standhält? Ich entscheide mich für das letztere. Und ich sage: Der geistige Inhalt der Rechten kann nur erhalten bleiben, wenn wir ihn nicht mit der Praxis einer dezidierten Rechten in Deckung bringen wollen. Anders ausgedrückt: Es gibt keine Notwendigkeit, unsere politische Praxis als rechts zu bezeichnen.

Wenn ich behaupte, daß die Aufteilung in links und rechts sich aufgelöst hat, ist damit die Praxis und nicht die Theorie gemeint. In der Theorie können wir als Rechte argumentieren und unsere Thesen zuspitzen; für die Praxis, das alltägliche politische Schlachtfeld, taugt das leider nicht.

Wir haben festgestellt, daß wir an einer neuen politischen Praxis arbeiten müssen. Ich werde nun versuchen, das Fundament abzustecken. Dazu gehört der Grundsatz, daß jede Politik an den nicht hintergehbaren Umständen und den Zwängen des 21. Jahrhunderts ausgerichtet sein muß. Wir haben schon darüber gesprochen, daß Bewahren und Erneuern die beiden uralten und grundlegenden menschlichen Tendenzen sind. Wenn wir die Gegenwart und die Zukunft betrachten, stellen wir fest, daß sich beide Grundzüge turbulent entwickeln. Technologie und Wissenschaft schlagen einen Weg ein, welcher der Bewahrung und Konservierung eine geringere Bedeutung beimißt als je zuvor. Die quälende Frage lautet: Ist die Menschheit in der Lage, Selbstbeschränkungen zur Geltung zu bringen, die verhindern können, daß sie sich in die falsche Richtung entwikkelt (falls sie es nicht schon längst getan hat)?

Der Philosoph und Publizist László Bogár beschrieb in einem sei- ner Bücher, wie diese Selbstbeschränkungen aussehen müßten, damit die Harmonie zwischen Bewahrung und Erneuerung gewährleistet bliebe. Eine Erneuerung müsse folgende drei Bedingungen berücksichtigen: die Denkbarkeit (die Erneuerung sollte vernünftig sein), die Umsetzbarkeit (die Erneuerung sollte umsetzbar sein) und die Tradierung (die Erneuerung sollte vererbbar sein). Man könnte es so formulieren: Der Mensch kann durch die Kontrolle seiner Linkstendenz auf der Basis seiner Rechtstendenz solche Selbstbeschränkungen institutionalisieren. Heute spielen diese Aspekte indes keine Rolle mehr. Die vom ständigen Erneuerungswahn besessene Welt ist wahlweise unvernünftig, dysfunktional oder nicht nachhaltig, und im schlimmsten Fall ist sie alles zugleich.

Wir können daraus zwei Schlußfolgerungen ziehen: Einerseits ist es notwendig, Institutionen zu errichten, die imstande sind, eine Routine der Selbstbeschränkung zu begründen. Wenn wir ehrlich sind, hegen wir angesichts des Zustands der Institutionen der jetzigen Weltordnung, die noch immer im Geiste des 20. Jahrhunderts agieren, keine große Hoffnung. Sie sind nicht in der Lage, die entscheidenden Probleme anzugehen, trotz unzähliger globaler Gipfeltreffen und Konferenzen. Sie stehen unter dem Einfluß multinationaler wirtschaftlicher und ideologischer Netzwerke, deren Interessen – der wirtschaftliche Profit und die »geistige« Herrschaft – es nicht zulassen können, eine Routine der Selbstbeschränkung zu etablieren. Unabhängig davon muß man deren Notwendigkeit hier und jetzt betonen.

Die andere Konsequenz ist die Frage nach der Wechselseitigkeit der Begriffe Bewahrung und Erneuerung und ihrer politischen Zuschreibung. »Rechts« und »links« spalten, was längst nicht mehr gespalten werden sollte. Die Bruchlinien laufen quer zu den alten Lagern: Einen Grünen, der sich für nachhaltige Entwicklung einsetzt, oder einen Minenarbeiter, der das traditionelle Familienmodell befürwortet, würde die aktuelle – aber unzeitgemäße – Politik als links bezeichnen. Eine Person aber, die Genmanipulation gutheißt, den technischen Fortschritt lobt und sich gleichzeitig als Antikommunist bezeichnet, würde in der Skala ganz rechts stehen.

Wir müssen das anders ordnen: Alle, die sich für die Erhaltung einsetzen, sind Vertreter des modernen Konservativismus, und all jene, die für die Erneuerung stehen, gehören zum postmodernen Liberalismus.

Was verstehen wir genau unter einem modernen Konservativismus und einem postmodernen Liberalismus? Und: Sind »moderner Konservativismus« und »postmoderner Liberalismus« nicht nur neue Bezeichnungen für das bereits vorhandene linke und rechte Spektrum?

Mit Blick auf die gesellschaftspolitische Lage des 21. Jahrhunderts stellt sich der moderne Konservativismus die Aufgabe, eine wirtschaftlich und gesellschaftlich nachhaltige Entwicklung einzuleiten und eine  für den Menschen geistig wertvolle Kultur zu sichern und zu institutionalisieren. Der postmoderne Liberalismus jedoch steht für einen unbegrenzten technologischen und wissenschaftlichen Fortschritt, der die vorhandenen kulturellen Rahmenbedingungen abschafft, um eine neue Zivilisation zu bauen.

Inwiefern unterscheidet sich nun der moderne Konservativismus von einem klassischen oder unserem gegenwärtigen? Die Antwort liegt im Blick auf das Verhältnis zwischen Vergangenheit und Zukunft. Der moderne Konservativismus richtet seinen Fokus nicht auf die Vergangenheit, sondern auf die Zukunft. Für den modernen Konservativismus ist die Vergangenheit nicht das Ziel, sondern die Grundlage. Er möchte nicht die vergangenen Zeiten samt ihrer gesellschaftlich-wirtschaftlichen Beziehungen wiederbeleben. Nicht, weil ihm diese Absicht unsympathisch wäre, sondern weil es dem Wesen der Geschichte widerspricht.

Die Essenz der Geschichte liegt in ihrer innovativen Tendenz. Der Fehler der ehemaligen Konservativen und somit der Grund ihrer Erfolglosigkeit ist, daß sie dies nicht berücksichtigten und sich in eine Art nostalgischen Schlupfwinkel zurückgezogen haben, um an nicht wiederherstellbaren gesellschaftlichen Strukturen herumzubasteln.

Der moderne Konservativismus muß sich an der Zukunft orientieren, aber er darf die drei Bedingungen der Erneuerung – Denkbarkeit, Umsetzbarkeit und Erhaltung – nicht außer acht lassen. Ein erfolgreicher moderner Konservativismus muß nicht nur den positiven Gedanken der Rechten, die Kraft der Erhaltung, sondern auch die positive Eigenschaft der Linken, die Erneuerung, vertreten. Er soll den technischen und wissenschaftlichen Fortschritt nicht ablehnen, sondern ihn auf strenge und verantwortungsvolle Art und Weise beherrschen. In den letzten Jahrzehnten wurde dieser Fortschritt maßlos.

Deswegen muß man auf den schwerwiegenden Fehler des postmodernen Liberalismus hinweisen: nämlich die Annahme, daß jeder Fortschritt etwas Gutes sei. Dies anstelle der in der Vergangenheit wurzelnden und veralteten Diskussion wird mit Sicherheit frischen Wind in die Diskussion bringen, die realitätsbezogen und verantwortungsvoll sein muß. Der postmoderne Liberalismus wird vermutlich der anderen Seite vorwerfen, sie behindere das Kollektiv darin, konkurrenzfähig zu werden, und eine solche Zukunftsverweigerung ziehe schwere wirtschaftliche, gesellschaftliche und politische Konsequenzen nach sich. Der moderne Konservative hingegen würde in der Debatte  den grenzenlosen Fortschritt sicherlich zum Grund für einen Kollaps der menschlichen Zivilisation erheben.

In meinen früheren Schriften habe ich mich mit der Frage beschäftigt, wie die Furcht des Menschen vor seiner eigenen Sterblichkeit ihn dazu bewog, Kultur zu erschaffen. Es hat uns zu Menschen gemacht, daß wir uns von der Natur gelöst und unsere eigenen Kulturen erschaffen haben, mit eigenen, nur für den Menschen geltenden Gesetzen. Das Problem der Menschen ist, daß uns unser eigenes Werk, also die kulturellen Rahmenbedingungen, aus den Händen geglitten ist.

Ohne entsprechende Selbstbeschränkungen wird sich die Geschichte gegen uns selbst wenden. Uns könnte vernichten, was eigentlich die Bedingung unseres menschlichen Daseins war: die Kultur. Die unkontrollierte Turbulenz der kulturellen Evolution bringt uns in eine Lage, die für unsere biologischen sowie geistigen Strukturen untragbar ist. Das Experiment der postmodernen Zivilisation will den Kampf gegen Gott und gegen die Natur gleichzeitig gewinnen, aber dies ist offensichtlich zum Scheitern verurteilt.

Die zukünftige Aufgabe liegt nicht darin, Kultur und Zivilisation neu zu erfinden, sondern das Fortschreiten auf den Grundlagen eines sakralökolo- gischen Systems mit seinen Selbstbeschränkungen und Gegengewichten zu gründen. Dieses Verantwortungsbewußtsein hat den modernen Kon- servativismus ins Leben gerufen. Unsere kulturelle Rahmensetzung muß entlang einer »sakralökologischen Verfassung« erfolgen. Falls sie es nicht tut, bleibt nur eine Möglichkeit: Das »Verfassungsgericht« der göttlichen und natürlichen Welt wird sein Urteil über uns fällen.


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