Kritik der wissenschaftlichen Prinzipien

Felix Menzel

Felix Menzel ist Chefredakteur des Schülerblogs blauenarzisse.de.

Die faus­tisch ver­an­lag­ten Deut­schen sind dafür bekannt, über die grund­le­gends­ten Din­ge beson­ders tief­sin­nig und im schlimms­ten Fall bis zur Selbst­zer­stö­rung nach­zu­den­ken. Sie geben sich nicht mit einem ober­fläch­li­chen Seins­ver­ständ­nis zufrie­den. Mar­tin Hei­deg­ger pos­tu­lier­te daher:
»Das Niveau einer Wis­sen­schaft bestimmt sich dar­aus, wie weit sie einer Kri­sis ihrer Grund­be­grif­fe fähig ist.« So anstre­bens­wert dies jedoch klin­gen mag, so wenig paßt die­ses kon­tem­pla­ti­ve Pro­gramm in die Neu­zeit mit ihren per­ma­nen­ten tech­ni­schen Revolutionen.

Die Wis­sen­schaft der Neu­zeit macht sich nicht viel aus Wor­ten. Bei ihr gilt: »Im Anfang war die Kraft!« Die­se Kraft wird erzeugt durch unauf­hör­li­che Daten­ver­ar­bei­tung, die einem kla­ren Algo­rith­mus folgt. Der Impe­ra­tiv dazu lau­tet: Beschrän­ke dei­ne Ana­ly­se auf das, was dich zur Lösung bringt, und set­ze die­se Lösung ohne wei­te­re Refle­xi­on über die gesell­schaft­li­chen Fol­gen um! In sei­nem Essay »Lebens­welt und Tech­ni­sie­rung« behaup­tet der Phi­lo­soph Hans Blu­men­berg (1920 –1996), das Frap­pie­ren­de an die­ser Kraft und sei­nen Erzeug­nis­sen sei es, daß alle Fra- gen der Exis­tenz­be­rech­ti­gung aus­ge­blen­det blei­ben, auch wenn es immer eini­ge Intel­lek­tu­el­le geben mag, die ihre Skru­pel zur Arti­ku­la­ti­on bringen.

»Das Immer-Fer­ti­ge, das auf den Fin­ger­druck Aus­lös­ba­re und Abruf­ba­re recht­fer­tigt sei­ne Exis­tenz nicht, weder aus sei­ner theo­re­ti­schen Her­kunft noch aus den Bedürf­nis­sen und Antrie­ben des Lebens, dem zu die­nen es vor­gibt. Es ist legi­ti­miert, indem es bestellt, abge­nom­men, über­nom­men und in Betrieb gesetzt wird; Vor­han­den­sein hat nicht sinn­ge­ben­de Bedürf­nis­se zur Vor­aus­set­zung, son­dern es for­dert und erzwingt sei­ner­seits Bedürf­nis­se und Sinn­ge­bun­gen«, erklärt Blumenberg.
Ihm zufol­ge beruht das Sys­tem der Wis­sen­schaft, das die Tech­ni­sie­rung der Lebens­welt in Gang setzt, auf einem spon­ta­nen Pro­zeß. Es las­se bewußt Geschich­te aus, ope­rie­re auf Grund­la­ge einer akti­ven Unwis­sen­heit und set­ze so zu Sprün­gen an, »statt Schrit­te zu tun«. Die Rede vom Fort-Schritt ist des­halb ver­harm­lo­send und sug­ge­riert eine vor­sich­ti­ge Erkun­dung des Neu­en bzw. eine Fort­füh­rung oder Voll­endung eines bereits begon­ne­nen Weges. Tref­fen­der wäre es, von einem Fort-Sprung zu spre­chen. Für die moder­ne Wis­sen­schaft sei es schließ­lich irrele­vant, ob sie zufäl­lig die Natur nach­ahmt, so Blu­men­berg. Sie sche­re sich auch nicht um die Aus­ge­wo­gen­heit des Men­schen. Viel­mehr arbei­te sie mit einem »boh­ren­den Antrieb«.

Auf den ers­ten Blick scheint es des­halb einer­lei zu sein, wie wir uns zur Tech­nik und Wis­sen­schaft posi­tio­nie­ren. Das Mach­ba­re setzt sich anschei­nend ohne­hin durch. 1966 äußer­ten sich in einer Umfra­ge 72 Pro­zent der Deut­schen dahin­ge­hend, daß sie Tech­nik eher für einen Segen hiel­ten. 1981 waren es nur noch 30 Pro­zent. In der Grup­pe der unter 30jährigen fiel die Tech­ni­kaf­fi­ni­tät in die­sem Zeit­raum sogar von 78 auf 15 Pro­zent. Com­pu­ter, Inter­net, Smart­pho­nes und, all­ge­mei­ner gespro­chen, die gesam­te Wis­sens­ge­sell­schaft haben seit­dem den­noch einen Sie­ges­zug mit bei­spiel­lo­sem Glo­ba­li­sie­rungs­tem­po hingelegt.

Fast alle der dama­li­gen Skep­ti­ker dürf­ten heu­te täg­lich ihre digi­ta­len Spiel­zeu­ge nut­zen und sie als lebens­not­wen­di­ge Pro­the­sen betrachten.

Bei den Fort-Sprün­gen der nächs­ten Jahr­zehn­te und Jahr­hun­der­te wird das ver­mut­lich ähn­lich lau­fen. Soll­te es etwa dem Goog­le-Sub­un­ter­neh­men Cali­co wie beab­sich­tigt gelin­gen, »den Tod zu  besei­ti­gen« oder zumin­dest die Lebens­dau­er durch bio­tech­no­lo­gi­sche Inno­va­tio­nen enorm zu stei­gern, dann wird die Mas­se der Men­schen die­sen Weg nach anfäng­li­chen Beden­ken beschrei­ten wol­len. Mit größ­ter Selbst­ver­ständ­lich­keit wer­den wir uns dann zu Göt­tern »upgraden« las­sen, mut­maßt der israe­li­sche His­to­ri­ker Yuval Noah Hara­ri in sei­nem aktu­el­len Buch Homo Deus.

Er behaup­tet, das gro­ße Pro­jekt des 21. Jahr­hun­derts sei die Opti­mie­rung gesun­der Men­schen. Das Poten­ti­al der orga­ni­schen Kör­per sei noch lan­ge nicht aus­ge­schöpft. Bio­in­ge­nieu­re wür­den sich »den alten Kör­per des Sapi­ens vor­neh­men und sei­nen Gen­code bewusst umschrei­ben, sei­ne Gehirn­strö­me neu aus­rich­ten, sein bio­che­mi­sches Gleich­ge­wicht ver­än­dern und ihm sogar völ­lig neue Glied­ma­ßen wach­sen las­sen«. Ange­fan­gen von Bio­sen­so­ren über Nanoro­bo­ter, die in unse­ren Blut­bah­nen aktiv sind, bis hin zu klei­nen »Hirn­schritt­ma­chern«, die uns von Depres­sio­nen und Kopf­schmer­zen befrei­en, ist vie­les denk­bar und eini­ges davon bereits erfolg­reich an Tie­ren und ers­ten Men­schen getestet.

Es gibt heu­te schon »Robo-Rat­ten« mit ein­ge­pflanz­ten Elek­tro­den, deren Bewe­gun­gen per Fern­be­die­nung gesteu­ert wer­den können.

Wo kon­ser­va­ti­ve Köp­fe wie Arnold Geh­len monier­ten, die Sta­bi­li­sie­rung des Lebens­rau­mes und sozia­len Gefü­ges gelin­ge der tech­ni­schen Kul­tur trotz­dem nicht, haben die der­zei­ti­gen Main­stream-Ver­tre­ter der Natur- und Geis­tes­wis­sen­schaf­ten eine tech­ni­sche Lösung dafür parat: näm­lich das pas­sen­de Gehirn­trai­ning, mit dem sich sol­che Sor­gen aus dem eige­nen Kör­per aus­trei­ben las­sen. Und soll­te das nicht rei­chen, bleibt den Gesell­schafts­in­ge­nieu­ren immer noch die Hoff­nung auf die bal­di­ge Erfin­dung einer maschi­nel­len Super­in­tel­li­genz, die 1000 Jah­re geis­ti­ger Arbeit an einem Tag schafft und des­halb auch gleich prä­de­sti­niert dafür sein könn­te, die poli­ti­sche und wirt­schaft­li­che Steue­rung der Welt zu übernehmen.

Die­sen Mach­bar­keits­phan­ta­sien darf zunächst Hei­deg­gers  ker­ni­ger Satz »Die Wis­sen­schaft denkt nicht!« ent­ge­gen­ge­hal­ten wer­den. Auf­grund ihres auf Logik, Veri­fi­zier­bar­keit und ver­gan­ge­nen Daten beru­hen­den Instru­men­ta­ri­ums blei­ben die Erkennt­nis­se der Wis­sen­schaft beschränkt. Mythi­sche Erkennt­nis­se, Ahnun­gen und eben jedes  Den­ken, das sich nicht an die wis­sen­schaft­li­chen Algorithmen/Methoden hält, steht außer­halb die­ser Erkennt­nis­se der Wis­sen­schaft (Logos).

Daß sich also allein mit tech­nisch-wis­sen­schaft­li­chen Metho­den ein Zustand des all­ge­mei­nen Wohl­stands und Glücks für alle her­stel­len läßt, ist aus- geschlos­sen: Es wird immer ein nicht faß­ba­rer Rest blei­ben. Hans Blu­men­berg kommt das Ver­dienst zu, in sei­ner Legi­ti­mi­tät der Neu­zeit die Wis­sen­schaft von einem Stand­punkt aus kri­ti­siert zu haben, der empi­risch über­prüft wer­den kann. Zum einen stellt er her­aus, »die Über­be­völ­ke­rung unse­rer Welt« sei »auch ein Zuviel durch Wissenschaft«.

Sie gebe »mehr Leben an weni­ger Lebens­tüch­ti­ge und erhält es ihnen län­ger«. Zum ande­ren betont er: »Das Miß­ver­hält­nis zwi­schen dem, was an theo­re­ti­schen Ein­sich­ten in die Rea­li­tät gewon­nen ist, und dem, was davon dem ein­zel­nen zur Ori­en­tie­rung in sei­ner Welt ver­mit­telt wer­den kann, ist von bestür­zen­der Unabwendbarkeit.«

Die­se Kri­tik­punk­te sind in der Tat des Pudels Kern. Seit 1950 hat sich die Welt­be­völ­ke­rung ver­drei­facht, obwohl das not­wen­di­ge tech­ni­sche Wis­sen für eine Sub­sis­tenz­wirt­schaft immer mehr als über­flüs­sig gilt. Der Mensch könn­te den Hun­ger welt­weit besei­ti­gen, aber ohne sich selbst ernäh­ren zu kön­nen. Er weiß, wo der Super­markt zu fin­den ist. Den Anbau von Gemü­se hat er ver­lernt, und selbst in Not­zei­ten wür­de er eher auf Umver­tei­lungs­kon­zep­te bau­en als auf eine Rück­kehr zur bestell­ten Akker­flä­che. Para­do­xien wie die­se zie­hen sich durch unser gesam­tes Leben.

In einer durch Wis­sen­schaft gepräg­ten Gesell­schaft zu leben, heißt also, daß wir es uns leis­ten kön­nen, nichts zu wis­sen, solan­ge ein paar Spe­zia­lis­ten, die auch nur wenig mehr als wir selbst wis­sen, für uns auf die rich­ti­gen Knöp­fe drü­cken. Der Huma­nis­mus macht sich damit auf sei­nem Höhe­punkt rück­gän­gig. Um so mehr die Wis­sen­schaft den Men­schen in den Mit­tel­punkt ihrer Anstren­gun­gen rückt und ihm das Leben erleich­tert, um so mehr wird er zugleich entmündigt.

Die Ambi­va­lenz die­ses Pro­zes­ses her­aus­zu­schä­len, kann jedoch nicht bedeu­ten, ihn und damit die Wis­sen­schaft in Gän­ze zu ver­dam­men. Das wäre ein Kampf gegen Wind­müh­len, da sich über Erfin­dun­gen nicht demo­kra­tisch abstim­men läßt. Auf der ande­ren Sei­te wäre es auch zuwe­nig, die Fort-Sprün­ge ledig­lich enzy­klo­pä­disch zu beglei­ten oder gleich an der »Spit­ze des Fort­schritts zu mar­schie­ren« (Franz Josef Strauß).

Man kommt an die­sem Punkt nur wei­ter, wenn man noch ein­mal zu den anthro­po­lo­gi­schen Ursprün­gen der Wis­sen­schaft und Tech­nik zurück­kehrt: Der zen­tra­le Begriff bei Geh­len lau­tet hier »Ent­las­tung«. Weil der Mensch ein Män­gel­we­sen ist, muß er sich ent­las­ten­de Insti­tu­tio­nen und Organ­ver­stär­kun­gen schaf­fen. Geh­len ist der Mei­nung, die­se wür­den unse­re natür­li­chen Fähig­kei­ten potenzieren.

Im Hin­blick auf ein­fa­che Werk­zeu­ge wie einen Ham­mer und selbst noch das Tele­fon kann dem ohne wei­te­res zuge­stimmt wer­den. Der »Hirn­schritt­ma­cher« (die in der EU für man­che Krank­heits­bil­der bereits zuge­las­se­ne »tie­fe Hirn­sti­mu­la­ti­on«) mani­pu­liert jedoch ein­deu­tig die Natur und durch­kreuzt die­se Theo­rie. In sei­nem Werk Die See­le im tech­ni­schen Zeit­al­ter schim­mert die­se Ein­sicht bei Geh­len auch schon durch, obwohl er alles in allem an sei­nem Kon­zept festhält.

Wenn er über die Super­struk­tu­ren unse­rer Gesell­schaft spricht, bringt ihn das aller­dings ins Schlin­gern. »Eine durch­grei­fen­de Ände­rung« des Zusam­men­hangs von »Wis­sen­schaft, tech­ni­scher Anwen­dung und indus­tri­el­ler Aus­wer­tung« sei nur mit »Aske­se« als dem »Signal einer neu­en Epo­che« vor­stell­bar, betont er. Ein­zel­ne Indi­vi­du­en wer­den dies selbst­ver­ständ­lich beher­zi­gen. Poli­tisch und his­to­risch betrach­tet ist die Lob­prei­sung des Ver­zichts und der katechon­ti­schen Unter­ent­wick­lung aber ein wir­kungs­lo­ser Rück­zug aus zuge­ge­be­ner­ma­ßen gut begrün­de­ter Verzweiflung.

Im Gegen­satz zu Geh­len, der die Ansicht ver­tritt, die Tech­nik sei ein »Orga­ni­sa­ti­ons­prin­zip«, das »im Inners­ten des Orga­nis­mus an zahl­rei­chen Stel­len bereits wirk­sam ist«, unter­streicht Blu­men­berg vehe­ment, daß sie im Gegen­satz zur Natur und somit dem Prin­zip der Voll­endung, Nach­ah­mung und der Ganz­heit­lich­keit des Men­schen ste­he. Die Tech­nik ent­las­tet zwar. Bei die­sem Gedan­ken bezieht sich Blu­men­berg auch expli­zit auf Gehlen.

Aber – und hier setzt er zum ent­schei­den­den Aus­bau der Män­gel­we­sen-Anthro­po­lo­gie an – sie wird nur dadurch mög­lich, daß der Mensch nicht nur nach Ent­las­tung sucht, son­dern auch zur Prä­ven­ti­on fähig ist. Blu­men­berg wört­lich: »Ich mei­ne, der Grund­be­griff der Prä­ven­ti­on führt wei­ter. Denn zur blo­ßen Ent­las­tung tritt hier der Sach­ver­halt, daß das Weni­ger-wahr­neh­men-Müs­sen ganz in den Dienst des Mehr-wahr­neh­men- Kön­nens tritt, das selbst die Prä­ven­ti­on ist, aber zugleich die Wur­zel einer wei­ter­ge­hen­den Ein­las­sung auf das, was dabei frei­ge­stellt zugäng­lich wird.« Gemäß die­ser Theo­rie ist der Mensch in der Lage, mehr zu leis­ten »als die pure Selbsterhaltung«.

Er sucht sich nicht nur Fut­ter. Viel­mehr ist es ihm »frei­ge­stellt«, Pro­jek­te zu ver­wirk­li­chen, die über die Über­le­bens­si­che­rung hin­aus­ge­hen. Ursäch­lich ver­ant­wort­lich dafür sei der Weit­blick des Men­schen bis zum Hori­zont als Fol­ge des auf­rech­ten Gan­ges, der zur Ent­wick­lung des Mög­lich­keits­sinns führ­te, betont Blu­men­berg. Das deckt sich mit der Annah­me, die Jäger und Samm­ler sei­en ein ziem­lich fau­les Völk­chen mit einer deut­lich gerin­ge­ren Wochen­ar­beits­zeit als heu­te gewesen.

Der ame­ri­ka­ni­sche Anthro­po­lo­ge Mar­shall Sah­lins geht davon aus, daß Natur­völ­ker an unwirt­li­chen Orten nur zwölf bis 19 Stun­den pro Woche arbei­ten müs­sen, um sich selbst ver­sor­gen zu kön­nen. In frucht­ba­re­ren Regio­nen sei der Auf­wand noch gerin­ger. Der Mensch muß­te also kei­ne Tech­ni­ken erfin­den. Er hät­te sich auch wei­ter von den Bäu­men und der Viel­falt der Natur ernäh­ren kön­nen. Aber er hat­te nun ein­mal die Zeit zum Expe­ri­men­tie­ren und mach­te sich so prä­ven­tiv Gedan­ken über die zukünf­ti­ge Gefah­ren­ver­mei­dung sowie Mög­lich­kei­ten der Erleich­te­rung sei­ner Tätig­kei­ten. So läßt sich auch die Spon­ta­ni­tät und Sprung­haf­tig­keit sei­ner Erfin­dun­gen in der Neu­zeit schlüs­sig erklären.

Hin­zu kommt die enge Ver­qui­ckung von Wis­sen­schaft, Wachs­tums­wirt­schaft und Geld­schöp­fung. Nur wenn die Mäch­ti­gen und Wohl­ha­ben­den an den Fort­schritt glau­ben, wer­den sie Ver­trau­en in Form von Kre­di­ten, Uni­ver­si­tä­ten und Labo­ra­to­ri­en an die Tüft­ler ver­schen­ken. Sie spe­ku­lie­ren somit auf Gewin­ne in der Zukunft. Die­ser grund­sätz­lich erst ein­mal posi­ti­ve und not­wen­di­ge Mecha­nis­mus dürf­te sich mitt­ler­wei­le jedoch in einen Zwang ver­wan­delt haben.

Hara­ri stellt dazu fest: »Eine Öko­no­mie, die auf immer­wäh­ren­des Wachs­tum grün­det, braucht gren­zen­lo­se Pro­jek­te – wie eben das Stre­ben nach Unsterb­lich­keit, Glück und Gött­lich­keit.« Er erwar­tet zudem, daß die Gren­ze zwi­schen Geschich­te und Bio­lo­gie im 21. Jahr­hun­dert unscharf wird, weil der Mensch inzwi­schen in der Lage sei, sei­ne ideo­lo­gi­schen Fik­tio­nen in gene­ti­sche und elek­tro­ni­sche Codes zu über­set­zen. Soll­te dies tat­säch­lich eines Tages umfas­send mög­lich sein, was folgt dann daraus?

Die Unsterb­lich­keit oder ganz im Gegen­teil der von einer super­in­tel­li­gen­ten, selbst­ler­nen­den und auf Auto­pi­lot lau­fen­den Maschi­ne vor­ge­nom­me­ne Mas­sen­mord an einem gro­ßen Teil der Welt­be­völ­ke­rung? Der schwe­di­sche Zukunfts­for­scher Nick Bos­trom warnt davor, daß wir bei der Ent­wick­lung künst­li­cher Intel­li­genz »ins offe­ne Mes­ser« lau­fen könn­ten. Denn: »Unse­re guten Erfah­run­gen mit einem noch jun­gen Sys­tem sind über­haupt kein Indi­ka­tor für des­sen spä­te­res Verhalten.«

Beson­ders das letz­te Jahr­hun­dert war von wis­sen­schaft­li­chen Durch­brü­chen und scho­ckie­ren­den tota­li­tä­ren Ver­ir­run­gen glei­cher­ma­ßen geprägt. Ist das ein Zufall? Mit Blu­men­berg läßt sich dar­auf tro­cken ant­wor­ten, der Mensch »ist Vor­ur­teils­we­sen, weil er Prä­ven­ti­ons­we­sen ist«. Wir kön­nen zwar mehr leis­ten als nur Selbst­er­hal­tung. Die Zeit dafür ist aber begrenzt. Wir müs­sen schnell ent­schei­den und urtei­len, was neben erfolg­reich in die Rea­li­tät über­tra­ge­nen Geis­tes­blit­zen zwangs­läu­fig zu Fehl­an­nah­men und gefähr­li­chen Fik­tio­nen führt.

Das Leben ist schließ­lich kein End­los­mo­no­log mit per­fek­ten, alles umfas­sen­den Erör­te­run­gen. Es treibt uns regel­recht zu vor­ei­li­gen Schlüs­sen. Auch jede Erfin­dung beruht folg­lich auf einem Vor­ur­teil, weil wir ohne eine sub­jek­ti­ve Aus­schmü­ckung unse­rer Umwelt mit ent­spre­chen­den Zukunfts­er­war­tun­gen nicht aus­kom­men. Auf die Krea­ti­on von kom­ple­xen Ideo­lo­gien trifft das genau­so zu. Die Prä­ven­tio­nen begin­nen aber schon viel frü­her. »Das Vor­ur­teil ent­schei­det auf Distanz, wer Freund oder Feind sein wird«, so Blu­men­berg, der dazu schließ­lich ergänzt: »Die Total­prä­ven­ti­on ist der Tod des ande­ren.« Eine Maschi­ne, die genau­so denkt wie der Mensch, wür­de daher unun­ter­bro­chen eru­ie­ren, wel­che Fein­de sie besei­ti­gen muß.

Dage­gen ledig­lich eine beklom­me­ne Abwehr­hal­tung ein­zu­neh­men, die sich auf das Ver­hin­dern oder Hin­aus­schie­ben beschrän­ken will, ist wenig erfolg­ver­spre­chend, damit unver­ant­wort­lich gegen­über nach­fol­gen­den Genera­tio­nen und wider­spricht zudem unse­rem Leis­tungs­po­ten­ti­al als Prä­ven­ti­ons­we­sen. Wor­auf soll­ten wir uns also statt des­sen fokus­sie­ren? Dazu zwei abschlie­ßen­de Thesen:

Ers­tens: Destruk­ti­ve Zukunfts­angst hemmt in jedem Fall und ver­stellt uns die freie Sicht auf das, was kon­kret getan wer­den kann. Die Furcht davor, daß der Arbeits­ge­sell­schaft durch wei­ter­ge­hen­de Auto­ma­ti­sie­run­gen die Arbeit aus­ge­hen könn­te, stellt sich – von einem wirt­schafts­his­to­ri­schen Blick­win­kel aus betrach­tet – als voll­kom­men unbe­grün­det her­aus. Im Jahr 2017 dürf­te die Zahl der Erwerbs­tä­ti­gen in Deutsch­land ein Rekord­ni­veau von 44,4 Mil­lio­nen errei­chen. Auch im 20. Jahr­hun­dert führ­ten die durch Tech­ni­sie­rung erziel­ten Pro­duk­ti­vi­täts­stei­ge­run­gen nicht zur Mas­sen­ar­beits­lo­sig­keit, son­dern zur Ver­än­de­rung der Tätig­kei­ten und Berufs­bil­der. Der Grund dafür: Als Prä­ven­ti­ons­we­sen suchen wir uns immer neue Auf­ga­ben, sobald alte erle­digt sind.

Zwei­tens: Die Her­aus­for­de­rung besteht den­noch dar­in, unser immenses – jeder­zeit per Knopf­druck abruf­ba­res – Welt­wis­sen und exor­bi­tan­tes Wohl­stands­ni­veau prä­ven­tiv dazu zu nut­zen, die unru­hi­ge Pha­se der Fort- Sprün­ge der Neu­zeit zu been­den und dafür Fort-Schrit­te zu machen, die auf Voll­endung und Nach­ah­mung beru­hen. Es besteht kei­ne exis­ten­ti­el­le Not mehr, die Tech­nik durch den gege­be­nen Rah­men des Lebens durch­trei­ben zu müs­sen, um die Mas­sen über­haupt erst ein­mal ver­sor­gen zu können.

Die­se Grund­ver­sor­gung eil­te. Die Opti­mie­rung des Men­schen könn­te man dage­gen viel gelas­se­ner ange­hen. Oder, anders aus­ge­drückt: Der durch den Kapi­ta­lis­mus sowie die Wis­sen­schaft geleis­te­te Take-off der tech­ni­schen Zivi­li­sa­ti­on und das Bevöl­ke­rungs­wachs­tum beding­ten sich gegen­sei­tig. Die Grund­ver­sor­gung der Mas­sen ist weit­ge­hend abge­schlos­sen. Statt sich jetzt in das nächs­te Groß­pro­jekt der Opti­mie­rung des Men­schen zu stür­zen, könn­ten wir es deut­lich gelas­se­ner ange­hen, weil es nicht mehr um das Über­le­ben, son­dern die Ver­ede­lung des Lebens geht. Die Vor­aus­set­zung dafür ist aller­dings eine Befrei­ung von jenen Ideo­lo­gien, die uns dazu antrei­ben, fik­ti­ve Para­die­se so schnell wie mög­lich zu verwirklichen.

Felix Menzel

Felix Menzel ist Chefredakteur des Schülerblogs blauenarzisse.de.

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