Sezession
17. Juni 2017

Über- ohne Mensch: Transhumanismus

Nils Wegner

Nils Wegner

Nils Wegner ist studierter Historiker und arbeitet als Übersetzer und Lektor.

Am 30. März 2017 feierte der mit Scarlett Johansson und Takeshi Kitano prominent besetzte, 110 Millionen Dollar teure Hollywoodfilm Ghost in the Shell seine Deutschlandpremiere. Bei dem von der Kritik nur mäßig aufgenommenen, effektgeladenen Werk handelt es sich um die Realverfilmung des gleichnamigen japanischen Anime-Zeichentrickfilms von 1995, der heute innerhalb des Genres einen Klassikerstatus innehat und dessen weltweite Popularität maßgeblich anschob.

Im Anime wie im zugrundeliegenden Manga Masamune Shirows von 1989 wird eine scheinbar utopische Zukunft Mitte des 21. Jahrhunderts abgebildet, in der die Verbesserung des menschlichen Körpers durch synthetische Komponenten völlig selbstverständlich ist – das geht bis hin zu kompletten implantierten Cybergehirnen (die titelgebenden Shells, »Gehäuse«), in denen lediglich noch ein kleiner Rest menschlichen Nervengewebes als Träger von Persönlichkeit und Seele (also des Ghosts) enthalten ist.

Die klassische, letztlich auf volkstümliche Märchen über magische Kreaturen zurückgehende Frage der Science-fiction lautet: »Wo fängt der Mensch an?« Diese Grundthematik zieht sich durch Jahrhunderte der phantastischen Literatur, während parallel zum technischen Fortschritt aus dem Golem und dem Homunkulus der Roboter und die Künstliche Intelligenz wurden. Ghost in the Shell steht beispielhaft für eine alternative Genre-Fragestellung: »Wo hört der Mensch auf?« Die Perspektive ist in der Regel eine düstere, wo wiederbelebte Verstorbene und einsame Seelen in vollständig durchmechanisierten, übermenschlich starken Körpern darüber meditieren, was die Technologie von ihrem Eigenen noch übriggelassen hat.

Wer all das für Spinnereien mit – wenn überhaupt – reinem Unterhaltungswert hält, bleibt letztlich in der hochmütigen Techniknegation gefangen, vor der Arnold Gehlen bereits 1957 in Die Seele im technischen Zeitalter warnte. Für den scheuklappenfreien Beobachter ist nicht zu übersehen, daß sich die Menschheit spätestens seit dem Aufkommen des Internets in einem scheinbar unaufhaltsamen Entwicklungsprozeß befindet, dessen Richtung und Ziel noch gänzlich im dunkeln liegt und der nicht einfach irgendwann irgendwo haltmachen wird: Das weltweite Netz ist innerhalb einer einzigen Generation – der »Generation Y«, jener der sogenannten Millenials, bei denen es sich um die ersten Digital natives handelt, die also mit EDV und Internet aufgewachsen sind – exponentiell angewachsen und hat sich dabei von einem reinen Kommunikationsmedium zu einer Institution transformiert.

Das anfangs für Prognosen zu dieser Entwicklung herangezogene Metcalfesche Gesetz über das Kosten-Nutzen-Verhältnis von Kommunikationssystemen ist dadurch, daß das Internet in sich einen Eigennutzen generiert hat, vollkommen überrollt worden – ein Schicksal, das ebenso jeden betreffen kann, der sich durch bloße Ignoranz oder Verweigerung der längst angebrochenen, beispiellosen Transformation von Gesellschaft und Individuum entziehen zu können glaubt.

Als bislang gewaltigster Sprung nach vorn in diesem Prozeß kann die Entwicklung des Smartphones und seine weltweite Durchsetzung gelten. Heute ist es fast selbstverständlich, daß jedermann ein kleines Gerät in der Hosentasche trägt, dessen Rechenleistung die klobigen Computer der späten 1990er Jahre weit übertrifft und mit dessen Hilfe man ständigen potentiellen Zugriff auf das gesammelte Wissen der ganzen Welt hat – und doch ist es gerade einmal zehn Jahre her, daß die erste Generation des iPhones der staunenden Öffentlichkeit vorgestellt wurde. Smartphones sind ununterbrochen aktive Sender und Empfänger; sie machen ihre Träger jederzeit erreich- und verortbar, in der realen Welt ebenso wie in den zur zweiten Haut gewordenen sozialen Netzwerken.


Nils Wegner

Nils Wegner ist studierter Historiker und arbeitet als Übersetzer und Lektor.

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