Sezession
1. Juni 2017

Der Geist der Technik und die Macht der Daten

Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.

In seiner vielbeachteten Studie Der flexible Mensch wies der britische Soziologe Richard Sennett auf folgendes hin: Im zeitgenössischen (digitalen, postindustriellen) Entwicklungsstadium des Kapitalismus beherrschten die Kapitalisten nicht nur die Maschinen, sondern verfügten auch exklusiv über das technische Wissen und kontrollierten die Kommunikation. Es seien dies zwei Stränge, die grob als »hart« (Produktion und das Wissen darüber) und »weich« (Kommunikation- und Datenkontrolle) beschrieben werden könnten.
Man sollte diesen Gedanken aufgreifen und weiterführen: So, wie es zwei unterschiedliche und doch korrelierende Sphären sind, die in Sennetts Sinne von Großkonzernen beherrscht werden, sind es zwei unter- schiedliche Entwicklungsstränge des damit verbundenen gegenwärtigen technologischen Fortschritts, die weltweit für Unsicherheit und Besorgnis sorgen.

Denn einerseits treiben insbesondere die »Großen Fünf« – Facebook, Google, Amazon, Apple und Microsoft – die freiwillige integrale Selbstoffenlegung der Menschen voran. (Jeder soll von allen alles wissen können, nichts bleibt mehr verborgen, alle sind vernetzt, die totale Transparenz wird bisweilen als egalitäres, herrschaftsfreies Paradies stilisiert – während die tatsächliche Kontrolle und Weiterverwendung all der willfährig preisgegebenen Daten zunächst vor allem den Konzernen obliegt.) Andererseits – und auch hier mischen die »Großen Fünf« miterlebt die Arbeitsgesellschaft einen rasanten Wandel, der vermutlich soeben erst richtig Fahrt aufgenommen hat.

Vernetzte Maschinen, selbstlernende Hochleistungssysteme, Künstliche Intelligenzen (KI), kurz: die bedeutendsten Entwicklungen der »Industrie 4.0« (nach Dampfmaschine, Fließband und Computer) werden in der Zukunft zu gravierenden Einschnitten in der globalen Arbeitswelt führen, haben aber Wurzeln, die weit zurück reichen.
Carl Schmitt untersuchte in seiner Arbeit über den Nomos der Erde das Verhalten der einstigen alleinigen Superweltmacht Großbritannien, deren »Britannia rule the waves!« keine banale Ausübung von Hegemonie zugrunde gelegen hatte, sondern eine raffinierte Kunst der Verschleierung von realen Machtverhältnissen. Großbritannien wußte, daß ein offener Herrschaftsanspruch über die Weltmeere einer Kriegserklärung an andere Seefahrernationen gleichkäme. Statt dessen deklarierte man die Meere als eine Sache »aller und niemandes« (Resomnium et nullius) – und übte doch weitgehend die Kontrolle darüber aus, wer welche Räume nutzen konnte.

Der Kulturhistoriker und Soziologe Wolfgang Schivelbusch transferierte dieses Konzept der verschleierten Seenahme in die Sphäre der digitalen Revolution und verglich die Rolle der englischen Flotte als mit lauteren Absichten getarnter Akteur der Raumnahme im Bereich der Weltmeere mit der Rolle der Konzerne von heute, die mit Geheimdiensten kooperieren und – ebenfalls mit lauteren Absichten verschleiert – die aktive Raumnahme im Cyberspace praktizieren. Götz Kubitschek sprach in diesem Kontext von einer »ortlosen Mentalität«, die derartigen Strategien vorausgehen müsse. Man huldigt keinem ressentimentgetriebenen Antiamerikanismus, wenn man Kubitscheks Hinweis um die Feststellung ergänzt, daß es keinen Zufall darstellt, wenn alle die Entwicklung der Cyberspace-Raumnahme forcierenden Konzernkräfte ihren Ursprung und Wirkungsschwerpunkt im US-amerikanischen Silicon Valley besitzen.

In seiner fulminanten Darlegung der Auflösungen aller Bindungen in den Vereinigten Staaten hat George Packer darauf hingewiesen, daß Amerikaner es gewöhnt seien, »allein in einer Landschaft zu leben, in der nichts Haltbares ist, nichts Festes«. Daher kreierten sie leichter ihre eigenen Heilsversprechen, die Sinn stiften und zugleich neue Räume erschließen sollen.

Diese Mentalitätsäußerung ist bereits in der frühen Geschichte der Siedler angelegt. Von ihrem Mythos des unerschlossenen Raumes des 17. und 18. Jahrhunderts führt eine direkte Traditionslinie zum Silicon-Valley-Kapitalismus. Diese Ausprägung eines schier grenzenlosen Wachstumsstrebens entstand Mitte des 20. Jahrhunderts indes nicht ganz im luftleeren Raum der kalifornischen Einöde; tatsächlich wirkten die ersten IT- und High-Tech-Firmen in bis heute beibehaltener direkter Kooperation mit US-Geheimdiensten und dem Militärapparat, die das Valley frühzeitig als fruchtbares Experimentierfeld entdeckten. Ausgerechnet die in Kalifornien reüssierende Hippie-Kultur begünstigte die rasche Entwicklung als kapitalistische und militärindustrielle Pionierregion sogar: Die Zeit der Kommunen war zugleich die Zeit der Entstehung der frühen Computerwelt, sie war geprägt von individualistischem und experimentellem Denken, das keine Schranken kannte und keine Grenze akzeptierte.


Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.

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