Sezession
1. Juni 2017

Plädoyer für eine konservative Zukunftsvision

Gastbeitrag

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Wir stehen an der Schwelle einer Revolution. Jeder Bereich unseres Lebens wird davon betroffen sein. Ein heute geborenes Kind wird Arbeit, Gesellschaft, Kultur und Bildung völlig anders erleben als die Generationen zuvor. Die vierte industrielle Revolution, die eigentlich schon längst begonnen hat und nur noch nicht in der Wahrnehmung der Masse angekommen ist, wird vieles in Frage stellen, was wir für selbstverständlich halten. War das 20. Jahrhundert vom immerwährenden Konflikt zwischen Kapital und Arbeit und seinen ideologischen Folgen geprägt, wissen wir bereits jetzt, daß das 21. Jahrhundert vom Ringen von Kapital und Daten bestimmt werden wird.
Auf diese Veränderungen und die dazugehörigen gesellschaftlichen Diskussionen sind Konservative nicht vorbereitet. Während neoliberale Lobbygruppen dabei sind, die Gesellschaft 4.0 zu organisieren, greifen Konservative beim Thema Gesellschaft und Technik zu den Klassikern, deren begründete Sorgen zwar grundsätzlich noch aktuell sind, aber in großen Teilen vom technologischen Fortschritt überholt wurden. In der jetzigen Situation dürfen wir es nicht bei der Kenntnis der Klassiker belassen: Wir müssen Deutungen und Entwürfe auf der Höhe der Zeit an- bieten, damit konservative Positionen überhaupt noch Berücksichtigung in der gesellschaftlichen Diskussion finden, die auf uns zukommt.

Es bedarf einer konservativen Technikvision, die nicht nur pessimistisch in die Zukunft schaut und jede Neuerung verteufelt. Optimismus sei Feigheit, sagte Oswald Spengler? Gut: Seien wir feige, also optimistisch, damit wir die anstehende Revolution mitgestalten können. Wir dürfen uns nicht mit der Rolle des Zaungasts zufriedengeben, der sich die romantisierte Vorstellung alter besserer Zeiten, die es in der Realität nie gegeben hat, zu- rückwünscht und ansonsten nicht an der Diskussion teilnimmt. Revolution nämlich bedeutet immer auch Möglichkeit.
Bereits im März 1988 veröffentlichte der seit 1911 fast unangefochten weltweit führende IT-Konzern IBM im hauseigenen Nachrichtenblatt für den deutschsprachigen Raum eine Analyse technikkritischer Denkschulen unter besonderer Berücksichtigung konservativer und neomarxistischer Ansätze und ihrer potentiellen Übertragbarkeit auf Protestbewegungen aus der Feder des Historikers Rolf Peter Sieferle. Es ging darum, die Argumente der Kritiker zusammenzutragen und deren mögliche gesellschaftliche Relevanz zu bewerten. Es wurden die Klassiker herangezogen, die man auch heute zur Hand nimmt, wenn man sich dem Thema von einem konservativen Standpunkt annähern möchte.

Untersucht wurden u. a. die Schriften von Oswald Spengler, Ernst und Friedrich Georg Jünger und Arnold Gehlen. Für die marxistische Ideenwelt wurden die technikkritischen Punkte des jungen Marx und seiner geistigen Erben der Frankfurter Schule zusammengetragen. Über beide weltanschaulichen Herangehensweisen fällte Sieferle ein vernichtendes Urteil. Im Erscheinungsjahr dieser strategischen Information für die IBM-Mitarbeiter standen noch die Umwelt- und Sozialbewegungen im Mittelpunkt des Interesses des Hardware-, Software- und Dienstleistungskonzerns, doch die Analyse von damals ist auch noch fast 30 Jahre später zutreffend. Standen Konservative und Neomarxisten Ende der 1980er ohne konkrete Konzepte da für die mittlerweile längst vergangene dritte industrielle Revolution, die Technisierung des Arbeitsplatzes und des Privatlebens durch Computer und Internet, sind sie auch heute, an der Schwelle zu vierten industriellen Revolution, ideenlos, ungefährlich und haben keine Konzepte, die den gewaltigen Veränderungen gerecht werden, die auf uns zukommen.
Dabei waren die Klassiker nicht wirkungslos. Nicht umsonst wird darauf hingewiesen, daß die Ökobewegungen von konservativen Ideen beeinflußt wurden. Doch Kulturpessimismus, die bloße Warnung vor der Zerstörung des Natürlichen und der Schöpfung und die Verarbeitung der Folgen der Massengesellschaft reichen nicht aus, um konservative Positionen, wie von Konzernen wie IBM befürchtet, als hemmenden, aufhaltenden Anteil in politische und soziale Bewegungen zu tragen.
Die heutigen Entwickler und Nutzer von Technologie sind anders geprägt, als es die konservativen Vordenker des vergangenen Jahrhunderts waren. Sie mußten nicht die Stahlgewitter und die totale Mobilisierung zweier Weltkriege erleben, die den Menschen auf ein austauschbares Zahnrädchen in der »Megamaschine« reduzierten. Die Jüngeren unter uns kennen nicht mehr die prägenden Umweltdiskussionen über Waldsterben und sauren Regen, die ihren Ursprung in der totalen Ausbeutung der Natur durch die Technik im Dienste von Kapitalismus und Sozialismus hatten. Heute wird Technik als Mittel zur Wohlstandssteigerung und Friedenssicherung wahrgenommen. Auch müssen Technik und Naturschutz kein Widerspruch mehr sein. Und die befürchtete völlige »Entzauberung der Welt« und der Schöpfung hat bisher nicht stattgefunden. Unser Wissen wächst schnell, interdisziplinär und exponentiell, dennoch stellen sich uns täglich neue Fragen zu den Wundern der Natur, der Entstehung des Universums oder den Grenzen des menschlichen Potentials.

Trotz aller Veränderungen bleiben auch technikskeptische Ansätze aktuell. Der unkritische Umgang vieler Konsumenten mit ihren Daten und die technische Durchdringung des Privatlebens gehen weiter als viele Befürchtungen. Die Frage nach dem Verhältnis von Mensch und Technik muß ebenfalls völlig neu betrachtet werden. Ging es in der Vergangenheit darum, in welcher Beziehung Mensch und Technik zueinander stünden und ab wann die Technik den Menschen unterwerfe oder der sinnstiftenden Motivation beraube, geht es heute an die existentiellen Fragen der Schöpfung. In Zeiten von Organen aus dem 3-D-Drucker, gezüchteten Lebewesen und der Optimierung von Körperteilen durch Implantate stellt sich nicht nur die Frage nach dem Verhältnis von Mensch und Technik, sondern die direkte Frage nach der immer mehr verschwimmenden Grenze zwischen künstlichem und natürlichem Leben. Hat der technische Fortschritt bisher unser Leben drastisch verändert, wird er in Zukunft uns selbst entscheidend verändern. Die Klassiker bedürfen also einer neuen Lesart und einer Ergänzung, die sich an den neuentstandenen Fragestellungen und kommenden Veränderungen orientieren.
Die Industrialisierung als erste industrielle Revolution hat Muskel- durch Maschinenkraft ersetzt, im sogenannten Primärsektor (Landwirtschaft, Bergbau) über 90 Prozent aller Arbeitsplätze vernichtet und die bis dahin ländliche Lebensweise der Menschen komplett verändert. Ein ähnlich drastischer Wandel für die Arbeits- und Lebenswelt war der zweite revolutionäre Schritt mit der breiten Nutzung der Elektrizität und der Einführung der Fließband- und Massenproduktion. Der Computerisierung der Arbeit und des Privatlebens durch die Implementierung des Internets fielen dagegen nur einzelne Berufsgruppen und Niedrigqualifizierte zum Opfer. Doch der jetzt bevorstehende, vierte technologische Schritt wird mit seiner totalen Vernetzung zum »Internet der Dinge«, der Verzahnung der Wissenschaften und der Ersetzung zahlreicher menschlicher Aufgaben durch Automatisierung ähnlich gravierende gesellschaftliche Folgen haben wie die Industrialisierung.
Laut einer vielbeachteten Studie der Universität Oxford aus dem Jahr 2013 sind 47 Prozent der Beschäftigten in den USA in Berufen tätig, die in den nächsten 20 Jahren durch Automatisierung bedroht sind.

Eine Übertragung der Analyse auf die deutsche Wirtschaft ergab, daß in der Bundesrepublik im gleichen Zeitraum 42 Prozent der Arbeitsplätze durch Computerprogramme, Roboter und andere Maschinen verschwinden könnten. Wie dieser Arbeitsplatzabbau konkret aussehen wird, kann bereits jetzt in Japan beobachtet werden. Erst kürzlich hat ein japanisches Versicherungsunternehmen 30 Prozent einer Schadensbemessungsabteilung durch »Watson«, eine vielfältig nutzbare künstliche Intelligenz von IBM, ersetzt, und das ist nur ein Beispiel von vielen aus der einzigen Industrienation, die vom demographischen Wandel noch heftiger betroffen ist als Deutschland.

Laut japanischen Forschungsinstituten könnten bis 2035 die Hälfte aller Arbeitsplätze durch Automatisierung ersetzt werden. Diese Entwicklung trägt eine enorme Sprengkraft in sich, wie man auch am Beispiel Deutschlands erkennen kann. Denn obwohl aufgrund des demographischen Wandels bis zum Jahr 2030 3,5 Millionen Arbeitskräfte weniger zur Verfügung stehen werden, dürften durch die neuen Technologien noch weit mehr Arbeitsplätze ersetzt werden. Selbst das schrumpfende Arbeitskräftepotential wird also nicht mehr in vollem Umfang benötigt werden, und vor allem Arbeitnehmer mit geringer oder mittlerer Qualifikation werden das zu spüren bekommen. Jedoch: Auch Ärzte, Piloten, Anwälte oder Steuerberater werden von der Automatisierung betroffen sein.

Hier sehen die Vordenker der schönen neuen Welt eine der größten Gefahren der kommenden Revolution. Man hat aus der Geschichte gelernt und weiß, daß die Industrialisierung und die auf sie folgende Massenverelendung zum Entstehen des Marxismus und, wenn man Ernst Nolte folgen möchte, der unterschiedlichen Gegenbewegungen geführt hat. Solche unkalkulierbaren Risiken möchte man in Zukunft vermeiden. Der Gründer des Weltwirtschaftsforums Klaus Schwab beschreibt in seinem Buch Die Vierte Industrielle Revolution die verlockenden Möglichkeiten, die sich der jährlich in Davos versammelten globalen Machtelite bieten, aber auch die Gefahren, die auf die Globalisten zukommen könnten. So besteht die Sorge, daß sich kleine Gruppen an der Kontrolle der staatlichen Institutionen vorbei immer besser vernetzen und mittels moderner Kommunikationstechnik an Schlagkraft gewinnen könnten.

Ähnliche Sorgen hat man in der Hauptstadt der Revolution, in San Francisco. Im Silicon Valley wird all das erdacht und umgesetzt, was unser Leben morgen und übermorgen bestimmen wird. Hier lehrt einer der Experten für Künstliche Intelligenz, Neil Jacobstein, an der Singularity University und sorgt sich um das Sozialgefüge der Gesellschaft nach der Revolution, an der er und seine Kollegen in den zahllosen kalifornischen Forschungslaboren arbeiten. Er wirbt für etwas, das wir in Deutschland bedingungsloses Grundeinkommen nennen: Damit sollen anstehende soziale Konflikte abgefedert werden, denn Unruhen könnten auch die super- reichen Köpfe der technischen Revolution in Bedrängnis bringen.

Auch hierzulande arbeiten unterschiedliche Interessengruppen fleißig an Konzepten und Ideen für ein Deutschland 4.0, ob nun bei der neoliberalen, politikverzahnten Bertelsmann-Stiftung oder im Bundesministerium für Arbeit und Soziales. Von konservativer Seite aber hört man nichts, noch nicht einmal ein Diskussionsansatz ist wahrnehmbar. Es bedarf aber ei- ner konservativen Technikvision. Allein daß es ein realpolitisches und ideengeschichtliches Feld gibt, das zugleich entscheidend für unsere Gesellschaft und nur mangelhaft bearbeitet ist, müßte Konservative reizen, diesen weißen Fleck von der Landkarte zu tilgen. Erst recht, da der Begriff »konservativ« eine weitere Dimension erhalten wird: Es geht nicht mehr nur darum, zu bewahren, vor Ausbeutung zu schützen oder einen Lebenssinn zu vermitteln, es geht viel grundsätzlicher darum, den Menschen überlebensfähig zu halten.

Wir werden in eine Situation kommen, in der wir uns den Maschinen in Intelligenz und Physis unterordnen müssen. Die konservative Technikvision wird aber immer dann dagegenhalten, wenn der Mensch der Versuchung zu erliegen droht, ins Dekadente abzugleiten, Maschinen das menschliche Potential ausbremsen oder der Mensch vor der Selbstaufgabe steht und sich so von technischer Hilfe abhängig macht, daß er allein nicht mehr lebensfähig wäre.

Eine konservative Technikvision ist optimistisch. Realpolitisch stellt sich folgende Aufgabe: Gibt es Lösungen dafür, Deutschland und Europa trotz der demographischen Katastrophe und der veränderten Weltlage überlebensfähig für das 21. Jahrhundert zu machen, und zwar mit einer relativ homogenen Bevölkerung? Es gibt kein Naturgesetz, das besagt, daß in Deutschland 80 Millionen Menschen leben müssen. Wenn uns die Technologien helfen, Wohlstand, Frieden und Freiheit zu sichern, ohne dabei auf ungewollte Zuwanderung angewiesen zu sein, dann ist das eine Option.

Militärisch kann das alternde Europa neue Verteidigungsstrategien mit geringem menschlichen Blutzoll entwickeln, um die Grenzen des Kontinents zu sichern und in der Welt handlungsfähig zu bleiben. Wir können neue Wege der demokratischen Beteiligung gehen, um etablierte Medien, intransparente Eliten oder vielleicht sogar Parteien überflüssig zu machen. Zudem brauchen wir Ideen, wie wir die rasanten technologischen Entwicklungen dieser globalen Revolution politisch effektiv steuern können. Was an einem Ort auf dem Globus verboten ist, wird an anderer Stelle umgesetzt. Was möglich ist, wird gemacht – im Zweifelsfall im Geheimen. Nationalstaaten und internationale Institutionen verlieren an Bedeutung, während Konzerne, die gerade einige Jahre jung sind, zu Global players aufsteigen. Hier bedarf es der Steuerungselemente für den europäischen Kulturraum, damit dieser nicht zwischen den Innovationen Asiens und der USA (die ihre Vordenker nicht so gut im Griff haben, wie sie denken) aufgerieben wird.

Es bietet sich die lange nicht dagewesene Möglichkeit zur Gestaltung einer neuen politischen Ordnung. Dafür bedarf es einer anschlußfähigen Idee. Diese Idee muß einerseits die Werte in sich tragen, die uns die Klassiker vermittelt haben, aber anderseits Antworten auf die Fragestellungen des 21. Jahrhunderts liefern. Sie muß attraktiv sein für die Macher und Entwickler, die man erreichen möchte, gleichzeitig Lösungen für den schärfer werdenden Konflikt zwischen Kapital und Daten anbieten und Antworten auf die kommenden sozialen Herausforderungen beinhalten. Befeuerte die erste industrielle Revolution die Entstehung des Marxismus, so hat der vierte Techniksprung das Potential für gesellschaftliche Umbrüche, die ideengeschichtlich einem Marxismus 2.0 gleichen, samt den potentiellen gesellschaftlichen Gegenreaktionen.

Wie bringen wir uns in diese Gesellschaftsdiskussion ein und verhindern totalitäre Rückschritte, in die auch Demokratien fallen können, wenn sich mittels neuer technischer Mittel die verlockenden Möglichkeiten der Gesellschaftssteuerung bieten? Dabei muß über die Strukturen des 20. Jahrhunderts hinausgedacht werden. Wenn man sich Schriften von genialen Köpfen wie Stephen Hawking anschaut, dann sind mit technischem Fortschritt immer massive Veränderungen in den politischen Strukturen, ja sogar die Idee einer planetaren Zivilisation verbunden. Lösungen im Nationalstaat zu suchen, kann nur der erste Schritt sein. Es bleibt zu klären, ob gesamteuropäische Lösungen möglich sind oder die Suche nach Verbündeten global ausgeweitet werden muß. Es zeigt sich, von Antworten auf aktuelle realpolitische Themen bis hin zur grundsätzlichen Frage nach dem, was uns Menschen ausmache: Es gibt viel zu diskutieren.


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