Plädoyer für eine konservative Zukunftsvision

 Gastbeitrag

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Wir ste­hen an der Schwel­le einer Revo­lu­ti­on. Jeder Bereich unse­res Lebens wird davon betrof­fen sein. Ein heu­te gebo­re­nes Kind wird Arbeit, Gesell­schaft, Kul­tur und Bil­dung völ­lig anders erle­ben als die Genera­tio­nen zuvor. Die vier­te indus­tri­el­le Revo­lu­ti­on, die eigent­lich schon längst begon­nen hat und nur noch nicht in der Wahr­neh­mung der Mas­se ange­kom­men ist, wird vie­les in Fra­ge stel­len, was wir für selbst­ver­ständ­lich hal­ten. War das 20. Jahr­hun­dert vom immer­wäh­ren­den Kon­flikt zwi­schen Kapi­tal und Arbeit und sei­nen ideo­lo­gi­schen Fol­gen geprägt, wis­sen wir bereits jetzt, daß das 21. Jahr­hun­dert vom Rin­gen von Kapi­tal und Daten bestimmt wer­den wird.
Auf die­se Ver­än­de­run­gen und die dazu­ge­hö­ri­gen gesell­schaft­li­chen Dis­kus­sio­nen sind Kon­ser­va­ti­ve nicht vor­be­rei­tet. Wäh­rend neo­li­be­ra­le Lob­by­grup­pen dabei sind, die Gesell­schaft 4.0 zu orga­ni­sie­ren, grei­fen Kon­ser­va­ti­ve beim The­ma Gesell­schaft und Tech­nik zu den Klas­si­kern, deren begrün­de­te Sor­gen zwar grund­sätz­lich noch aktu­ell sind, aber in gro­ßen Tei­len vom tech­no­lo­gi­schen Fort­schritt über­holt wur­den. In der jet­zi­gen Situa­ti­on dür­fen wir es nicht bei der Kennt­nis der Klas­si­ker belas­sen: Wir müs­sen Deu­tun­gen und Ent­wür­fe auf der Höhe der Zeit an- bie­ten, damit kon­ser­va­ti­ve Posi­tio­nen über­haupt noch Berück­sich­ti­gung in der gesell­schaft­li­chen Dis­kus­si­on fin­den, die auf uns zukommt.

Es bedarf einer kon­ser­va­ti­ven Tech­nik­vi­si­on, die nicht nur pes­si­mis­tisch in die Zukunft schaut und jede Neue­rung ver­teu­felt. Opti­mis­mus sei Feig­heit, sag­te Oswald Speng­ler? Gut: Sei­en wir fei­ge, also opti­mis­tisch, damit wir die anste­hen­de Revo­lu­ti­on mit­ge­stal­ten kön­nen. Wir dür­fen uns nicht mit der Rol­le des Zaun­gasts zufrie­den­ge­ben, der sich die roman­ti­sier­te Vor­stel­lung alter bes­se­rer Zei­ten, die es in der Rea­li­tät nie gege­ben hat, zu- rück­wünscht und ansons­ten nicht an der Dis­kus­si­on teil­nimmt. Revo­lu­ti­on näm­lich bedeu­tet immer auch Möglichkeit.
Bereits im März 1988 ver­öf­fent­lich­te der seit 1911 fast unan­ge­foch­ten welt­weit füh­ren­de IT-Kon­zern IBM im haus­ei­ge­nen Nach­rich­ten­blatt für den deutsch­spra­chi­gen Raum eine Ana­ly­se tech­nik­kri­ti­scher Denk­schu­len unter beson­de­rer Berück­sich­ti­gung kon­ser­va­ti­ver und neo­mar­xis­ti­scher Ansät­ze und ihrer poten­ti­el­len Über­trag­bar­keit auf Pro­test­be­we­gun­gen aus der Feder des His­to­ri­kers Rolf Peter Sie­fer­le. Es ging dar­um, die Argu­men­te der Kri­ti­ker zusam­men­zu­tra­gen und deren mög­li­che gesell­schaft­li­che Rele­vanz zu bewer­ten. Es wur­den die Klas­si­ker her­an­ge­zo­gen, die man auch heu­te zur Hand nimmt, wenn man sich dem The­ma von einem kon­ser­va­ti­ven Stand­punkt annä­hern möchte.

Unter­sucht wur­den u. a. die Schrif­ten von Oswald Speng­ler, Ernst und Fried­rich Georg Jün­ger und Arnold Geh­len. Für die mar­xis­ti­sche Ideen­welt wur­den die tech­nik­kri­ti­schen Punk­te des jun­gen Marx und sei­ner geis­ti­gen Erben der Frank­fur­ter Schu­le zusam­men­ge­tra­gen. Über bei­de welt­an­schau­li­chen Her­an­ge­hens­wei­sen fäll­te Sie­fer­le ein ver­nich­ten­des Urteil. Im Erschei­nungs­jahr die­ser stra­te­gi­schen Infor­ma­ti­on für die IBM-Mit­ar­bei­ter stan­den noch die Umwelt- und Sozi­al­be­we­gun­gen im Mit­tel­punkt des Inter­es­ses des Hardware‑, Soft­ware- und Dienst­leis­tungs­kon­zerns, doch die Ana­ly­se von damals ist auch noch fast 30 Jah­re spä­ter zutref­fend. Stan­den Kon­ser­va­ti­ve und Neo­mar­xis­ten Ende der 1980er ohne kon­kre­te Kon­zep­te da für die mitt­ler­wei­le längst ver­gan­ge­ne drit­te indus­tri­el­le Revo­lu­ti­on, die Tech­ni­sie­rung des Arbeits­plat­zes und des Pri­vat­le­bens durch Com­pu­ter und Inter­net, sind sie auch heu­te, an der Schwel­le zu vier­ten indus­tri­el­len Revo­lu­ti­on, ideen­los, unge­fähr­lich und haben kei­ne Kon­zep­te, die den gewal­ti­gen Ver­än­de­run­gen gerecht wer­den, die auf uns zukommen.
Dabei waren die Klas­si­ker nicht wir­kungs­los. Nicht umsonst wird dar­auf hin­ge­wie­sen, daß die Öko­be­we­gun­gen von kon­ser­va­ti­ven Ideen beein­flußt wur­den. Doch Kul­tur­pes­si­mis­mus, die blo­ße War­nung vor der Zer­stö­rung des Natür­li­chen und der Schöp­fung und die Ver­ar­bei­tung der Fol­gen der Mas­sen­ge­sell­schaft rei­chen nicht aus, um kon­ser­va­ti­ve Posi­tio­nen, wie von Kon­zer­nen wie IBM befürch­tet, als hem­men­den, auf­hal­ten­den Anteil in poli­ti­sche und sozia­le Bewe­gun­gen zu tragen.
Die heu­ti­gen Ent­wick­ler und Nut­zer von Tech­no­lo­gie sind anders geprägt, als es die kon­ser­va­ti­ven Vor­den­ker des ver­gan­ge­nen Jahr­hun­derts waren. Sie muß­ten nicht die Stahl­ge­wit­ter und die tota­le Mobi­li­sie­rung zwei­er Welt­krie­ge erle­ben, die den Men­schen auf ein aus­tausch­ba­res Zahn­räd­chen in der »Megama­schi­ne« redu­zier­ten. Die Jün­ge­ren unter uns ken­nen nicht mehr die prä­gen­den Umwelt­dis­kus­sio­nen über Wald­ster­ben und sau­ren Regen, die ihren Ursprung in der tota­len Aus­beu­tung der Natur durch die Tech­nik im Diens­te von Kapi­ta­lis­mus und Sozia­lis­mus hat­ten. Heu­te wird Tech­nik als Mit­tel zur Wohl­stands­stei­ge­rung und Frie­dens­si­che­rung wahr­ge­nom­men. Auch müs­sen Tech­nik und Natur­schutz kein Wider­spruch mehr sein. Und die befürch­te­te völ­li­ge »Ent­zau­be­rung der Welt« und der Schöp­fung hat bis­her nicht statt­ge­fun­den. Unser Wis­sen wächst schnell, inter­dis­zi­pli­när und expo­nen­ti­ell, den­noch stel­len sich uns täg­lich neue Fra­gen zu den Wun­dern der Natur, der Ent­ste­hung des Uni­ver­sums oder den Gren­zen des mensch­li­chen Potentials.

Trotz aller Ver­än­de­run­gen blei­ben auch tech­nik­skep­ti­sche Ansät­ze aktu­ell. Der unkri­ti­sche Umgang vie­ler Kon­su­men­ten mit ihren Daten und die tech­ni­sche Durch­drin­gung des Pri­vat­le­bens gehen wei­ter als vie­le Befürch­tun­gen. Die Fra­ge nach dem Ver­hält­nis von Mensch und Tech­nik muß eben­falls völ­lig neu betrach­tet wer­den. Ging es in der Ver­gan­gen­heit dar­um, in wel­cher Bezie­hung Mensch und Tech­nik zuein­an­der stün­den und ab wann die Tech­nik den Men­schen unter­wer­fe oder der sinn­stif­ten­den Moti­va­ti­on berau­be, geht es heu­te an die exis­ten­ti­el­len Fra­gen der Schöp­fung. In Zei­ten von Orga­nen aus dem 3‑D-Dru­cker, gezüch­te­ten Lebe­we­sen und der Opti­mie­rung von Kör­per­tei­len durch Implan­ta­te stellt sich nicht nur die Fra­ge nach dem Ver­hält­nis von Mensch und Tech­nik, son­dern die direk­te Fra­ge nach der immer mehr ver­schwim­men­den Gren­ze zwi­schen künst­li­chem und natür­li­chem Leben. Hat der tech­ni­sche Fort­schritt bis­her unser Leben dras­tisch ver­än­dert, wird er in Zukunft uns selbst ent­schei­dend ver­än­dern. Die Klas­si­ker bedür­fen also einer neu­en Les­art und einer Ergän­zung, die sich an den neu­ent­stan­de­nen Fra­ge­stel­lun­gen und kom­men­den Ver­än­de­run­gen orientieren.
Die Indus­tria­li­sie­rung als ers­te indus­tri­el­le Revo­lu­ti­on hat Mus­kel- durch Maschi­nen­kraft ersetzt, im soge­nann­ten Pri­mär­sek­tor (Land­wirt­schaft, Berg­bau) über 90 Pro­zent aller Arbeits­plät­ze ver­nich­tet und die bis dahin länd­li­che Lebens­wei­se der Men­schen kom­plett ver­än­dert. Ein ähn­lich dras­ti­scher Wan­del für die Arbeits- und Lebens­welt war der zwei­te revo­lu­tio­nä­re Schritt mit der brei­ten Nut­zung der Elek­tri­zi­tät und der Ein­füh­rung der Fließ­band- und Mas­sen­pro­duk­ti­on. Der Com­pu­te­ri­sie­rung der Arbeit und des Pri­vat­le­bens durch die Imple­men­tie­rung des Inter­nets fie­len dage­gen nur ein­zel­ne Berufs­grup­pen und Nied­rig­qua­li­fi­zier­te zum Opfer. Doch der jetzt bevor­ste­hen­de, vier­te tech­no­lo­gi­sche Schritt wird mit sei­ner tota­len Ver­net­zung zum »Inter­net der Din­ge«, der Ver­zah­nung der Wis­sen­schaf­ten und der Erset­zung zahl­rei­cher mensch­li­cher Auf­ga­ben durch Auto­ma­ti­sie­rung ähn­lich gra­vie­ren­de gesell­schaft­li­che Fol­gen haben wie die Industrialisierung.
Laut einer viel­be­ach­te­ten Stu­die der Uni­ver­si­tät Oxford aus dem Jahr 2013 sind 47 Pro­zent der Beschäf­tig­ten in den USA in Beru­fen tätig, die in den nächs­ten 20 Jah­ren durch Auto­ma­ti­sie­rung bedroht sind.

Eine Über­tra­gung der Ana­ly­se auf die deut­sche Wirt­schaft ergab, daß in der Bun­des­re­pu­blik im glei­chen Zeit­raum 42 Pro­zent der Arbeits­plät­ze durch Com­pu­ter­pro­gram­me, Robo­ter und ande­re Maschi­nen ver­schwin­den könn­ten. Wie die­ser Arbeits­platz­ab­bau kon­kret aus­se­hen wird, kann bereits jetzt in Japan beob­ach­tet wer­den. Erst kürz­lich hat ein japa­ni­sches Ver­si­che­rungs­un­ter­neh­men 30 Pro­zent einer Scha­dens­be­mes­sungs­ab­tei­lung durch »Wat­son«, eine viel­fäl­tig nutz­ba­re künst­li­che Intel­li­genz von IBM, ersetzt, und das ist nur ein Bei­spiel von vie­len aus der ein­zi­gen Indus­trie­na­ti­on, die vom demo­gra­phi­schen Wan­del noch hef­ti­ger betrof­fen ist als Deutschland.

Laut japa­ni­schen For­schungs­in­sti­tu­ten könn­ten bis 2035 die Hälf­te aller Arbeits­plät­ze durch Auto­ma­ti­sie­rung ersetzt wer­den. Die­se Ent­wick­lung trägt eine enor­me Spreng­kraft in sich, wie man auch am Bei­spiel Deutsch­lands erken­nen kann. Denn obwohl auf­grund des demo­gra­phi­schen Wan­dels bis zum Jahr 2030 3,5 Mil­lio­nen Arbeits­kräf­te weni­ger zur Ver­fü­gung ste­hen wer­den, dürf­ten durch die neu­en Tech­no­lo­gien noch weit mehr Arbeits­plät­ze ersetzt wer­den. Selbst das schrump­fen­de Arbeits­kräf­te­po­ten­ti­al wird also nicht mehr in vol­lem Umfang benö­tigt wer­den, und vor allem Arbeit­neh­mer mit gerin­ger oder mitt­le­rer Qua­li­fi­ka­ti­on wer­den das zu spü­ren bekom­men. Jedoch: Auch Ärz­te, Pilo­ten, Anwäl­te oder Steu­er­be­ra­ter wer­den von der Auto­ma­ti­sie­rung betrof­fen sein.

Hier sehen die Vor­den­ker der schö­nen neu­en Welt eine der größ­ten Gefah­ren der kom­men­den Revo­lu­ti­on. Man hat aus der Geschich­te gelernt und weiß, daß die Indus­tria­li­sie­rung und die auf sie fol­gen­de Mas­sen­ver­elen­dung zum Ent­ste­hen des Mar­xis­mus und, wenn man Ernst Nol­te fol­gen möch­te, der unter­schied­li­chen Gegen­be­we­gun­gen geführt hat. Sol­che unkal­ku­lier­ba­ren Risi­ken möch­te man in Zukunft ver­mei­den. Der Grün­der des Welt­wirt­schafts­fo­rums Klaus Schwab beschreibt in sei­nem Buch Die Vier­te Indus­tri­el­le Revo­lu­ti­on die ver­lo­cken­den Mög­lich­kei­ten, die sich der jähr­lich in Davos ver­sam­mel­ten glo­ba­len Macht­eli­te bie­ten, aber auch die Gefah­ren, die auf die Glo­ba­lis­ten zukom­men könn­ten. So besteht die Sor­ge, daß sich klei­ne Grup­pen an der Kon­trol­le der staat­li­chen Insti­tu­tio­nen vor­bei immer bes­ser ver­net­zen und mit­tels moder­ner Kom­mu­ni­ka­ti­ons­tech­nik an Schlag­kraft gewin­nen könnten.

Ähn­li­che Sor­gen hat man in der Haupt­stadt der Revo­lu­ti­on, in San Fran­cis­co. Im Sili­con Val­ley wird all das erdacht und umge­setzt, was unser Leben mor­gen und über­mor­gen bestim­men wird. Hier lehrt einer der Exper­ten für Künst­li­che Intel­li­genz, Neil Jacob­stein, an der Sin­gu­la­ri­ty Uni­ver­si­ty und sorgt sich um das Sozi­al­ge­fü­ge der Gesell­schaft nach der Revo­lu­ti­on, an der er und sei­ne Kol­le­gen in den zahl­lo­sen kali­for­ni­schen For­schungs­la­bo­ren arbei­ten. Er wirbt für etwas, das wir in Deutsch­land bedin­gungs­lo­ses Grund­ein­kom­men nen­nen: Damit sol­len anste­hen­de sozia­le Kon­flik­te abge­fe­dert wer­den, denn Unru­hen könn­ten auch die super- rei­chen Köp­fe der tech­ni­schen Revo­lu­ti­on in Bedräng­nis bringen.

Auch hier­zu­lan­de arbei­ten unter­schied­li­che Inter­es­sen­grup­pen flei­ßig an Kon­zep­ten und Ideen für ein Deutsch­land 4.0, ob nun bei der neo­li­be­ra­len, poli­tik­ver­zahn­ten Ber­tels­mann-Stif­tung oder im Bun­des­mi­nis­te­ri­um für Arbeit und Sozia­les. Von kon­ser­va­ti­ver Sei­te aber hört man nichts, noch nicht ein­mal ein Dis­kus­si­ons­an­satz ist wahr­nehm­bar. Es bedarf aber ei- ner kon­ser­va­ti­ven Tech­nik­vi­si­on. Allein daß es ein real­po­li­ti­sches und ideen­ge­schicht­li­ches Feld gibt, das zugleich ent­schei­dend für unse­re Gesell­schaft und nur man­gel­haft bear­bei­tet ist, müß­te Kon­ser­va­ti­ve rei­zen, die­sen wei­ßen Fleck von der Land­kar­te zu til­gen. Erst recht, da der Begriff »kon­ser­va­tiv« eine wei­te­re Dimen­si­on erhal­ten wird: Es geht nicht mehr nur dar­um, zu bewah­ren, vor Aus­beu­tung zu schüt­zen oder einen Lebens­sinn zu ver­mit­teln, es geht viel grund­sätz­li­cher dar­um, den Men­schen über­le­bens­fä­hig zu halten.

Wir wer­den in eine Situa­ti­on kom­men, in der wir uns den Maschi­nen in Intel­li­genz und Phy­sis unter­ord­nen müs­sen. Die kon­ser­va­ti­ve Tech­nik­vi­si­on wird aber immer dann dage­gen­hal­ten, wenn der Mensch der Ver­su­chung zu erlie­gen droht, ins Deka­den­te abzu­glei­ten, Maschi­nen das mensch­li­che Poten­ti­al aus­brem­sen oder der Mensch vor der Selbst­auf­ga­be steht und sich so von tech­ni­scher Hil­fe abhän­gig macht, daß er allein nicht mehr lebens­fä­hig wäre.

Eine kon­ser­va­ti­ve Tech­nik­vi­si­on ist opti­mis­tisch. Real­po­li­tisch stellt sich fol­gen­de Auf­ga­be: Gibt es Lösun­gen dafür, Deutsch­land und Euro­pa trotz der demo­gra­phi­schen Kata­stro­phe und der ver­än­der­ten Welt­la­ge über­le­bens­fä­hig für das 21. Jahr­hun­dert zu machen, und zwar mit einer rela­tiv homo­ge­nen Bevöl­ke­rung? Es gibt kein Natur­ge­setz, das besagt, daß in Deutsch­land 80 Mil­lio­nen Men­schen leben müs­sen. Wenn uns die Tech­no­lo­gien hel­fen, Wohl­stand, Frie­den und Frei­heit zu sichern, ohne dabei auf unge­woll­te Zuwan­de­rung ange­wie­sen zu sein, dann ist das eine Option.

Mili­tä­risch kann das altern­de Euro­pa neue Ver­tei­di­gungs­stra­te­gien mit gerin­gem mensch­li­chen Blut­zoll ent­wi­ckeln, um die Gren­zen des Kon­ti­nents zu sichern und in der Welt hand­lungs­fä­hig zu blei­ben. Wir kön­nen neue Wege der demo­kra­ti­schen Betei­li­gung gehen, um eta­blier­te Medi­en, intrans­pa­ren­te Eli­ten oder viel­leicht sogar Par­tei­en über­flüs­sig zu machen. Zudem brau­chen wir Ideen, wie wir die rasan­ten tech­no­lo­gi­schen Ent­wick­lun­gen die­ser glo­ba­len Revo­lu­ti­on poli­tisch effek­tiv steu­ern kön­nen. Was an einem Ort auf dem Glo­bus ver­bo­ten ist, wird an ande­rer Stel­le umge­setzt. Was mög­lich ist, wird gemacht – im Zwei­fels­fall im Gehei­men. Natio­nal­staa­ten und inter­na­tio­na­le Insti­tu­tio­nen ver­lie­ren an Bedeu­tung, wäh­rend Kon­zer­ne, die gera­de eini­ge Jah­re jung sind, zu Glo­bal play­ers auf­stei­gen. Hier bedarf es der Steue­rungs­ele­men­te für den euro­päi­schen Kul­tur­raum, damit die­ser nicht zwi­schen den Inno­va­tio­nen Asi­ens und der USA (die ihre Vor­den­ker nicht so gut im Griff haben, wie sie den­ken) auf­ge­rie­ben wird.

Es bie­tet sich die lan­ge nicht dage­we­se­ne Mög­lich­keit zur Gestal­tung einer neu­en poli­ti­schen Ord­nung. Dafür bedarf es einer anschluß­fä­hi­gen Idee. Die­se Idee muß einer­seits die Wer­te in sich tra­gen, die uns die Klas­si­ker ver­mit­telt haben, aber ander­seits Ant­wor­ten auf die Fra­ge­stel­lun­gen des 21. Jahr­hun­derts lie­fern. Sie muß attrak­tiv sein für die Macher und Ent­wick­ler, die man errei­chen möch­te, gleich­zei­tig Lösun­gen für den schär­fer wer­den­den Kon­flikt zwi­schen Kapi­tal und Daten anbie­ten und Ant­wor­ten auf die kom­men­den sozia­len Her­aus­for­de­run­gen beinhal­ten. Befeu­er­te die ers­te indus­tri­el­le Revo­lu­ti­on die Ent­ste­hung des Mar­xis­mus, so hat der vier­te Tech­nik­sprung das Poten­ti­al für gesell­schaft­li­che Umbrü­che, die ideen­ge­schicht­lich einem Mar­xis­mus 2.0 glei­chen, samt den poten­ti­el­len gesell­schaft­li­chen Gegenreaktionen.

Wie brin­gen wir uns in die­se Gesell­schafts­dis­kus­si­on ein und ver­hin­dern tota­li­tä­re Rück­schrit­te, in die auch Demo­kra­tien fal­len kön­nen, wenn sich mit­tels neu­er tech­ni­scher Mit­tel die ver­lo­cken­den Mög­lich­kei­ten der Gesell­schafts­steue­rung bie­ten? Dabei muß über die Struk­tu­ren des 20. Jahr­hun­derts hin­aus­ge­dacht wer­den. Wenn man sich Schrif­ten von genia­len Köp­fen wie Ste­phen Haw­king anschaut, dann sind mit tech­ni­schem Fort­schritt immer mas­si­ve Ver­än­de­run­gen in den poli­ti­schen Struk­tu­ren, ja sogar die Idee einer pla­ne­ta­ren Zivi­li­sa­ti­on ver­bun­den. Lösun­gen im Natio­nal­staat zu suchen, kann nur der ers­te Schritt sein. Es bleibt zu klä­ren, ob gesamt­eu­ro­päi­sche Lösun­gen mög­lich sind oder die Suche nach Ver­bün­de­ten glo­bal aus­ge­wei­tet wer­den muß. Es zeigt sich, von Ant­wor­ten auf aktu­el­le real­po­li­ti­sche The­men bis hin zur grund­sätz­li­chen Fra­ge nach dem, was uns Men­schen aus­ma­che: Es gibt viel zu diskutieren.

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