Sezession
1. Juni 2017

Plädoyer für eine konservative Zukunftsvision

Gastbeitrag

von Wiggo Mann

pdf der Druckfassung aus Sezession 78/Juni 2017

Wir stehen an der Schwelle einer Revolution. Jeder Bereich unseres Lebens wird davon betroffen sein. Ein heute geborenes Kind wird Arbeit, Gesellschaft, Kultur und Bildung völlig anders erleben als die Generationen zuvor. Die vierte industrielle Revolution, die eigentlich schon längst begonnen hat und nur noch nicht in der Wahrnehmung der Masse angekommen ist, wird vieles in Frage stellen, was wir für selbstverständlich halten. War das 20. Jahrhundert vom immerwährenden Konflikt zwischen Kapital und Arbeit und seinen ideologischen Folgen geprägt, wissen wir bereits jetzt, daß das 21. Jahrhundert vom Ringen von Kapital und Daten bestimmt werden wird.
Auf diese Veränderungen und die dazugehörigen gesellschaftlichen Diskussionen sind Konservative nicht vorbereitet. Während neoliberale Lobbygruppen dabei sind, die Gesellschaft 4.0 zu organisieren, greifen Konservative beim Thema Gesellschaft und Technik zu den Klassikern, deren begründete Sorgen zwar grundsätzlich noch aktuell sind, aber in großen Teilen vom technologischen Fortschritt überholt wurden. In der jetzigen Situation dürfen wir es nicht bei der Kenntnis der Klassiker belassen: Wir müssen Deutungen und Entwürfe auf der Höhe der Zeit an- bieten, damit konservative Positionen überhaupt noch Berücksichtigung in der gesellschaftlichen Diskussion finden, die auf uns zukommt.

Es bedarf einer konservativen Technikvision, die nicht nur pessimistisch in die Zukunft schaut und jede Neuerung verteufelt. Optimismus sei Feigheit, sagte Oswald Spengler? Gut: Seien wir feige, also optimistisch, damit wir die anstehende Revolution mitgestalten können. Wir dürfen uns nicht mit der Rolle des Zaungasts zufriedengeben, der sich die romantisierte Vorstellung alter besserer Zeiten, die es in der Realität nie gegeben hat, zu- rückwünscht und ansonsten nicht an der Diskussion teilnimmt. Revolution nämlich bedeutet immer auch Möglichkeit.
Bereits im März 1988 veröffentlichte der seit 1911 fast unangefochten weltweit führende IT-Konzern IBM im hauseigenen Nachrichtenblatt für den deutschsprachigen Raum eine Analyse technikkritischer Denkschulen unter besonderer Berücksichtigung konservativer und neomarxistischer Ansätze und ihrer potentiellen Übertragbarkeit auf Protestbewegungen aus der Feder des Historikers Rolf Peter Sieferle. Es ging darum, die Argumente der Kritiker zusammenzutragen und deren mögliche gesellschaftliche Relevanz zu bewerten. Es wurden die Klassiker herangezogen, die man auch heute zur Hand nimmt, wenn man sich dem Thema von einem konservativen Standpunkt annähern möchte.

Untersucht wurden u. a. die Schriften von Oswald Spengler, Ernst und Friedrich Georg Jünger und Arnold Gehlen. Für die marxistische Ideenwelt wurden die technikkritischen Punkte des jungen Marx und seiner geistigen Erben der Frankfurter Schule zusammengetragen. Über beide weltanschaulichen Herangehensweisen fällte Sieferle ein vernichtendes Urteil. Im Erscheinungsjahr dieser strategischen Information für die IBM-Mitarbeiter standen noch die Umwelt- und Sozialbewegungen im Mittelpunkt des Interesses des Hardware-, Software- und Dienstleistungskonzerns, doch die Analyse von damals ist auch noch fast 30 Jahre später zutreffend. Standen Konservative und Neomarxisten Ende der 1980er ohne konkrete Konzepte da für die mittlerweile längst vergangene dritte industrielle Revolution, die Technisierung des Arbeitsplatzes und des Privatlebens durch Computer und Internet, sind sie auch heute, an der Schwelle zu vierten industriellen Revolution, ideenlos, ungefährlich und haben keine Konzepte, die den gewaltigen Veränderungen gerecht werden, die auf uns zukommen.
Dabei waren die Klassiker nicht wirkungslos. Nicht umsonst wird darauf hingewiesen, daß die Ökobewegungen von konservativen Ideen beeinflußt wurden. Doch Kulturpessimismus, die bloße Warnung vor der Zerstörung des Natürlichen und der Schöpfung und die Verarbeitung der Folgen der Massengesellschaft reichen nicht aus, um konservative Positionen, wie von Konzernen wie IBM befürchtet, als hemmenden, aufhaltenden Anteil in politische und soziale Bewegungen zu tragen.
Die heutigen Entwickler und Nutzer von Technologie sind anders geprägt, als es die konservativen Vordenker des vergangenen Jahrhunderts waren. Sie mußten nicht die Stahlgewitter und die totale Mobilisierung zweier Weltkriege erleben, die den Menschen auf ein austauschbares Zahnrädchen in der »Megamaschine« reduzierten. Die Jüngeren unter uns kennen nicht mehr die prägenden Umweltdiskussionen über Waldsterben und sauren Regen, die ihren Ursprung in der totalen Ausbeutung der Natur durch die Technik im Dienste von Kapitalismus und Sozialismus hatten. Heute wird Technik als Mittel zur Wohlstandssteigerung und Friedenssicherung wahrgenommen. Auch müssen Technik und Naturschutz kein Widerspruch mehr sein. Und die befürchtete völlige »Entzauberung der Welt« und der Schöpfung hat bisher nicht stattgefunden. Unser Wissen wächst schnell, interdisziplinär und exponentiell, dennoch stellen sich uns täglich neue Fragen zu den Wundern der Natur, der Entstehung des Universums oder den Grenzen des menschlichen Potentials.


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