Sezession
1. Juni 2017

Wissenschaft und Politik – aktuelle Fragestellungen

Erik Lehnert

Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

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»Unsere Zivilisation wird in Frage gestellt durch den Fundamentalismus in seinen verschiedenen Spielformen, durch die Bevölkerungsexplosion in den Südländern und durch die Folgen der Technik. Jedes dieser Probleme hat seine lange Vorgeschichte, aber erst in der Hochzivilisation sind sie geschichtsmächtig geworden und drohen in den Augen unserer Humanisten die Ernte von Jahrtausenden zu vernichten, während sie unseren Zynikern versprechen, die ohne ernste Herausforderungen vielleicht auf dem Lotterbett des Wohlstands erschlaffende Menschheit beweglich zu erhalten.«

Was der Althistoriker Alexander Demandt 1993 in seinem Buch Endzeit? Die Zukunft der Geschichte konstatierte, dürfte mittlerweile als gesicherte Erkenntnis gelten. Unserer Zivilisation wird zugesetzt, und wir wehren uns kaum noch dagegen. Das nun ist neu: Denn auch wenn sich die Veränderung der Welt im letzten Jahrzehnt extrem beschleunigt hat, sind die Herausforderungen die alten geblieben. Der Nationalstaat ist die einzige verläßliche Größe, mit der sich die Herausforderungen meistern ließen, aber er wird vehementer denn je in Frage gestellt – als ob es dazu eine lebensfähige Alternative gäbe! Das Überleben der Völker entscheidet sich daher weniger an der außenpolitischen als an der innenpolitischen Front, weil die Infragestellung aus den eigenen Reihen kommt.
Folgend sind einige Themen aufgezeigt, in denen sich diese Infragestellung des Eigenen durch uns selbst am stärksten artikuliert. Gleichzeitig sind es Themen, die von der Wissenschaft aufbereitet und von der Politik entsprechend behandelt werden müßten. Einerseits sprechen die Fakten in diesen Bereichen eine klare Sprache, andererseits sind Fakten für die Politik noch lange kein Handlungsgrund. Ein Handlungszwang entsteht im Grunde erst immer kurz vor der Katastrophe, denn die Maßnahmen zur Abwendung sind unpopulär und mühsam. Daß aus der Wissen- schaft kaum Impulse für staatliches Handeln kommen, liegt in der Gängelung der Wissenschaft begründet. Als willfähriges Instrument rechtfertigt sie nur, ohne Impulse zu setzen oder die berüchtigte Alternativlosigkeit zu widerlegen. Kurz: Es müssen auch hier Alternativen her!

Politische Geographie

Als 2010 der damalige Bundespräsident die deutsche Präsenz in Afghanistan mit dem Hinweis auf das Offenhalten von Handelswegen rechtfertigte, war das ein Tabubruch, der immerhin zum Rücktritt Horst Köhlers führte. Auch wenn es lächerlich scheinen mag, lebte Deutschland bis dahin offenbar in dem Glauben, solche Dinge wie die Beteiligung an Auslandseinsätzen seien so etwas wie der selbstlose Tribut an die amerikanische Mission der Demokratisierung der Welt. Da Uneigennützigkeit im Politischen immer das Gefühl der Sinnlosigkeit nahelegt, insbesondere wenn Menschenleben auf dem Spiel stehen, sind diese Einsätze umstritten und finden möglichst geräuschlos statt.

Da es so etwas wie eine angewandte politische Geographie in Deutschland nicht gibt, weil das »Geopolitik« genannte Feld unter Sozialdarwinismusverdacht steht, bleibt nur die Moralpolitik als Rechtfertigungsgrund für außenpolitisches Handeln. Das ist einer Nation unwürdig, die unter den eigenen geopolitischen Faktoren bis heute zu leiden hat und gleichzeitig so oft in der Lage war, darauf eine angemessene Antwort zu finden. Trotz der natürlichen Beschränkungen gelang es Deutschland immer wieder, sich einen der vordersten Plätze im Konzert der Völker zu erobern.


Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

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