Sezession
1. Juni 2017

Die Privatisierung der Eugenik

Johannes Poensgen

Johannes Konstantin Poensgen

Johannes Konstantin Poensgen studiert Politikwissenschaft und Geschichte.

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Es ist ein Kennzeichen linksliberaler Ethikdiskurse (für die »irritierend« das vielleicht treffendste Adjektiv ist), daß es ihnen gelungen ist, die zeitlose Hierarchie der Güterabwägung erst außer Kraft zu setzen  und  dann vollkommen zu verdrehen. Das Allgemeinwohl, letztlich jedes über die einzelnen hinausweisende Gut, gilt immer weniger als legitime Grundlage einer Beschränkung des Wohls des einzelnen. Das Linke im Linksliberalismus  hat  jedoch  auch  eine bloße Umkehrung verhindert, die dem großen Ganzen den Einzelnen und seine unantastbaren Rechte entgegenhält. Stattdessen heben sich privilegierte Gruppen offizieller und halboffizieller Opfer und Benachteiligter aus der egalitären Landschaft heraus, die untereinander wie- derum um die Plätze einer ebenso komplizierten wie unbeständigen Hackordnung kämpfen.

Nur so erklärt es sich, daß sich mit dem Aufkommen der  Pränataldiagnostik  in  den 1980er Jahren eine Debatte entspann, in der Leute, die die Abtreibung für ein nicht hinterfragbares weibliches Grundrecht hielten, darüber diskutierten, ob es ethisch zulässig sei, erbkranken Nachwuchs auf diese Weise auszusortieren, und ob eine solche Praxis nicht Züge rassenhygienischer Maßnahmen des Nationalsozialismus trage. Diesem Vorwurf ließ sich am leichtesten begegnen, indem man das individuelle Glück betonte und die größere biopolitische Perspektive weit von sich wies.

Die klassische, von Francis Galton (1822 – 1911) begründete Eugenik forderte nicht weniger als eine aktive, staatliche Bevölkerungspolitik, und zwar nicht nur hinsichtlich der Quantität, sondern vor allem mit Blick auf die Qualität des Nachwuchses. Stand in der Wissenschaftseuphorie eines Galton noch die berauschende Möglichkeit im Vordergrund, der Mensch könne seinen eigenen Evolutionsprozeß kontrollieren, wurde die eugenische Bewegung bald Teil der Zivilisationskritik. Der natürlichen Auslese stand auf einmal die Gegenauslese der Zivilisation entgegen, in der durch Sozialfürsorge und  medizinischen  Fortschritt auch und gerade den erblich als minderwertig geltenden Bevölkerungsbestandteilen Fortpflanzungserfolge zuteil wurden. Die Vorstellung verbreitete sich, daß der Mensch, der durch seinen Erfindungsreichtum den  natürlichen  Lebenskampf gemildert hatte, nun auch gegenüber den Nebenwirkungen nicht untätig bleiben dürfe. Um des langfristigen Wohls der Spezies willen müsse der Staat eingreifen, hochwertige Geburten fördern und minderwertige nach Möglichkeit beschränken.

Von diesen Gedanken sind die Anwender und Verfechter heutiger Reproduktionsmedizin denkbar weit entfernt. Dabei ist das Unbehagen an der Zivilisation nicht zurückgegangen. Zivilisationskritik aller Art gibt es im Dutzend billiger. Das Angebot reicht von Broschüren über die Gefährlichkeit von Treibhausgasen zu Büchern über von Smartphonegebrauch verursachte Gehirnschäden. Die Idee jedoch, unsere Zivilisation könnte zum biologischen Verfall der Zivilisierten führen, ist eines der größten Tabuthemen unserer Zeit, zu beunruhigend wären die dann unabweisbaren Konsequenzen.

Im Ergebnis hat sich der Staat auf die Position des Marktregulators zurückgezogen. Damit entscheiden weitgehend Angebot und Nachfrage über die Anwendung der sich stetig erweiternden medizinischen Möglichkeiten. Dieser Markt mag stärker reguliert sein als andere, und manche Praktiken sind in manchen Staaten verboten, in anderen hingegen erlaubt – die Kriterien dafür sind oft recht willkürlich  und die Rechtslage erkennbar das Ergebnis tagespolitischen Würfelspiels. So war bis 2010 die Präimplantationsdiagnostik in Deutschland illegal, eine Spätabtreibung nach Feststellung einer Behinderung unter Berufung auf die seelische Gesundheit der Mutter hingegen erlaubt.

Dieser Privateugenik liegt nichts ferner als eine planmäßige Hebung der genetischen Qualitäten des Volkes. Statt dessen steht werdenden Müttern das Angebot zur Verfügung, erbkranken Nachwuchs zu diagnostizieren und gegebenenfalls zu beseitigen. Diese Dienstleistung bietet also an, die oft erheblichen Belastungen, die die Pflege eines behinderten Kindes mit sich bringt, zu vermeiden. Und wie auf jedem Markt sind es letztendlich die Kunden, die, wenn auch unter Einfluß ärztlicher Beratung, die Entscheidung für oder gegen die entsprechenden Untersuchungen treffen und im Ernstfall auch entscheiden, ob sie ein behindertes Kind austragen oder nicht. Ausschlaggebend für diese Entscheidung ist meist die wahrgenommene  Schwere der Behinderung, bei der Diagnose von Trisomie 21 etwa entscheiden sich rund drei Viertel der Schwangeren für eine Abtreibung.

Wichtig ist nun, folgendes festzuhalten: Wäre es möglich, die Technik auf ihrem gegenwärtigen Stand einzufrieren, es lohnte sich nicht, sich über die gegenwärtig angewandten eugenischen Verfahren groß den Kopf zu zerbrechen. Daß die Legalität der Abtreibung an sich kein Skandal, sondern der Abgrund der linksliberalen Gesellschaft ist, steht auf einem anderen Blatt. Die Selbstverständlichkeit, mit der dieser Zustand hingenommen wird, zwingt jedenfalls zu einigen sehr geringschätzigen Urteilen über die Art und Weise, auf die das menschliche Moralempfinden zustande kommt.

Immerhin mag man die Diagnose Down- Syndrom als einen gewichtigeren Grund für  eine Abtreibung einschätzen als die üblichen Mein-Bauch-gehört-mir-Phrasen. Und  wie  es bei dieser Bewegung leider so oft der Fall ist, führt sich der Lebensschutz bei der Bekämpfung der In-vitro-Fertilisation und der Präimplantationsdiagnostik selbst ad absurdum oder wird wenigstens fragwürdig: Um die Entsorgung überschüssiger Embryonen zu vermeiden, die bei diesen Verfahren nun einmal anfallen, sollen Paare, die auf diese medizinischen Hilfsmittel angewiesen sind, am besten gar keine Kinder bekommen?


Johannes Konstantin Poensgen

Johannes Konstantin Poensgen studiert Politikwissenschaft und Geschichte.

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