Peggy, Ophelia

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Wenn ich an Peg­gy den­ke, höre ich – im Kopf nur – meist »Blood Oath«. Phil­ipp Glass hat das Stück für den Film Mishi­ma geschrie­ben. Es gibt eine Ver­si­on für Saxo­phon, die min­des­tens so bestechend ist wie die gestri­che­ne. Eigent­lich mögen wir über­haupt kei­ne Saxo­phon­mu­sik. Ich nicht, Peg­gy nicht. Saxo­phon hat etwas Zudring­li­ches, oft Obs­zö­nes. Aber hier, klas­sisch anver­wan­delt: die­ses Perlen!
Wenn ich an Peg­gy den­ke, sehe ich Ophe­lia. Was kann ich mit Bestimmt­heit sagen über Peg­gy? Sie war schön, das ist frag­los. Das war jen­seits von »Geschmacks­sa­che« und gewis­sen Blond-lang­haa­rig-schlank-Kli­schees. Ihr Gesicht hat­te die­ses Eben­maß, das wir »klas­sisch« nennen.

Ihre Zart­heit, ihre Fra­gi­li­tät läßt sich auf die­sem Bild nur erah­nen, aber sie mäd­chen­haft zu nen­nen, trä­fe nicht. Sie war alters­los, elfen­gleich, engels­ähn­lich. Nixen­haft, das auch. Nie sah ich sie eine Hose tra­gen. Die roman­ti­schen Nixen­bil­der in mei­ner Küche, Dru­cke von Water­house und Mil­lais, moch­te sie sehr. Dort hängt mehr­fach die Ophe­lia aus Ham­let, wie John Ever­ett Mil­lais im 19. Jahr­hun­dert sie sah, als blu­men­be­kränz­te Schön­heit: Her clothes spread wide // And, mer­maid-like, awhile they bore her up: // Which time she chan­ted snat­ches of old tunes.

Zuletzt hat­te mir Peg­gy einen schön gerahm­ten Druck von Albert Anker – eben­falls 19. Jahr­hun­dert – geschenkt, »Mäd­chen, die Haa­re flech­tend«. Das blon­de Mäd­chen dort ähnelt unse­ren Töch­tern. Ihre hat die traum­glei­che Wesens­art der Mut­ter geerbt. Wann hat man das heu­te noch – Zwölf­jäh­ri­ge mit die­ser Aura des Unbe­fleckt­seins? Peg­gy und das Schö­ne, das war kein Ober­flä­chen­phä­no­men. Sie zog es an. Was nicht schön war »von Haus« aus, ver­wan­del­te sie sich mit Zau­ber­hand an. Floh­markt­stü­cke von anno dazu­mal, ande­re Ding­lich­kei­ten, Mahl­zei­ten, Musik, einen ver­krau­te­ten Gar­ten, ein schä­bi­ges Haus: Sie hat­te die­sen guten, kun­di­gen Zugriff: Es konn­te und muß­te doch gut werden!

Peg­gy lieb­te Irland. Das Grü­ne, das Wei­te, das Rau­schen des Mee­res, das wei­te Feh­len beto­nier­ter Flä­chen, das »Authen­ti­sche« der Leu­te, das vie­le Irland­freun­de beschrei­ben. Iri­sche Fried­hö­fe haben, das ist hier gut zu sehen, wenig Ähn­lich­keit mit deut­schen. Grab­stät­ten und Gedenk­ste­len dür­fen dort eine Höhe von sie­ben Metern nicht über­schrei­ten, Punkt. Iri­sche Grab­fel­der sind nicht von Norm­stei­nen aus dem Bau­markt umge­ben, sie lie­gen dort, wo es eine beson­ders schö­ne Aus­sicht gibt, des­halb fin­det man sie, wie hier, oft an der Küste.

Kennt man deut­sche Fried­hofs­ord­nun­gen? Toten­wür­de, ha, schnö­des Wort. Kei­ne DIN-Norm kennt mehr Längen‑, Brei­ten, Zeit­an­ga­ben als deut­sche Fried­hofs­sat­zun­gen. Nor­ma­ler­wei­se endet hier­zu­lan­de die »Ruhe­zeit für Lei­chen und Aschen nach 30 Jah­ren«, man kann das unter bestimm­ten Bedin­gun­gen ändern: »Mit dem Antrag ist die Grab­num­mern­kar­te nach § 13 Abs. 1 Satz 2, § 15 Abs. 2 Satz 2, bzw. die Ver­lei­hungs­ur­kun­de nach § 14 Abs. 5, § 15 Abs. 5, vorzulegen.«

Und­so­wei­ter, sehr uni­risch. Ein deut­scher Ver­such, das Leben nach dem Tod beherrsch­bar zu machen.
Das soge­nann­te Kelten‑, Hoch- oder Rad­kreuz, das wir hier viel­fach sehen, ist in unse­ren Brei­ten sel­ten, es gehört in den Nor­den, nach Schott­land, Schwe­den und eben vor allem nach Irland. Der hori­zon­ta­le (mensch­lich-geschicht­li­che) und der ver­ti­ka­le (gött­lich-ewi­ge) Bal­ken wer­den hier durch einen Ring ver­bun­den. Man kann das viel­fach deu­ten. Es spricht uns ästhe­tisch an, es hat etwas mit dem län­ger und beharr­li­cher über­dau­ern­den heid­ni­schen Erbe der Nord­völ­ker zu tun, viel­leicht mit einem zykli­schen Geschichts­ver­ständ­nis, mit einem Ein­ge­bun­den­sein ins natur­haf­te Wer­den und Ver­ge­hen, mit dem spä­ter von Nietz­sche gepräg­ten »ewig rol­len­den Rad des Seins«.
Zwei, drei Din­ge, die ich über ihren Schön­heits­sinn hin­aus von Peg­gy weiß: Sie war tap­fer. Sie war flei­ßig und beharr­lich. Sie war sehn­süch­tig, sie war eine Kämpfernatur.
Wir lern­ten sie, ihren Mann und ihre Toch­ter im Win­ter 2015 ken­nen. Ihr städ­ti­sches Umfeld hat­te sich jüngst merk­lich ver­än­dert. Das nahm Peg­gy sehr mit. Sie war im Inter­net auf PEGIDA- und LEGI­DA-Reden von Kubit­schek gesto­ßen. Ein loser Mail-Wech­sel ent­stand. Sie war nie »rechts«, ver­stand sich nie so, hat­te kei­ne Kon­tak­te zu sol­chem Milieu, die­ser »Sze­ne«. Sie arbei­te­te im Jus­tiz­mi­nis­te­ri­um. »Ich bekom­me hier Sachen mit, die nie­mals an die Öffent­lich­keit kom­men. War­um nicht? Was kann man denn tun?

Man muß doch was tun!« Immer wie­der Mails mit Sach­ver­hal­ten, Tat­be­stän­den, die geeig­net wären für dicks­te Schlag­zei­len, bren­nen­de Debat­ten: »Das muß doch alles raus! War­um wird das ver­schwie­gen?« Seit die­ser Zeit hat­te Peg­gy auch auf dem Sezes­si­ons­blog mit­kom­men­tiert. Klei­ne, klu­ge Zwischenrufe.

Sie hat­te eine sehr gute Stel­le. Man schätz­te ihre Arbeit, ihre Per­son. Peg­gy war kei­ne Panik­la­dy, das war sofort klar, als wir uns ken­nen­lern­ten. Sie war fein und in viel­stim­mi­gen Dis­kus­sio­nen eher still. Sie sag­te, was zu sagen war. Wir fuh­ren gemein­sam zu Demons­tra­tio­nen,  wir grill­ten zusam­men, debat­tier­ten, besuch­ten Ver­an­stal­tun­gen. Unser Kon­takt in die­sen bei­den Jah­ren war gleich­zei­tig lose und fest. Jeder hat­te zu tun, für sich. Heu­te den­ke ich: Man sah sich zu selten.

Mitt­ler­wei­le, 2016, hat­ten Peg­gy und ihr Mann eine Art Outing hin­ter sich gebracht. Im Grun­de nichts Hoch­dra­ma­ti­sches: »Ja, wir gehen zu PEGIDA. Fin­den wir wich­tig und rich­tig.« Peg­gy, noch weni­ger ihr Mann, war und waren je auf Eklat aus. Und den­noch: Dar­auf­hin hat­te sich der  hal­be  Freun­des­kreis  ver­ab­schie­det. Dar­un­ter Leu­te, mit denen man seit zwan­zig Jah­ren eng ver­ban­delt gewe­sen war. Trot­zig hat­ten die bei­den an der Tür ihrer Miet­woh­nung den hübsch gezeich­ne­ten Auf­kle­ber »Mon­tags ist Peg­gy da!« ange­bracht – das brach­te die Nach­barn auf. Man grüß­te nicht mehr. Neben der Schu­le der Toch­ter soll­te ein Asyl­heim ent­ste­hen. Peg­gy war nicht der Typ, der lang fakkelte.

Ein Kre­dit wur­de auf­ge­nom­men, ein altes Häus­chen auf dem Lan­de gekauft, nahe der Grab­stät­te Nietz­sches. Ziem­lich ver­fal­len anno 2015: geschmack­voll restau­riert durch eige­ner Hän­de Nacht- und Wochen­end­ar­beit ein knap­pes Jahr nach dem Erwerb.

Zwi­schen­durch, neben­bei und oben­drauf: Akti­vis­mus. Peg­gy mal­te Spruch­bän­der, die spä­ter an Auto­bahn­brü­cken hin­gen. Sie ver­teil­te Flug­blät­ter, warf Bro­schü­ren in Brief­käs­ten. Sie sag­te, sie sei ver­zwei­felt: Unser Land gehe vor die Hun­de, und alle täten, als sei nichts oder nicht viel!

Sie sag­te es, man sah, wie sie über­ström­te vor Taten­drang, vor Opfer­wil­le: »Und in das Feu­er, das  ver­raucht, wirf  dich  als  letz­tes Scheit.« Und doch war Peg­gy kei­ne wüti­ge Akti­vis­tin, sie war ein Engel. Ich habe sie auf­ge­bracht gese­hen, aber nie zor­nig, nie »außer sich«. Sie lächel­te schön. Es war, als ruhe sie in sich, es schien gezähmt, beherrscht und  wohl­ab­ge­wo­gen. Selbst als sie im ver­gan­ge­nen Win­ter sag­te, sie kön­ne nicht mehr arbei­ten vor lau­ter Sor­gen und Schlaf­lo­sig­keit. Ihre Augen hat­ten ja kei­ne Rin­ge, alles war glatt und schön wie immer. Sie hat­ten eine klei­ne Kat­ze über­nom­men von uns. Noch im Früh­jahr 2017, die Kar­tof­feln waren bereits im Boden, wur­de ein Hünd­chen gekauft. Peg­gy, DDR-typisch kir­chen­ent­frem­det, hat­te Halt im Glau­ben gesucht, sehr ernst­haft. Ohne­hin – nichts, was sie tat, war ohne Ernst! Aber wie hat­te sie sich empört über die­se pro­tes­tan­ti­schen Got­tes­diens­te,  die sie besuch­te, auf­such­te, hil­fe­su­chend! Die­se Pre­dig­ten, die­se Shows unterm Dach der Kir­che! »Wie Salz in die Wun­den!« Sie such­te Heil und fand Paro­len, Stan­zen, Gere­de. Und wir? Man hör­te, sah, ver­nahm die Kla­ge: Man weiß es ja. Daß vie­les den Bach run­ter geht. So vie­le lei­den doch! Die Um- stän­de sind heil­los, es kann nur dar­um gehen, den Kopf irgend­wie über Was­ser zu hal­ten. Und beim Damm­bau mit­zu­hel­fen. »Wer nicht will dei­chen, muß weichen.«

Peg­gy war kei­ne Pro­test­nu­del. Alles, was sie anpack­te, erschien im Lich­te des Wah­ren, Schö­nen, Guten; es hat­te sein Maß. Was für eine schö­ne Fami­lie! Man­che Men­schen hält man in ihrem Aktio­nis­mus für Lehm oder Mör­tel – auch das braucht es –, ande­re für sta­bi­le Pfei­ler. Peg­gy rech­ne­ten wir zu letzterem.

Im Früh­jahr 2017 hat sich Peg­gy um ihr Leben gebracht, ophe­lia­mä­ßig, es paß­te zu ihr. Bit­ter zu sagen, daß es letzt­lich stil­be­wußt war, ihr fürch­ter­li­ches Ende: But long it could not be // Till that her garments, hea­vy with their drink, // Pull’d the poor wretch from her melo­dious lay // To mud­dy death. Es war ein See, den sie beson­ders moch­te. Peg­gy hat­te zwei­fel­los die­sen Drang zur Ver­ti­ka­len, den das Pho­to hier aus­weist. Ihre Sehn­sucht hat sich irdisch verirrt.

Im Som­mer 2017 haben wir das hun­dert­jäh­ri­ge Fati­ma-Jubi­lä­um, und denen, die glau­ben, ist gebo­ten, zu beten: »Füh­re alle See­len in den Him­mel, beson­ders jene, die Dei­ner Barm­her­zig­keit am meis­ten bedür­fen.« Ich moch­te sie so.

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

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