1. August 2017

Peggy, Ophelia

Ellen Kositza

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Wenn ich an Peggy denke, höre ich – im Kopf nur – meist »Blood Oath«. Philipp Glass hat das Stück für den Film Mishima geschrieben. Es gibt eine Version für Saxophon, die mindestens so bestechend ist wie die gestrichene. Eigentlich mögen wir überhaupt keine Saxophonmusik. Ich nicht, Peggy nicht. Saxophon hat etwas Zudringliches, oft Obszönes. Aber hier, klassisch anverwandelt: dieses Perlen!
Wenn ich an Peggy denke, sehe ich Ophelia. Was kann ich mit Bestimmtheit sagen über Peggy? Sie war schön, das ist fraglos. Das war jenseits von »Geschmackssache« und gewissen Blond-langhaarig-schlank-Klischees. Ihr Gesicht hatte dieses Ebenmaß, das wir »klassisch« nennen.

Ihre Zartheit, ihre Fragilität läßt sich auf diesem Bild nur erahnen, aber sie mädchenhaft zu nennen, träfe nicht. Sie war alterslos, elfengleich, engelsähnlich. Nixenhaft, das auch. Nie sah ich sie eine Hose tragen. Die romantischen Nixenbilder in meiner Küche, Drucke von Waterhouse und Millais, mochte sie sehr. Dort hängt mehrfach die Ophelia aus Hamlet, wie John Everett Millais im 19. Jahrhundert sie sah, als blumenbekränzte Schönheit: Her clothes spread wide // And, mermaid-like, awhile they bore her up: // Which time she chanted snatches of old tunes.

Zuletzt hatte mir Peggy einen schön gerahmten Druck von Albert Anker – ebenfalls 19. Jahrhundert – geschenkt, »Mädchen, die Haare flechtend«. Das blonde Mädchen dort ähnelt unseren Töchtern. Ihre hat die traumgleiche Wesensart der Mutter geerbt. Wann hat man das heute noch – Zwölfjährige mit dieser Aura des Unbeflecktseins? Peggy und das Schöne, das war kein Oberflächenphänomen. Sie zog es an. Was nicht schön war »von Haus« aus, verwandelte sie sich mit Zauberhand an. Flohmarktstücke von anno dazumal, andere Dinglichkeiten, Mahlzeiten, Musik, einen verkrauteten Garten, ein schäbiges Haus: Sie hatte diesen guten, kundigen Zugriff: Es konnte und mußte doch gut werden!

Peggy liebte Irland. Das Grüne, das Weite, das Rauschen des Meeres, das weite Fehlen betonierter Flächen, das »Authentische« der Leute, das viele Irlandfreunde beschreiben. Irische Friedhöfe haben, das ist hier gut zu sehen, wenig Ähnlichkeit mit deutschen. Grabstätten und Gedenkstelen dürfen dort eine Höhe von sieben Metern nicht überschreiten, Punkt. Irische Grabfelder sind nicht von Normsteinen aus dem Baumarkt umgeben, sie liegen dort, wo es eine besonders schöne Aussicht gibt, deshalb findet man sie, wie hier, oft an der Küste.

Kennt man deutsche Friedhofsordnungen? Totenwürde, ha, schnödes Wort. Keine DIN-Norm kennt mehr Längen-, Breiten, Zeitangaben als deutsche Friedhofssatzungen. Normalerweise endet hierzulande die »Ruhezeit für Leichen und Aschen nach 30 Jahren«, man kann das unter bestimmten Bedingungen ändern: »Mit dem Antrag ist die Grabnummernkarte nach § 13 Abs. 1 Satz 2, § 15 Abs. 2 Satz 2, bzw. die Verleihungsurkunde nach § 14 Abs. 5, § 15 Abs. 5, vorzulegen.«

Undsoweiter, sehr unirisch. Ein deutscher Versuch, das Leben nach dem Tod beherrschbar zu machen.
Das sogenannte Kelten-, Hoch- oder Radkreuz, das wir hier vielfach sehen, ist in unseren Breiten selten, es gehört in den Norden, nach Schottland, Schweden und eben vor allem nach Irland. Der horizontale (menschlich-geschichtliche) und der vertikale (göttlich-ewige) Balken werden hier durch einen Ring verbunden. Man kann das vielfach deuten. Es spricht uns ästhetisch an, es hat etwas mit dem länger und beharrlicher überdauernden heidnischen Erbe der Nordvölker zu tun, vielleicht mit einem zyklischen Geschichtsverständnis, mit einem Eingebundensein ins naturhafte Werden und Vergehen, mit dem später von Nietzsche geprägten »ewig rollenden Rad des Seins«.
Zwei, drei Dinge, die ich über ihren Schönheitssinn hinaus von Peggy weiß: Sie war tapfer. Sie war fleißig und beharrlich. Sie war sehnsüchtig, sie war eine Kämpfernatur.
Wir lernten sie, ihren Mann und ihre Tochter im Winter 2015 kennen. Ihr städtisches Umfeld hatte sich jüngst merklich verändert. Das nahm Peggy sehr mit. Sie war im Internet auf PEGIDA- und LEGIDA-Reden von Kubitschek gestoßen. Ein loser Mail-Wechsel entstand. Sie war nie »rechts«, verstand sich nie so, hatte keine Kontakte zu solchem Milieu, dieser »Szene«. Sie arbeitete im Justizministerium. »Ich bekomme hier Sachen mit, die niemals an die Öffentlichkeit kommen. Warum nicht? Was kann man denn tun?

Man muß doch was tun!« Immer wieder Mails mit Sachverhalten, Tatbeständen, die geeignet wären für dickste Schlagzeilen, brennende Debatten: »Das muß doch alles raus! Warum wird das verschwiegen?« Seit dieser Zeit hatte Peggy auch auf dem Sezessionsblog mitkommentiert. Kleine, kluge Zwischenrufe.

Sie hatte eine sehr gute Stelle. Man schätzte ihre Arbeit, ihre Person. Peggy war keine Paniklady, das war sofort klar, als wir uns kennenlernten. Sie war fein und in vielstimmigen Diskussionen eher still. Sie sagte, was zu sagen war. Wir fuhren gemeinsam zu Demonstrationen,  wir grillten zusammen, debattierten, besuchten Veranstaltungen. Unser Kontakt in diesen beiden Jahren war gleichzeitig lose und fest. Jeder hatte zu tun, für sich. Heute denke ich: Man sah sich zu selten.

Mittlerweile, 2016, hatten Peggy und ihr Mann eine Art Outing hinter sich gebracht. Im Grunde nichts Hochdramatisches: »Ja, wir gehen zu PEGIDA. Finden wir wichtig und richtig.« Peggy, noch weniger ihr Mann, war und waren je auf Eklat aus. Und dennoch: Daraufhin hatte sich der  halbe  Freundeskreis  verabschiedet. Darunter Leute, mit denen man seit zwanzig Jahren eng verbandelt gewesen war. Trotzig hatten die beiden an der Tür ihrer Mietwohnung den hübsch gezeichneten Aufkleber »Montags ist Peggy da!« angebracht – das brachte die Nachbarn auf. Man grüßte nicht mehr. Neben der Schule der Tochter sollte ein Asylheim entstehen. Peggy war nicht der Typ, der lang fakkelte.

Ein Kredit wurde aufgenommen, ein altes Häuschen auf dem Lande gekauft, nahe der Grabstätte Nietzsches. Ziemlich verfallen anno 2015: geschmackvoll restauriert durch eigener Hände Nacht- und Wochenendarbeit ein knappes Jahr nach dem Erwerb.

Zwischendurch, nebenbei und obendrauf: Aktivismus. Peggy malte Spruchbänder, die später an Autobahnbrücken hingen. Sie verteilte Flugblätter, warf Broschüren in Briefkästen. Sie sagte, sie sei verzweifelt: Unser Land gehe vor die Hunde, und alle täten, als sei nichts oder nicht viel!

Sie sagte es, man sah, wie sie überströmte vor Tatendrang, vor Opferwille: »Und in das Feuer, das  verraucht, wirf  dich  als  letztes Scheit.« Und doch war Peggy keine wütige Aktivistin, sie war ein Engel. Ich habe sie aufgebracht gesehen, aber nie zornig, nie »außer sich«. Sie lächelte schön. Es war, als ruhe sie in sich, es schien gezähmt, beherrscht und  wohlabgewogen. Selbst als sie im vergangenen Winter sagte, sie könne nicht mehr arbeiten vor lauter Sorgen und Schlaflosigkeit. Ihre Augen hatten ja keine Ringe, alles war glatt und schön wie immer. Sie hatten eine kleine Katze übernommen von uns. Noch im Frühjahr 2017, die Kartoffeln waren bereits im Boden, wurde ein Hündchen gekauft. Peggy, DDR-typisch kirchenentfremdet, hatte Halt im Glauben gesucht, sehr ernsthaft. Ohnehin – nichts, was sie tat, war ohne Ernst! Aber wie hatte sie sich empört über diese protestantischen Gottesdienste,  die sie besuchte, aufsuchte, hilfesuchend! Diese Predigten, diese Shows unterm Dach der Kirche! »Wie Salz in die Wunden!« Sie suchte Heil und fand Parolen, Stanzen, Gerede. Und wir? Man hörte, sah, vernahm die Klage: Man weiß es ja. Daß vieles den Bach runter geht. So viele leiden doch! Die Um- stände sind heillos, es kann nur darum gehen, den Kopf irgendwie über Wasser zu halten. Und beim Dammbau mitzuhelfen. »Wer nicht will deichen, muß weichen.«

Peggy war keine Protestnudel. Alles, was sie anpackte, erschien im Lichte des Wahren, Schönen, Guten; es hatte sein Maß. Was für eine schöne Familie! Manche Menschen hält man in ihrem Aktionismus für Lehm oder Mörtel – auch das braucht es –, andere für stabile Pfeiler. Peggy rechneten wir zu letzterem.

Im Frühjahr 2017 hat sich Peggy um ihr Leben gebracht, opheliamäßig, es paßte zu ihr. Bitter zu sagen, daß es letztlich stilbewußt war, ihr fürchterliches Ende: But long it could not be // Till that her garments, heavy with their drink, // Pull’d the poor wretch from her melodious lay // To muddy death. Es war ein See, den sie besonders mochte. Peggy hatte zweifellos diesen Drang zur Vertikalen, den das Photo hier ausweist. Ihre Sehnsucht hat sich irdisch verirrt.

Im Sommer 2017 haben wir das hundertjährige Fatima-Jubiläum, und denen, die glauben, ist geboten, zu beten: »Führe alle Seelen in den Himmel, besonders jene, die Deiner Barmherzigkeit am meisten bedürfen.« Ich mochte sie so.


Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.


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