Sezession
1. August 2017

Zersetzt, was euch zersetzt!

Johannes Poensgen

Johannes Konstantin Poensgen

Johannes Konstantin Poensgen studiert Politikwissenschaft und Geschichte.

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»Eines ist Spenglers spähendem Jägerblick, der erbarmungslos die Städte der Menschheit durchstreift, als wären sie die Wildnis, die sie sind – eines ist diesem Jägerblick verborgen: die Kräfte, die im Verfall frei werden. ›Wie scheint doch alles Werdende so krank‹ – der Satz des Dichters Georg Trakl transzendiert die Spenglersche Landschaft. In der Welt des gewalttätigen und unterdrückten Lebens ist Dekadenz, die diesem Leben, seiner Kultur, seiner Roheit und Erhabenheit die Gefolgschaft aufsagt, das Refugium des Besseren.

Die ohnmächtig, nach Spenglers Gebot, von Geschichte beiseite geworfen und vernichtet werden, verkörpern negativ in der Negativität dieser Kultur, was deren Diktat zu brechen und dem Grauen der Vorgeschichte sein Ende zu bereiten wie schwach auch immer verheißt. In ihrem Einspruch liegt die einzige Hoffnung, es möchten Schicksal und Macht nicht das letzte Wort behalten. Gegen den Untergang des Abendlandes steht nicht die überlebende Kultur, sondern die Utopie, die im Bilde der untergehenden wortlos fragend beschlossen liegt.«

Mit diesen Sätzen beendete Theodor Wiesengrund Adorno seinen Aufsatz zum 70. Geburtstag Oswald Spenglers. Spengler, das trieft aus jeder Zeile, flößte ihm Angst ein, und bei aller geistigen Brillanz entstand so ein Text, der in punkto Selbstentlarvung zu den beeindruckendsten der Geistesgeschichte zählt.

Uns bekümmern hier nicht der verfälschende Vulgärmarxismus, zu dem Adorno seine Zuflucht nimmt, wenn es gilt, die Macht der Hochfinanz zu verleugnen und den Warenproduzenten mit der Alleinverantwortung für die gesellschaftlichen Verhältnisse zu belasten, nicht sein selektiver Analphabetismus, was die Verschleierung von Herrschaftsverhältnissen durch die sogenannte »Pressefreiheit« anbelangt, und auch nicht das Abschneiden eines Zitats aus Angst, das Grauen des Bolschewismus nur erwähnt zu sehen.

Uns bekümmern die zitierten Schlußsätze, die nicht in die Vergangenheit, sondern in die Zukunft weisen. In ihnen ist jene Wende der westlichen Linken aufs deutlichste ausgedrückt, die ihr ihre heutige Gestalt gab. Damals, in der Mitte des 20. Jahrhunderts, war der Traum vom Paradies der Werktätigen bereits im Gulag verendet. Es gab noch viele Kommunisten, doch die Sozialdemokratisierung der westlichen Linken und die damit einhergehende Akzeptanz der liberaldemokratischen, kapitalistischen Grundlagen der westlichen Demokratien zeichnete sich als unaufhaltsam ab.

Die Hoffnung auf einen weltrevolutionären Eroberungszug der Sowjetunion war mit den Millionenverlusten der Roten Armee in die Massengräber zwischen Wolga und Spree gesunken. Die bürgerliche Welt war wieder alternativlos, und wer noch den klassischen Kommunismus verfocht, mußte sich früher oder später die Aussichtslosigkeit seines Kampfs eingestehen. In der Möchtegernrevolution von 1968 würde man das Possenspiel erleben, daß verwirrte Studenten, Kinder des Bürgertums, die Arbeiter der Wirtschaftswunderzeit zum Klassenkampf aufzustacheln versuchten.

Hier, angesichts des Scheiterns, begann der lange Marsch des grundsätzlich denkenden Teils der Linken in die radikale Zersetzung. Das bedeutete die Preisgabe revolutionärer Ziele zugunsten endloser Emanzipationsforderungen. Die Dekadenz, die Zersetzung wurde zugleich Kampfmittel und Selbstzweck einer Bewegung, die der Wirklichkeit kein beschreibbares Ideal mehr entgegenzusetzen hatte, sondern nur noch das Aufschimmern der Utopie hinter dem Horizont besaß. Marxistische Häretiker wurden zu Idolen. Der weiße Arbeiter, dem die Linke seine Weigerung, sich zum Träger der Weltrevolution zu machen, nie mehr verzieh, wurde verraten. Seinen Platz nahmen andere ein: Frauen, sexuell Deviante, in immer zunehmendem Maße aber die Völkerschaften der Dritten Welt. All diejenigen, die angeblich oder tatsächlich »ohnmächtig, nach Spenglers Gebot, von Geschichte beiseite geworfen und vernichtet werden«.

Oft liest man, die Linke habe sich hier neue revolutionäre Subjekte gesucht. Das ist falsch. Diese Gruppen sind für die Linken gerade keine Subjekte, sondern Mündel, in deren Namen immer neue Forderungen erhoben werden, die die Grundfesten von Volk und Staat unterminieren. Das Problem der Linken mit dem Islam besteht gerade darin, daß Moslems, anders als Frauen und solche, die es gerne wären, zu eigenständigem, von der Linken gelöstem, politischen Handeln fähig sind. Das bedeutet: Sie können die Hand, die sie füttert, auch beißen.


Johannes Konstantin Poensgen

Johannes Konstantin Poensgen studiert Politikwissenschaft und Geschichte.

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