Sezession
1. August 2017

Nachdenken, verstehen, gehen

Gastbeitrag

von Marc Jongen

pdf der Druckfassung aus Sezession 79/August 2017

Nun: Wir haben noch gar nicht verstanden. Und das gilt wohl für fast alle: Der Mensch unseres Zeitalters hat noch gar nicht verstanden. Was seit dem 21. Jahrhundert nicht nur hierzulande, sondern weltweit gewissermaßen anthropokybernetisch vor sich geht, und was das Prinzip, das diesem Vorgang zugrunde liegt, berechenbar macht, kann sich auf einen breiten Konsens der Gleichgültigkeit und damit der Zustimmung stützen. Die Bereitschaft, nicht nur das Regime radikal veränderter Wirklichkei- ten, sondern auch dessen Kurs durch soziale und politische Konformität zu bestätigen, ist ungebrochen.
Und so läßt das 21. Jahrhundert den Menschen wenigstens drei ganz neue Erfahrungen machen: die der Digitalisierung des Lebens, also die der totalen Abhängigkeit des einzelnen von elektronischen Geräten; daraus folgend die der technischen Vernetzung aller mit allem; und zuletzt die der praktizierten Selbstauslöschung der alten europäischen Kulturvölker unter Mißachtung der Tatsache, daß Menschheitsgeschichte Verdrängungsgeschichte ist. Bestand der bisherige Entwicklungsverlauf darin, dem Empirischen eine neue Qualität zu geben, so steht das, was sich im
21. Jahrhundert an Umbrüchen ereignet, in der gesamten Weltgeschichte ohne Beispiel da und trifft die aus historischen Erfahrungen erwachsene Gattung völlig unvorbereitet.
Man bewegt sich in einer Cloud des Unfaßbaren, die erst aus erhöhter Distanz als Gebilde überhaupt sichtbar wird. Indessen bemüht sich der politische Mensch, den die mehr als berechtigte Sorge um den Erhalt des eigenen Verbandes sowie der alten Ordnung alle seine Gedanken auf eben dieses Ziel hin dekretiert, das Verstehen zu umgehen, es zu ignorieren, ja sich sogar den Willen dazu aus Loyalität und Treue zum Eigenen zu verbieten. Das Verstehen dessen, was momentan mit der Welt geschieht, scheint vielen kaum weniger bedrohlich zu sein als die Szenarien selber. Vielleicht ist hier nach dem Grund zu suchen, weshalb man sich auch und gerade innerhalb der Rechten scheut, die hochkomplexen Ursachen der heutigen Verhältnisse tatsächlich verstehen zu wollen.
Die enorme Aggressivität, mit der die zivilgesellschaftlichen Bündnisse jedes zarte Aufblühen ernst gemeinter Gegnerschaft zu zertreten entschlossen sind, zeigt, wie fest im Kollektivverhalten Furcht und Haß gegen diejenigen Lebensentwürfe verankert liegen, die den alten Tugenden anhängen. Hier stehen sich nicht bloß verschiedene Meinungen gegenüber, sondern es kämpfen zwei Zeitalter in Form zweier antagonistischer Ethiken und Prinzipien der uralten moralischen Kategorien von »Gut und Böse« gegeneinander.

Beim AfD-Parteitag in Köln demonstrierten vielleicht 50000 Menschen (doppelt so viele, wie die Partei Mitglieder zählt) zwei Tage lang volksfestartig ihre Feindschaft gegen alles, was den angesagten Auflösungsvisionen widerspricht. Fast das gesamte Regime hatte gegen die politische Opposition mobilgemacht und wieder einmal lauthals kundgetan: Das, was ihr erhalten wollt, ist uns ein Greul! Und: Wir lassen uns den Totalumbau dieses Landes und Kontinents auf den letzten Metern nicht mehr nehmen! Euer Deutschland gehört abgeschafft!
Bis heute weigert man sich in rechten Kreisen mit der allen Milieus eigenen Selbstbezogenheit, einmal gründlich und umfassend darüber nachzudenken, warum das so ist und was anthropotechnisch oder bewußtseinspsychologisch passiert sein muß, damit ein Volk, eine Kultur von sich weg will und rigoros nach einer Umwertung und Neuinterpretation des eigenen Selbstverständnisses verlangt. Und dort, wo sich tatsächlich einmal jemand um das Verstehen bemüht, wird er auf ein paar griffige Schlagworte reduziert und muß zumeist erst (aufsehenerregend) sterben, um überhaupt beachtet zu werden; und selbst dann gilt diese Beachtung mehr dem »Skandal«, den er durch sein »provokatives Denken« ausgelöst hat, als dem Denken selber.

Statt also einmal innezuhalten und das Lot in die Tiefe gleiten zu lassen, erbaut man sich lieber an ordinärer Zustandspolemik oder an dem üblichen, oft erstaunlich naiven parteipolitischen Optimismus einer baldigen Regierungsübernahme. Natürlich ist die Frage: »Was gilt es nun zu tun?« erregender und ansprechender als:
»Wie konnte oder mußte es so weit kommen?« Daher so viele Lageberichte und so wenig Analyse. Als ob man es bei dem herrschenden Staats- und Zeitgeistkollektiv bloß mit einem Popanz zu tun habe, der mit einem »vernünftigen Parteiprogramm« zu verscheuchen wäre!
Jedoch beruhen erfahrungsgemäß die meisten politisch motivierten Prognosen auf Fehleinschätzungen menschlicher Funktionsweisen: Man schließt von seinen eigenen Präferenzen und Anlagen auf die aller anderen und hält es folglich nur für eine Frage der Zeit, bis die von einem selber vorhergesagten Ereignisse eintreffen werden.


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