1. August 2017

Nachdenken, verstehen, gehen

Gastbeitrag

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Nun: Wir haben noch gar nicht verstanden. Und das gilt wohl für fast alle: Der Mensch unseres Zeitalters hat noch gar nicht verstanden. Was seit dem 21. Jahrhundert nicht nur hierzulande, sondern weltweit gewissermaßen anthropokybernetisch vor sich geht, und was das Prinzip, das diesem Vorgang zugrunde liegt, berechenbar macht, kann sich auf einen breiten Konsens der Gleichgültigkeit und damit der Zustimmung stützen. Die Bereitschaft, nicht nur das Regime radikal veränderter Wirklichkei- ten, sondern auch dessen Kurs durch soziale und politische Konformität zu bestätigen, ist ungebrochen.
Und so läßt das 21. Jahrhundert den Menschen wenigstens drei ganz neue Erfahrungen machen: die der Digitalisierung des Lebens, also die der totalen Abhängigkeit des einzelnen von elektronischen Geräten; daraus folgend die der technischen Vernetzung aller mit allem; und zuletzt die der praktizierten Selbstauslöschung der alten europäischen Kulturvölker unter Mißachtung der Tatsache, daß Menschheitsgeschichte Verdrängungsgeschichte ist. Bestand der bisherige Entwicklungsverlauf darin, dem Empirischen eine neue Qualität zu geben, so steht das, was sich im
21. Jahrhundert an Umbrüchen ereignet, in der gesamten Weltgeschichte ohne Beispiel da und trifft die aus historischen Erfahrungen erwachsene Gattung völlig unvorbereitet.
Man bewegt sich in einer Cloud des Unfaßbaren, die erst aus erhöhter Distanz als Gebilde überhaupt sichtbar wird. Indessen bemüht sich der politische Mensch, den die mehr als berechtigte Sorge um den Erhalt des eigenen Verbandes sowie der alten Ordnung alle seine Gedanken auf eben dieses Ziel hin dekretiert, das Verstehen zu umgehen, es zu ignorieren, ja sich sogar den Willen dazu aus Loyalität und Treue zum Eigenen zu verbieten. Das Verstehen dessen, was momentan mit der Welt geschieht, scheint vielen kaum weniger bedrohlich zu sein als die Szenarien selber. Vielleicht ist hier nach dem Grund zu suchen, weshalb man sich auch und gerade innerhalb der Rechten scheut, die hochkomplexen Ursachen der heutigen Verhältnisse tatsächlich verstehen zu wollen.
Die enorme Aggressivität, mit der die zivilgesellschaftlichen Bündnisse jedes zarte Aufblühen ernst gemeinter Gegnerschaft zu zertreten entschlossen sind, zeigt, wie fest im Kollektivverhalten Furcht und Haß gegen diejenigen Lebensentwürfe verankert liegen, die den alten Tugenden anhängen. Hier stehen sich nicht bloß verschiedene Meinungen gegenüber, sondern es kämpfen zwei Zeitalter in Form zweier antagonistischer Ethiken und Prinzipien der uralten moralischen Kategorien von »Gut und Böse« gegeneinander.

Beim AfD-Parteitag in Köln demonstrierten vielleicht 50000 Menschen (doppelt so viele, wie die Partei Mitglieder zählt) zwei Tage lang volksfestartig ihre Feindschaft gegen alles, was den angesagten Auflösungsvisionen widerspricht. Fast das gesamte Regime hatte gegen die politische Opposition mobilgemacht und wieder einmal lauthals kundgetan: Das, was ihr erhalten wollt, ist uns ein Greul! Und: Wir lassen uns den Totalumbau dieses Landes und Kontinents auf den letzten Metern nicht mehr nehmen! Euer Deutschland gehört abgeschafft!
Bis heute weigert man sich in rechten Kreisen mit der allen Milieus eigenen Selbstbezogenheit, einmal gründlich und umfassend darüber nachzudenken, warum das so ist und was anthropotechnisch oder bewußtseinspsychologisch passiert sein muß, damit ein Volk, eine Kultur von sich weg will und rigoros nach einer Umwertung und Neuinterpretation des eigenen Selbstverständnisses verlangt. Und dort, wo sich tatsächlich einmal jemand um das Verstehen bemüht, wird er auf ein paar griffige Schlagworte reduziert und muß zumeist erst (aufsehenerregend) sterben, um überhaupt beachtet zu werden; und selbst dann gilt diese Beachtung mehr dem »Skandal«, den er durch sein »provokatives Denken« ausgelöst hat, als dem Denken selber.

Statt also einmal innezuhalten und das Lot in die Tiefe gleiten zu lassen, erbaut man sich lieber an ordinärer Zustandspolemik oder an dem üblichen, oft erstaunlich naiven parteipolitischen Optimismus einer baldigen Regierungsübernahme. Natürlich ist die Frage: »Was gilt es nun zu tun?« erregender und ansprechender als:
»Wie konnte oder mußte es so weit kommen?« Daher so viele Lageberichte und so wenig Analyse. Als ob man es bei dem herrschenden Staats- und Zeitgeistkollektiv bloß mit einem Popanz zu tun habe, der mit einem »vernünftigen Parteiprogramm« zu verscheuchen wäre!
Jedoch beruhen erfahrungsgemäß die meisten politisch motivierten Prognosen auf Fehleinschätzungen menschlicher Funktionsweisen: Man schließt von seinen eigenen Präferenzen und Anlagen auf die aller anderen und hält es folglich nur für eine Frage der Zeit, bis die von einem selber vorhergesagten Ereignisse eintreffen werden.

Über 40 Jahre lang hielten eingefleischte Linke den Zusammenbruch der kapitalistischen Welt mit der gleichen Überzeugung für ausgemacht, wie manche Rechte keinen Zweifel an dem baldigen Niedergang oder Zerfall der USA – und heute Europas – infolge von Rassenunruhen hegten.
Die Hoffnung darauf, daß auch das Unwahrscheinlichste eintreffen möge, weil die eigenen Erwartungen danach verlangen, begründet den menschlichen Wunsch nach einem prinzipiell offenen Ausgang der Geschichte, worin wiederum der gattungsbezogene Anspruch auf Willensfreiheit, die immer auch die individuelle Handlungsfreiheit unbedingt miteinschließt, seinen Ursprung hat.

Folglich tun sich kulturell an einen solchen Freiheitsanspruch gewöhnte Menschen schwer damit, die Ereignislogik kausaler Zusammenhänge wahrhaben zu wollen. Denn der Kern jener Hoffnung besteht eben darin, daß alles auch hätte ganz anders kommen können, was die Möglichkeit eines grundsätzlichen Wandels in die gewünschte Richtung stets offenläßt.
Und doch gibt es überall dort eine erkennbare Logik in der Geschichte, wo mit hoher Wahrscheinlichkeit bestimmte Ereignisse bestimmte Folgen hervorrufen. Als um 1620 die ersten europäischen Siedlungen in Nordamerika gegründet wurden, war die weitere Entwicklung durchaus absehbar. Die Parallelen zur heutigen Situation sind frappierend: Denn auch die europäischen Migranten »flüchteten« damals infolge eines sich bis ins 20. Jahrhundert rapide beschleunigenden Bevölkerungswachstums vor Armut, Unterdrückung und Krieg aus ihrer Heimat nach Übersee, angelockt von der Aussicht auf ein besseres Leben in einem Land, dessen enormer Reichtum an Ressourcen zur Ausbeutung bereitlag.

Und ebenfalls waren es die indigenen Völker, welche die Eindringlinge zumeist freudig willkommen hießen, ihnen den Boden bereiteten, mit ihnen gegen andere Stämme paktierten und den Fremden insgesamt allerlei Hilfestellung boten, wodurch sich deren Landnahme und die darauf folgende Verdrängung und Absorption der Indianer samt ihrer Kultur in relativ kurzer Zeit überhaupt erst vollziehen konnte.
Nun heißt Strukturen aufzeigen noch nicht Vorhersagen treffen. Doch in der Natur herrscht durchaus keine Willkür. Evolution ist das Ergebnis bestimmter Regeln, die, hat man sie erst einmal verstanden, Verlaufswahrscheinlichkeiten zulassen. Deshalb war es freilich kein Kunststück, bereits in den frühen 1990er Jahren festzustellen, daß sich die hochindustrialisierten Länder wie Deutschland in einer »demographischen Zwickmühle« befänden, die leicht »zum Verlust ihrer kulturellen Identitäten führen« könne, wie etwa Meinhard Miegel prophezeite.

Wer die Voraussetzungen kennt, kann auch deren Folgen abschätzen. Vieles ist eine Frage der Biologie, des Verbrauchs von Kräften, sozialer Mutationen. Tatsächlich gibt es so etwas wie eine politische Kybernetik. Mag der Mensch als organischer Apparat auch noch so kompliziert aufgebaut sein, als Gattungsexemplar, das seiner Natur untersteht, ist er ebensoleicht zu »berechnen« wie jedes andere Tier.
Die wichtigsten Begriffe zum Verständnis dessen, was sich mit hoher Wahrscheinlichkeit durch die Digitalisierung der Welt mit dem Menschen ereignet, haben bereits in den 1950er Jahren Ausnahmemathematiker wie John von Neumann geschaffen. Angesichts der immer kürzer werdenden Intervalle sich ablösender Kommunikationstechniken müsse dieser Prozeß notwendig auf eine Art Singularität sich selber reproduzierender Techniken hinauslaufen. Diese Form der Epigenetik könnte freilich auch als Erklärungsmodell für das Verhalten von Kollektiven wie Nationen dienen.

Als Zusammenschluß zellulärer Automaten funktionieren menschliche Gesellschaften nicht viel anders als hochkomplexe Ameisenkolonien. Wie groß ist doch der Unterschied zwischen Regelnbefolgen und Verstehen! Im neuronalen Netz des Gehirns sind grundlegende Denkprozesse zu statischen Mustern codiert, die als Impulsfolgen übertragen werden, etwa wie in einer Partitur Musik codiert ist durch Intervalle zwischen den Noten. Insofern sind alle Gesellschaften selbstregulierende Organismen, deren Bezugssystem das eigene, ererbte Programm ist. Im Laufe dieser Dynamik treibt auch der zelluläre Apparat Mensch sein Inneres nach außen, das heißt: er gestaltet seine Umgebung jenem Muster gemäß, das sich als Humantechnik in ihm offenbart.

Die Funktionalität seiner Natur wird durch ihn technisch nachgebildet zu einem Lebensraum, in dem Ich und Welt keine Gegensätze mehr bilden. Allein, die gattungsspezifische Flexibilität des Menschen ermöglicht eine solche Mutation nicht nur, sondern fordert sie sogar. Dieser Vorgang geschieht mit ihm, wie »Liebe« oder »Lüste« geschehen, und sämtliche lebenstüchtigen Instinkte schließen sich diesem Geschehen an, während alle stören- den Regungen unterdrückt und als körperfeindliche Symptome vom Rest bekämpft werden. – Die Illusion individueller Autonomie konnte nur so lange bestehen, wie es dem beobachtenden Subjekt an Transparenz fehlte.
Auch in dieser Hinsicht dürfte sich die gesamte Gattung, allen voran aber der abendländische Mensch, umgewöhnen müssen. Das Potential des Zufalls wird nach und nach aus den kommenden Dingen herausgefiltert, je mehr die Ereignisse und Abläufe digitalen Steuerungen unterliegen. Denn mit fortschreitender Mathematisierung des Lebens werden Mensch und Welt berechenbarer, ohne daß damit von vornherein böse Absichten verbunden wären – vollziehen sich diese Prozesse doch im vollen Einverständnis ihrer Betreiber und Nutzer.

Denn nichts von all dem, was sich derzeit an technischen Umbrüchen mit Mensch und Welt ereignet, geschieht ungewollt. Vielmehr scheint es, als spräche die Gattung sich derzeit erstmals rein aus der Seele und habe folglich jedes Recht, sich über alle Sonderinteressen hinwegzusetzen. Das Gesamtmenschliche aktiviert sich überall dort, wo der einzelne mangels Alternativen nur noch seiner primären Natur gehorchen will.
Wer den Menschen in seinen biologischen Grundstrukturen genauer kennt, kann einschätzen, wie dieser sich in welchen Situationen verhalten wird.

Er weiß ihn aufgrund seiner Kenntnisse – also aufgrund der Kenntnisse über sich selber – positiv wie negativ zu manipulieren. Nichts anderes findet täglich statt in einem System, das auf permanentem Informationsaustausch basiert. Die Menschen, die ein solches System erschaffen haben, machen gar keinen Hehl mehr daraus, daß erst der Schwarm, dessen Teil sie sind und sein wollen, in das verlorene Glück einer instinktsicheren Welt zurückführt. Man muß sich schon ganz darauf einlassen, um das geradezu Archaisch-Kollektivierende dieser Subjekt-Objekt-Transformation vollends genießen zu können. Je transparenter ein System, desto mehr Erkenntnisse lassen sich darüber gewinnen. Und je mehr Erkenntnisse über ein System vorliegen, desto berechenbarer ist es.

Dabei bildet der einzelne Mensch die kleinste Systemeinheit. Wer also über genügend Menschenkenntnisse verfügt, wird die Mechanismen menschlicher Systeme nicht mehr für unberechenbar halten.
Auffällig ist, daß die Erfinder, Gestalter und Motoren des digitalen Weltalters fast ausschließlich weiße Männer angelsächsisch-deutsch-jüdischer Herkunft sind. Kein romanischer, nicht einmal ein ostasiatischer Name findet sich darunter, geschweige denn ein arabischer oder afrikanischer. Auch fehlt es fast gänzlich an Frauen. Diese Männer also heißen Tim Paterson (MS-DOS), Lee Felsenstein (Konstrukteur des ersten portablen Computers), Steve Jobs (Apple), Bill Gates (Microsoft), Larry Tessler (Humancomputer interaction), Mark Zuckerberg, Mike Schroepfer (beide Facebook), Astro Teller (Google X), Sebastian Thun (Google, Erfinder der Selfdriving cars).

Das Phänomen einer solchen Häufung ist kulturpsychologisch vielleicht nicht uninteressant, handelt es sich bei Deutschen und Juden doch um diejenigen »Stämme« mit der traditionell höchsten Selbstmißbilligungsbereitschaft, woraus sich möglicherweise der enorme Eifer erklärt, mit der gerade von diesen beiden Kulturen seit Generationen an der Neuschöpfung der Welt gearbeitet wird.
Sobald man aber weiß, wie ein System funktioniert, und sei es das komplizierteste, verliert es seinen Reiz, denn von nun an ist davon keine Spontaneität, nichts Überraschendes mehr zu erwarten. Alle Abläufe ergehen und erschöpfen sich in Wiederholungen, die aber nur zu bemerken scheint, wer nicht selber Teil jener Mechanismen ist.

Die Vorgänge haben sich eingespielt, ihren Rhythmus gefunden, worin sie ihren ureigenen Zweck erfüllen, weshalb die daran Beteiligten auch nicht an sich selber ermüden. Wer heute das Radio oder den Fernseher einschaltet, erlebt das Systematische dieses Regimes in seiner Vollendung: Sämtliche Themen sind bis ins Detail ihrer Behandlung hinein vorhersehbar, der Jargon, die Redensarten, das Phrasengemenge bald jeder betrieblichen Aussage verrät sofort die Absicht ihrer Auftraggeber, Adepten, Mitläufer, Profiteure, Manipulationsmultiplikatoren.

Das Geheimnisvolle und Faszinierende einer solchermaßen komplett systematisierten Welt besteht nur noch in der Dynamik jener autoreproduktiven Prozesse, deren verführerisch-bezwingender Natur zur Anpassung an das jeweils Erforderliche sich kaum jemand entziehen kann. Es ist längst zum Merkmal postkultureller Lebenstüchtigkeit geworden, sich seinen Platz im medial gesteuerten Daseinszirkus vom Zeitgemäßen oder aktuell Vorgefundenen anweisen zu lassen.

Wer Mensch und Welt verstanden hätte, würde an deren Gepflogenheiten gar nicht mehr teilnehmen wollen, weil ihm die Lust für den Sinn und Zweck daran verloren gegangen wäre. Jedes gesellschaftlich engagierte Tun, jeder Aktivismus, besonders im Politischen und Religiösen, setzt das Unverstandene seines Grundes unbedingt voraus. Erst aus dem Unverstandenen und damit Offenen einer Sache erwächst die nötige Mo- tivation, sich daran zu verschenken, sich ihr zugehörig zu fühlen, eben weil man es allein dem Unverstandenen gegenüber bei dieser Emotionalität belassen kann. Das Unverstandene öffnet den Spielraum für Meinungen gleichermaßen, wie das Verstandene ihn schließt. – Nun denn: Gut,
daß wir noch nicht verstanden haben.


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