Sezession
1. August 2017

Politische Paradoxien

Martin Sellner

Martin Sellner

Martin Sellner ist Kopf der österreichischen Identitären Bewegung.

Metapolitik ist ein Weg auf einer schmalen Gipfellinie. Auf beiden Seiten drohen Abgründe. Voran geht es nur auf einem »Mittelweg«, der ständig neu ertastet werden muß. Daraus ergeben sich einige Paradoxien. Zwei davon möchte ich in diesem Text vorstellen.

Das erste ist das sogenannte Political Identity Paradox und wurde erstmals von Jonathan Matthew Smucker, einem linksradikalen Berkeley-Studenten, benannt und folglich »entdeckt«. Es beschreibt eine grundlegende Problematik: Jede politische Bewegung braucht einen Kern an idealistischen Aktivisten, die sie langfristig tragen. Wenn die Bewegung wirklich oppositionell, also in einer Randposition ist, hat sie einen grundsätzlichen Mangel an Masse, Mensch und Material, der nur mit Idealismus ausgeglichen werden kann.

Dieser Idealismus, und mit ihm Mut, Disziplin und Verläßlichkeit, bedarf einer starken Gruppenidentität. Das »Wir«-Gefühl muß die Opfer, die man zu erbringen hat, wettmachen. Eine starke Gruppenidentität ist allerdings – und hier beginnt das Paradoxon – stets und notwendig exklusiv. Das »Dazugehören« zu einer Clique, ob Bikergang, Hooligan- oder Antifagruppe, ist deswegen so begehrenswert, weil eben nicht jeder dazugehören kann. Kleidung, Verhalten und Jargon markieren eine scharfe Grenze zwischen der elitären Gemeinschaft und »den Anderen«. Diese Grenze erzeugt erst die innere Spannung, die für eine starke Gruppenidentität und dauerhaften Idealismus von Nöten ist.

Doch genau diese starke Gruppenidentität führt auch zu einer Einkapselung der Bewegung. Für eine Bikergang oder Antifagruppe, die keine konkreten politischen Ziele oder Strategien hat, ist das kein Problem. Jede metapolitische Gruppe hingegen muß offenbleiben. Die starke Gruppenidentität verringert aber die Möglichkeiten des Wachstums, der Bildung von Allianzen, der Anschlußfähigkeit und der Einflußnahme, was den politischen Zweck der Gruppe vereitelt. Was  die Gruppe für   ihr Durchhalten braucht, führt gleichzeitig zu ihrer Isolation. Was ihre Strahl- und Anziehungskraft ausmacht, stößt gleichzeitig diejenigen ab, die noch nicht dabei sind. Das ist das Political Identity Paradox.

Smucker führt als Beispiel dafür den Zerfall der großen Massenorganisation SDS (»Students for a democratic society«) in den 1960er Jahren an. Die breite, strukturbasierte, linksradikale Bewegung wurde von der extremistischen und später terroristischen »Weathermen«-Fraktion zerschlagen. Die elitäre Kerngruppe hatte sich von den eigenen Mitgliedern entfernt, die sie aufgrund ihrer liberalen Halbheit verachtete.

Diese Verachtung zeigte sich in den »Days of Rage«. Zwischen 8. und 11. Oktober 1969 wollte die elitär-extremistische Fraktion den »Krieg nach Hause bringen« und zog eine Spur der Verwüstung durch Chicago. Mark Rudd, einer der radikalen Sprecher, verkündete in einer Ansprache: »Der SDS ist nicht radikal genug. Er muß sterben.« Er und ein anderer Hundertprozentiger gingen sogar so weit, alle Akten und Mitgliederlisten aus dem SDS-Büro in Chicago auf einer Müllhalde abzuladen. Mit dieser elitär-extremistischen Haltung, die folgerichtig in den Terrorismus führte, hatten die »Weathermen«, wie das FBI genüßlich vermerkte, »fast alle Anhänger verschreckt« und ihre eigentliche Schlagkraft zerstört.

Die starke Gruppenidentität ist notwendig, um das habituelle Fehlen von festen Strukturen, Hierarchien und Gehältern auszugleichen. Sie allein ist eine Rückversicherung, stärkt das Vertrauen und schafft den nötigen Zusammenhalt für den politischen Aktivismus. Und so bilden sich abgeschlossene Kreise mit Ritualen, Lebensstil und  Wohnprojekten. Diese Kreise präfigurativer Politik wirken auf Neulinge aber oft wie ein »Kulturschock«. Sie erschweren definitiv den Einstieg, oft scheitert er daran sogar, und der Kreis der Vertrauten wächst nicht, obwohl er unter seinem Arbeitspensum ächzt. Die Sympathisanten stehen derweil nicht abgeholt und untätig am Rand.


Martin Sellner

Martin Sellner ist Kopf der österreichischen Identitären Bewegung.

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