Sezession
1. August 2017

Merkels Augenblick

Ellen Kositza

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Nach der Wahl ist vor der Wahl! Die Christdemokraten haben es zumindest plakattechnisch leicht: Das mild-sorgende Antlitz der Hauptkandidatin altert schon seit vielen Jahren nicht, und »erfolgreich« ist – wie »Deutschland« – bekanntlich ein extrem dehnbarer Begriff: Man kann so oder so viel reinpacken.

»Der beste Platz für Politiker ist das Wahlplakat. Dort ist er tragbar, geräuschlos und leicht zu entfernen«. Himmelhilf, er hat »entfernen« gesagt und »Politiker« gemeint! Anno dazumal, jedenfalls zu Lebzeiten Loriots, ging ein derart flotter Spruch so durch. Google findet keine Treffer, die Loriot und »gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit« beinhalten.

Man weiß nicht recht, was man von Wahlplakaten halten soll. Haben sie je eine Wahlentscheidung beeinflußt? Über 50 Millionen Euro sollen in diesem Wahlkampf allein in Plakate geflossen sein. Hat eigentlich mal jemand (den Finanzmittelverbrauch mal außer acht gelassen – was könnte man mit 50 Millionen »sonst so« finanzieren?) den »ökologischen Fußabdruck« dieses Aufwands berechnet?

Sind Kugelschreiber mit Parteienlogo wirksamer? Luftballons? Kondome? Die Demoskopie weiß davon wenig. Es gibt keinen Bürger, der bekennte: »Als ich Frau Müllers nettes Gesicht zum siebten Mal lächeln sah, wußte ich, wo ich mein Kreuzchen zu machen habe. Beim vierten Plakat war ich mir noch unsicher.« Was bewirken dingliche Kundgebungen, Zeichensetzungen im öffentlichen Raum? Zum Graffiti-Phänomen hatte man gesagt, das seien Reviermarkierungen. Gleich einem Hund, der sein Bein hebt, werde damit angezeigt: Achtung! Mein Kiez! Hier ist der Bereich, in dem ich etwas gelte!

In Gebieten, wo  Besitzlose  und  Habenichtse sich drängen, im urbanen Bereich also, gibt es daher viele Parolen, in Form von Schriftzügen, Aufklebern.  Auf  Großstadtampelmasten wird politisiert, daß die Schwarte kracht. Offenkundig zeitigt die wilde Aufkleberei einen gewissen Effekt. Wir alle kennen Irmela Mensah-Schramm, spätestens jedenfalls,  seit ihre nun schon dreißig Jahre währende Tätigkeit in einer Ausstellung im Deutschen Historischen Museum gewürdigt wurde.

Die 72jährige »junggebliebene Frau in Cargo-Pants und Trekking-Sandalen« (Badische  Zeitung) hat wegen ihres Aufkleberentfernungstreibens und ihrer Übersprühungsaktionen schon Dutzende Anzeigen wegstecken müssen. Auch eine Kniescheibe hat sie sich gebrochen – als sie in einen Einkaufswagen stieg, um an einen Aufkleber an einer Supermarktwand zu kommen. Sie hält »rechte Parolen« im öffentlichen Raum für wirksam und gefährlich.

Könnte was dran sein: Anders als linke Sprüche richten sich »rechte« Botschaften an eine öffentlich marginalisierte und stigmatisierte Gruppe. Solche Aufkleber signalisieren:

»Du bist nicht allein! Wir sind viele!«

Hier nun geht es um dieses  Großplakat, das ohne Namensnennung der Porträtierten auskam. »Erfolgreich für Deutschland. CDU«. Klar, es ist Frau Merkel, das erkennen wir trotz Weichzeichner, trotz der widernatürlich angehobenen Mundwinkel und trotz der hochironischen Pose, »für Deutschland« zu sein.


Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

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