Merkels Augenblick

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Nach der Wahl ist vor der Wahl! Die Christ­de­mo­kra­ten haben es zumin­dest pla­kat­tech­nisch leicht: Das mild-sor­gen­de Ant­litz der Haupt­kan­di­da­tin altert schon seit vie­len Jah­ren nicht, und »erfolg­reich« ist – wie »Deutsch­land« – bekannt­lich ein extrem dehn­ba­rer Begriff: Man kann so oder so viel reinpacken.

»Der bes­te Platz für Poli­ti­ker ist das Wahl­pla­kat. Dort ist er trag­bar, geräusch­los und leicht zu ent­fer­nen«. Him­mel­hilf, er hat »ent­fer­nen« gesagt und »Poli­ti­ker« gemeint! Anno dazu­mal, jeden­falls zu Leb­zei­ten Lori­ots, ging ein der­art flot­ter Spruch so durch. Goog­le fin­det kei­ne Tref­fer, die Lori­ot und »grup­pen­be­zo­ge­ne Men­schen­feind­lich­keit« beinhalten.

Man weiß nicht recht, was man von Wahl­pla­ka­ten hal­ten soll. Haben sie je eine Wahl­ent­schei­dung beein­flußt? Über 50 Mil­lio­nen Euro sol­len in die­sem Wahl­kampf allein in Pla­ka­te geflos­sen sein. Hat eigent­lich mal jemand (den Finanz­mit­tel­ver­brauch mal außer acht gelas­sen – was könn­te man mit 50 Mil­lio­nen »sonst so« finan­zie­ren?) den »öko­lo­gi­schen Fuß­ab­druck« die­ses Auf­wands berechnet?

Sind Kugel­schrei­ber mit Par­tei­en­lo­go wirk­sa­mer? Luft­bal­lons? Kon­do­me? Die Demo­sko­pie weiß davon wenig. Es gibt kei­nen Bür­ger, der bekenn­te: »Als ich Frau Mül­lers net­tes Gesicht zum sieb­ten Mal lächeln sah, wuß­te ich, wo ich mein Kreuz­chen zu machen habe. Beim vier­ten Pla­kat war ich mir noch unsi­cher.« Was bewir­ken ding­li­che Kund­ge­bun­gen, Zei­chen­set­zun­gen im öffent­li­chen Raum? Zum Graf­fi­ti-Phä­no­men hat­te man gesagt, das sei­en Revier­mar­kie­run­gen. Gleich einem Hund, der sein Bein hebt, wer­de damit ange­zeigt: Ach­tung! Mein Kiez! Hier ist der Bereich, in dem ich etwas gelte!

In Gebie­ten, wo  Besitz­lo­se  und  Habe­nicht­se sich drän­gen, im urba­nen Bereich also, gibt es daher vie­le Paro­len, in Form von Schrift­zü­gen, Auf­kle­bern.  Auf  Groß­stadt­am­pel­mas­ten wird poli­ti­siert, daß die Schwar­te kracht. Offen­kun­dig zei­tigt die wil­de Auf­kle­be­rei einen gewis­sen Effekt. Wir alle ken­nen Irme­la Men­sah-Schramm, spä­tes­tens jeden­falls,  seit ihre nun schon drei­ßig Jah­re wäh­ren­de Tätig­keit in einer Aus­stel­lung im Deut­schen His­to­ri­schen Muse­um gewür­digt wurde.

Die 72jährige »jung­ge­blie­be­ne Frau in Car­go-Pants und Trek­king-San­da­len« (Badi­sche  Zei­tung) hat wegen ihres Auf­kle­ber­ent­fer­nungs­trei­bens und ihrer Über­sprü­hungs­ak­tio­nen schon Dut­zen­de Anzei­gen weg­ste­cken müs­sen. Auch eine Knie­schei­be hat sie sich gebro­chen – als sie in einen Ein­kaufs­wa­gen stieg, um an einen Auf­kle­ber an einer Super­markt­wand zu kom­men. Sie hält »rech­te Paro­len« im öffent­li­chen Raum für wirk­sam und gefährlich.

Könn­te was dran sein: Anders als lin­ke Sprü­che rich­ten sich »rech­te« Bot­schaf­ten an eine öffent­lich mar­gi­na­li­sier­te und stig­ma­ti­sier­te Grup­pe. Sol­che Auf­kle­ber signalisieren:

»Du bist nicht allein! Wir sind viele!«

Hier nun geht es um die­ses  Groß­pla­kat, das ohne Namens­nen­nung der Por­trä­tier­ten aus­kam. »Erfolg­reich für Deutsch­land. CDU«. Klar, es ist Frau Mer­kel, das erken­nen wir trotz Weich­zeich­ner, trotz der wider­na­tür­lich ange­ho­be­nen Mund­win­kel und trotz der hoch­i­ro­ni­schen Pose, »für Deutsch­land« zu sein.

Aber – Moment mal! Ich bin mit Kin­dern unter­wegs von Schnell­ro­da nach Naum­burg. Kurz hin­ter Frey­burg an der Unstrut fah­ren wir in einen Krei­sel. Ein Abzweig führt in einen noch nie besuch­ten Stadt­teil mit geheim­nis­krä­me­ri­schem Orts­schild: »Die Gie­ren«. Wer giert? Nach was? Häu­ser sind nicht zu sehen. Das Inter­net schweigt sich aus über den selt­sa­men Namen. Die direkt umge­ben­den Gemar­kun­gen tra­gen eben­falls Bezeich­nun­gen, die man im Herr der Rin­ge ver­or­ten möch­te: »Tote Täler«, »Schwei­ge­ber­ge«. Rät­sel­haf­tes Land.

Zwi­schen den Krei­sel­ab­fahr­ten Rich­tung Naum­burg und »Die Gie­ren« hat­te die CDU zur Bun­des­tags­wahl nun ein Pla­kat mit die­ser über- lebens­gro­ßen Bun­des­kanz­le­rin auf­ge­stellt. (Kos­ten­fak­tor: knapp 500 Euro – man goog­le ein­mal »Kos­ten Grenzzaun«.)

Die Kin­der geben ihrem Stau­nen Ausdruck:

»Fahr noch mal rum! Was ist das für ein dämo­ni­scher Blick? Das gibt’s doch nicht! Das muß doch jeder sehen, wie teuf­lisch die guckt!« In der Tat. Die mar­kan­ten Ein­ker­bun­gen im Mer­kel­ge­sicht (die in der Schön­heits­me­di­zin tat­säch­lich »Mario­net­ten­fal­ten« hei­ßen) haben sie weg­ge­fil­tert, auch ande­res wur­de retu­schiert. Aber wie konn­te den Pla­kat­de­si­gnern die­ser ste­chen­de Blick ent­ge­hen? Es war mir selbst nie auf­ge­fal­len, die­ses gera­de­zu zom­bie­haf­te Erschei­nungs­bild! Gut, wir krei­seln noch eine Run­de. Hal­ten vor dem Pla­kat. Aaah! Das ist es! Da waren Ben­gel zugan­ge, die in bei­de Mer­kel­pu­pil­len ein iden­ti­tä­res Lamb­da geklebt haben! Und die Stik­ker paß­ten offen­kun­dig genau! Was für ein Effekt! Genial!

Spä­ter der Rück­weg nach Schnell­ro­da, wie­der der Krei­sel. Ein Auto steht da, eine Frau hält ihr Tele­phon aus dem Fens­ter und pho­to­gra­phiert. Wer waren die Pla­kattä­ter? Gut: 23,4 Pro­zent der Stim­men gin­gen in die­sem Wahl­kreis an die AfD, man konn­te es ahnen. Aber: Gäbe es eine iden­ti­tä­re Grup­pe in Frey­burg, wüß­ten wir davon. Es muß da ein sub­ver­si­ver Ein­zel­tä­ter unter­wegs gewe­sen sein. Du bist nicht allein!

Das paßt zu einer ande­ren Beob­ach­tung. Jüngst war der Außen­be­reich des ört­li­chen Gym­na­si­ums (ande­rer Wahl­kreis) mit ähn­li­chen Auf­kle­bern gepflas­tert. Die »Junior­wahl« der gro­ßen Schu­le hat­te vier [sic!] Stim­men für die AfD erge­ben, alle per­sön­lich bekannt. Nie­mand von denen (eini­ger­ma­ßen glaub­haft ver­si­chert) betä­tig­te sich je als Sti­cker­kle­ber. Eine Art Gehei­mes Deutsch­land scheint hier zugan­ge zu sein. »Gewon­nen« bei die­ser Pro­be- und Anlauf­wahl haben übri­gens »Die Grü­nen«, gefolgt von »Die Lin­ke«. Die Sozi­leh­rer dür­fen sich auf die Schul­ter klop­fen! Steht also fest: Die Alten wähl­ten eta­bliert, die jun­ge Intel­li­genz (naja: die Gym­na­si­as­ten) links.

Wo soll das hin­füh­ren? Und war­um wäh­len die Begab­te­ren (oder auch nur die Sta­tus­si­che­re­ren) im Schnitt eher nicht rechts? Der Sozi­al- wis­sen­schaft­ler Man­fred Klei­ne-Hart­la­ge (Warum ich kein Lin­ker mehr bin, Antai­os-Best­sel­ler 2012) hat sich gründ­lich mit die­ser Fra­ge beschäf­tigt. Ers­tens, »da der Mensch Kon­for­mist ist, will er – wenigs­tens durch ideo­lo­gi­sche Teil- habe – zu den seriö­sen Eli­ten gehö­ren und schal­tet zu die­sem Zweck auch ger­ne den gesun­den Men­schen­ver­stand ab.« Eine psy­cho­lo­gi­sche Bestechung – man will ja zu den offi­zi­ös »Guten«zählen – kommt hin­zu, und die »geis­ti­ge Kor­rup­ti­on« ist in tro­cke­nen Tüchern.

Des wei­te­ren sei Links­sein ein Dis­tink­ti­ons­merk­mal zu »denen da unten.« Jede Putz­frau weiß, daß die Rede von Berei­che­rung- durch-Mas­sen­im­mi­gra­ti­on, von Gen­der­ex­pe­ri­men­ten und Inklu­si­on Bull­shit ist. »Wie und war­um schaf­fen die Lin­ken es, so vie­le Men­schen sol­che Din­ge glau­ben zu las­sen, von denen doch jede Putz­frau weiß, daß die Unfug sind? Nun, genau des­halb, weil jede Putz­frau das weiß! Wenn die Putz­frau näm­lich sagt, daß der Regen von oben nach unten fällt, dann kann sich der, der das Gegen­teil behaup­tet, eben dadurch als Intel­lek­tu­el­ler ausweisen.«

Rela­tiv fest steht: Rund drei Mil­lio­nen Deut­sche, die die­ses Jahr noch wahl­be­rech­tigt waren, wer­den es in vier Jah­ren nicht mehr sein: Im Jen­seits gibt es kei­ne Wahl­schei­ne. Sta­tis­ti­ken bestä­ti­gen: Die Alten wäh­len das Ver­trau­te. Sie haben ihr Kreuz­chen über­pro­por­tio­nal häu­fig bei der SPD und den Uni­ons­par­tei­en gemacht. Was wächst nach, wenn die Alten tot sind und die Jun­gen das Wahl­al­ter errei­chen? Wie sehr wächst der Ver­stand bis zum Abituralter?

Inso­fern: Sehen wir in dem Mer­kel­schen Augen­blick zwi­schen »Die Gie­ren« und »Frey­burg« (ach, die­se spre­chen­den Namen!) eine gro­ße Hoff­nung glim­men. Die glut­äu­gi­ge Dau­er­kanz­le­rin hing übri­gens eine Woche lang. Eine Woche vor dem Urnen­gang (noch so ein hüb­sches Wort) wur­de das Groß­pla­kat erneu­ert. Eine Woche spä­ter wur­de es ent­sorgt, viel­mehr wohl: ver­wahrt. Alles sieht aus wie immer. Fast. Es steht dort eine Wei­de, leicht krüp­pe­lig geschnit­ten, Dilet­tan­ten waren am Werk. Sie treibt gera­de, im Früh­herbst, zur Unzeit, Kätz­chen aus. Es ist klar, daß sie erfrie­ren wer­den, bevor sie auf­blü­hen. Die Wei­de wird ander­mal wie­der los­powern. Es ist übri­gens kei­ne Trau­er­wei­de. »Meyn Geduld hat Ursach.«

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

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