Sezession
1. August 2017

Look / ist / sein

Ellen Kositza

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Lookism /Lookismus wäre nach meinem Dafürhalten die Annahme, daß das äußere Erscheinen ein Indikator für die Beurteilung eines Menschen sei. Ein erster Anhaltspunkt, ein revidierbares Vor-Urteil.
Als Lookistin pflege ich vom Äußeren einer Person erste Rückschlüsse auf ihr Temperament, ihren Charakter, ihre Interessen vorzunehmen. Ich gehe dabei nicht systematisch vor. Es gibt keinen Vorsatz und kein Raster. Ich beobachte nur gern. Ich bin »äußerlichkeitssensibel«.
Einer trägt Dutt. Eine hat dichte Haare auf dem Arm. Einer hat einen Stiernacken. Eine trägt vorkonfektionierte Risse in den Jeans. Einer stopft das Hemd in die Hose, der andere trägt es flatternd darüber. Die eine neigt zur Stirnfalte, die andere zu Nasolabialkerben. Manches ist ererbt, manches erworben (durch Gewohnheiten, durch soziale oder schicksalhafte Umstände), anderes ist frei gewählt. Einerlei: Es sagt mir etwas. Der warme Händedruck, der kalte, der feuchte, der lasche, der zerquetschenwollende. Eine richtet die Füße beim Gehen nach innen: eine Geisteswissenschaftlerin? Einer trägt ein Kinngrübchen: irgendwas mit Wirtschaft? Einer trägt Bequemschuhe aus Plastik: Schlurft der auch inwendig? Trefferquote: beträchtlich, keinesfalls hundertprozentig.
Erinnert man sich eigentlich noch an die RAF-Fahndungsplakate? Stichwort »angewachsene Ohrläppchen«? Undenkbar heute, wo bereits die Farbe des Teints kriminologisch als nicht wegweisend gilt! Und die Schöpfer jenes modischen Begriffs »Lookismus« verschärfen diese Sachlage noch ins Böswillige (Grund genug für eine Selbstbezichtigung als Lookistin!): Sie reden nicht von »Beurteilung« und »Unterscheidung«, sondern von »Abwertung«. Die Masche ist bekannt: Wer differenziert, wird der Abwertung bezichtigt. Lookismus wäre also die Abwertung einer Person entlang eines Vorurteils, das sich beim Blick auf ihr Äußeres bildete. Das Anhängsel -ismus dient auch in diesem Fall dazu, die Position oder Sichtweise zuzuspitzen und ins Arge zu ziehen, obwohl sie einem »natürlichen Empfinden« entspricht und oft noch vor ein paar Jahrzehnten – und Jahrhunderte zuvor ohnehin – als »Normalfall« galt.
In der Antike war unter Gelehrten die Physiognomik gang und gäbe. Als Begriffsschöpfer gilt Aristoteles. Eine kurze, flache Nase sollte für die Neigung zum Diebstahl stehen, desgleichen kleine Ohren. Kleine Augen wiesen auf Verzagtheit hin und so weiter. Man befleißigte sich der Analogieschlüsse nach dem Muster Löwenmähne: löwenstark, schmalbrüstig: feige.
Die große Renaissance der Gestaltenlehre fand im späten 18. Jahrhundert unter dem Namen Johann Caspar Lavater statt: Die vierbändige Schrift Physiognomische Fragmente, zur Beförderung der Menschenkenntniß und Menschenliebe des Zürcher Pastors war seinerzeit ein Bestseller. Lavater zog vorwiegend aus Schattenrissen, also den Silhouetten von Körpern und Gesichtern, Rückschlüsse auf die Wesensart der jeweiligen Personen.

Die Gestaltdeuterei wurde zum Gesellschaftssport der gehobenen Klassen: ein naiver, wenn auch »fremdbestimmter« Vorläufer des rezenten Selfies!
In der anthroposophischen Medizin wird noch heute nach den altbewährten Konstitutionstypen unterschieden: leptosom, athletisch, pyknisch. Die Phrenologie, die unter Franz Joseph Gall im ausgehenden 18. Jahrhundert einen Zusammenhang zwischen Schädel- und Gehirnformen und Charakter-/Geistestypen herstellte, ist hingegen beinahe so sehr außer Mode wie die vermaledeite Kraniometrie, die Lehre von der Schädelvermessung, die zur NS-Zeit Ärzten dazu diente, den Daumen zu heben oder zu senken.
Als moderne, aufgeklärte Lookistin sehe ich mich von diesen überkommenen Modewissenschaften weit entfernt. Ich halte nichts von Maßbändern oder sonstigen starren Mustern und wünsche mir in keinem Fall eine Exkludierung nach Aussehen.
Durch die Hintertür haben aber solche -logien und -metrien ihren kaum hinterfragten Eingang in die moderne Welt gefunden, nämlich via biometrisches Paßbild, Irisscanner (zwecks Smartphonesicherheit) und Google-Gesichtserkennung. All das ist einigermaßen knallhart.

Gall hatte seinerzeit die Schädel noch abgetastet. Bei den aktuellen Methoden der Identifizierung zählt nicht der manuelle Eindruck, sondern der Nanometer. Das heißt: ein Millionstel Millimeter, und eine Vielzahl dieser Millionstel unseres einmaligen Gesichts bestimmt unhintergehbar die Identität. Naiv, wer den Beteuerungen Glauben schenkte, mit dieser Identifizierung sei keine Klassifizierung verbunden: Die Verknüpfung von Gesicht und digitalem Bewegungsprofil hat längst zu Rastern geführt, die den blonden Typ mit dem langen Gesicht und den Geheimratsecken zu seinen äußerlichen Geschwistern in eine Berufs-, Verhaltens- und Konsumkiste stecken.
Weil nun Lookism seit Erfindung des Begriffs ein Schmähwort ist beziehungsweise sich als anklagender Terminus gegen eine zu schmähende, unmoralische Handlung richtet, lautet die offiziöse, etwa von Wikipedia verbreitete Definition wie folgt: »Lookism ist die Annahme, dass das Aussehen ein Indikator für den Wert einer Person ist. Sie bezieht sich auf die gesellschaftliche Konstruktion einer Attraktivitätsnorm und die Unterdrückung durch Stereotypen und Verallgemeinerungen über Menschen, die diesen Normen entsprechen und über diejenigen, die ihnen nicht entsprechen.«


Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

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