Sezession
1. August 2017

»Todhaß der Geschlechter«: Eine Verabschiedung

Gastbeitrag

von Sophie Liebnitz

pdf der Druckfassung aus Sezession 79/August 2017

Nietzsche war bekanntlich ein leidenschaftlicher Liebhaber von Bizets Carmen. In Bizets Musik und in der Geschichte vom einfachen Brigadier, den seine Leidenschaft für eine Zigeunerin und Zigarettenarbeiterin zum Mörder werden läßt, verbanden sich für ihn exemplarisch mediterrane Klarheit und antike Fatalität. »Die Liebe, die in ihren Mitteln der Krieg, in ihrem Grunde der Todhaß der Geschlechter ist! – Ich weiß keinen Fall, wo der tragische Witz, der das Wesen der Liebe macht, so streng sich aus- drückte, so schrecklich zur Formel würde, wie im letzten Schrei Don Josés, mit dem das Werk schließt: ›Ja!‹« (Der Fall Wagner)
Das von Friedrich Nietzsche als »Todhaß der Geschlechter« bezeichnete Phänomen ist aufgrund der Überlieferungsgeschichte eine asymmetrische Angelegenheit. Zwar zeigen laut Martin van Crefeld beide Geschlechter in einem ähnlichen Ausmaß zwischengeschlechtliche Aggressionen. Anders als die üppige misogyne Erbschaft des Abendlandes nimmt die Misandrie aber kaum kulturell überlieferungsfähige Formen an. Sie bleibt ein Alltagsphänomen und daher, ein Problem jeder Geschichtsschreibung des Alltags, weniger greifbar.

Da der überwältigende Großteil kultureller Zeugnisse von Männern produziert wurde, ist es die Misogynie, die in klaren Konturen hervortritt, während ihr Gegenpart im Dunkeln bleibt. Erst im Zuge der allerjüngsten Gender-Exzesse hat sich dies geändert.
Wenden wir uns daher zuerst der Misogynie zu, und zwar ohne Absicht einer moralischen Bewertung. Wenn sie nachweisbar eine beharrliche kulturelle Konstante darstellt, muß sie eine Funktion erfüllen. Welche das sein könnte, will ich an einem Beispiel zeigen.

Charles Baudelaire, von Rimbaud als »prince des poètes« und Visionär gefeiert, ist mit seinem 1857 erschienenen Gedichtband Les Fleurs du Mal (Die Blumen des Bösen) einer der Väter der europäischen Avantgarde-Poesie. »Une charogne« (»Ein Aas«), eines der Glanzstücke der Sammlung, läßt den Dichter beim Spaziergang mit seiner Geliebten auf einen verwesenden und stinkenden Tierkadaver treffen, der sich ihm »les jambes en l’air comme une femme lubrique« (»die Beine in der Luft wie ein geiles Weib«) unter dem Bild eines Frauenkörpers beim Koitus präsentiert.

Die zwölf Strophen entfalten eine Poesie der Zersetzung zwischen Ekel und exzentrischer Schönheit und münden in folgende Apostrophe: »Ja! Derart wirst du sein, o Königin an Reiz und Anmut, wenn, nach den / Sterbesakramenten, du unter Gras unter fette Blumen dich betten wirst, zu / schimmeln zwischen dem Gebein. / Dann, o meine Schönste! Sage dem Gewürm, das küssend dich verspeisen / wird, daß ich die Form, den göttlichen Gehalt bewahrte meiner Liebe, die in dir zerfällt.« (Übersetzung von Friedhelm Kemp)
Die Gleichsetzung von Männlichkeit mit Dauer, Immaterialität und Geist und von Weiblichkeit mit Verfall, Materialität und Körper ist ein Klassiker, den Baudelaires strahlende Sprache mit Leben füllt.

Das Gedicht fügt sich nahtlos in die Interpretation, welche die amerikanische Literaturwissenschaftlerin Camille Paglia dem Verhältnis von Kultur und Geschlecht angedeihen ließ. Für Paglia ist Kultur Abwehr des Chaotischen, Chthonischen. Geistige Leistung ist Pyramidenbau, Präferenz für das Kristalline, apollinisch, solar.
Das trifft auf »Une charogne« exemplarisch zu. Diese feindselig-ambivalente Abwehr ist gebunden an die Dualität von Dauer und Verfall und hat damit eine stark zeitliche Komponente: Der Mann wirft (die Last) seine(r) eigene(n) Vergänglichkeit auf die Frau. In ihr schaut er sie an und perhorresziert sie. Die Gleichsetzung von Männlichkeit mit Dauer, Immaterialität und Geist und von Weiblichkeit mit dem Gegenteil gewinnt ihre Plausibilität zunächst daraus, daß sie uns so vertraut ist.


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