»Todhaß der Geschlechter«: Eine Verabschiedung

 Gastbeitrag

Fremde Federn reichen Beiträge ein. Sind sie gut, bringen wir sie.

Nietz­sche war bekannt­lich ein lei­den­schaft­li­cher Lieb­ha­ber von Bizets Car­men. In Bizets Musik und in der Geschich­te vom ein­fa­chen Bri­ga­dier, den sei­ne Lei­den­schaft für eine Zigeu­ne­rin und Ziga­ret­ten­ar­bei­te­rin zum Mör­der wer­den läßt, ver­ban­den sich für ihn exem­pla­risch medi­ter­ra­ne Klar­heit und anti­ke Fata­li­tät. »Die Lie­be, die in ihren Mit­teln der Krieg, in ihrem Grun­de der Tod­haß der Geschlech­ter ist! – Ich weiß kei­nen Fall, wo der tra­gi­sche Witz, der das Wesen der Lie­be macht, so streng sich aus- drück­te, so schreck­lich zur For­mel wür­de, wie im letz­ten Schrei Don Josés, mit dem das Werk schließt: ›Ja!‹« (Der Fall Wagner)
Das von Fried­rich Nietz­sche als »Tod­haß der Geschlech­ter« bezeich­ne­te Phä­no­men ist auf­grund der Über­lie­fe­rungs­ge­schich­te eine asym­me­tri­sche Ange­le­gen­heit. Zwar zei­gen laut Mar­tin van Crefeld bei­de Geschlech­ter in einem ähn­li­chen Aus­maß zwi­schen­ge­schlecht­li­che Aggres­sio­nen. Anders als die üppi­ge miso­gy­ne Erb­schaft des Abend­lan­des nimmt die Misandrie aber kaum kul­tu­rell über­lie­fe­rungs­fä­hi­ge For­men an. Sie bleibt ein All­tags­phä­no­men und daher, ein Pro­blem jeder Geschichts­schrei­bung des All­tags, weni­ger greifbar.

Da der über­wäl­ti­gen­de Groß­teil kul­tu­rel­ler Zeug­nis­se von Män­nern pro­du­ziert wur­de, ist es die Miso­gy­nie, die in kla­ren Kon­tu­ren her­vor­tritt, wäh­rend ihr Gegen­part im Dun­keln bleibt. Erst im Zuge der aller­jüngs­ten Gen­der-Exzes­se hat sich dies geändert.
Wen­den wir uns daher zuerst der Miso­gy­nie zu, und zwar ohne Absicht einer mora­li­schen Bewer­tung. Wenn sie nach­weis­bar eine beharr­li­che kul­tu­rel­le Kon­stan­te dar­stellt, muß sie eine Funk­ti­on erfül­len. Wel­che das sein könn­te, will ich an einem Bei­spiel zeigen.

Charles Bau­de­lai­re, von Rim­baud als »prince des poè­tes« und Visio­när gefei­ert, ist mit sei­nem 1857 erschie­ne­nen Gedicht­band Les Fleurs du Mal (Die Blu­men des Bösen) einer der Väter der euro­päi­schen Avant­gar­de-Poe­sie. »Une cha­ro­gne« (»Ein Aas«), eines der Glanz­stü­cke der Samm­lung, läßt den Dich­ter beim Spa­zier­gang mit sei­ner Gelieb­ten auf einen ver­we­sen­den und stin­ken­den Tier­ka­da­ver tref­fen, der sich ihm »les jam­bes en l’air com­me une femme lub­ri­que« (»die Bei­ne in der Luft wie ein gei­les Weib«) unter dem Bild eines Frau­en­kör­pers beim Koitus präsentiert.

Die zwölf Stro­phen ent­fal­ten eine Poe­sie der Zer­set­zung zwi­schen Ekel und exzen­tri­scher Schön­heit und mün­den in fol­gen­de Apo­stro­phe: »Ja! Der­art wirst du sein, o Köni­gin an Reiz und Anmut, wenn, nach den / Ster­be­sa­kra­men­ten, du unter Gras unter fet­te Blu­men dich bet­ten wirst, zu / schim­meln zwi­schen dem Gebein. / Dann, o mei­ne Schöns­te! Sage dem Gewürm, das küs­send dich ver­spei­sen / wird, daß ich die Form, den gött­li­chen Gehalt bewahr­te mei­ner Lie­be, die in dir zer­fällt.« (Über­set­zung von Fried­helm Kemp)
Die Gleich­set­zung von Männ­lich­keit mit Dau­er, Imma­te­ria­li­tät und Geist und von Weib­lich­keit mit Ver­fall, Mate­ria­li­tät und Kör­per ist ein Klas­si­ker, den Bau­de­lai­res strah­len­de Spra­che mit Leben füllt.

Das Gedicht fügt sich naht­los in die Inter­pre­ta­ti­on, wel­che die ame­ri­ka­ni­sche Lite­ra­tur­wis­sen­schaft­le­rin Camil­le Paglia dem Ver­hält­nis von Kul­tur und Geschlecht ange­dei­hen ließ. Für Paglia ist Kul­tur Abwehr des Chao­ti­schen, Chtho­ni­schen. Geis­ti­ge Leis­tung ist Pyra­mi­den­bau, Prä­fe­renz für das Kris­tal­li­ne, apol­li­nisch, solar.
Das trifft auf »Une cha­ro­gne« exem­pla­risch zu. Die­se feind­se­lig-ambi­va­len­te Abwehr ist gebun­den an die Dua­li­tät von Dau­er und Ver­fall und hat damit eine stark zeit­li­che Kom­po­nen­te: Der Mann wirft (die Last) sei­ne® eigene(n) Ver­gäng­lich­keit auf die Frau. In ihr schaut er sie an und per­hor­res­ziert sie. Die Gleich­set­zung von Männ­lich­keit mit Dau­er, Imma­te­ria­li­tät und Geist und von Weib­lich­keit mit dem Gegen­teil gewinnt ihre Plau­si­bi­li­tät zunächst dar­aus, daß sie uns so ver­traut ist.

Denn der Mann ist genau­so Phy­sis und genau­so bio­lo­gi­schen Abläu­fen unter­wor­fen wie die Frau. Daß er nicht men­stru­iert und kei­ne Kin­der gebiert, ändert dar­an gar nichts. Bau­de­lai­res Gedicht lebt, wie die gan­ze Seman­tik, aus der heroi­schen Ver­leug­nung die­ser ein­fa­chen Tat­sa­che, einer Ver­leug­nung frei­lich, die sich als his­to­risch groß­ar­tig pro­duk­tiv erwie­sen und ihren kon­tra­fak­ti­schen Anspruch ein­ge­löst hat.

Die Annah­me liegt nahe, daß die außer­ge­wöhn­li­che männ­li­che Kul­tur­leis­tung auf die­se Abwehr ange­wie­sen ist. Die Miso­gy­nie erfüllt die Funk­ti­on einer Sper­re gegen Entro­pie, gegen zeit­li­che und mate­ri­el­le Auf­lö­sung. Das erklärt ihr fast uni­ver­sel­les Auf­tre­ten. Es han­delt sich nicht um ein durch unab­läs­si­ge Auf­klä­rung kor­ri­gier­ba­res Las­ter, son­dern um eine kul­tur­tra­gen­de Sym­bo­lik, die nicht straf­los kas­siert wer­den kann. Wenn Klaus The­we­leit die Abnei­gung sol­da­ti­scher Män­ner­fi­gu­ren gegen jede Form der Des­in­te­gra­ti­on als »faschis­tisch« beschreibt, unter­schätzt er die lager­über­grei­fen­de Bedeu­tung und kul­tu­rel­le Pro­duk­ti­vi­tät die­ser Seman­tik massiv.
Trotz­dem ist die­se Über­hö­hung gege­be­ner Geschlech­ter­un­ter­schie­de ins Meta­phy­si­sche nicht unwan­del­bar. In der christ­lich-jüdi­schen Kul­tur ist nicht der Geschlech­ter­ge­gen­satz selbst meta­phy­sisch, son­dern die­ser ist sei­ner­seits in ein meta­phy­si­sches Nar­ra­tiv ein­ge­bet­tet, des­sen Logik er unter­ge­ord­net ist. Wenn die­ses auch der Frau die Schuld an allem Übel zuschreibt, so hat es eine gewis­se tröst­li­che Unaus­weich­lich­keit, die die Indi­vi­du­en zugleich ent­las­tet. Und schließ­lich: Es gibt Wich­ti­ge­res, die Heils­ge­schich­te, die Fra­ge nach dem Seelenheil.
Mit dem Her­auf­däm­mern der Moder­ne aller­dings begin­nen sich Ersatz­me­ta­phy­si­ken an die Stel­le der her­ge­brach­ten zu schie­ben. Die Meta­phy­sik des Geschlechts gehört damit in die lan­ge Rei­he die­ser Sur­ro­ga­te, wel­che die geis­ti­ge Phy­sio­gno­mie der Moder­ne kenn­zeich­nen. Die­se tre­ten ihren Sie­ges­zug zu einem Zeit­punkt an, an dem als Aus­fluß der Rede von den Men­schen­rech­ten bereits die ers­ten For­de­run­gen nach Frau­en­rech­ten im Raum ste­hen; par­al­lel dazu (und prak­tisch wahr­schein­lich wich­ti­ger) hat die bür­ger­li­che Fami­lie das Ide­al eines inni­gen Kon­tak­tes der Ehe­gat­ten ent­wi­ckelt und sich das Kon­zept der roman­ti­schen Lie­be als Ver­schmel­zung und See­len­gleich­klang durchgesetzt.

Die Frau rückt dem Mann damit gewis­ser­ma­ßen ver­mehrt auf die Pel­le, ein Vor­gang, der sich durch das 19. Jahr­hun­dert hin­durch zu beschleu­ni­gen scheint und eine ent­spre­chen­de Gegen­re­ak­ti­on her­vor­treibt: eine auf die Spit­ze getrie­be­ne Dif­fe­renz­rhe­to­rik und die Rede von »Tod­haß der Geschlech­ter« sind das Resul­tat for­cier­ter For­de­run­gen nach Nähe im emo­tio­na­len, beruf­li­chen und fami­liä­ren Bereich. Sie sind nicht Aus­druck eines Archa­isch-immer-Glei­chen, son­dern bereits Ergeb­nis der Tat­sa­che, daß das tra­di­tio­nel­le Geschlech­ter­ver­hält­nis aus der Balan­ce gera­ten ist. Die Boll­wer­ke gegen die weib­lich besetz­te Entro­pie­ge­fahr müs­sen ver­stärkt, die Mau­ern hoch­ge­zo­gen wer­den. Die Moder­ne hat damit eine in den Grund­zü­gen bestehen­de Dis­po­si­ti­on ver­schärft, und zwar gera­de durch radi­ka­le Gleichheits-(nicht Gleichwertigkeits-)forderungen und eine Art insti­tu­tio­na­li­sier­te Distanz­lo­sig­keit, die dem Geschlech­ter­ver­hält­nis nicht gut getan haben.
Die­se vor­der­grün­dig »bloß« kul­tur­his­to­ri­schen Ten­den­zen zei­ti­gen ganz prak­ti­sche und durch­aus poli­ti­sche Effek­te. Das Ergeb­nis die­ser lang­fris­ti­gen Ent­wick­lung, die zu einem gif­ti­gen Cock­tail aus erzwun­ge­ner emo­tio­na­ler Nähe und Kon­kur­renz geführt hat, läßt sich der­zeit an zwei Erschei­nun­gen beob­ach­ten: ein­mal der ekla­tant ange­wach­se­nen Män­ner­feind­lich­keit des soge­nann­ten Third­wave femi­nism, die sich in Herr­schafts­an­sprü­chen, Dis­kri­mi­nie­rung und einer Rhe­to­rik, die man (ein­mal zu Recht) als Hate speech apo­stro­phie­ren könn­te, aus­drückt; dann in den For­men einer neu­en Män­ner­be­we­gung, die jeden­falls in Tei- len geson­nen zu sein scheint, auf einem ähn­lich ver­hee­ren­den Niveau zu antworten.

Der frü­he­re Femi­nis­mus (First wave) for­der­te Anglei­chun­gen im bür­ger­li­chen Sta­tus (Wahl­recht usw.) und sah Män­ner eher als Vor­bil­der an, denen es nach­zu­ei­fern galt (eine z. B. bei Simo­ne de Beau­voir sehr aus­ge­präg­te Hal­tung). Die blin­den Stel­len die­ses Modells, das die Geschlech­ter über einen Kamm schert, sind längst sicht­bar gewor­den, aber von Misandrie geprägt war es nicht. Die­se hielt in Deutsch­land erst mit dem aggres­si­ven Getrom­mel Ali­ce Schwar­zers (Second wave) und der Vor­stel­lung, sich im Krieg gegen eine »Män­ner­ge­sell­schaft« zu befinden,
Ein­zug. Wie alle For­de­run­gen nach der Aus­wei­tung von Rech­ten hat­te auch die­ser Femi­nis­mus einen Geburts­ma­kel, sei­ne inne­re Uner­sätt­lich­keit. Schon Geh­len erkann­te, daß es »auf die­ser Bahn kei­nen Halt gibt«, sich »die Aus­brei­tung die­ses Akzep­tie­rens nicht mehr begren­zen« läßt; Luh­mann sprach vom Feh­len einer »Stop­for­mel«. Die­se Drift zum unbe­grenz­ten Aus­ufern von For­de­run­gen mün­de­te in genau jene Feind­se­lig­kei­ten (Third wave), die als sexis­tisch bezeich­net wer­den, wenn sie gegen Frau­en gerich­tet sind.

Denn wie anders als sexis­tisch soll­te man die Dekla­ra­tio­nen auf­fas­sen, denen zufol­ge Frau­en die bes­se­ren und fried­fer­ti­ge­ren Men­schen sei­en und alles beherrsch­ten, was Män­ner kön­nen, nur angeb­lich »rück­wärts und auf Stök­kel­schu­hen« (Buch­ti­tel von Che­ryl Benard/Edit Schlaf­fer, 1999)? Dieses
Über­bie­tungs­phan­tas­ma ist his­to­risch neu. Es folgt weder dem Kon­zept der Gleich­heit noch dem der Ergän­zung der Geschlech­ter und ver­tritt ent­schie­den die Über­wer­tig­keit der Frau. Der Mann wird in einer selt­sam wider­sprüch­li­chen Dop­pel­be­we­gung einer­seits dämo­ni­siert, ande­rer­seits infan­ti­li­siert: auf der einen Sei­te der sol­da­ti­sche Mann, der offi­zi­ell Mör­der genannt wer­den darf, der gewalt­be­rei­te Schlä­ger, der Ver­ge­wal­ti­ger in Latenz; auf der ande­ren der zum »hen-pecked hus­band« kas­trier­te Haus­mann, der angeb­lich ohne sei­ne Frau nicht über­le­bens­fä­hig wäre.

Die­sen Sexis­mus kon­tert eine neue Män­ner­be­we­gung spie­gel­bild­lich mit den glei­chen Waf­fen. Roger Dev­lins Sex, Macht, Uto­pie (2017) ist dafür ein gutes Bei­spiel. Das Kern­an­lie­gen des Buchs ist die Hebung der Gebur­ten­ra­te über eine Wie­der­her­stel­lung tra­di­tio­nel­ler Fami­li­en­be­zie­hun­gen. Außer­dem for­dert es eine Resti­tu­ti­on der klas­si­schen Män­ner­rol­le und zeigt die Schi­ka­nen auf, mit denen sich Män­ner, ins­be­son­de­re Väter, in den USA im Schei­dungs­fal­le kon­fron­tiert fin­den. Die Bei­spie­le sind erschüt­ternd und schla­gen dem ele­men­tars­ten Gerech­tig­keits­sinn ins Gesicht.

Es ist zu wün­schen, daß es den Männerrechtsbewegung(en) gelingt, öffent­li­che Auf­merk­sam­keit auf die­se Miß­stän­de zu fokus­sie­ren, und sich auch Frau­en fin­den, die dies unter­stüt­zen. Dies gilt um so mehr, als nicht weni­ge Män­ner Frau­en­be­we­gun­gen in selbst­lo­ser Wei­se unter­stützt haben.
Aller­dings: Die Wei­se, in der Dev­lin die­se Zie­le errei­chen möch­te, ist kon­tra­pro­duk­tiv und, vor­sich­tig gespro­chen, ein­sei­tig. Er sucht die Schuld für die demo­gra­phisch deso­la­te Situa­ti­on beim »Nie­der­gang der weib­li­chen Tugen­den« und ver­engt den Begriff der Tugend auf ehe­li­che Mono­ga­mie. Nun ist die kon­kre­te Aus­for­mung, die Sexua­li­tät in einer Gesell­schaft erfährt, das Ergeb­nis einer Viel­zahl von Fak­to­ren, auf wel­che die Indi­vi­du­en reagie­ren. Hier wir­ken die Mög­lich­keit zur Ver­hü­tung, öko­no­mi­sche und recht­li­che Rah­men­be­din­gun­gen sowie das Dau­er­bom­bar­de­ment durch einen kon­sum­ori­en­tier­ten Hedo­nis­mus und femi­nis­ti­sche Ermächtigungsphantasien.

In die­sem Hexen­kes­sel auf Erneue­rung aus eige­ner Kraft zu hof­fen, wäre nicht sehr viel­ver­spre­chend. Dev­lins Lösungs­vor­schlag besteht aller­dings dar­in, ver­lo­re­ne Macht über Frau­en wie­der­her­zu­stel­len, und zwar in sehr direk­ter Wei­se. Allen Erns­tes erwägt er den Ent­zug des Wahl­rechts, des Eigen­tums­rechts, Ent­rech­tung bei Schei­dung und – Natha­ni­el Haw­thor­ne läßt grü­ßen – die öffent­li­che Beschä­mung im Fal­le des Ehebruchs.
Die Ver­fas­se­rin kann sich des Ein­drucks nicht erweh­ren, es mit Denk­mus­tern zu tun zu haben, die so unmit­tel­bar aus der US-ame­ri­ka­ni­schen Tra­di­ti­on pro­tes­tan­ti­scher Lust­feind­lich­keit stam­men, als wäre der Mann soeben vom Deck der May­flower an Land gesprungen.

Die Ana­ly­se erin­nert stark an die ehr­wür­di­gen Haßari­en auf weib­li­chen Wan­kel­mut − »È la fede del­le femmi­ne come l’araba feni­ce / che ci sia cias­cun lo dice / dove sia, nes­sun lo sa.« (»Die Treue der Frau­en ist wie der ara­bi­sche Phoe­nix. Daß es ihn gibt, sagt jeder; wo er sein soll, weiß kei­ner.«) – eine Art »Così fan tut­te« für die (ame­ri­ka­ni­sche) Gegen­wart, nur ohne den Charme und die Kul­ti­viert­heit des 18. Jahrhunderts.
Man kann natür­lich ein­wen­den, in ver­zwei­fel­ter demo­gra­phi­scher Lage wäre sol­che Ver­söhn­lich­keit im Stil des Anci­en régime fehl am Platz. Die Schwie­rig­keit ist aber, daß der mora­li­sie­ren­de Rigo­ris­mus gar nichts löst. Dev­lin erkennt das durch­aus, wenn er schreibt: »Das tie­fer­lie­gen­de Pro­blem ist mei­ner Mei­nung nach der Ver­lust der Funk­ti­on [der Fami­lie].« Wenn dem so ist, kann die­ser nicht durch mora­li­sche Kri­tik beho­ben wer­den. Bei Zusam­men­bruch zen­tra­ler gesell­schaft­li­cher Funk­tio­nen ist ohne­hin ein Rück­gang an Sin­gles und eine Resti­tu­ti­on älte­rer Ver­hal­tens­mus­ter zu erwarten.
Wer sich von Dev­lins stark durch (wenn auch nach­voll­zieh­ba­res) Res­sen­ti­ment getrie­be­nen Vor­schlä­ge an Scha­ria-Rege­lun­gen erin­nert fühlt, liegt nicht ganz schief. Die Idee scheint in der Luft zu lie­gen. Soll die Lösung des unleug­bar vor­han­de­nen Pro­blems aber wirk­lich in einer Über­bie­tung ori­en­ta­li­scher Prak­ti­ken und einer Tota­lent­rech­tung der Frau bestehen? Abge­se­hen von der Fra­ge nach der Rea­li­sier­bar­keit (kon­zer­tier­ter Hand­streich? Frau­en mit vor­ge­hal­te­ner Waf­fe zur Keusch­heit zwin­gen?) kann man sich unschwer vor Augen füh­ren, was die­ses Modell für die Anzie­hungs­kraft des rech­ten Lagers bedeutet.
Die Geschlech­ter­the­ma­tik ist zu wich­tig, um sie die­sem plum­pen Res­sen­ti­ment zu über­las­sen. Aus min­des­tens drei Grün­den ist sie von zen­tra­ler Bedeu­tung für die Rech­te. Zunächst weil die Aus­ge­stal­tung des Geschlech­ter­ver­hält­nis­ses die Repro­duk­ti­ons­ra­ten bestimmt; zwei­tens weil die­se das Exer­zier­feld lin­ker Umer­zie­hungs­prak­ti­ken bil­det und der Wider­stand gegen Gen­der Main­strea­ming die gesam­te Rech­te mit­ein­an­der und zum Teil sogar mit unpo­li­ti­schen Krei­sen ver­bin­det; und schließ­lich weil, solan­ge Frau­en über­haupt das gesell­schaft­li­che Kli­ma beein­flus­sen, auf deren Mit­wir­kung nicht ver­zich­tet wer­den kann.
Des­halb besteht an der lang­fris­ti­gen stra­te­gi­schen Bedeu­tung des The­mas kein Zwei­fel, auch wenn es gegen­über der drän­gen­den Über­frem­dungs­pro­ble­ma­tik zurück­tre­ten muß. Nach den zen­tra­len Fra­gen »Iden­ti­tät« und »Indi­vi­du­um und Gesell­schaft«, mit denen es eng ver­wo­ben ist, ist es die Gret­chen­fra­ge, die das rech­te Lager für sich und sei­ne Sym­pa­thi­san­ten beant­wor­ten muß.

Über die For­de­rung einer Stär­kung der klas­si­schen Fami­lie dürf­te Einig­keit bestehen, trotz­dem kann der Blick auf die Geschlech­ter nie mehr der­sel­be sein wie vor dem Mahl­strom der Kul­tur­re­vo­lu­ti­on. Die Rech­te wird erfolg­reich sein, wenn sie in allen Hand­lungs­fel­dern Her­kunft und Zukunft ver­bin­det. Dazu gehört, Vor­stel­lun­gen eines bio­lo­gisch oder onto­lo­gisch basier­ten Geschlech­ter­kamp­fes zu ver­ab­schie­den, und zwar nicht aus illu­sio­nä­ren Har­mo­nie­vor­stel­lun­gen her­aus, son­dern weil sie kein kon­struk­ti­ves Anschluß­han­deln ermöglichen.

Der ins Meta­phy­si­sche gestei­ger­te Geschlech­ter­ge­gen­satz mag ästhe­tisch oder bis zu einem gewis­sen Grad ero­tisch reiz­voll sein, Gestal­tungs­mög­lich­kei­ten eröff­net er prak­tisch kei­ne. Anhand der Geschlech­terpro­ble­ma­tik nicht zuletzt wird sich zei­gen, wo und wie die Neue Rech­te eine neue Rech­te ist und damit auch attrak­tiv für eine Kli­en­tel, die sich sonst nicht errei­chen ließ.

 Gastbeitrag

Fremde Federn reichen Beiträge ein. Sind sie gut, bringen wir sie.

Nichts schreibt sich
von allein!

Das Blog der Zeitschrift Sezession ist die wichtigste rechtsintellektuelle Stimme im Netz. Es lebt vom Fleiß, von der Lesewut und von der Sprachkraft seiner Autoren. Wenn Sie diesen Federn Zeit und Ruhe verschaffen möchten, können Sie das mit einem Betrag Ihrer Wahl tun.

Verein für Staatspolitik e.V.
DE86 5185 0079 0027 1669 62
HELADEF1FRI

Kommentare (0)