Sezession
1. August 2017

»Todhaß der Geschlechter«: Eine Verabschiedung

Gastbeitrag

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Nietzsche war bekanntlich ein leidenschaftlicher Liebhaber von Bizets Carmen. In Bizets Musik und in der Geschichte vom einfachen Brigadier, den seine Leidenschaft für eine Zigeunerin und Zigarettenarbeiterin zum Mörder werden läßt, verbanden sich für ihn exemplarisch mediterrane Klarheit und antike Fatalität. »Die Liebe, die in ihren Mitteln der Krieg, in ihrem Grunde der Todhaß der Geschlechter ist! – Ich weiß keinen Fall, wo der tragische Witz, der das Wesen der Liebe macht, so streng sich aus- drückte, so schrecklich zur Formel würde, wie im letzten Schrei Don Josés, mit dem das Werk schließt: ›Ja!‹« (Der Fall Wagner)
Das von Friedrich Nietzsche als »Todhaß der Geschlechter« bezeichnete Phänomen ist aufgrund der Überlieferungsgeschichte eine asymmetrische Angelegenheit. Zwar zeigen laut Martin van Crefeld beide Geschlechter in einem ähnlichen Ausmaß zwischengeschlechtliche Aggressionen. Anders als die üppige misogyne Erbschaft des Abendlandes nimmt die Misandrie aber kaum kulturell überlieferungsfähige Formen an. Sie bleibt ein Alltagsphänomen und daher, ein Problem jeder Geschichtsschreibung des Alltags, weniger greifbar.

Da der überwältigende Großteil kultureller Zeugnisse von Männern produziert wurde, ist es die Misogynie, die in klaren Konturen hervortritt, während ihr Gegenpart im Dunkeln bleibt. Erst im Zuge der allerjüngsten Gender-Exzesse hat sich dies geändert.
Wenden wir uns daher zuerst der Misogynie zu, und zwar ohne Absicht einer moralischen Bewertung. Wenn sie nachweisbar eine beharrliche kulturelle Konstante darstellt, muß sie eine Funktion erfüllen. Welche das sein könnte, will ich an einem Beispiel zeigen.

Charles Baudelaire, von Rimbaud als »prince des poètes« und Visionär gefeiert, ist mit seinem 1857 erschienenen Gedichtband Les Fleurs du Mal (Die Blumen des Bösen) einer der Väter der europäischen Avantgarde-Poesie. »Une charogne« (»Ein Aas«), eines der Glanzstücke der Sammlung, läßt den Dichter beim Spaziergang mit seiner Geliebten auf einen verwesenden und stinkenden Tierkadaver treffen, der sich ihm »les jambes en l’air comme une femme lubrique« (»die Beine in der Luft wie ein geiles Weib«) unter dem Bild eines Frauenkörpers beim Koitus präsentiert.

Die zwölf Strophen entfalten eine Poesie der Zersetzung zwischen Ekel und exzentrischer Schönheit und münden in folgende Apostrophe: »Ja! Derart wirst du sein, o Königin an Reiz und Anmut, wenn, nach den / Sterbesakramenten, du unter Gras unter fette Blumen dich betten wirst, zu / schimmeln zwischen dem Gebein. / Dann, o meine Schönste! Sage dem Gewürm, das küssend dich verspeisen / wird, daß ich die Form, den göttlichen Gehalt bewahrte meiner Liebe, die in dir zerfällt.« (Übersetzung von Friedhelm Kemp)
Die Gleichsetzung von Männlichkeit mit Dauer, Immaterialität und Geist und von Weiblichkeit mit Verfall, Materialität und Körper ist ein Klassiker, den Baudelaires strahlende Sprache mit Leben füllt.

Das Gedicht fügt sich nahtlos in die Interpretation, welche die amerikanische Literaturwissenschaftlerin Camille Paglia dem Verhältnis von Kultur und Geschlecht angedeihen ließ. Für Paglia ist Kultur Abwehr des Chaotischen, Chthonischen. Geistige Leistung ist Pyramidenbau, Präferenz für das Kristalline, apollinisch, solar.
Das trifft auf »Une charogne« exemplarisch zu. Diese feindselig-ambivalente Abwehr ist gebunden an die Dualität von Dauer und Verfall und hat damit eine stark zeitliche Komponente: Der Mann wirft (die Last) seine(r) eigene(n) Vergänglichkeit auf die Frau. In ihr schaut er sie an und perhorresziert sie. Die Gleichsetzung von Männlichkeit mit Dauer, Immaterialität und Geist und von Weiblichkeit mit dem Gegenteil gewinnt ihre Plausibilität zunächst daraus, daß sie uns so vertraut ist.

Denn der Mann ist genauso Physis und genauso biologischen Abläufen unterworfen wie die Frau. Daß er nicht menstruiert und keine Kinder gebiert, ändert daran gar nichts. Baudelaires Gedicht lebt, wie die ganze Semantik, aus der heroischen Verleugnung dieser einfachen Tatsache, einer Verleugnung freilich, die sich als historisch großartig produktiv erwiesen und ihren kontrafaktischen Anspruch eingelöst hat.

Die Annahme liegt nahe, daß die außergewöhnliche männliche Kulturleistung auf diese Abwehr angewiesen ist. Die Misogynie erfüllt die Funktion einer Sperre gegen Entropie, gegen zeitliche und materielle Auflösung. Das erklärt ihr fast universelles Auftreten. Es handelt sich nicht um ein durch unablässige Aufklärung korrigierbares Laster, sondern um eine kulturtragende Symbolik, die nicht straflos kassiert werden kann. Wenn Klaus Theweleit die Abneigung soldatischer Männerfiguren gegen jede Form der Desintegration als »faschistisch« beschreibt, unterschätzt er die lagerübergreifende Bedeutung und kulturelle Produktivität dieser Semantik massiv.
Trotzdem ist diese Überhöhung gegebener Geschlechterunterschiede ins Metaphysische nicht unwandelbar. In der christlich-jüdischen Kultur ist nicht der Geschlechtergegensatz selbst metaphysisch, sondern dieser ist seinerseits in ein metaphysisches Narrativ eingebettet, dessen Logik er untergeordnet ist. Wenn dieses auch der Frau die Schuld an allem Übel zuschreibt, so hat es eine gewisse tröstliche Unausweichlichkeit, die die Individuen zugleich entlastet. Und schließlich: Es gibt Wichtigeres, die Heilsgeschichte, die Frage nach dem Seelenheil.
Mit dem Heraufdämmern der Moderne allerdings beginnen sich Ersatzmetaphysiken an die Stelle der hergebrachten zu schieben. Die Metaphysik des Geschlechts gehört damit in die lange Reihe dieser Surrogate, welche die geistige Physiognomie der Moderne kennzeichnen. Diese treten ihren Siegeszug zu einem Zeitpunkt an, an dem als Ausfluß der Rede von den Menschenrechten bereits die ersten Forderungen nach Frauenrechten im Raum stehen; parallel dazu (und praktisch wahrscheinlich wichtiger) hat die bürgerliche Familie das Ideal eines innigen Kontaktes der Ehegatten entwickelt und sich das Konzept der romantischen Liebe als Verschmelzung und Seelengleichklang durchgesetzt.

Die Frau rückt dem Mann damit gewissermaßen vermehrt auf die Pelle, ein Vorgang, der sich durch das 19. Jahrhundert hindurch zu beschleunigen scheint und eine entsprechende Gegenreaktion hervortreibt: eine auf die Spitze getriebene Differenzrhetorik und die Rede von »Todhaß der Geschlechter« sind das Resultat forcierter Forderungen nach Nähe im emotionalen, beruflichen und familiären Bereich. Sie sind nicht Ausdruck eines Archaisch-immer-Gleichen, sondern bereits Ergebnis der Tatsache, daß das traditionelle Geschlechterverhältnis aus der Balance geraten ist. Die Bollwerke gegen die weiblich besetzte Entropiegefahr müssen verstärkt, die Mauern hochgezogen werden. Die Moderne hat damit eine in den Grundzügen bestehende Disposition verschärft, und zwar gerade durch radikale Gleichheits-(nicht Gleichwertigkeits-)forderungen und eine Art institutionalisierte Distanzlosigkeit, die dem Geschlechterverhältnis nicht gut getan haben.
Diese vordergründig »bloß« kulturhistorischen Tendenzen zeitigen ganz praktische und durchaus politische Effekte. Das Ergebnis dieser langfristigen Entwicklung, die zu einem giftigen Cocktail aus erzwungener emotionaler Nähe und Konkurrenz geführt hat, läßt sich derzeit an zwei Erscheinungen beobachten: einmal der eklatant angewachsenen Männerfeindlichkeit des sogenannten Thirdwave feminism, die sich in Herrschaftsansprüchen, Diskriminierung und einer Rhetorik, die man (einmal zu Recht) als Hate speech apostrophieren könnte, ausdrückt; dann in den Formen einer neuen Männerbewegung, die jedenfalls in Tei- len gesonnen zu sein scheint, auf einem ähnlich verheerenden Niveau zu antworten.

Der frühere Feminismus (First wave) forderte Angleichungen im bürgerlichen Status (Wahlrecht usw.) und sah Männer eher als Vorbilder an, denen es nachzueifern galt (eine z. B. bei Simone de Beauvoir sehr ausgeprägte Haltung). Die blinden Stellen dieses Modells, das die Geschlechter über einen Kamm schert, sind längst sichtbar geworden, aber von Misandrie geprägt war es nicht. Diese hielt in Deutschland erst mit dem aggressiven Getrommel Alice Schwarzers (Second wave) und der Vorstellung, sich im Krieg gegen eine »Männergesellschaft« zu befinden,
Einzug. Wie alle Forderungen nach der Ausweitung von Rechten hatte auch dieser Feminismus einen Geburtsmakel, seine innere Unersättlichkeit. Schon Gehlen erkannte, daß es »auf dieser Bahn keinen Halt gibt«, sich »die Ausbreitung dieses Akzeptierens nicht mehr begrenzen« läßt; Luhmann sprach vom Fehlen einer »Stopformel«. Diese Drift zum unbegrenzten Ausufern von Forderungen mündete in genau jene Feindseligkeiten (Third wave), die als sexistisch bezeichnet werden, wenn sie gegen Frauen gerichtet sind.

Denn wie anders als sexistisch sollte man die Deklarationen auffassen, denen zufolge Frauen die besseren und friedfertigeren Menschen seien und alles beherrschten, was Männer können, nur angeblich »rückwärts und auf Stökkelschuhen« (Buchtitel von Cheryl Benard/Edit Schlaffer, 1999)? Dieses
Überbietungsphantasma ist historisch neu. Es folgt weder dem Konzept der Gleichheit noch dem der Ergänzung der Geschlechter und vertritt entschieden die Überwertigkeit der Frau. Der Mann wird in einer seltsam widersprüchlichen Doppelbewegung einerseits dämonisiert, andererseits infantilisiert: auf der einen Seite der soldatische Mann, der offiziell Mörder genannt werden darf, der gewaltbereite Schläger, der Vergewaltiger in Latenz; auf der anderen der zum »hen-pecked husband« kastrierte Hausmann, der angeblich ohne seine Frau nicht überlebensfähig wäre.

Diesen Sexismus kontert eine neue Männerbewegung spiegelbildlich mit den gleichen Waffen. Roger Devlins Sex, Macht, Utopie (2017) ist dafür ein gutes Beispiel. Das Kernanliegen des Buchs ist die Hebung der Geburtenrate über eine Wiederherstellung traditioneller Familienbeziehungen. Außerdem fordert es eine Restitution der klassischen Männerrolle und zeigt die Schikanen auf, mit denen sich Männer, insbesondere Väter, in den USA im Scheidungsfalle konfrontiert finden. Die Beispiele sind erschütternd und schlagen dem elementarsten Gerechtigkeitssinn ins Gesicht.

Es ist zu wünschen, daß es den Männerrechtsbewegung(en) gelingt, öffentliche Aufmerksamkeit auf diese Mißstände zu fokussieren, und sich auch Frauen finden, die dies unterstützen. Dies gilt um so mehr, als nicht wenige Männer Frauenbewegungen in selbstloser Weise unterstützt haben.
Allerdings: Die Weise, in der Devlin diese Ziele erreichen möchte, ist kontraproduktiv und, vorsichtig gesprochen, einseitig. Er sucht die Schuld für die demographisch desolate Situation beim »Niedergang der weiblichen Tugenden« und verengt den Begriff der Tugend auf eheliche Monogamie. Nun ist die konkrete Ausformung, die Sexualität in einer Gesellschaft erfährt, das Ergebnis einer Vielzahl von Faktoren, auf welche die Individuen reagieren. Hier wirken die Möglichkeit zur Verhütung, ökonomische und rechtliche Rahmenbedingungen sowie das Dauerbombardement durch einen konsumorientierten Hedonismus und feministische Ermächtigungsphantasien.

In diesem Hexenkessel auf Erneuerung aus eigener Kraft zu hoffen, wäre nicht sehr vielversprechend. Devlins Lösungsvorschlag besteht allerdings darin, verlorene Macht über Frauen wiederherzustellen, und zwar in sehr direkter Weise. Allen Ernstes erwägt er den Entzug des Wahlrechts, des Eigentumsrechts, Entrechtung bei Scheidung und – Nathaniel Hawthorne läßt grüßen – die öffentliche Beschämung im Falle des Ehebruchs.
Die Verfasserin kann sich des Eindrucks nicht erwehren, es mit Denkmustern zu tun zu haben, die so unmittelbar aus der US-amerikanischen Tradition protestantischer Lustfeindlichkeit stammen, als wäre der Mann soeben vom Deck der Mayflower an Land gesprungen.

Die Analyse erinnert stark an die ehrwürdigen Haßarien auf weiblichen Wankelmut − »È la fede delle femmine come l’araba fenice / che ci sia ciascun lo dice / dove sia, nessun lo sa.« (»Die Treue der Frauen ist wie der arabische Phoenix. Daß es ihn gibt, sagt jeder; wo er sein soll, weiß keiner.«) – eine Art »Così fan tutte« für die (amerikanische) Gegenwart, nur ohne den Charme und die Kultiviertheit des 18. Jahrhunderts.
Man kann natürlich einwenden, in verzweifelter demographischer Lage wäre solche Versöhnlichkeit im Stil des Ancien régime fehl am Platz. Die Schwierigkeit ist aber, daß der moralisierende Rigorismus gar nichts löst. Devlin erkennt das durchaus, wenn er schreibt: »Das tieferliegende Problem ist meiner Meinung nach der Verlust der Funktion [der Familie].« Wenn dem so ist, kann dieser nicht durch moralische Kritik behoben werden. Bei Zusammenbruch zentraler gesellschaftlicher Funktionen ist ohnehin ein Rückgang an Singles und eine Restitution älterer Verhaltensmuster zu erwarten.
Wer sich von Devlins stark durch (wenn auch nachvollziehbares) Ressentiment getriebenen Vorschläge an Scharia-Regelungen erinnert fühlt, liegt nicht ganz schief. Die Idee scheint in der Luft zu liegen. Soll die Lösung des unleugbar vorhandenen Problems aber wirklich in einer Überbietung orientalischer Praktiken und einer Totalentrechtung der Frau bestehen? Abgesehen von der Frage nach der Realisierbarkeit (konzertierter Handstreich? Frauen mit vorgehaltener Waffe zur Keuschheit zwingen?) kann man sich unschwer vor Augen führen, was dieses Modell für die Anziehungskraft des rechten Lagers bedeutet.
Die Geschlechterthematik ist zu wichtig, um sie diesem plumpen Ressentiment zu überlassen. Aus mindestens drei Gründen ist sie von zentraler Bedeutung für die Rechte. Zunächst weil die Ausgestaltung des Geschlechterverhältnisses die Reproduktionsraten bestimmt; zweitens weil diese das Exerzierfeld linker Umerziehungspraktiken bildet und der Widerstand gegen Gender Mainstreaming die gesamte Rechte miteinander und zum Teil sogar mit unpolitischen Kreisen verbindet; und schließlich weil, solange Frauen überhaupt das gesellschaftliche Klima beeinflussen, auf deren Mitwirkung nicht verzichtet werden kann.
Deshalb besteht an der langfristigen strategischen Bedeutung des Themas kein Zweifel, auch wenn es gegenüber der drängenden Überfremdungsproblematik zurücktreten muß. Nach den zentralen Fragen »Identität« und »Individuum und Gesellschaft«, mit denen es eng verwoben ist, ist es die Gretchenfrage, die das rechte Lager für sich und seine Sympathisanten beantworten muß.

Über die Forderung einer Stärkung der klassischen Familie dürfte Einigkeit bestehen, trotzdem kann der Blick auf die Geschlechter nie mehr derselbe sein wie vor dem Mahlstrom der Kulturrevolution. Die Rechte wird erfolgreich sein, wenn sie in allen Handlungsfeldern Herkunft und Zukunft verbindet. Dazu gehört, Vorstellungen eines biologisch oder ontologisch basierten Geschlechterkampfes zu verabschieden, und zwar nicht aus illusionären Harmonievorstellungen heraus, sondern weil sie kein konstruktives Anschlußhandeln ermöglichen.

Der ins Metaphysische gesteigerte Geschlechtergegensatz mag ästhetisch oder bis zu einem gewissen Grad erotisch reizvoll sein, Gestaltungsmöglichkeiten eröffnet er praktisch keine. Anhand der Geschlechterproblematik nicht zuletzt wird sich zeigen, wo und wie die Neue Rechte eine neue Rechte ist und damit auch attraktiv für eine Klientel, die sich sonst nicht erreichen ließ.


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