Sezession
1. August 2017

Haßfakten: Imperativ der Ungleichheit

Nils Wegner

Nils Wegner

Nils Wegner ist studierter Historiker und arbeitet als Übersetzer und Lektor.

1978 erschien mit 21jähriger Verzögerung die deutsche Übersetzung eines wegweisenden amerikanischen Buchs unter dem Titel Theorie der kognitiven Dissonanz. Der Sozialpsychologe Leon Festinger beschrieb darin einen psychologischen Kompensationsmechanismus, den er während seiner Feldforschung in einer UFO-Sekte beobachtet hatte: Beim Auftreten einer kognitiven Dissonanz, also dem unangenehmen Gefühlskonflikt, daß die wahrnehmbare Wirklichkeit nicht mit persönlichen Erwartungen oder Glaubens- und Wunschvorstellungen in Übereinstimmung zu bringen ist, bleiben den betroffenen Individuen nur zwei Optionen – entweder die eigene Meinung oder die aller anderen zu ändern.

Insbesondere für Anhänger eines konkreten, geschlossenen Weltbilds komme nur die zweite Möglichkeit in Frage, da ihre Anführer in aller Regel Unfehlbarkeit für sich beanspruchten; demgemäß neigten sie dazu, die Realität mit allen Mitteln in Richtung ihrer Glaubenssätze umzubiegen.

Was auf Erlösungsreligionen und Gruppen von Endzeitfanatikern zutrifft, läßt sich ohne viel Phantasie auch auf politische Utopisten anwenden: Wo immer die Hoffnungen und Versprechungen auf eine mit »neuen Menschen« bevölkerte »bessere Welt« hinauslaufen, ist der Konflikt mit dem real existierenden menschlichen »Mängelwesen« (Arnold Gehlen) bereits vorprogrammiert.

Insbesondere dort, wo die politisch machbare Erziehungsarbeit an Grenzen der Natur zu stoßen droht, wird deshalb meist zur oben genannten zweiten Möglichkeit gegriffen – die Technokraten der Gesellschafts- und Menschheitsoptimierung werden flugs zu Moralisten, wenn es darum geht, unwiderlegbare natürliche Gegebenheiten für indiskutabel zu befinden oder in einem Kraftakt der Projektion als »soziale Konstrukte« wegzuerklären.

Ein offenkundiges Beispiel für dieses Vorgehen in der Bundesrepublik liefert die Bevölkerungsentwicklung: Während es über ein Vierteljahrhundert hinweg gelang, die alarmierenden wissenschaftlichen Prognosen von Robert Hepps Endlösung der Deutschen Frage (1988) bis hin zu Herwig Birgs Die ausgefallene Generation (2005) durch Beschweigen zu deckeln oder zumindest innerhalb des geschlossenen Fachdiskurses zu halten, hatte ein »Prominenter« des politmedialen Komplexes wenig Mühe, aus der bevölkerungspädagogischen Dogmatik auszubrechen: Thilo Sarrazins Deutschland schafft sich ab sorgte 2010ff. für ein derartiges Erdbeben, weil sich hier Fleisch vom Fleische des Establishments unverhofft nicht an die Spielregeln des etablierten Diskurses hielt.


Nils Wegner

Nils Wegner ist studierter Historiker und arbeitet als Übersetzer und Lektor.

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