Sezession
1. August 2017

200 Jahre Wartburgfest – Auftrag oder Folklore?

Gastbeitrag

von Philip Stein

pdf der Druckfassung aus Sezession 79/August 2017

Wenn vom 20. bis 22. Oktober hunderte Burschenschafter aus den beiden deutschen Republiken nach Eisenach pilgern, um das 200jährige Jubiläum des Wartburgfests zu begehen, werden vor allem in den Köpfen der jungen Männer nicht nur Vorfreude und Bierdurst den Takt bestimmen. Denn die burschenschaftliche Bewegung steckt in einer Sinnkrise – und diese jungen Männer spüren das. Große Jubiläen sind nicht zwingend nur Hort der Erinnerung und Freude, sie sind bestenfalls auch ein schmerzlicher, doch zukunftsweisender Bewußtwerdungsprozeß und fördern unangenehme Wahrheiten zutage. Auf die Zweihundertjahrfeier der burschenschaftlichen Bewegung (1815 –2015) folgt mit großen Schritten und viel Tamtam das Wartburg-Jubiläum in Eisenach (1817 –2017) – und dann das Ende einer großen deutschen Erzählung?
Die Krise der einstigen schwarz-rot-goldenen Rebellen verläuft entlang zweier Bruchlinien: Während ein nicht unerheblicher Teil der sich als Burschenschaften verstehenden Korporationen den billigen Schulterschluß mit dem Establishment sucht und sich sinngemäß als
»Erfinder des Grundgesetzes« und »Hüter der Demokratie« stilisiert (dabei vergessend, ignorierend, jedenfalls in Kauf nehmend, daß die burschenschaftliche Bewegung sich seit jeher als überstaatliche, nur den eigenen Gesetzen unterworfene Institution begreift), arbeitet die traditionsreiche, doch personell geschwächte Deutsche Burschenschaft als einzig verbliebener Rechtsausleger unter den Verbänden an einem stillen, medial marginalisierten Wiederaufbau der eigenen Strukturen.

Sie ist aus den Medien und Universitäten weitestgehend verschwunden und taugt jenen bestenfalls als reaktionäres Schreckgespenst zur denunziatorischen Wiedervorlage. Für diesen Verband waren die letzten Jahre ein Kampf im Innern. Man mußte Federn lassen dabei. Die vermeintlich Liberalen haben dem Verband überwiegend den Rücken gekehrt. Was übriggeblieben ist, wird von vielen als letzte ernsthafte Bastion des burschenschaftlichen Erbes betrachtet. Andere bezeichnen die Standhaften als kläglichen Rest einer verstreichenden Epoche.
Wer den Zustand der deutschen Korporationen gnadenlos und ehrlich analysiert, wird schnell zu dem Schluß gelangen, daß sich dieser akademische Mikrokosmos seit der sogenannten Wiedervereinigung vorrangig um die eigene Achse dreht.

Revolution war gestern – und auch die studentische Revolte ist mit Rudi Dutschke und einem ehemaligen 68er als Außenminister und Vizekanzler im Orkus des bundesrepublikanischen Konsumstrudels verschwunden. Das Gros der deutschen Männerbünde, die Fackelträger des nationalen Aufruhrs, haben Schwert und Manifest gegen Parteibuch und Grundgesetz getauscht. Sie sind nicht länger der stechende, verletzende Dorn in Gesäß und Auge der repressiven Wasserköpfe der Nation. Vielmehr sind sie eingewachsen, aufgesogen und politisch kalkulierbar.
Wenn im Oktober die bunten Mützen nach Eisenach zurückkehren, wird zumindest ein Hauch von Déjà-vu in der Luft liegen. Denn die grundsätzlichen Forderungen der burschenschaftlichen Bewegung von einst unterscheiden sich nicht maßgeblich von jenen, die dieser Tage durch die Deutsche Burschenschaft vorgebracht werden. So forderten die Burschen in ihren »Grundsätzen und Beschlüssen des 18. Oktobers« zuallererst staatliche, wirtschaftliche und kirchliche Einheit, Rede- und Pressefreiheit, Gleichheit vor dem Gesetz, allgemeine Wehrpflicht und eine selbstbewußte, nationale Machtpolitik.

Wer sich diese Forderungen in Zeiten der unbegrenzten Masseneinwanderung, einer staatlich legitimierten Gesinnungsjustiz, politischer Prozesse, der Auflösung der staatlichen Ordnung und organischer Gemeinschaften sowie der Selbstabschaffung der meisten europäischen Völker vor Augen führt, wird ihre brennende Aktualität und unbedingte Notwendigkeit erkennen.
Das Wartburgfest von 1817 diente maßgeblich als Veranstaltung zum Gedankenaustausch zwischen den Führern der jungen Bewegung und zur gegenseitigen Angleichung vor dem Hintergrund der gemeinsamen Stoßrichtung. Bereits ein Jahr später, am 18. Oktober 1818, wurde auf dem zweiten Burschentag in Jena eine Verfassung verabschiedet, die die »christlich-deutsche Ausbildung einer jeden leiblichen und geistigen Kraft zum Dienste des Vaterlandes« zum Ziel erhob. Der renommierte Studentenhistoriker PD Dr. Dr. Harald Lönnecker faßt die frühe Burschenschaft wie folgt zusammen:
»Die Burschenschaft wurzelte in den Freiheitskriegen, stand unter dem Einfluß Friedrich Ludwig Jahns, Ernst Moritz Arndts und Johann Gottlieb Fichtes, war geprägt durch eine idealistische Volkstumslehre, christliche Erweckung und patriotische Freiheitsliebe.«
Die burschenschaftliche Bewegung wurde in Folge nicht nur zur führenden Kraft einer jungen, progressiven und gewissermaßen antiautoritären Studentenrevolte im Dienste des Vaterlands. Sie sorgte als studentische Einheitsbewegung für den größtmöglichen Ausgleich zwischen konfessionellen und partikularistischen Gegensätzen. Die Ausbreitung des burschenschaftlichen Gedankens – und damit einhergehend des nationalen Funkens – auf nahezu alle deutschen Universitäten war nach dem initiierenden Wartburgfest nur eine Frage der Zeit.


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