200 Jahre Wartburgfest – Auftrag oder Folklore?

 Gastbeitrag

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Wenn vom 20. bis 22. Okto­ber hun­der­te Bur­schen­schaf­ter aus den bei­den deut­schen Repu­bli­ken nach Eisen­ach pil­gern, um das 200jährige Jubi­lä­um des Wart­burg­fests zu bege­hen, wer­den vor allem in den Köp­fen der jun­gen Män­ner nicht nur Vor­freu­de und Bier­durst den Takt bestim­men. Denn die bur­schen­schaft­li­che Bewe­gung steckt in einer Sinn­kri­se – und die­se jun­gen Män­ner spü­ren das. Gro­ße Jubi­lä­en sind nicht zwin­gend nur Hort der Erin­ne­rung und Freu­de, sie sind bes­ten­falls auch ein schmerz­li­cher, doch zukunfts­wei­sen­der Bewußt­wer­dungs­pro­zeß und för­dern unan­ge­neh­me Wahr­hei­ten zuta­ge. Auf die Zwei­hun­dert­jahr­fei­er der bur­schen­schaft­li­chen Bewe­gung (1815 –2015) folgt mit gro­ßen Schrit­ten und viel Tam­tam das Wart­burg-Jubi­lä­um in Eisen­ach (1817 –2017) – und dann das Ende einer gro­ßen deut­schen Erzählung?
Die Kri­se der eins­ti­gen schwarz-rot-gol­de­nen Rebel­len ver­läuft ent­lang zwei­er Bruch­li­ni­en: Wäh­rend ein nicht uner­heb­li­cher Teil der sich als Bur­schen­schaf­ten ver­ste­hen­den Kor­po­ra­tio­nen den bil­li­gen Schul­ter­schluß mit dem Estab­lish­ment sucht und sich sinn­ge­mäß als
»Erfin­der des Grund­ge­set­zes« und »Hüter der Demo­kra­tie« sti­li­siert (dabei ver­ges­send, igno­rie­rend, jeden­falls in Kauf neh­mend, daß die bur­schen­schaft­li­che Bewe­gung sich seit jeher als über­staat­li­che, nur den eige­nen Geset­zen unter­wor­fe­ne Insti­tu­ti­on begreift), arbei­tet die tra­di­ti­ons­rei­che, doch per­so­nell geschwäch­te Deut­sche Bur­schen­schaft als ein­zig ver­blie­be­ner Rechts­aus­le­ger unter den Ver­bän­den an einem stil­len, medi­al mar­gi­na­li­sier­ten Wie­der­auf­bau der eige­nen Strukturen.

Sie ist aus den Medi­en und Uni­ver­si­tä­ten wei­test­ge­hend ver­schwun­den und taugt jenen bes­ten­falls als reak­tio­nä­res Schreck­ge­spenst zur denun­zia­to­ri­schen Wie­der­vor­la­ge. Für die­sen Ver­band waren die letz­ten Jah­re ein Kampf im Innern. Man muß­te Federn las­sen dabei. Die ver­meint­lich Libe­ra­len haben dem Ver­band über­wie­gend den Rücken gekehrt. Was übrig­ge­blie­ben ist, wird von vie­len als letz­te ernst­haf­te Bas­ti­on des bur­schen­schaft­li­chen Erbes betrach­tet. Ande­re bezeich­nen die Stand­haf­ten als kläg­li­chen Rest einer ver­strei­chen­den Epoche.
Wer den Zustand der deut­schen Kor­po­ra­tio­nen gna­den­los und ehr­lich ana­ly­siert, wird schnell zu dem Schluß gelan­gen, daß sich die­ser aka­de­mi­sche Mikro­kos­mos seit der soge­nann­ten Wie­der­ver­ei­ni­gung vor­ran­gig um die eige­ne Ach­se dreht.

Revo­lu­ti­on war ges­tern – und auch die stu­den­ti­sche Revol­te ist mit Rudi Dutsch­ke und einem ehe­ma­li­gen 68er als Außen­mi­nis­ter und Vize­kanz­ler im Orkus des bun­des­re­pu­bli­ka­ni­schen Kon­sum­stru­dels ver­schwun­den. Das Gros der deut­schen Män­ner­bün­de, die Fackel­trä­ger des natio­na­len Auf­ruhrs, haben Schwert und Mani­fest gegen Par­tei­buch und Grund­ge­setz getauscht. Sie sind nicht län­ger der ste­chen­de, ver­let­zen­de Dorn in Gesäß und Auge der repres­si­ven Was­ser­köp­fe der Nati­on. Viel­mehr sind sie ein­ge­wach­sen, auf­ge­so­gen und poli­tisch kalkulierbar.
Wenn im Okto­ber die bun­ten Müt­zen nach Eisen­ach zurück­keh­ren, wird zumin­dest ein Hauch von Déjà-vu in der Luft lie­gen. Denn die grund­sätz­li­chen For­de­run­gen der bur­schen­schaft­li­chen Bewe­gung von einst unter­schei­den sich nicht maß­geb­lich von jenen, die die­ser Tage durch die Deut­sche Bur­schen­schaft vor­ge­bracht wer­den. So for­der­ten die Bur­schen in ihren »Grund­sät­zen und Beschlüs­sen des 18. Okto­bers« zual­ler­erst staat­li­che, wirt­schaft­li­che und kirch­li­che Ein­heit, Rede- und Pres­se­frei­heit, Gleich­heit vor dem Gesetz, all­ge­mei­ne Wehr­pflicht und eine selbst­be­wuß­te, natio­na­le Machtpolitik.

Wer sich die­se For­de­run­gen in Zei­ten der unbe­grenz­ten Mas­sen­ein­wan­de­rung, einer staat­lich legi­ti­mier­ten Gesin­nungs­jus­tiz, poli­ti­scher Pro­zes­se, der Auf­lö­sung der staat­li­chen Ord­nung und orga­ni­scher Gemein­schaf­ten sowie der Selbst­ab­schaf­fung der meis­ten euro­päi­schen Völ­ker vor Augen führt, wird ihre bren­nen­de Aktua­li­tät und unbe­ding­te Not­wen­dig­keit erkennen.
Das Wart­burg­fest von 1817 dien­te maß­geb­lich als Ver­an­stal­tung zum Gedan­ken­aus­tausch zwi­schen den Füh­rern der jun­gen Bewe­gung und zur gegen­sei­ti­gen Anglei­chung vor dem Hin­ter­grund der gemein­sa­men Stoß­rich­tung. Bereits ein Jahr spä­ter, am 18. Okto­ber 1818, wur­de auf dem zwei­ten Bur­schen­tag in Jena eine Ver­fas­sung ver­ab­schie­det, die die »christ­lich-deut­sche Aus­bil­dung einer jeden leib­li­chen und geis­ti­gen Kraft zum Diens­te des Vater­lan­des« zum Ziel erhob. Der renom­mier­te Stu­den­ten­his­to­ri­ker PD Dr. Dr. Harald Lön­ne­cker faßt die frü­he Bur­schen­schaft wie folgt zusammen:
»Die Bur­schen­schaft wur­zel­te in den Frei­heits­krie­gen, stand unter dem Ein­fluß Fried­rich Lud­wig Jahns, Ernst Moritz Arndts und Johann Gott­lieb Fich­tes, war geprägt durch eine idea­lis­ti­sche Volks­tums­leh­re, christ­li­che Erwe­ckung und patrio­ti­sche Freiheitsliebe.«
Die bur­schen­schaft­li­che Bewe­gung wur­de in Fol­ge nicht nur zur füh­ren­den Kraft einer jun­gen, pro­gres­si­ven und gewis­ser­ma­ßen anti­au­to­ri­tä­ren Stu­den­ten­re­vol­te im Diens­te des Vater­lands. Sie sorg­te als stu­den­ti­sche Ein­heits­be­we­gung für den größt­mög­li­chen Aus­gleich zwi­schen kon­fes­sio­nel­len und par­ti­ku­la­ris­ti­schen Gegen­sät­zen. Die Aus­brei­tung des bur­schen­schaft­li­chen Gedan­kens – und damit ein­her­ge­hend des natio­na­len Fun­kens – auf nahe­zu alle deut­schen Uni­ver­si­tä­ten war nach dem initi­ie­ren­den Wart­burg­fest nur eine Fra­ge der Zeit.

Das Ziel: die Orga­ni­sa­ti­on und Zusam­men­füh­rung aller Stu­den­ten einer Uni­ver­si­tät und spä­ter der gan­zen Nati­on. In Hin­blick auf die raschen Erfol­ge der deutsch­na­tio­na­len Stu­den­ten kann – wenn auch zunächst auf das aka­de­mi­sche Milieu beschränkt – von der »tota­len Mobil­ma­chung« einer aka­de­mi­schen deut­schen Ein­heits­be­we­gung und ihrer zahl­rei­chen Anhän­ger gespro­chen werden.
Der Spie­gel-Redak­teur Jan Fried­mann attes­tiert dem Wart­burg­fest in einem Bei­trag von 2007 dabei »weit mehr umstürz­le­ri­sche Ener­gie als 150 Jah­re spä­ter Rudi Dutsch­ke mit sei­nem Gefol­ge.« Die frei­ge­setz­te jugend­li­che Ener­gie und die idea­lis­ti­sche Radi­ka­li­tät gip­fel­ten unter ande­rem in einem poli­ti­schen Mord: Karl Lud­wig Sand, Bur­schen­schaf­ter und spä­te­re Iko­ne der radi­ka­len Stu­den­ten­be­we­gung, ermor­de­te den der Spio­na­ge für Ruß­land ver­däch­tig­ten Dra­ma­ti­ker und Schrift­stel­ler August von Kot­ze­bue mit einem Dolch.

Kot­ze­bues Cre­do »Bewah­re uns Gott in Deutsch­land vor irgend- einer Revo­lu­ti­on« beant­wor­te­te der 23jährige Sand der Legen­de nach mit den Wor­ten: »Hier, du Ver­rä­ter des Vater­lan­des!« Auf das poli­ti­sche Atten­tat folg­te die Repres­si­on gegen die gesam­te bür­ger­li­che und natio­na­le Oppo­si­ti­on. Heu­te, im Schat­ten der gro­ßen Jubi­lä­en, stellt sich vor allem eine Fra­ge: Soll die Deut­sche Bur­schen­schaft nach 200 Jah­ren des Kamp­fes am Ende ein poli­ti­sches Sys­tem akzep­tie­ren, das vie­le ihrer Grund­for­de­run­gen nicht erfüllt? Sicher scheint zunächst nur, daß die bur­schen­schaft­li­che Bewe­gung ihre revo­lu­tio­nä­re Ener­gie von 1817 und den Fol­ge­jah­ren ver­lo­ren hat – doch wel­che Bewe­gung hat das nicht?

Der in Wien-Wie­den arbei­ten­de lin­ke »Street­wor­ker« Jero­me Tre­bing – bei Twit­ter unter dem Denun­zi­an­ten-Pseud­onym @MenschMerz unter­wegs – hat die Rol­le der rech­ten Bur­schen­schaf­ten in einem Vor­trag in Mar­burg pas­send zusam­men­ge­faßt. Er stellt fest, daß die »gro­ßen Über­schnei­dun­gen zum deutsch­na­tio­na­len bur­schen­schaft­li­chen Milieu« einer der per­so­nel­len Haupt­ga­ran­ten für den Auf- und Aus­bau der Iden­ti­tä­ren Bewe­gung und ande­rer non­kon­for­mer Pro­jek­te sind. Und wei­ter: »Wir kön­nen das in Öster­reich nach­zeich­nen, daß eigent­lich bis auf Patrick Len­art alle füh­ren­den Kader aus bur­schen­schaft­li­chen Struk­tu­ren kom­men.« Egal wohin man blickt: rech­te Publi­zis­tik, Mit­ar­bei­ter und Par­la­men­ta­ri­er der FPÖ oder AfD, Lei­ter von Bür­ger­initia­ti­ven oder patrio­ti­schen Rechts­an­walts­kanz­lei­en – Anzahl und Rele­vanz jener poli­tisch Akti­ven, die aus den Rei­hen der poli­tisch gefes­tig­ten Deut­schen Bur­schen­schaft stam­men, sind über­durch­schnitt­lich hoch. Rech­te Män­ner­bün­de wir­ken also wie ein Nähr­bo­den, sind Vor­be­rei­ter und Len­ker einer geis­ti­gen Befrei­ung und Entwicklung.

Wer sich selbst ehr­lich zurück­er­in­nert, wird in vie­ler­lei Hin­sicht fest­stel­len kön­nen, daß ein ernst­haf­tes poli­ti­sches oder publi­zis­ti­sches Enga­ge­ment ohne die kor­po­ra­ti­ve Prä­gung ver­mut­lich nie mit die­ser Sicher­heit und die­sem Wil­le betrie­ben wor­den wäre. Es ist exakt die­se poli­ti­sche Päd­ago­gik, die natio­na­le Män­ner­bün­de heu­te wahr­neh­men müssen.
Statt davon zu phan­ta­sie­ren, in den kom­men­den Jah­ren wie­der zu gesell­schaft­li­cher Rele­vanz zurück­zu­fin­den und aktiv in den poli­ti­schen Betrieb ein­grei­fen zu kön­nen, ist es die zen­tra­le und wich­ti­ge Auf­ga­be des Lebens­bunds, jun­ge muti­ge Män­ner aus­zu­bil­den und in ande­re, wir­kungs­vol­le­re Struk­tu­ren und Posi­tio­nen zu ent­las­sen. Die­se Auf­ga­be ist kei­nes­wegs mar­gi­nal. Sie ist edel und ele­men­tar. Oder, um es mit Karl Lud­wig Sand zu sagen: »Es ist Zeit, daß ich die Träu­me­rei­en las­se, und die Not unse­res Vater­lan­des drängt mich zum Han­deln. Schrif­ten und Reden wir­ken nicht. Nur die Tat kann noch einen Brand schleu­dern in die jet­zi­ge Schlaffheit.«

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