1. August 2017

200 Jahre Wartburgfest – Auftrag oder Folklore?

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Wenn vom 20. bis 22. Oktober hunderte Burschenschafter aus den beiden deutschen Republiken nach Eisenach pilgern, um das 200jährige Jubiläum des Wartburgfests zu begehen, werden vor allem in den Köpfen der jungen Männer nicht nur Vorfreude und Bierdurst den Takt bestimmen. Denn die burschenschaftliche Bewegung steckt in einer Sinnkrise – und diese jungen Männer spüren das. Große Jubiläen sind nicht zwingend nur Hort der Erinnerung und Freude, sie sind bestenfalls auch ein schmerzlicher, doch zukunftsweisender Bewußtwerdungsprozeß und fördern unangenehme Wahrheiten zutage. Auf die Zweihundertjahrfeier der burschenschaftlichen Bewegung (1815 –2015) folgt mit großen Schritten und viel Tamtam das Wartburg-Jubiläum in Eisenach (1817 –2017) – und dann das Ende einer großen deutschen Erzählung?
Die Krise der einstigen schwarz-rot-goldenen Rebellen verläuft entlang zweier Bruchlinien: Während ein nicht unerheblicher Teil der sich als Burschenschaften verstehenden Korporationen den billigen Schulterschluß mit dem Establishment sucht und sich sinngemäß als
»Erfinder des Grundgesetzes« und »Hüter der Demokratie« stilisiert (dabei vergessend, ignorierend, jedenfalls in Kauf nehmend, daß die burschenschaftliche Bewegung sich seit jeher als überstaatliche, nur den eigenen Gesetzen unterworfene Institution begreift), arbeitet die traditionsreiche, doch personell geschwächte Deutsche Burschenschaft als einzig verbliebener Rechtsausleger unter den Verbänden an einem stillen, medial marginalisierten Wiederaufbau der eigenen Strukturen.

Sie ist aus den Medien und Universitäten weitestgehend verschwunden und taugt jenen bestenfalls als reaktionäres Schreckgespenst zur denunziatorischen Wiedervorlage. Für diesen Verband waren die letzten Jahre ein Kampf im Innern. Man mußte Federn lassen dabei. Die vermeintlich Liberalen haben dem Verband überwiegend den Rücken gekehrt. Was übriggeblieben ist, wird von vielen als letzte ernsthafte Bastion des burschenschaftlichen Erbes betrachtet. Andere bezeichnen die Standhaften als kläglichen Rest einer verstreichenden Epoche.
Wer den Zustand der deutschen Korporationen gnadenlos und ehrlich analysiert, wird schnell zu dem Schluß gelangen, daß sich dieser akademische Mikrokosmos seit der sogenannten Wiedervereinigung vorrangig um die eigene Achse dreht.

Revolution war gestern – und auch die studentische Revolte ist mit Rudi Dutschke und einem ehemaligen 68er als Außenminister und Vizekanzler im Orkus des bundesrepublikanischen Konsumstrudels verschwunden. Das Gros der deutschen Männerbünde, die Fackelträger des nationalen Aufruhrs, haben Schwert und Manifest gegen Parteibuch und Grundgesetz getauscht. Sie sind nicht länger der stechende, verletzende Dorn in Gesäß und Auge der repressiven Wasserköpfe der Nation. Vielmehr sind sie eingewachsen, aufgesogen und politisch kalkulierbar.
Wenn im Oktober die bunten Mützen nach Eisenach zurückkehren, wird zumindest ein Hauch von Déjà-vu in der Luft liegen. Denn die grundsätzlichen Forderungen der burschenschaftlichen Bewegung von einst unterscheiden sich nicht maßgeblich von jenen, die dieser Tage durch die Deutsche Burschenschaft vorgebracht werden. So forderten die Burschen in ihren »Grundsätzen und Beschlüssen des 18. Oktobers« zuallererst staatliche, wirtschaftliche und kirchliche Einheit, Rede- und Pressefreiheit, Gleichheit vor dem Gesetz, allgemeine Wehrpflicht und eine selbstbewußte, nationale Machtpolitik.

Wer sich diese Forderungen in Zeiten der unbegrenzten Masseneinwanderung, einer staatlich legitimierten Gesinnungsjustiz, politischer Prozesse, der Auflösung der staatlichen Ordnung und organischer Gemeinschaften sowie der Selbstabschaffung der meisten europäischen Völker vor Augen führt, wird ihre brennende Aktualität und unbedingte Notwendigkeit erkennen.
Das Wartburgfest von 1817 diente maßgeblich als Veranstaltung zum Gedankenaustausch zwischen den Führern der jungen Bewegung und zur gegenseitigen Angleichung vor dem Hintergrund der gemeinsamen Stoßrichtung. Bereits ein Jahr später, am 18. Oktober 1818, wurde auf dem zweiten Burschentag in Jena eine Verfassung verabschiedet, die die »christlich-deutsche Ausbildung einer jeden leiblichen und geistigen Kraft zum Dienste des Vaterlandes« zum Ziel erhob. Der renommierte Studentenhistoriker PD Dr. Dr. Harald Lönnecker faßt die frühe Burschenschaft wie folgt zusammen:
»Die Burschenschaft wurzelte in den Freiheitskriegen, stand unter dem Einfluß Friedrich Ludwig Jahns, Ernst Moritz Arndts und Johann Gottlieb Fichtes, war geprägt durch eine idealistische Volkstumslehre, christliche Erweckung und patriotische Freiheitsliebe.«
Die burschenschaftliche Bewegung wurde in Folge nicht nur zur führenden Kraft einer jungen, progressiven und gewissermaßen antiautoritären Studentenrevolte im Dienste des Vaterlands. Sie sorgte als studentische Einheitsbewegung für den größtmöglichen Ausgleich zwischen konfessionellen und partikularistischen Gegensätzen. Die Ausbreitung des burschenschaftlichen Gedankens – und damit einhergehend des nationalen Funkens – auf nahezu alle deutschen Universitäten war nach dem initiierenden Wartburgfest nur eine Frage der Zeit.

Das Ziel: die Organisation und Zusammenführung aller Studenten einer Universität und später der ganzen Nation. In Hinblick auf die raschen Erfolge der deutschnationalen Studenten kann – wenn auch zunächst auf das akademische Milieu beschränkt – von der »totalen Mobilmachung« einer akademischen deutschen Einheitsbewegung und ihrer zahlreichen Anhänger gesprochen werden.
Der Spiegel-Redakteur Jan Friedmann attestiert dem Wartburgfest in einem Beitrag von 2007 dabei »weit mehr umstürzlerische Energie als 150 Jahre später Rudi Dutschke mit seinem Gefolge.« Die freigesetzte jugendliche Energie und die idealistische Radikalität gipfelten unter anderem in einem politischen Mord: Karl Ludwig Sand, Burschenschafter und spätere Ikone der radikalen Studentenbewegung, ermordete den der Spionage für Rußland verdächtigten Dramatiker und Schriftsteller August von Kotzebue mit einem Dolch.

Kotzebues Credo »Bewahre uns Gott in Deutschland vor irgend- einer Revolution« beantwortete der 23jährige Sand der Legende nach mit den Worten: »Hier, du Verräter des Vaterlandes!« Auf das politische Attentat folgte die Repression gegen die gesamte bürgerliche und nationale Opposition. Heute, im Schatten der großen Jubiläen, stellt sich vor allem eine Frage: Soll die Deutsche Burschenschaft nach 200 Jahren des Kampfes am Ende ein politisches System akzeptieren, das viele ihrer Grundforderungen nicht erfüllt? Sicher scheint zunächst nur, daß die burschenschaftliche Bewegung ihre revolutionäre Energie von 1817 und den Folgejahren verloren hat – doch welche Bewegung hat das nicht?

Der in Wien-Wieden arbeitende linke »Streetworker« Jerome Trebing – bei Twitter unter dem Denunzianten-Pseudonym @MenschMerz unterwegs – hat die Rolle der rechten Burschenschaften in einem Vortrag in Marburg passend zusammengefaßt. Er stellt fest, daß die »großen Überschneidungen zum deutschnationalen burschenschaftlichen Milieu« einer der personellen Hauptgaranten für den Auf- und Ausbau der Identitären Bewegung und anderer nonkonformer Projekte sind. Und weiter: »Wir können das in Österreich nachzeichnen, daß eigentlich bis auf Patrick Lenart alle führenden Kader aus burschenschaftlichen Strukturen kommen.« Egal wohin man blickt: rechte Publizistik, Mitarbeiter und Parlamentarier der FPÖ oder AfD, Leiter von Bürgerinitiativen oder patriotischen Rechtsanwaltskanzleien – Anzahl und Relevanz jener politisch Aktiven, die aus den Reihen der politisch gefestigten Deutschen Burschenschaft stammen, sind überdurchschnittlich hoch. Rechte Männerbünde wirken also wie ein Nährboden, sind Vorbereiter und Lenker einer geistigen Befreiung und Entwicklung.

Wer sich selbst ehrlich zurückerinnert, wird in vielerlei Hinsicht feststellen können, daß ein ernsthaftes politisches oder publizistisches Engagement ohne die korporative Prägung vermutlich nie mit dieser Sicherheit und diesem Wille betrieben worden wäre. Es ist exakt diese politische Pädagogik, die nationale Männerbünde heute wahrnehmen müssen.
Statt davon zu phantasieren, in den kommenden Jahren wieder zu gesellschaftlicher Relevanz zurückzufinden und aktiv in den politischen Betrieb eingreifen zu können, ist es die zentrale und wichtige Aufgabe des Lebensbunds, junge mutige Männer auszubilden und in andere, wirkungsvollere Strukturen und Positionen zu entlassen. Diese Aufgabe ist keineswegs marginal. Sie ist edel und elementar. Oder, um es mit Karl Ludwig Sand zu sagen: »Es ist Zeit, daß ich die Träumereien lasse, und die Not unseres Vaterlandes drängt mich zum Handeln. Schriften und Reden wirken nicht. Nur die Tat kann noch einen Brand schleudern in die jetzige Schlaffheit.«


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