Sezession
1. August 2017

Das »andere« Amerika – Henry David Thoreau zum 200.

Gastbeitrag

von Wiggo Mann

pdf der Druckfassung aus Sezession 79/august 2017

Es scheint, als hätte Thoreau auch jenseits seines Jubiläums Konjunktur. Sie steht wohl in engem Zusammenhang mit einem Krisenbewußtsein, wie wir es nun schon eine ganze Weile wahrnehmen können. Der Name Thoreau und die Rezeption seiner Werke sind eng verbunden mit der Suche nach einer Alternative, nach möglichen – wenn auch nicht immer wirklichen – Auswegen. Seine Popularität hat insofern mit einer Sehnsucht nach Ratgeberliteratur zu tun.

Wen die Krise des politischen oder des ökonomischen Systems, unseres Regiert-Werdens und unseres Wirtschaftens umtreibt, der nimmt vielleicht seine berühmten Essays »Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat« und »Leben ohne Prinzipien« zur Hand, die er 1848 und  1854   erstmals  einem  Publikum  vortrug:

»Unter einer Regierung, die irgend jemanden unrechtmäßig einsperrt, ist das Gefängnis der angemessene Platz für einen gerechten Menschen.« Wer eine Lebens- oder Bewußtseinskrise verspürt, mag zu Walden oder Leben in den Wäldern (1854) greifen in der Hoffnung, einfacher und intensiver und natürlich bewußter leben zu lernen: »Es ist notwendig, zu einer gewissen Zeit ein ursprüngliches Leben geführt zu haben, zu wissen, was letzten Endes die Lebensnotwendigkeiten sind.« (Mittlerweile gibt es ein Outdoor-Magazin, das sich Walden – Abenteuer vor der Haustür nennt.)

Es war natürlich von diesen berühmten, wirkmächtigen Texten die Rede in  den  vielen Artikeln, die Thoreau, geboren am 12. Juli 1817 in Concord, in den letzten Wochen in den Feuilletons anläßlich  seines  Jubiläums  würdigten. Das hat viel damit zu tun, daß sich im 20.Jahrhundert wichtige politisch-gesellschaftliche Strömungen auf Thoreaus Texte bezogen und Thoreau selbst eben nicht nur als Theoretiker und Autor erscheint, sondern als jemand, der die Alternative wagte und Konsequenzen für seine Überzeugungen in Kauf nahm.

Was man heute als PR-Coup inszenieren würde, geschah damals wohl still: Am 4. Juli 1845 bezieht Thoreau am Nordufer des Walden Pond unweit seiner Heimatstadt eine selbst- gebaute Hütte »allein im Walde und verdiente meinen Lebensunterhalt  einzig  mit  meiner Hände Arbeit. Dort lebte ich zwei Jahre und zwei Monate lang«. Das Grundstück hat ihm sein Freund und Mentor Ralph Waldo Emerson zur Verfügung gestellt unter der Auflage, Thoreau solle ein Stück Land urbar machen und einen Gemüsegarten, vor allem mit Bohnen, anlegen.

Und in diese zwei Jahre als Teilzeitaussteiger und -eremit (denn Thoreau empfängt häufig Besuch und hält Kontakt zu Nachbarn und Freunden) fällt auch seine Weigerung, die Kopfsteuer zu entrichten – aus Protest gegen die Expansionspolitik der Vereinigten Staaten auf mexikanischem Gebiet und gegen die noch immer geduldete Sklaverei. Im Zuge dessen kommt es zur Inhaftierung Thoreaus: Der zuständige Beamte, Constable Sam Staples, ist  ein  Freund des Steuerverweigerers und bietet ihm an, die Summe auszulegen, doch Thoreau lehnt ab – er könne die Steuer zahlen, wolle aber nicht. Daß er nach einer Nacht wieder das Gefängnis verlassen darf, ist wohl Thoreaus Tante zu verdanken, die schließlich das Geld hinterlegt.

Diese Episode stellt  die  Grundlage  dar für »Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat«, einen Text, auf den sich auch Mahatma Gandhi, die amerikanische Bürgerrechts- und die spätere Anti-Vietnamkrieg-Bewegung ebenso bezogen wie Teile der Hippies und der Naturschutzbewegung auf Walden. Allerdings können diese Texte nicht nur in einem progressiven Sinne gelesen werden. Vielmehr – und das macht die Virulenz Thoreaus aus – bieten sie unter veränderten Vorzeichen auch für Rechte und Konservative  viele  Anknüpfungspunkte, was die Reaktion des einzelnen auf die Zumutungen von Staat und sogenannter Zivilgesellschaft betrifft.


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