Sezession
1. Oktober 2017

Annäherung an den Scheinriesen

Götz Kubitschek

Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

Herr Tur Tur ist eine Figur aus Michael Endes Büchern um Jim Knopf und Lukas, den Lokomotivführer. Herr Tur Tur lebt einsam in einer Wüste, er hat sich dorthin zurückgezogen, denn die Menschen erschrecken, wenn sie ihn sehen. Das hat nichts mit seinem Charakter zu tun: Herr Tur Tur ist ein friedlicher, empathischer, einfühlsamer Mann, wenn man ihn kennenlernt. Niemals würde er einem Geschöpf etwas zuleide tun.

Aber er ist ein Scheinriese, und das bedeutet: Aus der Ferne wirkt er wie ein Riese, und nur sehr selten überwindet jemand seine Angst, nähert sich ihm – und stellt fest, daß dieser Scheinriese ein ganz normaler Mensch ist, wenn man neben ihm steht und mit ihm spricht. Über seine selbstgewählte Einsamkeit ist Herr Tur Tur recht traurig, denn eigentlich ist er ein geselliger Kerl, einer, der nützlich sein möchte für die Gesellschaft. Vielleicht (mag sich Michael Ende gedacht haben) würde alles anders, wenn einmal jemand die Geschichte Tur Turs aufschriebe und sie denen zu lesen gäbe, die sich vom Schein trügen (und das heißt: abschrecken) lassen.

Es gibt mindestens ein Dutzend Bücher, die sich mit uns und unserem Milieu beschäftigen – manche Autoren nähern sich nur schriftlich an, manche mit vorgefaßter Meinung, andere suchen uns tatsächlich auf, suchen das Gespräch, um vielleicht etwas von jenen Theorien und den vielen Begriffssetzungen und Bildern zu finden, mit denen ausgerüstet nun auch im Bundestag »Politik für das Volk« gemacht werden soll. Ellen Kositza hat diese Literatur und ihre Autoren in einem Text einmal grob unterteilt:

Ѽ Es gibt die, die nichts wissen, nichts gelesen haben und dennoch laut plärren; Heiko Maas (Aufstehen statt wegducken. Eine Strategie gegen Rechts, 2017), Ralf Stegner (mit einem Aufsatz im Sammelband AfD – bekämpfen oder ignorieren vertreten, 2016) und Konsorten. Dergleichen ist nicht der Rede wert.

Ѽ Dann haben wir die, die sehr wenig lesen, Fundstücke aus dem Internet zusammensammeln und daraus ein Alarmtütchen basteln, das vor allem auf den Autor selbst aufmerksam machen soll. Liane Bednarz wäre so ein Fall (Gefährliche Bürger, 2015). Sie existiert als Publizistin so, wie ein Groupie existiert, das seinem Star hinterhersteigt.

Ѽ Es gibt des weiteren solche, die in einen Austausch treten und aufmerksam zuhören. Sie tun dies, um daraus eine Agenda zu stricken, die in einem einzigen Satz sich bündelt und dann als Essenz auf allen Kanälen, vor allem denen der Öffentlich-Rechtlichen, vorgetragen wird: »Diese Rechten haben einfache Antworten auf komplexe Fragen.« Prominenter Vertreter: der Soziologe Armin Nassehi (Die letzte Stunde der Wahrheit. Warum rechts und links keine Alternativen mehr sind, 2015).

Ѽ Es folgen diejenigen, die viel lesen, wenig fragen, ihr Weltbildchen schon fertig zusammengezimmert haben und sich schreibend nur noch um ein paar furchterregende Adjektive bemühen müssen: Andreas Speits Bürgerliche Scharfmacher (2016) ist nachweislich ein Verkaufsflop. Indes: Vor allem dem Scharfmacher Speit, das sei er- innert, haben wir den Bestsellerstatus von Rolf Peter  Sieferles  Finis Germania zu verdanken. Leute wie er treten zuverlässig auf jede Mine, die man auslegt.

Ѽ Kommen wir zu denen, die nichts fragen und keinen Kontakt suchen (also auch nicht zuhören möchten), aber dies und das lesen, vielleicht sogar viel lesen, aber eben mit der Kantenschere in der Hand: Es dominiert die denunziatorische Absicht, weil man die »Gefahr« der Auseinandersetzung wittert. Der stramm linke Publizist Volker Weiß (Die autoritäre Revolte, 2017) ging auf diese Weise vor. Er wird von diesem Buch noch lange zehren müssen, er ist sich selbst in die Falle gegangen.


Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

Kommentare (0)

Anmelden Registrieren