Annäherung an den Scheinriesen

Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

Herr Tur Tur ist eine Figur aus Micha­el Endes Büchern um Jim Knopf und Lukas, den Loko­mo­tiv­füh­rer. Herr Tur Tur lebt ein­sam in einer Wüs­te, er hat sich dort­hin zurück­ge­zo­gen, denn die Men­schen erschre­cken, wenn sie ihn sehen. Das hat nichts mit sei­nem Cha­rak­ter zu tun: Herr Tur Tur ist ein fried­li­cher, empa­thi­scher, ein­fühl­sa­mer Mann, wenn man ihn ken­nen­lernt. Nie­mals wür­de er einem Geschöpf etwas zulei­de tun.

Aber er ist ein Schein­rie­se, und das bedeu­tet: Aus der Fer­ne wirkt er wie ein Rie­se, und nur sehr sel­ten über­win­det jemand sei­ne Angst, nähert sich ihm – und stellt fest, daß die­ser Schein­rie­se ein ganz nor­ma­ler Mensch ist, wenn man neben ihm steht und mit ihm spricht. Über sei­ne selbst­ge­wähl­te Ein­sam­keit ist Herr Tur Tur recht trau­rig, denn eigent­lich ist er ein gesel­li­ger Kerl, einer, der nütz­lich sein möch­te für die Gesell­schaft. Viel­leicht (mag sich Micha­el Ende gedacht haben) wür­de alles anders, wenn ein­mal jemand die Geschich­te Tur Turs auf­schrie­be und sie denen zu lesen gäbe, die sich vom Schein trü­gen (und das heißt: abschre­cken) lassen.

Es gibt min­des­tens ein Dut­zend Bücher, die sich mit uns und unse­rem Milieu beschäf­ti­gen – man­che Autoren nähern sich nur schrift­lich an, man­che mit vor­ge­faß­ter Mei­nung, ande­re suchen uns tat­säch­lich auf, suchen das Gespräch, um viel­leicht etwas von jenen Theo­rien und den vie­len Begriffs­set­zun­gen und Bil­dern zu fin­den, mit denen aus­ge­rüs­tet nun auch im Bun­des­tag »Poli­tik für das Volk« gemacht wer­den soll. Ellen Kositza hat die­se Lite­ra­tur und ihre Autoren in einem Text ein­mal grob unterteilt:

Ѽ Es gibt die, die nichts wis­sen, nichts gele­sen haben und den­noch laut plär­ren; Hei­ko Maas (Auf­ste­hen statt weg­du­cken. Eine Stra­te­gie gegen Rechts, 2017), Ralf Steg­ner (mit einem Auf­satz im Sam­mel­band AfD – bekämp­fen oder igno­rie­ren ver­tre­ten, 2016) und Kon­sor­ten. Der­glei­chen ist nicht der Rede wert.

Ѽ Dann haben wir die, die sehr wenig lesen, Fund­stü­cke aus dem Inter­net zusam­men­sam­meln und dar­aus ein Alarm­tüt­chen bas­teln, das vor allem auf den Autor selbst auf­merk­sam machen soll. Lia­ne Bed­narz wäre so ein Fall (Gefähr­li­che Bür­ger, 2015). Sie exis­tiert als Publi­zis­tin so, wie ein Grou­pie exis­tiert, das sei­nem Star hinterhersteigt.

Ѽ Es gibt des wei­te­ren sol­che, die in einen Aus­tausch tre­ten und auf­merk­sam zuhö­ren. Sie tun dies, um dar­aus eine Agen­da zu stri­cken, die in einem ein­zi­gen Satz sich bün­delt und dann als Essenz auf allen Kanä­len, vor allem denen der Öffent­lich-Recht­li­chen, vor­ge­tra­gen wird: »Die­se Rech­ten haben ein­fa­che Ant­wor­ten auf kom­ple­xe Fra­gen.« Pro­mi­nen­ter Ver­tre­ter: der Sozio­lo­ge Armin Nas­sehi (Die letz­te Stun­de der Wahr­heit. War­um rechts und links kei­ne Alter­na­ti­ven mehr sind, 2015).

Ѽ Es fol­gen die­je­ni­gen, die viel lesen, wenig fra­gen, ihr Welt­bild­chen schon fer­tig zusam­men­ge­zim­mert haben und sich schrei­bend nur noch um ein paar furcht­erre­gen­de Adjek­ti­ve bemü­hen müs­sen: Andre­as Speits Bür­ger­li­che Scharf­ma­cher (2016) ist nach­weis­lich ein Ver­kaufs­flop. Indes: Vor allem dem Scharf­ma­cher Speit, das sei er- innert, haben wir den Best­sel­ler­sta­tus von Rolf Peter  Sie­fer­les  Finis Ger­ma­nia zu ver­dan­ken. Leu­te wie er tre­ten zuver­läs­sig auf jede Mine, die man auslegt.

Ѽ Kom­men wir zu denen, die nichts fra­gen und kei­nen Kon­takt suchen (also auch nicht zuhö­ren möch­ten), aber dies und das lesen, viel­leicht sogar viel lesen, aber eben mit der Kan­ten­sche­re in der Hand: Es domi­niert die denun­zia­to­ri­sche Absicht, weil man die »Gefahr« der Aus­ein­an­der­set­zung wit­tert. Der stramm lin­ke Publi­zist Vol­ker Weiß (Die auto­ri­tä­re Revol­te, 2017) ging auf die­se Wei­se vor. Er wird von die­sem Buch noch lan­ge zeh­ren müs­sen, er ist sich selbst in die Fal­le gegangen.

All das sind kei­ne »Annä­he­rungs­bü­cher« (wie wir die inter­es­san­te­ren Ver­su­che bezeich­nen), son­dern Distanz­be­schrei­bun­gen, die das Schein­ba­re ent­we­der bereits zu ken­nen glau­ben und ihren Glau­ben wort­reich unter­füt­tern wol­len – oder aber um den Schein wis­sen und ihn sehr bewußt als das Wirk­li­che ver­kau­fen und noch auf­bau­schen, weil nur ein sol­cher Popanz Inter­es­sier­te davon abhal­ten könn­te, sel­ber ein­mal nach­zu­schau­en. Lia­ne Bed­narz wäre dem­nach der zwang­haf­te, Speit der unge­schick­te, Weiß der wis­sen­schaft­lich ange­hauch­te und Maas der abge­ho­be­ne Ver­such, mit Fern­waf­fen das Ziel, uns, zu tref­fen. Weit gefehlt!

Zu den Annä­he­rungs­bü­chern also, aber vor­ab noch eine Bemer­kung: Die Leser sind wei­ter als die Publi­zis­ten. Sie sind ent­de­ckungs­freu­dig, wohl auch geis­tig unter­ernährt, denn der Main­stream hat sei­ne Lie­fe­run­gen ratio­niert und ver­kauft abge­nag­te Kno­chen. Der Sie­fer­le-Skan­dal (des­sen Aus­maß im Son­der­heft »Sie­fer­le lesen« unse­rer Zeit­schrift doku­men­tiert ist) hat unse­rem Ver­lag Zehn­tau­sen­de neu­er Leser beschert, kei­ne Sen­sa­ti­ons­le­ser, son­dern sol­che, die bedäch­ti­ger sind und gründ­li­cher dar­über nach­den­ken, war­um sie an Man­gel­er­schei­nun­gen lei­den, wenn sie die FAZ, den Spie­gel, ein Buch von Caro­lin Emcke oder von Navid Ker­ma­ni verdauen.

Wir ler­nen Leser ken­nen, die ein­mal kom­plett die Spei­se­kar­te hoch und wie­der run­ter bestel­len, die Emp­feh­lun­gen erwar­ten und sich nach zwei Wochen mit prä­zi­sen Fra­gen zu einer erwei­tern­den Lek­tü­re auf die­sem oder jenem Feld zurück­mel­den. Das dür­fen, müs­sen dicke Bücher sein, har­te Bret­ter, nicht das schma­le Ver­nut­zungs­wis­sen oder die Art Bestä­ti­gungs­li­te­ra­tur, deren Quint­essenz auf ein Flug­blatt paßt. Wir ver­mu­ten hal­be Heer­scha­ren von Lesern, die einen ande­ren (unse­ren!) geis­ti­gen Kon­ti­nent erkun­den wür­den, wüß­ten sie denn, daß es ihn gibt.

Und in jeder Ober­stu­fen­klas­se, in jedem Ger­ma­nis­tik­se­mi­nar und in jeder Kom­pa­nie wären min­des­tens fünf jun­ge Leu­te auf­zu­fin­den, die sofort begrif­fen, wonach sie such­ten, gin­gen sie einen Schritt wei­ter, bloß einen Schritt. Der Zugang ist immer noch recht geschickt ver­stellt. Der Schein­rie­se, der Schein­rie­se, und das ist das Beklem­men­de: Die Leser sind wei­ter als die Publi­zis­ten, aber lei­der auch abhän­gig von ihnen, weil immer noch als In- stanz gilt, wer den Zugang zu den Sen­de­zei­ten und Feuil­le­ton­spal­ten hat.

Annä­he­rungs­buch I: »Mein Kon­ser­va­tis­mus behaup­tet, dass es nicht nur sinn­voll, son­dern auch not­wen­dig ist, zwi­schen dem Eige­nen und dem Frem­den zu unter­schei­den«, schreibt da einer, und: »Ich bin ent­schie­den gegen­warts­kri­tisch, in vie­ler Hin­sicht moder­ni­sie­rungs­kri­tisch, und ich bin davon über­zeugt, dass sich das jeweils Neue gegen das Erprob­te zu recht­fer­ti­gen hat, und nicht, wie es der­zeit der Fall ist, umgekehrt.«

Es ist der ehe­ma­li­ge Feuil­le­ton­chef der Zeit, Ulrich Grei­ner, Jahr­gang 1945, der das schreibt. Hei­mat­los. Bekennt­nis­se eines Kon­ser­va­ti­ven heißt sein Buch, und wäre es nicht vor ein paar Mona­ten, son­dern vor zehn Jah­ren erschie­nen (als Grei­ner noch nicht in Ren­te war, son­dern im Herz­blatt der links­li­be­ra­len BRD Ver­ant­wor­tung trug), wür­den wir ihn begrü­ßen und für sei­ne spä­te, aber wert­vol­le Ein­sicht loben. Aber zwei Aspek­te hin­dern uns daran.

Zum einen eben die­ses viel zu Spä­te, das so sehr nach einem Rie­cher für eine nahe Ten­denz­wen­de gen rechts riecht. Was vor zehn Jah­ren noch ein kras­ser Schritt war (sei­nen Kol­le­gen öffent­lich zu zei­gen, daß man ab sofort gegen die Strö­mung zu schwim­men geden­ke), ist heu­te noch nicht ganz, aber bei­na­he schon avant­gar­dis­tisch, min­des­tens aber schon inter­es­san­ter als die hilf­lo­se Ver­wen­dung des Gesin­nungs­be­stecks von gestern.

Zum andern: »Der Kon­ser­va­tis­mus, der mir vor­schwebt, ist kein poli­ti­sches Pro­gramm, und schon gar nicht folgt er Armin Moh­lers ›kon­ser­va­ti­ver Revo­lu­ti­on‹.« Und wei­ter, über PEGIDA: »Die Medi­en haben die teil­wei­se bösen Exzes­se, die dort sicht- und hör­bar wur­den, in den Vor­der­grund gestellt, ohne gebüh­rend dar­auf auf­merk­sam zu machen, dass kei­nes­wegs alle, die sich vor­nehm­lich in Dres­den ver­sam­mel­ten, rechts- radi­kal waren.«

Es ist die­ser sor­tie­ren­de, abtren­nen­de, über­blick­an­ma­ßen­de Ton eines Dazu­sto­ßen­den, der uns nicht gefal­len kann, und mehr: der die bis zum Erbre­chen mit Vor­schuß­ver­nunft aus­ge­stat­te­ten »Gemä­ßig­ten« ver­stärkt, die Wohl­fühl- und Wohl­stands­kon­ser­va­ti­ven über 60, die Fein- und Wein­schme­cker, deren Agen­da erfüllt ist, wo man sie in ihrer kon­ser­va­ti­ven Home­zo­ne in Frie­den läßt. Die Annä­he­rung der abge­si­cher­ten Besitz­stands­wah­rer: ein neu­es Genre.

Annä­he­rungs­buch II: Der Grün­de, sich uns anzu­nä­hern, gibt es vie­le, und signi­fi­kant für die­se frü­he Pha­se der Kon­takt­auf­nah­me ist das Bemü­hen der Besu­cher, den Ein­druck ent­lang der eige­nen Kate­go­rien zu ver­ar­bei­ten. Grei­ner stieß mit sei­ner Expe­di­ti­on nicht beson­ders weit vor, und er berich­tet nun, daß es sich auch gar nicht loh­ne, mehr als beschwich­ti­gungs­kon­ser­va­ti­ves Neu­land zu betre­ten. Sein Buch ist also zugleich ein Annäh­rungs­buch und eine Grenz­zie­hung. Mit uns reden will er nicht.

Mit Rech­ten reden. Ein Leit­fa­den lau­tet hin­ge­gen der Titel eines Buches, das gera­de bei Klett-Cot­ta erschie­nen ist (neben den Büchern Ernst Jün­gers also). Die Autoren Per Leo, Maxi­mi­li­an Stein­beis und Dani­el-Pas­cal Zorn haben sich da etwas Selt­sa­mes vor­ge­nom­men. Sie reden nicht mit uns, son­dern mit unse­ren Büchern, vor allem mit unse­rem Gesprächs­band Tris­tesse Droi­te, der in zwei Auf­la­gen erschien und Kult­sta­tus errang.

Man kann also nicht recht behaup­ten, daß in die­sem neu­es­ten unter den Annäh­rungs­bü­chern bloß über uns gere­det wür­de – es ist eher ein Zu-uns-Spre­chen, eine Art Mono­log von drei­en, die auf ihrem Vor­stoß ins Herz der Fins­ter­nis Din­ge erlebt und Erfah­run­gen gemacht haben, mit denen sie nun fer­tig­wer­den müs­sen. Daß Mit Rech­ten reden an uns gerich­tet ist, bele­gen nicht nur die Häu­fig­keit unse­rer Namens­nen­nun­gen und die wech­seln­den Anre­den, unter denen »ver­ehr­te Fein­de« eines gewis­sen Spa­gat­char­mes nicht ent­behrt: Das Buch ist der­art voll­ge­stopft mit Anspie­lun­gen selbst auf ent­le­ge­ne Tex­te und atmo­sphä­ri­sche Schnip­sel aus unse­rem Kos­mos, daß wohl nur wir selbst in der Lage sind, das alles zu entschlüsseln.

Mit Rech­ten reden ist kei­ne wis­sen­schaft­li­che Arbeit, son­dern Lite­ra­tur. Es gibt da einen »rech­ten Infor­man­ten«, der im Kon­go war und am 30. Juni 2017 an Mala­ria ver­stirbt. Die Gesprä­che am Ster­be­bett sind eine Art poli­ti­scher Beich­te, Erzäh­lun­gen sur­rea­ler Träu­me, in denen wir (»Nur die Rech­ten müs­sen die Här­te des Geset­zes fürch­ten«) kari­kiert auf­tre­ten und in aller Unschär­fe und Absur­di­tät den­noch auf eine Art »getrof­fen« wer­den, wie das nur lite­ra­ri­sches Schrei­ben ver­mag. Daß zumal Per Leo ein guter Sti­list sei, hat Ellen Kositza in der Bespre­chung sei­nes Romans Flut und Boden bereits ver­merkt und ihn dar­über hin­aus für die Viel­schich­tig­keit und Ehr­lich­keit sei­ner his­to­ri­schen Iden­ti­täts­fin­dung gelobt. Etwas von bei­dem ist auch in Mit Rech­ten reden vor­han­den, es mag an Leos Anteil liegen.

Die­ses Buch gibt uns eini­ges zum Grü­beln auf, denn es stellt die Fra­ge, wohin wir mit unse­rer gro­ßen Erzäh­lung, unse­rem Habi­tus, unse­rem Ansatz wol­len. Leo und sei­ne Mit­au­toren mei­nen, unse­re Ant­wort auf unse­re Fra­ge gefun­den zu haben, und das meint: auf eine Fra­ge, die nur wir uns so stel­len. Sie lau­tet, war­um das, was wir erkannt zu haben glau­ben und zu unse­rer Lebens­auf­ga­be mach­ten, von so weni­gen geteilt wür­de: »Die Rech­ten sind die Min­der­heit, die sich selbst Deutsch­land nennt. Und dar­an wol­len sie um jeden Preis lei­den.« Unser Mythos sei der vom »ewi­gen, uner­lös­ten Opfer«, und dar­um kön­ne, »wer nicht mit ihnen lei­det, nur gegen sie sein. Aggres­si­ve Jam­mer­lap­pen sind sie. Weh­lei­di­ge Arsch­lö­cher. Uner­lös­te, tat­be­rei­te Opfer.«

Das ist star­ker Tobak, das ist ein Fron­tal­an­griff, und zwar ein sau­ber aus­ge­ar­bei­te­ter (was an den paar Zitatschnip­seln von eben nicht deut­lich wird, aber wäh­rend der Lek­tü­re des voll­stän­di­gen ent­schei­den­den Kapi­tels schon). Wir mei­nen aber, daß die­ser Angriff ins Lee­re stößt. Wir sind schon wei­ter, waren viel­leicht mal dort, wo die Leo-Stein­beis-Zorn-Gra­na­ten nun ein­schla­gen, aber nur, weil die Opfer­rol­le eine mög­li­che Ver­hal­tens­leh­re war (und tat­säch­lich sind ein paar von uns in die­ser Rol­le auf­ge­gan­gen). Nein, wir sind längst weiter.

Wor­an man das sieht? Auf der Buch­mes­se zum Bei­spiel betrei­ben wir einen recht teu­ren Stand in die­sem Jahr, und weil das nicht unkom­men­tiert blei­ben kann, hat die Buch­mes­sen­lei­tung einen Aus­stel­ler schräg gegen­über davon über­zeugt, sei­nen Stand an die Ama­deu Anto­nio Stif­tung abzu­tre­ten, um uns zu »kon­fron­tie­ren«. Die­se Stif­tung, die noch nicht ein­mal ein Ver­lag ist (geschwei­ge denn, daß sie ver­le­ge­ri­schen Kal­ku­la­tio­nen fol­gen müß­te), soll den Stand geschenkt bekom­men haben. Es wäre also genü­gend Mate­ri­al bei­sam­men für eine szenein­ter­ne Opfer- und Trä­nen­drü­sen-Kam­pa­gne, aber so sind wir eben nicht.

Statt­des­sen ver­mu­ten wir: Es wird in Hal­le 3.1, Gang G, einen ziem­lich pein­li­chen Stand geben, an dem fünf lan­ge Mes­se­ta­ge lang kei­ne rech­te Freu­de auf­kom­men dürf­te. Unser Stand wird das nicht sein.

Wir wis­sen, daß mit die­sen Anmer­kun­gen das bis­her lite­ra­rischs­te Annäh­rungs­buch nicht aus­rei­chend gewür­digt ist. Vor allem über Rudolf Bor­chardts Fra­ge nach »dem Deut­schen« wäre zu spre­chen, aber nicht jetzt und hier. Des­we­gen: Wer uns so intim zu ken­nen meint, mag sich jenen Wap­pen­spruch zu eigen machen, der von den Pur­pur­rei­tern auf uns kam und des­sen Ver­wen­dung unser Pri­vi­leg nicht ist: meyn geduld hat ursach!

 Annä­he­rungs­buch III: Kom­men wir zu Tho­mas Wag­ner, die­sem Publi­zis­ten aus dem Umfeld der Jun­gen Welt, der sich selbst als links ver­steht, un- glaub­lich viel gele­sen und für sein Buch Die Angst­ma­cher. 1968 und die Neu­en Rech­ten mit sehr vie­len Leu­ten gespro­chen hat. Mar­tin Sell­ner, Frank Böckel­mann, Bene­dikt Kai­ser, Alain de Benoist, Hen­ning Eich­berg und uns. Alle hat er auf­ge­sucht, gut vor­be­rei­tet und mit Fra­gen ent­lang einer Sor­ge, die ihn umtreibt und die er sich auch mit sei­nem Buch nicht neh­men konn­te: Ver­liert die Lin­ke nicht nur Ter­rain, son­dern gleich gan­ze The­men­fel­der an eine Neue Rech­te, die mit den Metho­den der 68er tief ins Fleisch jener neo­li­be­ra­len Beu­te ein­schnei­det, die man Dis­kur­s­ho­heit nennt?

Wag­ners Buch ist das bis­her lehr­reichs­te, auch für uns. Wir sau­gen Nek­tar dar­aus, unser Biblio­theks­ex­em­plar ist vol­ler Anstrei­chun­gen, und bis in kon­zep­tio­nel­le Gesprä­che hin­ein ver­wen­den wir es als Stein­bruch. Viel­leicht muß immer einer von außen kom­men und das ihm Frem­de ord­nen, damit man selbst das längst Selbst­ver­ständ­li­che in ande­rer Struk­tur noch ein­mal neu ken­nen­lernt – und dar­über begreift, wo man nicht wei­ter­bau­te, obwohl es sich gera­de dort loh­nen könnte.

Wag­ner hat begrif­fen, daß wir der­zeit jede Schlacht gewin­nen, und daß ein hilf­lo­ses Estab­lish­ment ver­sucht, die Aus­ein­an­der­set­zun­gen von heu­te mit den Keu­len von ges­tern zu ent­schei­den: mit Unter­stel­lun­gen, Ver­leum­dun­gen, Dif­fa­mie­run­gen, mit Dis­kurs­ver­wei­ge­rung oder eben damit, daß ein kraft­strot­zen­der Ver­lag auf der Buch­mes­se mit einer Denun­zia­ti­ons- und Selbst­be­die­nungs­stif­tung kon­fron­tiert wird. Der Begriff der »offe­nen Gesell­schaft« ist dadurch zu einem Syn­onym für »Abschlie­ßung« gewor­den – und, möch­te man ergän­zen, zu einem für »irrele­van­te Pro­jek­te«. Die Neue Rech­te und ihr poli­ti­scher Arm hin­ge­gen ken­nen die gefähr­li­che Satt­heit nahe der Irrele­vanz noch längst nicht. Sie sind eine intel­li­gen­te Her­aus­for­de­rung, und sie haben begon­nen, im lin­ken Revier zu wildern.

»Was nun?« möch­te man in die Annä­he­rungs­grä­ben rufen. Skyl­la oder Cha­ryb­dis? Den Schein­rie­sen her­aus­stel­len, weil man nicht möch­te, daß die Angst vor ihm schwin­det? Oder ihm nahe kom­men, zu nahe tre­ten, ihn ent­zau­bern dadurch, zu dem Preis, daß noch viel mehr Leser, Leu­te, Wäh­ler bemer­ken, was für ein net­ter Kerl in die­sem Neu­land wohnt? Die­ser Weg – wird kein leich­ter sein.

Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

Nichts schreibt sich
von allein!

Das Blog der Zeitschrift Sezession ist die wichtigste rechtsintellektuelle Stimme im Netz. Es lebt vom Fleiß, von der Lesewut und von der Sprachkraft seiner Autoren. Wenn Sie diesen Federn Zeit und Ruhe verschaffen möchten, können Sie das mit einem Betrag Ihrer Wahl tun.

Verein für Staatspolitik e.V.
DE86 5185 0079 0027 1669 62
HELADEF1FRI

Kommentare (0)