Sezession
1. Oktober 2017

Autorenporträt Alexis de Tocqueville

Michael Wiesberg

Michael Wiesberg

Michael Wiesberg ist Lektor und freier Publizist.

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Kein Geringerer als der Philosoph Wilhelm Dilthey, der »Vater der Hermeneutik«, urteilte über das Werk von Alexis Comte de Tocqueville, daß er der »Analytiker unter den geschichtlichen Forschern seiner Zeit« sei, »und zwar unter allen Analytikern der politischen Welt der größte seit Aristoteles und Machiavelli«. Es war vor allem eine Arbeit, die Tocqueville bis heute zu einem Begriff macht, nämlich sein in den Jahren 1835 und 1840 in zwei Teilen veröffentlichtes Werk Über die Demokratie in Amerika, das bald auch aus dem Französischen in alle wichtigen europäischen Sprachen übersetzt wurde.

Diese kritische Auseinandersetzung mit der Demokratie, deren Siegeszug er als unumkehrbar ansah, gehört heute zu den Klassikern der modernen Soziologie. Arnold Gehlen und David Riesman etwa erblickten in dem Amerika-Buch Tocquevilles die erste fundierte Analyse der egalitären Massendemokratie. Diese könne  zu einem totalitären System entarten, zu einem »Despotismus neuer Art«, dessen Konturen in Anknüpfung an Tocqueville unter anderem der Historiker Jacob Talmon in seinen Arbeiten über die »totalitäre Demokratie« ausbuchstabiert hat.

Als Tocqueville seine subtilen Betrachtungen zu Papier brachte, herrschte der »Bürgerkönig« Louis-Philippe I., der nach der Julirevolution des Jahres 1830 auf den gestürzten letzten Bourbonen Karl X. folgte. Der studierte Jurist Tocqueville, der der Petite noblesse, dem Landadel der Normandie, entstammte, war in dieser Zeit Untersuchungsrichter am Gericht von Versailles. Ende der 1820er Jahre hatte er vom französischen Justizministerium den Auftrag erhalten, das Rechtssystem und die Reformen im Strafvollzug in den Vereinigten Staaten von Amerika zu untersuchen.

Er trat die Reise nach Amerika, die von Mai 1831 bis Ende Februar 1832 dauern sollte, in Begleitung seines Freundes Gustave de Beaumont an, in dieser Zeit Prokurator des Königs am erstinstanzlichen Gericht in Versailles. Tocqueville und Beaumont hatten ihre »gefängniskundliche Amerikareise«, so der Politikwissenschaftler Matthias Bohlender, professionell vorbereitet und führten in den USA ihre Forschungsarbeit zum Beispiel anhand eines vorher erarbeiteten Fragerasters und mit der neuesten Interviewtechnik akribisch durch. Sie rezipierten Statistiken, Berichte und Re- gister, die ihnen zur Verfügung gestellt wurden. Ihr gemeinsames, Anfang 1833 veröffentlichtes Gutachten über das amerikanische Gefängniswesen wurde mit dem Prix Montyon der Académie française ausgezeichnet.

Dieses professionelle Vorgehen verdient deshalb eine etwas nähere Betrachtung, weil es auch Rückschlüsse auf ihre Urteilsfähigkeit im Hin- blick auf die damals noch junge amerikanische Demokratie zuläßt, der ihr Privatinteresse galt. Er habe dort, so Tocqueville, ein Bild der reinen Demokratie gesucht: »Ich wollte sie kennenlernen, und sei es nur, um we- nigstens zu erfahren, was wir von ihr zu erhoffen oder zu befürchten haben«. Beaumont und Tocqueville hatten die Ära der Präsidentschaft Andrew Jacksons (Stichwort: Jacksonian democracy) vor Augen, in der Handel und Industrie boomten und die USA am Beginn einer ausgreifenden Phase der Expansion standen, die die Grenze (Frontier) nicht nur geographisch, sondern auch industriell und demokratisch immer weiter verschob.

Jacksons Präsidentschaft wurde eher zwiespältig beurteilt, der Politiker als politischer Taschenspieler, aber auch als bürgernaher Politiker charakterisiert, in den insbesondere die »kleinen Leute« Vertrauen setzten.


Michael Wiesberg

Michael Wiesberg ist Lektor und freier Publizist.

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