Kritik der parlamentarischen Vernunft

 Gastbeitrag

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Das par­tei­po­li­ti­sche Rhizom

Par­tei­en gera­ten durch das, was sie tun, in die Kri­tik, zuerst natür­lich in die Kri­tik ande­rer Par­tei­en. Das ist die pole­mi­sche Kom­mu­ni­ka­ti­ons­form des Par­la­men­ta­ris­mus. Wo immer man sich zum Par­la­men­ta­ris­mus ent­schließt, sind Par­tei­en des­sen natür­li­che Ele­men­te. Sie erzeu­gen mit­ein­an­der einen Betrieb, den man Poli­tik nennt. Das ist inzwi­schen die nahe­zu natur­för­mi­ge Struk­tur des Poli­ti­schen in moder­nen Gesellschaften.

In ihnen gibt es (zumal in Deutsch­land) fast kei­nen Bereich mehr, der vom Rhi­zom des Par­tei-Poli­ti­schen unbe­rührt bliebe.
Die zwei Grund­er­for­der­nis­se für das Leben in der Polis, Selbst­er­hal­tung und Frei­heit, zu garan­tie­ren, sol­len also aus der Kom­mu­ni­ka­ti­on von Par­tei­en, ihrem »Par­la­men­tie­ren«, ent­sprin­gen. Gera­de heu­te wach­sen vie­le zunächst empi­ri­sche Zwei­fel, ob wirk­lich mit der poli­ti­schen Form »Par­tei« Frei­hei­ten noch rechts­för­mig zu gewähr­leis­ten seien.
Par­tei­en sind, so bestimmt es das deut­sche Par­tei­en­gesetz, »Ver­ei­ni­gun­gen von Bür­gern, die dau­ernd oder für län­ge­re Zeit für den Bereich des Bun­des oder eines Lan­des auf die poli­ti­sche Wil­lens­bil­dung Ein­fluß neh­men und an der Ver­tre­tung des Vol­kes im Deut­schen Bun­des­tag oder einem Land­tag mit­wir­ken wol­len.« Das grund­le­gen­de Pro­blem, das dabei auf­tritt, ist, daß die »Ver­tre­tung des Volks« und die »Wil­lens­bil­dung« von Par­tei­en ver­mit­telt und von Par­tei­en reprä­sen­tiert wer­den müs­sen. Es müs­sen also Par­tei­en mit allem, was sie defi­niert, dar­auf drin­gen, jeden­falls ide­al­ty­pisch unbe­dingt als Stim­me der Mehr­heit – als Volks­wil­le – wahr­ge­nom­men zu wer­den. Daß »Mehr­hei­ten« durch die Logik von Wah­len immer bloß ima­gi­niert wer­den kön­nen (und zwar immer gegen die schon nume­ri­sche »Mehr­heit« des Sou­ve­räns), scheint der »fau­le Fleck« in der Kon­struk­ti­on der Par­tei­en­de­mo­kra­tie zu sein. – Gegen die­se hoch­re­la­ti­vis­ti­sche Mehr­heits­kon­struk­ti­on haben sich schon in der Früh- zeit des Par­la­men­ta­ris­mus Stim­men bemerk­bar gemacht.

Die the­ti­sche Natur der Parteien

Par­tei­en sind Erzeug­nis­se neu­zeit­li­cher Lebens­pra­xis; sie sind begrün­det wor­den, um das Prin­zip der Volks­sou­ve­rä­ni­tät »bewirt­schaf­ten« zu kön­nen. Das kann man exem­pla­risch beob­ach­ten in der ers­ten euro­päi­schen Revo­lu­ti­ons­pe­ri­ode am Ende des 18. Jahr­hun­derts, als der – neben Adel und Kle­rus – »Drit­te Stand« sich als Reprä­sen­tant des gan­zen Vol­kes ins Gespräch brach­te. Die­se Novi­tät der poli­ti­schen Eman­zi­pa­ti­on in Euro­pa wur­de im Janu­ar 1789 mit der Fra­ge Siey­ès’ ent­facht: »Qu’est-ce que le Tiers-Etat? – Was ist der Drit­te Stand?« Die Ant­wor­ten waren: Was war er bis­her? – Nichts! Was soll­te er sein? – Alles!
Aber die­ser Drit­te Stand war nun selbst orga­ni­sa­to­risch nicht ins­ge­samt die Eine Par­tei, die der Rous­se­au­schen Volon­té géné­ra­le unver­mit­telt Stim­me gege­ben hät­te. Viel­mehr eta­blier­te sich bereits in der neu­en Pari­ser Natio­nal­ver­samm­lung aus dem Drit­ten Stand eine the­tisch-anti­the­ti­sche Zwei­par­tei­en­struk­tur. Das waren (damals) auf der einen Sei­te die Giron­dis­ten und auf der ande­ren die Jako­bi­ner, also die Libe­ra­len und die Ega­li­tä­ren. Das war jene Zwei­tei­lung, die seit­her (grob gesagt) die Rechts-links–Betriebsform des moder­nen Par­la­men­ta­ris­mus begründete.

Par­tei­en-Tran­szen­denz

Aber die Fas­zi­na­ti­on der gan­zen Volon­té géné­ra­le war damit par­tei­en­po­li­tisch längst nicht aus­ge­mes­sen. Neben der Liber­té und der Éga­li­té wur­de jetzt die Denk­form der Fra­ter­ni­té ent­wi­ckelt. Die­ses Erbe trat in der Fol­ge der Kom­mu­nis­mus an. Er ging her­vor aus der Pra­xis des Vier­ten Stands, der sich in der fran­zö­si­schen Revo­lu­ti­on poli­tisch mit den Enragés, den »Wüten­den« des Armen­pries­ters Jac­ques Roux her­aus­bil­de­te und orga­ni­sier­te. Für sie waren Rech­te immer rea­le Rech­te (der Ver­sor­gung), die immer allen for­ma­len Rech­ten (der Mei­nungs- oder Wahl­frei­heit) über­ge­ord­net sein soll­ten. Die Enra­gés woll­ten nicht län­ger mehr eine Par­tei unter ande­ren sein, son­dern eher eine »Bewe­gung«, die sich um kon­kre­te Vor­gän­ge in der Polis zu küm­mern habe.

Die neue poli­ti­sche Theo­rie­form, die die­sem Wil­len Struk­tur, Orga­ni­sa­ti­on und Per­spek­ti­ve ver­lieh, war die der Kom­mu­nis­ti­schen Par­tei. In deren Mani­fest (1848) wur­de das bis­he­ri­ge Par­tei-Nar­ra­tiv ver­las­sen und für das, wofür »Par­tei« fort­an ste­hen soll­te, eine neue Per­spek­ti­ve ent­wor­fen, mit der der Begriff »Par­tei« tran­szen­diert wur­de: »Inter­na­tio­na­le Arbei­ter-Asso­zia­ti­on«, begrün­det 1864 in Lon­don. Spä­ter wür­de man dies die »Par­tei neu­en Typs« nennen.

Was bedeu­tet das? Die Kom­mu­nis­ten sind wie Kata­ly­sa­to­ren die Con­di­tio sine qua non für das sozia­le Reak­ti­ons­ge­sche­hen: Selbst unbe­wegt, brin­gen sie alles in Bewe­gung. Sie wir­ken als das All­ge­mei­ne gegen­über allem Beson­de­ren und Ein­zel­nen am Pro­zeß­ge­sche­hen. Sie reprä­sen­tie­ren nicht das All­ge­mei­ne, son­dern sie sind es, weil sie frei sind von Eigen­prä­gun­gen durch Eigen­tum, Eth­nie oder Kon­fes­si­on. Kom­mu­nis­ten ver­ste­hen sich so selbst als idea­le abs­trak­te »Gesamt­in­di­vi­du­en«.

Die­se neue trans­par­la­men­ta­ri­sche Lebens­form – jen­seits von Par­tei­en – ver­steht sich (wie es am Ende von Abschnitt II im Mani­fest heißt) dann als eine all­ge­mein mensch­li­che Asso­zia­ti­on, wor­in die freie Ent­wick­lung eines jeden die Bedin­gung für die freie Ent­wick­lung aller ist. Hier also ist inner­halb der (poli­ti­schen) Theo­rie des Kom­mu­nis­mus ein Vor­gang zu beob­ach­ten, wie sich ursprüng­lich säku­la­res Begrei­fen poli­tisch-theo­lo­gisch  zu kon­zep­tua­li­sie­ren begin­nen. Hier wird ein neu­er theo­re­ti­scher Zusam­men­hang gestif­tet, des­sen zen­tra­le Meta­pher vom Abster­ben des Staa­tes alle außer­par­la­men­ta­ri­sche Wider­stands­kul­tur ange­regt und geprägt hat – »Was fällt, das soll man auch noch sto­ßen!« (wie Fried­rich Nietz­sches knap­pe For­mel aus dem Zara­thus­tra lau­tet).

Ein­heits­par­tei­en

Damit aber war ein Ver­tre­tungs­be­geh­ren für das All­ge­mei­ne in der Welt, das fort­an der her­kömm­li­che Poli­tik­be­trieb des Par­tei­en­par­la­men­ta­ris­mus eben­so ins Kal­kül zie­hen muß­te wie die War­nung vor die­sem Anspruch. Sie klingt im Dik­tum des Marx-Kri­ti­kers Proud­hon an, wenn er schreibt: »Wer Gott sagt, will betrü­gen«, und wur­de von Carl Schmitt (Der Begriff des Poli­ti­schen) umge­wid­met in: »Wer Mensch­heit sagt, will betrügen.«

Es war dann das Poli­tik- und Par­tei­en­ver­ständ­nis des Libe­ra­lis­mus, der das Zusam­men­spiel von Ein­zel­nem und All­ge­mei­nem in empi­risch- prag­ma­ti­schen All­tags­pro­zes­sen zu orga­ni­sie­ren ver­sprach. Der Glau­be an den Par­la­men­ta­ris­mus, an ein Government by dis­cus­sion, so schreibt Schmitt in Die geis­tes­ge­schicht­li­che Lage des heu­ti­gen Par­la­men­ta­ris­mus, gehö­re in die Gedan­ken­welt des Libe­ra­lis­mus. Das Pro­blem ist, daß im Ver­hält­nis von (Repräsentativ-)Parlamentarismus und (Massen-)Demokratie jener nur eine Teil­men­ge von die­ser ist, also daß sie nicht umfangs­iden­tisch sind. Indi­zi­en für die­sen Sach­ver­halt sind die in der Flos­kel von der »Poli­tik­ver­dros­sen­heit« offen­ba­re Abwen­dung gro­ßer Wäh­ler­schich­ten von der Pro­gram­ma­tik und All­tags­pra­xis eta­blier­ter Par­tei­en sowie eine per­ma­nen­te Wahlabstinenz.

Es zeig­te sich nicht nur in Kri­sen­zei­ten, daß kei­ne Par­tei, auch wenn sie all­ge­mei­nen Wer­ten (bes­ser: Inter­es­sen) ver­pflich­tet zu sein scheint,

die Fähig­keit hat, all die ver­schie­de­nen all­ge­mei­nen Pro­ble­me einer Gesell­schaft ange­mes­sen und opti­mal zu lösen. Das erweist sich anschau­lich beim poli­ti­schen All­tags­ge­schäft im Par­la­men­ta­ris­mus, bei Refor­men. Einem kri­ti­schen Ste­reo­typ zufol­ge schei­tern Refor­men immer. Das scheint zum Begriff »Reform« zu gehö­ren. Dem­zu­fol­ge wäre eine Reform ein bestimm­ter orga­ni­sa­to­ri­scher, meist gesetz­ge­be­ri­scher Hand­lungs­voll­zug inner­halb eines poli­tisch regu­lier­ten Zeit­ab­schnitts (Legis­la­tur­pe­ri­ode), des­sen Resul­tat dann als genau das Defi­zit par­tei­po­li­tisch iden­ti­fi­ziert wird, das aus­zu­glei­chen eine neue Reform nötig macht. Daß Refor­men sozu­sa­gen nach­her nie­mals das erfül­len, was sie zuvor ver­spra­chen, ist ein kon­sti­tu­ti­ver Wider­spruch, der mit den Bedin­gun­gen ihrer Mög­lich­keit zusam­men­hängt: näm­lich daß sie exklu­siv auf dem Han­deln von Par­tei­en gründen.

Der All­tag der Par­tei­en­de­mo­kra­tie zumal in Deutsch­land erzeugt die Ten­denz zur (idea­len) »Gesamt­par­tei«. Was heißt das? Alle par­la­men­ta­ri­schen Mit­spie­ler wei­sen nach einer gewis­sen par­la­men­ta­ri­schen Dau­er (vor­zugs­wei­se in Zei­ten Gro­ßer Koali­tio­nen) immer mehr par­tei­po­li­ti­sche Schnitt­men­gen mit ande­ren auf – ein Umstand, der gele­gent­lich von Puris­ten hämisch und anklä­ge­risch öffent­lich gemacht wird. Daß die­se ver­meint­li­che Macht­kon­zen­tra­ti­on, der Bona­par­tis­mus, wie Fried­rich Engels (an Karl Marx, 13. April 1866) schreibt, die wah­re Reli­gi­on der moder­nen Bour­geoi­sie sei, wur­de seit dem Staats­streich des Lou­is Bona­par­te gegen die Repu­blik 1851 erst­mals über­na­tio­nal deutlich.

Sol­che Kon­zen­tra­tio­nen füh­ren aber nicht etwa zu einer Ver­stär­kung des gemein­sa­men poli­ti­schen Wil­lens, son­dern gera­de umge­kehrt zu stär­ke­rer Par­tei­en­ver­dros­sen­heit beim Sou­ve­rän. Genau­er gesagt: zu stär­ke­rer Parlamentarismusverdrossenheit.

Die­se Ten­denz der prak­tisch-geis­ti­gen Unie­rung von Par­tei­en im Fort­gang des par­la­men­ta­ri­schen All­tags wur­de ana­ly­tisch von unter­schied­li­chen Autoren bemerkt. So hat etwa schon der Poli­to­lo­ge Wal­de­mar Bes­son einen demo­kra­tisch bedenk­li­chen Par­tei­en­syn­kre­tis­mus ver­mu­tet, als er in Enga­gier­te Wis­sen­schaft 1962 schrieb: »Im Grun­de ist die All­par­tei­en­re­gie­rung der geheims­te Wunsch aller Grup­pen. Das gro­ße Herr­schafts­kar­tell, die oppo­si­ti­ons­lo­se Demo­kra­tie, ist eine ver­bor­ge­ne, sel­ten offen zuge­ge­be­ne Ziel­vor­stel­lung der durch­schnitt­li­chen Parteipolitiker.«

Neue Gestalt­bil­dung für die Polis – Antipolitik

Wenn also Par­tei­en sich wie gegen­wär­tig auf All­tags­rou­ti­ne ihrer Selbst­ver­wal­tung oder kor­rup­ti­bler Sozi­al­tech­ni­ken kon­zen­trie­ren (und nur in Wahl­kämp­fen in prä­mor­ta­ler Eupho­rie erwa­chen), dann wer­den für die Zivil­ge­sell­schaft neue Per­spek­ti­ven der Ver­ant­wor­tung in der Polis nötig und denkbar.

Ein Neu­es könn­te dar­in bestehen, die bis­he­ri­ge tie­fe Dis­po­si­ti­on zu ver­än­dern, die immer für Par­tei­en und Par­la­men­te prä­gend war: Reprä­sen­tanz. Wenn das bei­sei­te zu set­zen wäre, dann wür­de das auch den bis­he­ri­gen Begriff des Poli­ti­schen ver­än­dern. Und ein neu­er Begriff dafür hat sich in den letz­ten Jahr­zehn­ten schon her­aus­ge­bil­det: Anti­po­li­tik. Der Anti­po­li­ti­ker sei dann, so hat es der ehe­ma­li­ge Prä­si­dent der Ber­li­ner Aka­de­mie der Küns­te Györ­gy Kon­rád 1985 geschrie­ben, der ech­te Gegen­spie­ler des Poli­ti­kers, der den Bann­kreis staat­li­cher Poli­tik unter der Kon­trol­le der bür­ger­li­chen Gesell­schaft hal­ten will.

Das schein­bar so his­to­risch gewor­de­ne Fes­te des Poli­ti­schen wird über­wun­den, denn: »Die Anti­po­li­tik ist weder Stüt­ze noch Oppo­si­ti­on der Regie­rung, sie ist anders.« Um die­ses Pro­blem der kon­sti­tu­tiv man­gel­haf­ten Teil­ha­be des Sou­ve­räns nicht in reprä­sen­ta­ti­ver Par­tei­rou­ti­ne unter­ge­hen zu las­sen, gab es seit der zwei­ten euro­päi­schen Revo­lu­ti­ons­pe­ri­ode zwi­schen 1905 und 1935 den Denk­ein­satz der Räte (russ. Sowjet). Hier wer­den die drei Aspek­te von Par­tei­en – ihre The­tik, ihre Unie­rung und ihre Tran­szen­denz – sozu­sa­gen syn­the­ti­siert. In die­ser neu­en Gestalt wür­de der Demo­kra­ti­sie­rungs­grad und damit die Mit­wir­kung der Indi­vi­du­en in und für die ver­schie­dens­ten Arbeits­sys­te­me in der Polis maximiert.

Die­se Idee der Räte ent­sprang zunächst aus der uni­ver­sel­len Erfah­rung mit sozia­ler Segre­ga­ti­on in der impe­ria­len und kolo­nia­len Umwelt, aber dann auch aus einem all­täg­li­chen Legi­ti­mi­täts­pro­blem in der poli­ti­schen Kul­tur des Wes­tens. Wenn hier von »all­ge­mei­nem« Wahl- oder Stimm­recht und »all­ge­mei­ner« Gleich­heit die Rede ist, so wur­den Hun­der­te von Mil­lio­nen in der eng­li­schen Demo­kra­tie eben­so selbst­ver­ständ­lich igno­riert wie die Skla­ven in der athe­ni­schen Demokratie.

Augen­fäl­lig war näm­lich mit den (parteien-)demokratischen Pro­ze­du­ren der Par­ti­zi­pa­ti­on ein hohes Maß an Selek­ti­on ver­bun­den. Denn an par­la­men­ta­ri­schen Prak­ti­ken (Wah­len) durf­ten in jenen Jah­ren bei­lei­be nicht alle in der Polis Leben­den teil­neh­men: vor allem Frau­en nicht (erst seit 1919 in Deutsch­land, in Eng­land erst 1928, in Bel­gi­en erst 1948, in der Schweiz 1971); bei den Män­nern nur die, die ein Ver­mö­gen (Grund­be­sitz) hat­ten oder Steu­ern zahl­ten – und kei­ne Far­bi­gen waren. In den USA wur­de erst 1957 das Wahl­recht für die Schwar­zen end­gül­tig gesetz­lich verankert!

Auch nach der offi­zi­el­len Abschaf­fung der Skla­ve­rei gab es Ende des 19. Jahr­hun­derts und Anfang des 20. Jahr­hun­derts eine star­ke Gegen­be­we­gung. So ent­fern­te bei­spiels­wei­se Prä­si­dent Woo­d­row Wil­son sys­te­ma- tisch Afro­ame­ri­ka­ner aus den Bun­des- behör­den. – Das waren augen­fäl­li­ge le- giti­mis­ti­sche Defi­zi­te in der klas­si­schen Lega­li­tät moder­ner par­la­men­ta­ri­scher Demokratien.

Also: Grö­ße­re Teil­ha­be an den An- gele­gen­hei­ten der Polis wird grö­ße­re Ver­än­de­run­gen am Par­tei­en­sys­tem mit sich brin­gen müs­sen. Was heißt das? Es wird nicht genü­gen, daß die Ein­be­zie­hung immer neu­er inter­es­sier­ter Teil­neh­mer in  Ange­le­gen­hei­ten  der  Polis (posi­ti­ver  Demo­kra­ti­sie­rungs­grad) zu immer mehr Par­tei­en füh­ren wird. Man wird das Par­tei­en­pa­ra­dig­ma über­prü­fen müssen!

Um Demo­kra­tie eben nicht als eine Fik­ti­on erschei­nen zu las­sen oder im Rah­men des Par­la­men­ta­ris­mus klein­zu­hal­ten, hat die 1917 in Ruß­land erst­mals eta­blier­te Räte­re­vo­lu­ti­on ver­sucht, einen neu­en Typus Staat zu begrün­den, der in vie­ler Hin­sicht schon kein Staat mehr ist. Der dem Ernst-Jün­ger-Kreis zuge­hö­ri­ge Leip­zi­ger Phi­lo­soph Hugo Fischer schrieb in sei­ner Stu­die Lenin (1933 ein­ge­stampft; Erst­aus­ga­be 2017) vom Pro­gram­ma­ti­schen die­ser Räteidee: »Das Unten ist so wich­tig wie das Oben. Unten an der Appa­ra­tur sitzt nicht eine dump­fe Unter­ta­nen­men­ge, ein Hau­fen poli­ti­scher Sta­tis­ten, son­dern das Unten ist der ›Ursprung‹ der poli­ti­schen Qua­li­fi­ka­ti­on – das Oben die Zusam­men­fas­sung, Stei­ge­rung, Erfül­lung –, also bei­de ›sind‹ etwas poli­tisch Natur- haf­tes und Urwüchsiges.«

Die »Räte« waren par­tei­po­li­tisch neu­tral kon­zi­piert; das kam in einer Schick­sals­stun­de der rus­si­schen Räte­re­pu­blik dra­ma­tisch zum Aus­druck, als die Matro­sen von Kron­stadt im März 1921 – räte­lo­gisch rech­tens! – Sowjets ohne Kom­mu­nis­ten for­der­ten! Die­se Kon­fron­ta­ti­on war eine klas­sisch tra­gi­sche, denn in ihr zer­stob der Kai­ros der Rus­si­schen Revo­lu­ti­on in sta­tu nas­cen­di. Dabei war die Kom­mu­nis­ti­sche Par­tei eigent­lich als ein­zi­ge »Par­tei« von ihrer geis­ti­gen Ver­faßt­heit her räte­kom­pa­ti­bel: Als Par­tei »neu­en Typus« ver­stand sie Poli­tik nicht als Beruf. Ihr mobi­li­sie­ren­der Bei­trag für die neue anti­po­li­ti­sche Polis soll­te ihre Pra­xis der Arbeit, per­ma­nen­ter Selbst­kri­tik, Inte­gra­ti­on natio­na­ler Tra­di­tio­nen, Öffent­lich­keit und Auf­klä­rung sein.

Vor so einer »unmit­tel­ba­ren« (Schmitt) Demo­kra­tie erscheint das aus libe­ra­len Gedan­ken­gän­gen ent­stan­de­ne Par­la­ment als eine künst­li­che Maschi­ne­rie, wäh­rend dik­ta­to­ri­sche und cäsa­ris­ti­sche Metho­den nicht nur von der Accla­ma­tio des Vol­kes getra­gen, son­dern auch unmit­tel­ba­re Äuße­run­gen demo­kra­ti­scher Sub­stanz und Kraft sein können.

Die­se post­par­la­men­ta­ri­schen Her­aus­for­de­run­gen wer­den sich bewäh­ren müs­sen in der Idee und Pra­xis eines neu­en Euro­pa, das sich wohl nicht par­tei­en­par­la­men­ta­risch, als blo­ße Fort­set­zung des Natio­nal­staats mit ande­ren Mit­teln, wird ent­fal­ten können.

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