Thesen zur öffentlichen Meinung

 Gastbeitrag

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1.) Öffent­li­che Mei­nung ist das, was die Leu­te mei­nen, was die Leu­te meinen

Öffent­li­che Mei­nung ist nicht das, als was sie schei­nen soll. Obwohl die meis­ten Men­schen an die­sen Schein glau­ben, ist die öffent­li­che Mei­nung gera­de kein Spie­gel­bild des­sen, was die Mehr­zahl der Bür­ger denkt. Die Mehr­heit täuscht sich also dar­über, wie die Mehr­heit denkt.

Und  der Herr­schafts­an­spruch der Mäch­ti­gen über die schwei­gen­de Mehr­heit hängt von nichts wesent­li­cher ab, als über die Instru­men­te zu ver­fü­gen, mit denen die­se – im dop­pel­ten Sin­ne des Wor­tes – Mehr­heits­täu­schung ins Werk gesetzt wird. Öffent­li­che Mei­nung ist somit nach der eben­so gro­tesk anmu­ten­den wie prä­zi­sen Defi­ni­ti­on des Medi­en­wis­sen­schaft­lers Nor­bert Bolz »nicht das, was die Leu­te mei­nen, son­dern das, was die Leu­te mei­nen, was die Leu­te meinen«.

Öffent­li­che Mei­nung läßt sich also als eine Art psy­cho­lo­gi­sches Netz­werk defi­nie­ren, »das durch lose Kop­pe­lung von Bewußts­ei­nen ent­steht.« (Bolz) Die Kunst der Mani­pu­la­ti­on besteht dabei dar­in, die zu lan­cie­ren­de Min­der­mei­nung so geschickt in die­sem psy­cho­lo­gisch ver­netz­ten Klang­raum der Öffent­lich­keit zu prä­sen­tie­ren, daß nach außen der Ein­druck ent­steht, es han­de­le sich um die Mehr­heits­mei­nung. Öffent­li­che Mei­nung ist also eine »insti­tu­tio­na­li­sier­te Fik­ti­on« (Jür­gen Haber­mas). Sie ist die Öffent­lich­keit einer Min­der­mei­nung, die sich aus dem Unter­holz des Milieus, aus dem sie stammt, her­aus­ge­wagt hat und sich nun erfolg­reich mit dem Kleid der Mehr­heits­mei­nung schmückt.

2.) Öffent­li­che Mei­nung setzt Ega­li­ta­ris­mus und Kon­su­mis­mus voraus

Der Herr­schafts­an­spruch der öffent­li­chen Mei­nung läßt sich nicht allein wegen der bis­wei­len unfaß­ba­ren Leicht­gläu­big­keit der Leu­te gegen- über den offi­ziö­sen Ver­laut­ba­run­gen durch­set­zen, son­dern auch, weil unter den recht­lich glei­chen Indi­vi­du­en ein Kli­ma des Miß­trau­ens herrscht. Eine noto­risch auf Ega­li­ta­ris­mus getrimm­te Gesell­schaft wie die Bun­des­re­pu­blik, in der es – auf allen Fel­dern des Poli­ti­schen – von Gleich­stel­lungs­be­auf­trag­tIn­nen nur so wim­melt, kann schon von ihrer Natur her einem Kli­ma der geis­ti­gen Frei­heit, einem Kli­ma der Wider­stands­kraft gegen den von der öffent­li­chen Mei­nung ver­brei­te­ten Dog­ma­tis­mus nicht zuträg­lich sein.

Wer mensch­li­che Ungleich­hei­ten förm­lich mit der Brech­stan­ge gleich­ma­chen will, erin­nert an den­je­ni­gen, der »die Bergspitze[n] weg­sprengt, um damit die Täler aus­zu­fül­len.« (Erik Rit­ter von Kuehnelt- Led­dihn) Auf einem sol­cher­art pla­nier­ten Ter­rain, des­sen obers­tes Gebot der Haß auf die Ungleich­heit ist, gedei­hen – von den »Glücks­zwangs­an­ge­bo­ten des Sozi­al­staa­tes« (Bolz) nur unzu­rei­chend kaschiert – Angst, Neid und Miß­trau­en, die natür­li­chen Fein­de einer ver­trau­ens­vol­len Debat­ten­kul­tur unab­hän­gi­ger und selbst­be­wuß­ter Individuen.

Neben die­sem ega­li­ta­ris­ti­schen Momen­tum, das seit 1789 die poli­ti­sche Sze­ne­rie beherrscht, kommt spä­tes­tens seit Ende des 19. Jahr­hun­derts ein wei­te­rer Effekt hin­zu, der die Macht­a­van­cen der öffent­li­chen Mei­nung in den west­li­chen Indus­trie­staa­ten beflü­gelt hat: die all­mäh­li­che Ablö­sung des selbst­be­stimm­ten und eigen­ver­ant­wort­li­chen Bür­gers durch den von Kon­sum­sehn­süch­ten getrie­be­nen, unmün­di­gen Ver­brau­cher. Der sozio­lo­gi­sche Typus des Bür­gers, der vom Staat nicht ver­sorgt und betreut, son­dern vor allem in Ruhe gelas­sen wer­den will, ist bis auf weni­ge Rest­ex­em­pla­re fak­tisch aus­ge­stor­ben. Wenn im bür­ger­li­chen Zeit­al­ter der Bür­ger den Staat nach sei­nen Vor­stel­lun­gen geschaf­fen hat, so ver­sucht heu­te umge­kehrt der Staat, den Bür­ger so zu model­lie­ren, wie es den Vor­stel­lun­gen der herr­schen­den Min­der­heit entspricht.

Die­se gespens­tisch anmu­ten­de, demo­kra­ti­sche Schub­um­kehr ist wei­ter fort­ge­schrit­ten als vie­le mei­nen. Der »Infan­ti­lis­mus der Mas­sen­see­le« (Hen­drik de Man), von dem der staat­lich model­lier­te Ver­brau­cher beherrscht wird, beschränkt sich im übri­gen kei­nes­wegs nur auf Figu­ren, die man frü­her als Lies­chen Mül­ler bezeich­net hät­te. Beson­ders erschrek­kend zu beob­ach­ten ist, daß auch Per­so­nen, die auf ihrem Fach­ge­biet über ein umfas­sen­des Wis­sen und ein kri­ti­sches Urteils­ver­mö­gen ver­fü­gen und auf deren Leis­tungs­kraft die wirt­schaft­li­che und kul­tu­rel­le Sub­stanz eines jeden Lan­des beruht (Unter­neh­mer, Wis­sen­schaft­ler, Anwäl­te, Ärz­te, Inge­nieu­re, Kauf­leu­te, Ver­wal­tungs­be­am­te usw.), die­ser Urteils­fä­hig­keit nahe­zu voll­stän­dig ent­beh­ren, wenn sie nicht in ihrer Rol­le als Spe­zia­list auf ihrem Fach­ge­biet, son­dern als Gene­ra­list, als Homo poli­ti­cus in öffent­li­chen Ange­le­gen­hei­ten gefragt sind. Dann hört man auch von ihnen nur die immer glei­chen Sprech­bla­sen, die aus den Gehirn­wasch­ma­schi­nen der öffent­li­chen Mei­nung herausblubbern.

3.) Öffent­li­che Mei­nung beruht auf ste­reo­ty­per Wahrnehmung

Das Ver­schwin­den der kan­ti­gen, eigen­wil­li­gen Köp­fe und das Her­an­dräu­en des Mas­sen­men­schen, der sich von Stim­mun­gen lei­ten läßt, hat dann auch den Boden berei­tet für die 1922 von Wal­ter Lipp­mann ent­wikkel­te Ste­reo­ty­pen­leh­re. Die­se besagt, daß der Mensch der Moder­ne mit bestimm­ten Wahr­neh­mungs­sche­ma­ta und Ein­ord­nungs­scha­blo­nen arbei­tet und Din­ge, die nicht in die­se Ras­ter und Vor­ur­teils­vor­stel­lun­gen hin­ein­pas­sen, über­haupt nicht mehr zur Kennt­nis nimmt.

Unter Berück­sich­ti­gung die­ser vor­ge­fer­tig­ten Bil­der und Stan­dar­di­sie­run­gen, die die Leu­te im Kopf haben, wan­delt sich natür­lich auch das, was die öffent­li­che Mei­nung aus­macht. Wer die Tat­sa­chen nur noch durch eine Ste­reo­ty­pen­bril­le zur Kennt­nis nimmt, fil­tert durch die­se Selbst­zen­sur unlieb­sa­me Spek­tral­far­ben, also Tat­sa­chen­ele­men­te, die dem Erwart­ba­ren wider­spre­chen oder auch nur wider­spre­chen könn­ten, von vorn­her­ein heraus.

Eine sol­che Ver­stüm­me­lung des Sach­ver­halts führt dann dazu, daß sich fak­ten­ge­stütz­te Mei­nun­gen über­haupt nicht mehr bil­den kön­nen. An die­ser Stel­le wird auch deut­lich, daß der Schlüs­sel zur media­len Beherr­schung des Mas­sen­men­schen nicht in »Mei­nungs­ma­che«, also ideo­lo­gi­scher Bereg­nung von oben, besteht, son­dern dar­in, den Medi­en­kon­su­men­ten mit einer Sche­re im Kopf aus­zu­rüs­ten und zu einer selek­ti­ven Wahr­neh­mung zu ver­an­las­sen. Ist der ein­zel­ne auf die­se Wei­se in die Fal­le des redu­zier­ten Blicks gelau­fen, kann er sich von der Fixie­rung auf die so künst­lich geschaf­fe­ne »Pseu­do-Umwelt« (Lipp­mann), die die Wirk­lich­keit kokon­ar­tig umwebt hat, nicht mehr mit Bord­mit­teln lösen.

4.) Öffent­li­che Mei­nung wächst aus der Iso­la­ti­ons­furcht des Einzelnen

Zu dem anthro­po­lo­gi­schen Erbe des Men­schen als Grup­pen­we­sen, zu sei­nem Bio­gramm gehört, daß er gene­tisch dar­auf pro­gram­miert ist, im Ein- klang mit sei­nen Mit­men­schen zu leben und alles zu ver­mei­den, was dazu füh­ren könn­te, sich als Ein­zel­we­sen in der Grup­pe zu iso­lie­ren. Die­se stam­mes­ge­schicht­lich vor­ge­ge­be­ne Dik­ta­tur der Har­mo­nie war über Hun­dert­tau­sen­de von Jah­ren hin­weg unab­ding­ba­re Vor­aus­set­zung für das Über­le­ben in einer unwirt­li­chen Umge­bung, in der die Exis­tenz des ein­zel­nen und sei­ner Schutz­be­foh­le­nen nahe­zu tag­täg­lich durch Natur­er­eig­nis­se, Nah­rungs­man­gel, wil­de Tie­re, feind­li­che Stäm­me usw. ele­men­tar bedroht wer­den konnte.

Der Homo sapi­ens ist also anthro­po­lo­gisch vor allem ande­ren zuerst ein Mit­läu­fer, ein sozi­al deter­mi­nier­tes Wesen, das gelernt hat, daß es fata­le Fol­gen haben kann, gegen die Wöl­fe zu heu­len. Um eine sol­che Iso­la­ti­on zu ver­mei­den, hat der Mensch schon instink­tiv erstaun­lich fili­gra­ne Fer­tig­kei­ten ent­wi­ckelt, so früh wie mög­lich zu erken­nen, wel­che Ver­hal­tens­mus­ter von der Grup­pe akzep­tiert wer­den und wel­che nicht.

Über­tra­gen auf das Feld der öffent­li­chen Mei­nung, bedeu­tet dies: Bevor der ein­zel­ne sich zu irgend­ei­nem The­ma äußert, gehen sei­ne Anstren­gun­gen dahin, zu erkun­den, wie sich auf die­sem Ter­rain das Mei­nungs­kli­ma dar­stellt und wel­che Mei­nung den Ein­druck erweckt, von den meis­ten ande­ren geteilt zu werden.

Die­ser Raum des Sag­ba­ren wur­de von dem US-ame­ri­ka­ni­schen Inge­nieur und Juris­ten Joseph P. Over­ton (1960 –2003) als Win­dow of dis­cour­se, als Fens­ter der Debat­te, bezeich­net, inner­halb des­sen die eige­ne Mei­nung zu pla­zie­ren der ein­zel­ne gut bera­ten ist, will er die Gefahr einer Iso­lie­rung ver­mei­den. Ist er mit  dem, was in die­sem Mei­nungs­kor­ri­dor an Sag­ba­rem ange­bo­ten wird, nicht ein­ver­stan­den, wird er gleich­wohl in der Regel Wider­spruch unter­las­sen und statt des­sen das machen,  was man in einer sol­chen Situa­ti­on allein noch tun kann: Er schweigt und erweckt dadurch den Ein­druck, der ver­meint­li­chen Mehr­heits­mei­nung zuzustimmen.

Rede­be­reit­schaft und  Schwei­ge­ten­denz hän­gen also ganz maß­geb­lich davon ab,  was  als  sag­bar  emp­fun­den wird und was nicht. Lie­ber mit  der Mas­se irren, als allei­ne recht behal­ten. Gelingt es einer Grup­pe, durch lau­tes Bekennt­nis  die­sen  Raum des Sag­ba­ren zu  okku­pie­ren  und in ihrem Sin­ne zu erwei­tern, führt dies nach und nach dazu, daß Anders­mei­nen­de die­sen Stand­punkt einer schein­bar  kon­sen­si­tiv  geschlos­se­nen Öffent­lich­keit akzep­tie­ren oder jeden­falls mür­risch hin­un­ter­schlu­cken, ohne sich selbst  zu artikulieren.

Für die­sen Spi­ral­pro­zeß, bei dem die einen öffent­lich mehr und mehr domi­nie­ren und die ande­ren aus dem öffent­li­chen Bild nahe­zu voll­stän­dig ver­schwin­den und im wahrs­ten Sin­ne  des Wor­tes mund­tot sind, hat Eli­sa­beth Noel­le- Neu­mann bereits in den 1970er Jah­ren den prä­zi­sen Begriff der Schwei­ge­spi­ra­le  geprägt.  Öffent­li­che Mei­nung ist danach ein »sozi­al­psy­cho­lo­gi­scher Vor­gang, der aus der Wur­zel der Iso­la­ti­ons­furcht des Indi­vi­du­ums wächst.« Öffent­li­che Mei­nung schüt­ze die Gesell­schaft und hal­te sie zusam­men wie eine »sozia­le Haut«.

Der ein­zel­ne, der die öffent­li­che Mei­nung nicht teilt, lei­de umge­kehrt an der Emp­find­lich­keit sei­ner eige­nen sozia­len Haut. Gleich­zei­tig beton­te Noel­le-Neu­mann aber, daß allein »dem­je­ni­gen, der Iso­la­ti­ons­furcht nicht kennt oder sie über­win­det«, die Mög­lich­keit offen ste­he, die Gesell­schaft zu ver­än­dern. Der Ket­zer, der Refor­ma­tor nimmt also »feind­se­li­ge Öffent­lich­keit in Kauf«, weil er »anders nicht mis­sio­nie­ren« kön­ne. In der »sen­gen­den Erre­gung, die von der Berüh­rung mit der Öffent­lich­keit aus­geht«, pro­vo­ziert er gezielt die Gesell­schaft und treibt sie auf die­se Wei­se zur Ver­än­de­rung: Denn es nüt­ze »denen, die Iso­la­ti­on nicht scheu­en, die Schwei­ge­spi­ra­le. […] Wenn öffent­li­che Mei­nung für ande­re Kon­for­mi­täts­druck ist, für sie ist öffent­li­che Mei­nung der Hebel zur Veränderung.«

5.) Öffent­li­che Mei­nung herrscht durch Verschweigen

In unse­ren moder­nen Zei­ten neh­men wir die äuße­re Welt ganz über­wie­gend durch Medi­en wahr: Eige­ne Beob­ach­tun­gen des ein­zel­nen sind die Aus­nah­me, und Sekun­där­wahr­neh­mun­gen – also die Belie­fe­rung mit einer Art Wirk­lich­keit zwei­ter Hand – sind die abso­lu­te Regel. Ist man sich dar­über im kla­ren, dann leuch­tet ein, wel­che Macht­fül­le sich in den­je­ni­gen kon­zen­triert, die dar­über ent­schei­den, was und vor allem was nicht in den Medi­en gebracht wird.

Und sol­che Wirk­lich­keits­an­nah­men des Medi­en­kon­su­men­ten wer­den von jenen Gate­kee­pers (Lipp­mann) her­ge­stellt, die an den Schlüs­sel­stel­len media­ler Macht sit­zen: Jour­na­lis­ten, Fern­seh­re­dak­teu­re, Zei­tungs­her­aus­ge­ber, Ver­le­ger etc. Deren Macht besteht vor allem dar­in, mit dem gro­ßen Sieb der Poli­ti­cal cor­rect­ness sol­che Fak­ten dem Leser und Zuschau­er vor­zu­ent­hal­ten, die nicht ins Bild pas­sen, von denen man befürch­ten muß, daß sie Reak­tio­nen des Bür­gers her­vor­ru­fen, »die wir uns allen nicht wün­schen können«.

»Das müs­sen die Leu­te nicht wis­sen«, lau­tet eine der häu­figs­ten Ermah­nun­gen, mit denen Chef­re­dak­teu­re auf Redak­ti­ons­kon­fe­ren­zen unlieb­sa­me The­men, die zur Ver­öf­fent­li­chung vor­ge­schla­gen wer­den, abwür­gen. Auf die­sel­be Wei­se wer­den Buch­ma­nu­skrip­te non­kon­for­mer Autoren von eta­blier­ten Ver­le­gern von vorn­her­ein abge­lehnt, ohne daß es auf den Inhalt ankäme.

In der DDR wur­de ein sol­cher Vor­gang als »kal­te Bücher­ver­bren­nung« bezeich­net. Auf die­se Wei­se ist ein Medi­en­we­sen ent­stan­den, das in ers­ter Linie mit der Kunst des Weg­las­sens ope­riert und für das Micha­el Klo­n­ovs­ky auf der Zei­tungs­ebe­ne den tref­fen­den Begriff der »Lücken­pres­se« geprägt hat.

Tat­säch­lich ist bei wich­ti­gen The­men »das Mei­nungs­spek­trum auf Schieß­schar­ten­grö­ße ver­engt« (Gabor Stein­gart), und durch die­sen Spalt ergießt sich jener »enorm homo­ge­ne Brei« (Pierre Bour­dieu) des ewig Wie­der­ge­käu­ten. Mit ande­ren Mei­nun­gen, die häu­fig gera­de auf einer ande­ren Fak­ten­wahr­neh­mung beru­hen, fin­det in die­sem Reich der media­len Lüge kei­ne Aus­ein­an­der­set­zung statt: »Wer wider­spricht, wird nicht wider­legt, son­dern zum Schwei­gen gebracht.« (Bolz) Für die­ses Aus­knip­sen Anders­den­ken­der, die­ses Silen­cing (Leo Strauss), sind phy­si­sche Grob­hei­ten, wie sie aus der Ver­gan­gen­heit bekannt sind, nicht mehr vonnöten.

In der BRD muß nie­mand Angst vor dem Hen­ker haben, aber der sozia­le Tod lau­ert an jeder Weg­ga­be­lung des öffent­li­chen Lebens. Die Macht­tech­nik der Moder­ne besteht gera­de dar­in, durch Bedro­hung mit Iso­la­ti­on den Men­schen viel effek­ti­ver zu dres­sie­ren, als dies in frü­he­ren Zei­ten mit Dau­men­schrau­ben und Ein­zel­haft ver­sucht wurde.

»Die Stär­ke des Leo­par­den besteht in der Furcht vor dem Leo­par­den«, weiß eine nige­ria­ni­sche Volks­weis­heit, die gegen­über den­je­ni­gen, die schon län­ger hier leben, von den­je­ni­gen, die hier schon zu lan­ge regie­ren, kon­se­quent in die Pra­xis umge­setzt wird.

Der Zen­sur des Ver­schwei­gens liegt also nicht allein eine Unter­drükkung anders­lau­ten­der Fak­ten und Mei­nun­gen im Lücken­main­stream zugrun­de; vie­le die­ser abwei­chen­den Ansich­ten wer­den schon – einen Schritt zuvor – aus Iso­la­ti­ons­angst, Kar­rie­re­mo­ti­ven oder Feig­heit über­haupt nicht mehr geäu­ßert und müs­sen daher auch nicht unter­drückt wer­den. Die schwei­gen­de Mehr­heit ver­wirk­licht ihren Anspruch auf Mei­nungs­frei­heit also im wort­wört­li­chen Sinn: Sie genießt die Frei­heit, kei­ne eige­ne Mei­nung zu haben, jeden­falls kei­ne eige­ne Mei­nung äußern zu müssen.

6.) Öffent­li­che Mei­nung errich­tet ein Zwangs­re­gime der Pseu­do­ak­tua­li­tät und Desinformation

Zu den wesent­li­chen Ele­men­ten, mit denen die Augu­ren der öffent­li­chen Mei­nung herr­schen, gehört das soge­nann­te Agen­da set­ting, also die Macht dar­über, wel­ches The­ma angeb­lich wich­tig ist und des­we­gen auf dem media­len Spiel­plan ganz oben steht. Nach Niklas Luh­mann ver­traut das poli­ti­sche Sys­tem bei dem zu leis­ten­den Inte­gra­ti­ons­pro­zeß der öffent­li­chen Mei­nung weni­ger auf »Ent­schei­dungs­re­geln« als viel­mehr auf

»Auf­merk­sam­keits­re­geln«, die Regeln also, die bestim­men, was auf den Tisch kommt und was nicht. Dabei hat das Neue von vorn­her­ein »eine Ver­mu­tung der Wich­tig­keit für sich« (Luh­mann), was im Umkehr­schluß bedeu­tet, daß Vor­gän­ge, die nicht auf der Tages­ord­nung der Medi­en ste­hen, angeb­lich nicht wich­tig sind. Ralf Kon­ers­mann spricht daher tref­fend von einem »Zwangs­re­gime der Aktua­li­tät«, bei dem Aktua­li­tä­ten stets »als Resul­ta­te eines weit­läu­fi­gen Durch­set­zungs­ge­sche­hens hervor[treten], in des­sen Ver­lauf kon­kur­rie­ren­de Auf­fas­sun­gen auf der Stre­cke geblie­ben sind.«

Durch eine sol­che bis­wei­len gro­tes­ke Ver­tau­schung von wich­tig und unwich­tig ent­steht not­ge­drun­gen ein ver­zerr­tes Bild von der Welt, in der wir leben. Wer Unwe­sent­li­ches als wesent­lich und Wesent­li­ches als unwe­sent­lich dar­stellt bzw. behan­delt, täuscht den Zuschau­er oder Leser. Er will ihm eine Wirk­lich­keit weis­ma­chen, die es gar nicht gibt. Und er unter­drückt eine Wirk­lich­keit, die jen­seits der Schein­welt selbst­re­fe­ren­ti­el­ler News­ma­ker unüber­seh­bar ist. Es han­delt sich also um eine geziel­te Des­in­for­ma­ti­on mit der Absicht, die Schluß­fol­ge­run­gen und Hand­lungs­ab­lei­tun­gen zu Las­ten der Herr­schen­den zu ver­hin­dern, die sich bei sach­ge­rech­ter Auf­klä­rung der Bevöl­ke­rung über die Fak­ten ergä­ben oder jeden­falls erge­ben könnten.

Der Staats­si­cher­heits­dienst in der DDR unter­hielt zur Betrei­bung sol­cher Des­in­for­ma­ti­ons­kam­pa­gnen (soge­nann­ter »Akti­ve Maß­nah­men«) eige­ne Abtei­lun­gen, durch die lau­fend Ersatz­the­men in den staats­of­fi­ziö­sen Dis­kurs ein­ge­schleust wur­den, deren Auf­ga­be allein dar­in bestand, von dem ekla­tan­ten Ver­sa­gen bzw. kri­mi­nel­len Trei­ben der DDR-Ver­ant­wort­li­chen (Ver­sor­gungs­eng­päs­se, Aus­rei­se­druck, poli­ti­sche Ver­fol­gung Anders- den­ken­der usw.) abzulenken.

In der BRD wird die unab­läs­si­ge Abspu­lung von Ersatz­the­men, »die Por­no­gra­phie der Bedeu­tungs­lo­sig­keit« (Geor­ge Stei­ner), durch die Medi­en besorgt, bei denen – wie von Geis­ter­hand gesteu­ert – zeit­gleich auf allen Kanä­len, in allen Gazet­ten die­sel­ben Pseu­do­wich­tig­kei­ten nicht sel­ten in einer alar­mis­ti­schen Ton­la­ge zele­briert wer­den. Vom Gift­ei­skan­dal zur Flug­ben­zin­de­bat­te, vom Streit um das Dosen­pfand bis zur Pan­da­bä­ren­ge­burt im Ber­li­ner Zoo, vom Abbre­chen irgend­wel­cher Eis­blö­cke in der Ant­ark­tis bis zum Frau­en­fuß­ball – stets geht es um The­men, die nicht inter­es­sant und schon gar nicht wich­tig sind, die aber inter­es­sant und wich­tig gemacht wer­den, um von dem ekla­tan­ten Ver­sa­gen bzw. ver­fas­sungs­wid­ri­gen Trei­ben der BRD-Ver­ant­wort­li­chen abzulenken.

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