Sezession
1. Oktober 2017

Wechselträume

Gastbeitrag

von Frank Lisson

pdf der Druckfassung aus Sezession 80/Oktober 2017

Wir wollen nicht nur als bloße Opposition in die Parlamente einziehen, sondern eine andere Politikergeneration hervorbringen! – So äußerte sich sinngemäß auf dem Stuttgarter Parteitag 2016 Marc Jongen im Zusammenhang mit der Diskussion um eine mögliche Begrenzung der Amtszeit für Abgeordnete, die in der AfD den notorischen Berufspolitiker-Karrieristen verhindern sollte. Doch eben deshalb, weil man sich als neue, korrigierende Kraft verstehe und demgemäß einen insgesamt höheren Anspruch an sich selbst stelle, der es unmöglich mache, sich durch sein Mandat sogleich korrumpieren zu lassen, sei ein solcher Begrenzungsbeschluß gar nicht nötig.

Darin liegt viel Hoffnung begründet, mit der AfD werde tatsächlich ein anderer Charakter die Bühne des Politischen betreten, der sich wesentlich von dem in jeder Hinsicht abstoßenden Typus des Blockparteienfunktionärs unterscheide.

Nun, wäre es nicht allerdings eine fulminante Aufbruchs- und Ausbruchsgeste, wenn man mit oberster Priorität diesen neuen Charakter darstellen und vermitteln wollte? Freilich müßte das heutige Demokratieverständnis schon den Ansatz zu einem solchen »geistigen Adel« in der Politik als einen lächerlichen Anachronismus verwerfen und vereiteln, weil er sich auf geradezu anmaßende Weise vom Allgemeinmenschlichen zu sehr entfernte; dennoch wäre es vielleicht den Versuch wert, eine Art Antipoden, also den auch geistig unbestechlichen, nicht selbstsüchtigen, bloß seinem Gewissen als Volksvertreter verpflichteten Ausnahmepolitiker in die Wirklichkeit einzuführen und dem absurd-fratzenhaften Geschwätz staatlicher Dauerwerbesendungen die Vision komplett anderer Charaktere entgegenzustellen.

Einer, der die ungeheuerliche Frechheit besäße, die kleinen und großen Verlogenheiten des »Regimes« – also der Gesamtheit herrschender Wirklichkeiten – unerschrocken beim Namen zu nennen und der die Courage hätte, all denen, die innerhalb des intellektuellen Mitläufertums bis in die dritte Reihe hinein, ohne ihren Gesinnungsautomatismus je selber reflektiert zu haben, für dreißig, spätestens aber für dreihundert Silberlinge auch am miesesten Spiel teilnehmen müssen: all diesen also, der größten aller geschichtlich-funktionalen Mehrheiten, die bösesten Wahrheiten ins Gesicht zu sagen.

Kurz: einer, dem es an Verschlagenheit und Selbstgefälligkeit fehlte, um jemals einer von denen zu werden. – Natürlich ist es äußerst fraglich, ob so jemand, der das Zeug zu alldem hätte, sich heute überhaupt noch in die Politik verirrte oder auch nur Zugang zu den Werkhallen industrieller Meinungsfertigung suchte. Und was, wenn jene täglich demonstrierten Schäbigkeiten längst als lauter »Menschlichkeiten«, mithin als das »Normale« von den allermeisten inzwischen anerkannt und hingenommen worden wären? – Hier also endet bereits der schöne Traum. Denn wer würde als echtes, rigoroses Vorbild vorangehen und den Grimm wie den Spott auf sich ziehen wollen, ein Spielverderber, Miesmacher, naiver Idealist und politischer Romantiker zu sein?

Wie viel Absicht auch immer hinter der eingangs zitierten Selbstbeschreibung gesteckt haben mag, einen wirklich anderen Politikercharakter zu generieren: Sie enthält die unbedingt nötige personale Grundvoraussetzung für die Legitimität der AfD, sofern die Forderungen nach einer Alternative und dem Mut zur Wahrheit keine bloßen Phrasen bleiben sollen. – Denn eh man sich versieht und formal zwar immer noch den politischen Wechsel anstrebt, hat sich vielleicht schon ein ganz anderer Wechsel vollzogen: Gab man einst vor, mit seiner Person dem Politischen dienen zu wollen, dient plötzlich das Politische der eigenen Person.


 Gastbeitrag

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