»Schutz vor der falschen Wahl« – Parteienverbote in der BRD

Nils Wegner

Nils Wegner ist studierter Historiker, lektorierte 2015–2017 bei Antaios, IfS und Sezession und arbeitet als Übersetzer.

Am 23. Okto­ber 1952, kurz vor der Mit­tags­pau­se, bescher­te der ers­te Prä­si­dent des ein Jahr zuvor gegrün­de­ten Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts (BVerfG) Her­mann Höp­ker-Asch­off der jun­gen Bun­des­re­pu­blik ein Novum: Zum ers­ten Mal seit dem Erlaß des Geset­zes gegen die Neu­bil­dung von Par­tei­en am 14. Juli 1933 wur­de auf deut­schem Boden eine Par­tei ver­bo­ten – das Ver­bot der NSDAP durch das am 10. Okto­ber 1945 in Kraft getre­te­ne Kon­troll­rats­ge­setz Nr. 2 nicht ein­ge­rech­net. »Im Namen des Vol­kes« ver­kün­de­te Höp­ker-Asch­off der Öffent­lich­keit West­deutsch­lands und der Welt:

  1. Die Sozia­lis­ti­sche Reichs­par­tei ist verfassungswidrig.
  2. Die Sozia­lis­ti­sche Reichs­par­tei wird aufgelöst.
  3. Es ist ver­bo­ten, Ersatz­or­ga­ni­sa­tio­nen für die Sozia­lis­ti­sche Reichs­par­tei zu schaf­fen oder bestehen­de Orga­ni­sa­tio­nen als Ersatz­or­ga­ni­sa­tio­nen fortzusetzen.
  4. Die Bun­des­tags- und Land­tags­man­da­te der Abge­ord­ne­ten, die auf Grund von Wahl­vor­schlä­gen der Sozia­lis­ti­schen Reichs­par­tei gewählt sind oder zur Zeit der Urteils­ver­kün­dung der Sozia­lis­ti­schen Reichs­par­tei ange­hö­ren, fal­len ersatz­los fort.
  5. Das Ver­mö­gen der Sozia­lis­ti­schen Reichs­par­tei wird zuguns­ten der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land zu gemein­nüt­zi­gen Zwe­cken eingezogen.

Was war gesche­hen? Bereits im Früh­jahr 1949, etwa zeit­gleich mit Grün­dung der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land, hat­te sich um Fritz Dorls, einen His­to­ri­ker und ehe­ma­li­gen Ange­hö­ri­gen des Stras­ser­flü­gels inner­halb der NSDAP, sowie die vor­ma­li­gen NS-Funk­tio­nä­re Ger­hard Krü­ger und Fritz Röß­ler eine »Gemein­schaft unab­hän­gi­ger Deut­scher« zusam­men­ge­fun­den, die anläß­lich der ers­ten Bun­des­tags­wahl am 14. August 1949 ein tak­ti­sches Bünd­nis mit der bereits 1946 gegrün­de­ten, deutsch­na­tio­nal-mon­ar­chis­tisch aus­ge­rich­te­ten Deut­schen Kon­ser­va­ti­ven Par­tei-Deut­schen Rechts­par­tei (DKP-DRP) ein­ging, was Dorls, Krü­ger und Röß­ler den Ein­zug in den ers­ten west­deut­schen Bun­des­tag ermöglichte.

Nur weni­ge Wochen spä­ter ent­zwei­ten sich die Grup­pen über Fra­gen des poli­ti­schen Kur­ses jedoch wie­der, und die drei »unab­hän­gi­gen Deut­schen« grün­de­ten mit ihrer Gefolg­schaft am 2. Okto­ber die Sozia­lis­ti­sche Reichs­par­tei (SRP). Die SRP posi­tio­nier­te sich als Sprach­rohr der von Ver­trei­bung und Ent­na­zi­fi­zie­rung Betrof­fe­nen und gesell­schaft­lich Abge­häng­ten, agi­tier­te gegen die Besat­zungs­mäch­te und appel­lier­te beson­ders inten­siv an ehe­ma­li­ge NSDAP- sowie Wehr­machts­an­ge­hö­ri­ge. Pro­pa­gan­dis­ti­sches Aus­hän­ge­schild war der Gene­ral­ma­jor der Wehr­macht Otto Ernst Remer, der als Kom­man­dant des Ber­li­ner Wach­ba­tail­lons »Groß­deutsch­land« den Putsch­ver­such vom 20. Juli 1944 in der Reichs­haupt­stadt nie­der­ge­schla­gen hatte.

Durch sei­ne aggres­si­ven öffent­li­chen Auf­trit­te und das direk­te Anknüp­fen der SRP-Ver­an­stal­tun­gen an die poli­ti­sche Ästhe­tik des Drit­ten Reichs wur­de die klei­ne Par­tei (Mit­glie­der­höchst­stand im Som­mer 1951: ca. 10.000) schnell bun­des­weit und inter­na­tio­nal bekannt und sorg­te ins­be­son­de­re bei den ame­ri­ka­ni­schen Besat­zungs­be­hör­den sowie in den USA selbst für Ver­stim­mung. Die­ses pro­vo­kan­te Vor­ge­hen schuf die ers­ten »brei­ten Bünd­nis­se« der Bun­des­re­pu­blik in Form von »Anti­ra­di­ka­lis­ti­schen Fron­ten«, die sich vom DGB über SPD, CDU und FDP bis hin zur natio­nal­kon­ser­va­ti­ven Deut­schen Par­tei (die vor allem das Abwan­dern ihrer Kli­en­tel zum radi­ka­le­ren Kon­kur­ren­ten befürch­te­te) erstreck­ten und durch Pro­tes­te die poli­zei­li­che Schlie­ßung zahl­rei­cher Wahl­kampf­ver­an­stal­tun­gen der SRP erzwangen.

Längst ver­ges­sen ist, daß auch der »Radi­ka­len­er­laß« von 1972 sei­nen Ursprung im behörd­li­chen Vor­ge­hen gegen die SRP hat­te – bereits am 19. Sep­tem­ber 1950 beschloß die Bun­des­re­gie­rung den soge­nann­ten Ade­nau­er-Erlaß, der es öffent­lich Bediens­te­ten unter­sag­te, in als ver­fas­sungs­feind­lich ein­ge­stuf­ten Orga­ni­sa­tio­nen Mit­glied zu sein.

Es war jedoch weit weni­ger die Kra­wall­rhe­to­rik der SRP als ihr bedenk­li­cher schnel­ler Wahl­er­folg, der das von der Klein­par­tei unab­läs­sig atta­ckier­te Bon­ner Sys­tem zu wei­te­rem Durch­grei­fen zwang: 1951 zogen die »Reichs­so­zia­lis­ten« mit 16 Sit­zen in den nie­der­säch­si­schen Land­tag (im Land­kreis Lüne­burg stärks­te Par­tei noch vor den gemein­sam ange­tre­te­nen CDU/DP) und mit acht Sit­zen in die bre­mi­sche Bür­ger­schaft ein.

Gegen meh­re­re SRP-Funk­tio­nä­re wur­den die Ent­na­zi­fi­zie­rungs­ver­fah­ren wie­der­auf­ge­nom­men; am 4. Mai erklär­te die Bun­des­re­gie­rung im Allein­gang alle akti­vis­ti­schen Unter­grup­pie­run­gen der Par­tei für ver­fas­sungs­wid­rig. Am 20. Novem­ber dann bean­trag­te die Bun­des­re­gie­rung die Fest­stel­lung der Ver­fas­sungs­wid­rig­keit der SRP durch das BVerfG, der 13 Mona­te spä­ter ent­spro­chen wur­de. Nur drei Tage spä­ter lag der Antrag vor, eine wei­te­re Par­tei für ver­fas­sungs­wid­rig zu erklä­ren – die­ses Ver­fah­ren jedoch soll­te sich bedeu­tend län­ger hinziehen.

In zwei­te­rem Fall war das Ziel die Kom­mu­nis­ti­sche Par­tei Deutsch­lands. Die KPD hat­te sich unmit­tel­bar nach Kriegs­en­de wie­der­ge­grün­det, war als ers­te Par­tei über­haupt von allen vier Besat­zungs­mäch­ten lizen­ziert wor­den und in frü­he Regie­rungs­ver­ant­wor­tung gelangt: In der baye­ri­schen Über­gangs­re­gie­rung mit CSU und SPD etwa stell­te der Kom­mu­nist Hein­rich Schmitt den »Son­der­mi­nis­ter für Poli­ti­sche Befrei­ung« (Ent­na­zi­fi­zie­rung), auch west­deut­sche Zonen­bei­rä­te bedien­ten sich rege der ehe­mals poli­tisch Verfolgten.

Nicht nur gehör­ten dem Par­la­men­ta­ri­schen Rat zwei rang­ho­he KPD-Mit­glie­der an; die Par­tei zog 1949 auch mit 15 Sit­zen in den ers­ten Deut­schen Bun­des­tag ein. Unmit­tel­bar zuvor hat­te sie sich orga­ni­sa­to­risch von ihrer Schwes­ter­par­tei in der SBZ getrennt, die bereits drei Jah­re vor­her mit der SPD zur Sozia­lis­ti­schen Ein­heits­par­tei zwangs­ver­ei­nigt wor­den war – de fac­to han­del­te es sich bei der KPD seit­dem um den west­deut­schen Able­ger der SED, der aller­dings auf Geheiß der west­li­chen Besat­zungs­mäch­te die­sen Namen nicht füh­ren durfte.

Es schien durch per­so­nel­le wie ideo­lo­gi­sche Kon­ti­nui­tä­ten nahe­lie­gend, im auf­flam­men­den Kal­ten Krieg die Kom­mu­nis­ti­sche Par­tei als »Fünf­te Kolon­ne« der Sowjet­uni­on in West­deutsch­land zu betrach­ten. Nach offi­zi­el­ler Grün­dung bei­der deut­scher Staa­ten ver­schärf­te sich dem­ge­mäß die Gang­art: Der Ade­nau­er-Erlaß führ­te auch zu zahl­rei­chen Ent­las­sun­gen von Kom­mu­nis­ten aus dem öffent­li­chen Dienst.

Als Vor­spiel zum Ver­bots­an­trag erfolg­te am 26. Juni 1951 das Ver­bot der Frei­en Deut­schen Jugend in der Bun­des­re­pu­blik gemäß Art. 9 Abs. 2 GG, wonach »gegen die ver­fas­sungs­mä­ßi­ge Ord­nung oder gegen den Gedan­ken der Völ­ker­ver­stän­di­gung« gerich­te­te Ver­ei­ni­gun­gen ver­bo­ten sind; der FDJ wur­de maß­geb­lich ihre Ver­bin­dung zur SED und KPD angelastet.

Zudem wur­de am 30. August des Jah­res das Ers­te Straf­rechts­än­de­rungs­ge­setz beschlos­sen, das das Straf­ge­setz­buch der jun­gen BRD um zahl­rei­che poli­ti­sche Delik­te wie Hoch- und Lan­des­ver­rat, Staats­ge­fähr­dung sowie die dazu­ge­hö­ri­ge Pro­pa­gan­da­ver­brei­tung erwei­ter­te und durch die so ermög­lich­ten poli­ti­schen Pro­zes­se sowie damit ein­her­ge­hen­de Durch­su­chun­gen und Beschlag­nah­mun­gen zu einer wei­te­ren Schwä­chung der kom­mu­nis­ti­schen Par­tei­struk­tur bei­trug. Nach­dem die KPD der­art sturm­reif geschos­sen schien, war ihr Ver­bots­ver­fah­ren par­al­lel zu dem gegen die SRP gewis­ser­ma­ßen als »ein Auf­wasch« geplant.

Das aber schei­ter­te ent­ge­gen allen Erwar­tun­gen am Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, kon­kret an des­sen Prä­si­dent Höp­ker-Asch­off. Denn wäh­rend die­ser die SRP bereit­wil­lig für ver­fas­sungs­wid­rig erklär­te, war er Geg­ner eines KPD-Ver­bots und ver­moch­te es, das anhän­gi­ge Ver­fah­ren bis zu sei­nem Tod im Jah­re 1954 hin­aus­zu­zö­gern. Die Bun­des­re­gie­rung griff dar­auf­hin zu ande­ren Mit­teln: Bereits im Janu­ar 1952 ver­lor die KPD durch eine Ände­rung der Bun­des­tags­ge­schäfts­ord­nung ihren Frak­ti­ons­sta­tus und konn­te dadurch kei­ne Anträ­ge mehr stel­len; ihre Abge­ord­ne­ten waren zur Untä­tig­keit ver­dammt, bis die Wahl zum zwei­ten Deut­schen Bun­des­tag im Sep­tem­ber 1953 die Par­tei aus dem Par­la­ment spül­te und auf den Stand einer bedeu­tungs­lo­sen Split­ter­par­tei zurückwarf.

Die­ses Vor­ge­hen führ­te zu einer Ver­schär­fung der außer­par­la­men­ta­ri­schen Agi­ta­ti­on der Kom­mu­nis­ten bis hin zum Ruf nach einem »revo­lu­tio­nä­ren Sturz des Regimes Ade­nau­er«, der im Ver­bots­ver­fah­ren spä­ter zu Unguns­ten der KPD aus­ge­legt wur­de. Hin­zu kam, daß bereits ab 1948 unter Mit­hil­fe der SBZ/DDR wie­der­holt »refor­ma­to­ri­sche« Funk­tio­nä­re, die etwa inner­halb der BRD einen lega­lis­ti­schen Kurs zu fah­ren bereit waren, aus den Par­tei­struk­tu­ren ent­fernt wor­den waren. Der­art vor­ge­prägt schritt Höp­ker-Asch­offs CSU-kon­ser­va­ti­ver Amts­nach­fol­ger Win­trich zur Voll­stre­ckung des Regie­rungs­wil­lens: Am 17. August 1956 erging das Ver­bot der KPD als »mar­xis­tisch-leni­nis­ti­sche Kampf­par­tei«, die mehr­fach schrift­lich ein­ge­räumt habe, daß es »kei­nen fried­li­chen Weg zum Sozia­lis­mus« gebe.

Die Mit­glie­der der Par­tei setz­ten ihre Tätig­keit dar­auf­hin viel­fach in der Ille­ga­li­tät fort, bis 1968 mit Bil­li­gung des dama­li­gen Jus­tiz­mi­nis­ters und spä­te­ren Bun­des­prä­si­den­ten Hei­ne­mann die Deut­sche Kom­mu­nis­ti­sche Par­tei (DKP) als Neu­kon­sti­tu­ie­rung entstand.

Bei­de Ver­bots­ver­fah­ren und ihre jewei­li­gen Urteils­schrif­ten sind in ihrer Bedeu­tung für das Selbst­ver­ständ­nis der Bun­des­re­pu­blik als »wehr­haf­te Demo­kra­tie« sowie des BVerfG als deren Schild kaum zu unter­schät­zen: Wäh­rend das SRP-Urteil (BVerfGE 2, 1) Voka­beln wie »ver­fas­sungs­wid­rig«– im kon­kre­ten Fall u.a. wegen Wesens­ver­wandt­schaft zur NSDAP – sowie »frei­heit­li­che demo­kra­ti­sche Grund­ord­nung« als »Ord­nung, die unter Aus­schluß jeg­li­cher Gewalt und Will­kür­herr­schaft eine rechts­staat­li­che Herr­schafts­ord­nung auf der Grund­la­ge der Selbst­be­stim­mung des Vol­kes nach dem Wil­len der jewei­li­gen Mehr­heit und der Frei­heit und Gleich­heit dar­stellt« in höchst­rich­ter­li­che Form goß, kam dem KPD-Urteil (BVerfGE 5, 85) sein Fol­gen­reich­tum durch die Beto­nung des »Stö­rungs­mo­dus« (Horst Mei­er) der ver­fas­sungs­wid­ri­gen Zie­le einer Par­tei im Unter­schied zu ihrem Ver­hal­ten zu: Zum Zeit­punkt ihres Ver­bots spiel­te die Kom­mu­nis­ti­sche Par­tei im west­deut­schen Poli­tik­be­trieb nach mas­si­ver rechts­staat­li­cher Ver­fol­gung kei­ne nen­nens­wer­te Rol­le mehr.

Ohne­hin bleibt die Fra­ge nach dem tat­säch­li­chen Cha­rak­ter der Grund­ord­nungs­ge­fähr­dung offen, wenn man berück­sich­tigt, daß es für SRP- und KPD-Ver­bot einen ganz kon­kre­ten regie­rungs­po­li­ti­schen Anlaß gab: Ein­zig von ganz rechts und ganz links gab es wahr­nehm­ba­ren Wider­stand gegen die von Bun­des­kanz­ler Ade­nau­er seit dem Peters­ber­ger Abkom­men von 1949 for­cier­te West­in­te­gra­ti­on der Bun­des­re­pu­blik und ins­be­son­de­re die bevor­ste­hen­de Wiederbewaffnung.

Kom­mu­nis­ten wie Post­na­tio­nal­so­zia­lis­ten for­der­ten einen »natio­na­len Neu­tra­lis­mus« mit der Opti­on auf Wie­der­ver­ei­ni­gung des (block­frei­en) Deutsch­lands; jeweils mit unter­schied­li­chen Fol­ge­ab­sich­ten, doch glei­cher­ma­ßen zur Beun­ru­hi­gung der bereits in Kate­go­rien einer bipo­la­ren Welt­ord­nung den­ken­den Bun­des­re­gie­rung. Neben einer Dis­zi­pli­nie­rung poten­ti­el­len poli­ti­schen Auf­be­geh­rens nach innen eli­mi­nier­ten die Ver­bo­te (im Fal­le der KPD unge­plant spät) somit zugleich in einem poli­ti­schen Inter­es­sen­feld fak­tisch die gesam­te Oppo­si­ti­on – eine gelenk­te Oppo­si­ti­on zumal, stand doch mit dem Rechts­an­walt Rudolf Aschen­au­er die »rech­te Hand« von SRP-Chef Fritz Dorls im Diens­te des Verfassungsschutzes.

Der die letz­ten 17 Jah­re bean­spru­chen­de Ver­such, das drit­te Par­tei­ver­bot in der Geschich­te der Bun­des­re­pu­blik zu erlas­sen, weist zu sei­nen Vor­gän­gern bemer­kens­wer­te Par­al­le­len auf. Ein Bom­ben­an­schlag in Düs­sel­dorf hat­te im Juli 2000 zehn Men­schen ver­letzt; da es sich um ost­eu­ro­päi­sche Ein­wan­de­rer und zusätz­lich bei sechs von ihnen um Mit­glie­der der jüdi­schen Gemein­de han­del­te, wur­de sofort ein frem­den­feind­li­cher bzw. anti­se­mi­ti­scher Hin­ter­grund ver­mu­tet. Bun­des­kanz­ler Ger­hard Schrö­der rief dar­auf­hin (welt-)öffentlichkeitswirksam den sogenannten»Aufstand der Anstän­di­gen« aus, und aus­ge­rech­net am 30. Janu­ar 2001 bean­trag­te die Bun­des­re­gie­rung – zwei Mona­te spä­ter gefolgt von je eige­nen Ver­bots­an­trä­gen von Bun­des­tag und Bun­des­rat – beim BVerfG die Fest­stel­lung der Ver­fas­sungs­wid­rig­keit der Natio­nal­de­mo­kra­ti­schen Par­tei Deutsch­lands (NPD).

Die Antrags­be­grün­dun­gen lie­ßen schnell Zwei­fel an den Erfolgs­aus­sich­ten des Ver­bots­ver­fah­rens auf­kom­men: Der 1964 als Abspal­tung der Deut­schen Reichs­par­tei (wie­der­um Nach­fol­ge­rin der DKP-DRP) gegrün­de­ten und 1969 nur knapp nicht in den Bun­des­tag ein­ge­zo­ge­nen NPD wur­de fast aus­schließ­lich ver­fas­sungs­feind­li­che Pro­pa­gan­da vor­ge­wor­fen; die Absicht eines gewalt­sa­men Umstur­zes der BRD oder schwe­re Straf­ta­ten konn­ten jedoch nicht nach­ge­wie­sen werden.

Zusätz­lich kam 2002 her­aus, daß Ver­fas­sungs­schutz­äm­ter zahl­rei­che Funk­ti­ons­trä­ger der Par­tei als Ver­trau­ens­leu­te ange­wor­ben und gesteu­ert hat­ten, dar­un­ter das Grün­dungs­mit­glied Wolf­gang Frenz (von 1961 an fast 30 Jah­re lang V‑Mann) und den nord­rhein-west­fä­li­schen Lan­des­vor­sit­zen­den Udo Holt­mann, und daß ein Groß­teil der als Bele­ge der Ver­fas­sungs­feind­lich­keit ange­führ­ten Zita­te von eben­die­sen stamm­te. Unter die­sem Ein­druck stell­te das BVerfG am 18. März 2003 das Ver­bots­ver­fah­ren wegen »feh­len­der Staats­fer­ne« der NPD ein.

Gele­gen­heit zu einem zwei­ten Anlauf bot sich 2012 nach Auf­de­ckung der mut­maß­li­chen Mord­se­rie des soge­nann­ten »Natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Unter­grunds« und dem fol­gen­den öffent­li­chen Auf­schrei. Anfang Dezem­ber des Jah­res bekun­de­ten die Bun­des­län­der geschlos­sen die Absicht, einen Ver­bots­an­trag beim BVerfG ein­zu­rei­chen, dem sich Bun­des­re­gie­rung und Bun­des­tag dies­mal nicht anschlie­ßen wollten.

Der Antrag folg­te ein Jahr spä­ter; die Vor­be­rei­tung (unter ande­rem unter Ein­for­de­rung detail­lier­ter Bewei­se, daß die V‑Männer in der Par­tei abge­schal­tet wor­den sei­en) dau­er­te vol­le zwei Jah­re, so daß die tat­säch­li­che münd­li­che Ver­hand­lung erst im März 2016 begann. Das Urteil fiel erst am 17. Janu­ar 2017: Die »medi­al dau­er­prä­sen­te Gott­sei­bei­un­spar­tei« (Thor v. Wald­stein) sei dem­nach zwei­fels­frei ver­fas­sungs­feind­lich – aber bedür­fe auf­grund ihrer poli­ti­schen Bedeu­tungs­lo­sig­keit kei­nes Ver­bots, da ihre gegen die ver­fas­sungs­mä­ßi­ge Ord­nung gerich­te­ten Zie­le nicht ver­wirk­licht zu wer­den drohten.

Die­ser Urteils­spruch kam einer Über­ant­wor­tung der Erle­di­gung der NPD an die Zivil­ge­sell­schaft gleich – gericht­lich bestä­tig­te »Ver­fas­sungs­fein­de« haben von Saal­mie­ten bis hin zu Anstel­lun­gen und Geschäfts­kon­ten wenig Aus­sicht, sich in der gesell­schaft­li­chen Sphä­re zu hal­ten. Neben der so ele­gant dele­gier­ten Sta­tu­ie­rung des innen­po­li­ti­schen Exem­pels gelang dem BVerfG mit sei­nem Urteil (2 BvB 1/13) zusätz­lich die Feind­mar­kie­rung des seit dem 19. Jahr­hun­derts eta­blier­ten »eth­ni­schen Volks­be­griffs«, der Natio­nal­de­mo­kra­ten und Natio­nal­so­zia­lis­ten ver­bin­de sowie »gegen die Men­schen­wür­de [ver­sto­ße und] zugleich das Gebot gleich­be­rech­tig­ter Teil­ha­be aller Bür­ger am poli­ti­schen Wil­lens­bil­dungs­pro­zess« ver­let­ze. Beim Antrag auf Fest­stel­lung der Ver­fas­sungs­wid­rig­keit der NPD ist somit eine fak­ti­sche Erklä­rung der Ver­fas­sungs­wid­rig­keit der Defi­ni­ti­on des Volks als Abstam­mungs­ge­sell­schaft herausgekommen.

Letz­ten Endes gilt noch immer, was der jüdisch­stäm­mi­ge zeit­wei­li­ge »Lieb­lings­schü­ler« Carl Schmitts, Otto Kirch­hei­mer, bereits 1961 bemerk­te: Poli­ti­sche (auch höchst­rich­ter­li­che) Jus­tiz liegt vor,

wenn Gerich­te für poli­ti­sche Zwe­cke in Anspruch genom­men wer­den, so daß das Feld poli­ti­schen Han­delns aus­ge­wei­tet und abge­si­chert wer­den kann. Die Funk­ti­ons­wei­se der poli­ti­schen Jus­tiz besteht dar­in, daß das poli­ti­sche Han­deln von Grup­pen und Indi­vi­du­en der gericht­li­chen Prü­fung unter­wor­fen wird. Eine sol­che gericht­li­che Kon­trol­le des Han­delns strebt an, wer sei­ne eige­ne Posi­ti­on fes­ti­gen und die sei­ner poli­ti­schen Geg­ner schwä­chen will.

Nils Wegner

Nils Wegner ist studierter Historiker, lektorierte 2015–2017 bei Antaios, IfS und Sezession und arbeitet als Übersetzer.

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