Sezession
1. Oktober 2017

Richtungsentscheidung »Defend Europe«

Martin Sellner

Martin Sellner

Martin Sellner ist Kopf der österreichischen Identitären Bewegung.

60.000 Euro! Als ich Anfang Juli die bisher größte Überweisung meines Lebens tätigen sollte, war mein Finger kurz wie erstarrt. Nach diesem Klick würde es kein Zurück mehr geben. Dieser Klick nämlich katapultierte die Identitäre Bewegung in ein Abenteuer, an dessen Ende wir entweder triumphieren würden oder mit einer blamablen Niederlage zu leben hätten. Mit der europäischen Leitungsebene der IB war bereits alles abgeklärt, ich hatte das »O.K.«. Die Bilder der »C-Star« waren beeindruckend, und uns allen war klar: Nie wieder Schlauchboote – auf einem Schiff wollten wir das Lambda hissen! Ein letztes Zögern noch, dann drückte ich die Taste. Die »C-Star« war gechartert, und »Defend Europe« nahm seinen Lauf.

Jetzt, da die bisher größte, teuerste, riskanteste und erfolgreichste, am meisten gefeierte und verlachte, unterstützte und attackierte Aktion vielleicht der gesamten außerparlamentarischen Nachkriegsrechten vorbei ist, möchte ich ein Fazit ziehen. Die schlimmsten und die hochtrabendsten Erwartungen haben sich beide nicht erfüllt: »Defend Europe« war ein Erfolg und ein politisches Abenteuer. Es war eine Geschichte, deren Faszination sich nicht einmal ihre Gegner entziehen konnten, die als Widersacher sogar zu integralen Mitspielern wurden.

Der Grundgedanke der Mission ist rasch erklärt, er folgte einem der simpelsten strategischen Ansätze politischen Protests: kontrollierte Eskalation und stellvertretendes Handeln, das die Autoritäten blamiert und sie durch Fortsetzung und Steigerung dazu zwingt, einzuschreiten und durchzugreifen.

Wie alle anderen beobachteten wir ebenso wütend wie ohnmächtig den offensichtlichen Rechtsbruch der NGOs, die im Mittelmeer als Schlepper fungieren und die Überflutung Europas mit Illegalen vorantreiben. Die empörten Protestnoten, die sich an die Politik richteten, bewirkten monatelang wenig bis nichts. Da war er wieder: der Alptraum, das mich seit der Grenzöffnung 2015  verfolgt. Damals war es angesichts des Verrats an unserem Land und inmitten einer nie dagewesenen Protest- und Revolutionsstimmung eigentlich unsere Aufgabe, den größtmöglichen und effektivsten Widerstand zu leisten. Aber waren wir dieser Aufgabe nachgekommen?

Ich und viele andere waren Tag und Nacht im Einsatz gewesen. Gruppen wurden aus der Taufe gehoben, Netzwerke, Unternehmen und Projekte gegründet, hunderte Demos und Aktionen organisiert, Texte verfaßt, Bücher geschrieben und Videos gedreht. Wir hatten die Zeit genutzt, um parlamentarisch und aktivistisch eine neue patriotische Bewegung zu etablieren, deren Wachstumspotential uns zum Angstgegner der Multikultis gemacht hatte. Doch die entscheidende Aktion blieb aus. Wo war die wochenlange Besetzung eines geplanten Asylzentrums durch Aktivisten? Wo blieb eine dauerhafte Blockade an der österreichischen Grenze? Wann wurde aus einer Demo die spontane Okkupation eines Platzes?

Alles war letztlich symbolisch und temporär. Es wurden Zeichen gesetzt, aber die Machthaber wußten gewiß: Es reichte, abzuwarten, bis die Wutbürger und Aktivisten nach »gesetztem Zeichen« wieder nach Hause gingen. Der metapolitische Druck auf die veröffentlichte Meinung und ihren schmalen Korridor steigerte sich, aber ein echter »Druck auf der Straße« und der entscheidende Akt des gewaltfreien Widerstands blieben aus. Sie blieben aus, obwohl wir die Aktivisten und die Mittel, die finanzielle und moralische Unterstützung gehabt hätten und die geschichtliche Lage wie nie zuvor unseren Einsatz forderte. Die »Große Aktion« wurde so lange aufgeschoben, bis sich dieses Fenster geschlossen hatte. Nie wieder sollte uns das passieren!

Gegen diesen Schwur stand die schleichende Verbürgerlichung. Es gab keinen Grund zur Klage. Der Aktivismus der IB funktionierte: Wir waren in wenigen Jahren zur aktivistischen Avantgarde im rechten Lager geworden, wir beschäftigten die Medien und bauten gerade unsere Strukturen aus. Persönlich hatte ich mit der App »Patriot Peer« ein ambitioniertes Projekt in Arbeit, dazu einen erfolgreichen YouTube-Kanal, einen gut laufenden T-Shirt-Versand und dazu gerade mein erstes Buch veröffentlicht. Kurz: Ich und die IB waren drauf und dran, uns in der Rolle des Belagerers einzurichten. Den Erfolg konnte keiner leugnen, aber das »Einrichten« im Erträglichen wurde den idealistischsten Teilen der IB unerträglich.

All das führte notwendig zu diesem »historischen Mausklick«, zum Chartern der »C-Star«. Statt mit dem gesammelten Geld zehn Schlauchboote zu mieten und wie im Mai in Catania einem NGO-Schiff symbolisch in den Weg zu fahren, wollten wir wirklich etwas bewirken. Ein Schiff, eine Crew und zehn Tage Einsatz vor der libyschen Küste. Die Zielbestimmung war recht vielfältig. Wir wollten die NGOs durch unsere Präsenz unter Druck setzen, ihre Aktivitäten dokumentieren, die libysche Küstenwache unterstützen, zurückgelassene Schlepperboote versenken und – falls wir genötigt würden – Migranten an Bord nehmen und sie nach Afrika zurückbringen.


Martin Sellner

Martin Sellner ist Kopf der österreichischen Identitären Bewegung.

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