Europäische Rechtsparteien – ein Überblick

von Benedikt Kaiser (BK) und Nils Wegner (NW)

pdf der Druckfassung aus Sezession 80/Oktober 2017

Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.

Die euro­päi­sche Par­tei­en­land­schaft ist, spe­zi­ell auch im kon­ser­va­ti­ven, frei­heit­li­chen und rech­ten Spek­trum, viel­fäl­tig, doch wird die­ses Milieu – ins­be­son­de­re in deutsch­spra­chi­gen Medi­en – den Bür­gern allen­falls ver­frem­det und dia­bo­li­siert, sel­ten ratio­nal und unver­mit­telt vor­ge­stellt. Das betrifft die Alter­na­ti­ve für Deutsch­land in der Bun­des­re­pu­blik, aber auch zahl­rei­che Grup­pie­run­gen in ganz Euro­pa. Die vor­lie­gen­de, nicht zuletzt aus Platz­grün­den selek­ti­ve Aus­wahl soll Abhil­fe schaffen.

Sie bie­tet einen knap­pen Über­blick dar­über, in wel­chem euro­päi­schen Land wel­che For­ma­tio­nen mit wel­chem poli­ti­schen Hin­ter­grund und Stil zu Wah­len antre­ten, wel­che Erfol­ge in den letz­ten Jah­ren erzielt wer­den konn­ten oder wel­che Grün­de dafür sor­gen, daß eine rele­van­te Rech­te gar nicht erst ent­ste­hen kann.

Frank­reich

Für Frank­reich war das Jahr 2002 eine Zäsur. Jean-Marie Le Pen, der Grün­der und Motor des Front Natio­nal (FN), kan­di­dier­te zur Prä­si­dent­schafts­wahl gegen mehr als ein Dut­zend Kan­di­da­ten. Er erreich­te – knapp hin­ter Jac­ques Chi­rac – fast 17 Pro­zent der Stim­men. In der Stich­wahl mobi­li­sier­ten alle Par­tei­en unge­ach­tet der poli­ti­schen Her­kunft gegen den FN-Kandidaten.

Le Pen unter­lag deut­lich und erziel­te nur 17,8 Pro­zent­punk­te. Bereits damals, im April 2002, warb die Anti-FN-Ein­heits­fron­de von Trotz­kis­ten bis zu Christ­lich-Kon­ser­va­ti­ven mit Sprü­chen wie »Bes­ser eine Bana­nen­re­pu­blik als ein faschis­ti­sches Frank­reich«. Die in die­sem Sin­ne mal banal, mal kom­ple­xer auf­recht­erhal­te­ne Dicho­to­mie »Gut« gegen »Böse« war und ist dezi­diert vor­ge­ge­ben in der Tra­di­ti­on der Fran­zö­si­schen Fünf­ten Repu­blik, die den FN als bereits 1972 gegrün­de­te Rechts­par­tei ein­fach nicht los wird.

Dabei war die Par­tei nicht von Beginn an ein »Trend­set­ter des Rechts­po­pu­lis­mus« (Flo­ri­an Hart­leb), son­dern war in den ers­ten Jah­ren nur eine Samm­lung von unter­schied­li­chen Strö­mun­gen der kon­ser­va­ti­ven bis radi­ka­len Rech­ten. In den 1980er Jah­ren begann suk­zes­si­ve das Wachs­tum des FN, erleb­te in den 1990er Jah­ren ein Auf und Ab und mün­de­te 2002 in das Duell Le Pens mit Chi­rac. Die Zeit danach war für den FN schwie­rig. Rich­tungs­kämp­fe erschüt­ter­ten sei­ne Rei­hen, per­sön­li­che Que­re­len kamen hinzu.

Erst 2012 gelang dank einer umfas­sen- den Moder­ni­sie­rung – Außen­dar­stel­lung, inne­re Struk­tur, Pro­gram­ma­tik – ein Come­back. Unter Mari­ne Le Pen, der Toch­ter des »Patron« Jean-Marie, die seit 2011 die Geschi­cke der Par­tei lei­tet, wur­de alte Stär­ke erreicht bzw. über­trof­fen. Bei der Prä­si­dent­schafts­wahl von 2012 gelang Mari­ne Le Pen ein Ach­tungs­er­folg von 17,9 Pro­zent, sie kam aber nicht in die Stich­wahl. Noch wich­ti­ger als die­ses Wahl­er­geb­nis war aber die Arbeit vor Ort, in den Dör­fern, Gemein­den, Städ­ten, in den Départements.

Der FN lös­te sich von »alt­rech­ten« Zöp­fen und durch­brach – mit einem sozi­al­ori­en­tier­ten Patrio­tis­mus nach innen und einem natio­na­len Sou­ve­rä­nis­mus nach außen – den klas­si­schen Cor­don sani­taire des Estab­lish­ments, ver­an­ker­te sich vor Ort als »greif­ba­re« Wahl­al­ter­na­ti­ve mit offe­nem Ohr und ent­kam so bei wei­ten Tei­len der Fran­zo­sen der Dämo­ni­sie­rung, für deren vor­ma­li­ge Zemen­tie­rung Jean-Marie Le Pen ver­ant­wort­lich gemacht wurde.
Die­se erfolg­rei­chen Bemü­hun­gen um einen geläu­ter­ten Ruf kul­mi­nier­ten am 23. April 2017 im Prä­si­dent­schafts­wahl­er­geb­nis der Spit­zen­kan­di­da­tin Mari­ne Le Pen: Sie erziel­te 21,3 Pro­zent der Stim­men und muß­te sich damit nur dem Wirt­schafts­li­be­ra­len Emma­nu­el Macron geschla­gen geben, der auf 24 Pro­zent der Stim­men kam. Die auf den ers­ten Wahl­gang fol­gen­de Mas­sen­mo­bi­li­sie­rung des gesam­ten poli­ti­schen Spek­trums links des FN – wie bei Le Pen seni­or 2002 reich­te es von Trotz­kis­ten bis zu Christ­lich-Kon­ser­va­ti­ven – war bei­spiel­los; im Netz kur­sier­te ein Foto aus einem Kiosk, wo etwa 15 Zeit­schrif­ten und Maga­zi­ne aus­la­gen – sie alle, so unter­schied­li­cher Façon sie auch waren, zeig­ten den Le-Pen-Geg­ner Macron auf dem Titelblatt.

Das Stich­wahl­er­geb­nis (33,9 Pro­zent für Le Pen, 66,1 Pro­zent Macron) gab für die unmit­tel­bar fol­gen­den Par­la­ments­wah­len kei­nen Schwung: Der FN fiel auf die Kern­wäh­ler­schaft von etwa 13 Pro­zent zurück.
Neben dem Front Natio­nal exis­tie­ren meh­re­re klei­ne­re Grup­pie­run­gen rechts des FN, zumeist Abspal­tun­gen. Ihr Erfolg bei Wah­len beschränkt sich indes auf eini­ge weni­ge loka­le Hoch­bur­gen im Süden Frank­reichs. (BK)

Griechenland

Als im Janu­ar 2015 bei den Wah­len im kri­sen­ge­beu­tel­ten Grie­chen­land zur stärks­ten Par­tei eine lin­ke Samm­lungs­be­we­gung wur­de – Syri­za (»Koali­ti­on der radi­ka­len Lin­ken«) – und die eta­blier­ten Kon­ser­va­ti­ven und Sozi­al­de­mo­kra­ten – die poli­ti­sche »Kas­te« in der spa­ni­schen Pode­mos-Ter­mi­no­lo­gie – auf­grund ihrer EU-Loya­li­tät als Koope­ra­ti­ons­part­ner aus­schie­den, blick­te der Syri­za-Chef Alexis Tsi­pras nach rechts und koalier­te von nun an mit den Unab­hän­gi­gen Grie­chen (Anel), die in den letz­ten Jah­ren bei den wie­der­hol­ten Urnen­gän­gen zwi­schen 3,7 und 10,6 Pro­zent erobert hatten.

Die Unab­hän­gi­gen Grie­chen regie­ren nach wie vor mit Syri­za, und es bleibt fest­zu­hal­ten: Anel ist eine dezi­diert rech­te Par­tei. Ihre Agen­da ist natio­na­lis­tisch bis chau­vi­nis­tisch (in bezug auf Deutsch­land oder die Tür­kei), wirt­schafts­po­li­tisch pro­tek­tio­nis­tisch und  gesell­schafts­po­li­tisch  kon­ser­va­tiv. Die Agi­ta­ti­on von Anel rich­tet sich dabei ins­be­son­de­re gegen »die da oben« in Form der Kon­ser­va­ti­ven und Sozi­al­de­mo­kra­ten, gegen »die in Brüs­sel« in Form der EU-Nomen­kla­tu­ra und gegen jene Tei­le der grie­chi­schen Medi­en­land­schaft, denen vor­ge­wor­fen wur­de, die Ängs­te und Sor­gen des ein­fa­chen Vol­kes zu ver­schlei­ern, wäh­rend den Kon­ser­va­ti­ven und Sozi­al­de­mo­kra­ten nach dem Mund gere­det wor­den sei.

Die anfangs ange­nom­me­ne anti­ka­pi­ta­lis­ti­sche Schlag­sei­te wird häu­fig von einer deutsch­land­feind­li­chen Grund­stim­mung über­la­gert, die in der Geschich­te wur­zelt. Gewis­ser­ma­ßen erscheint der ewi­ge Deut­sche als Aus­beu­ter Grie­chen­lands von 1941 – dem Zeit­punkt des Angriffs Hit­ler-Deutsch­lands – bis heu­te – in Form von Schäub­le und der Austeritätspolitik.

Rechts von Anel steht Chry­si Avgi – die Gol­de­ne Mor­gen­rö­te. Die Par­tei ver­tritt rech­te, bis­wei­len neo­fa­schis­ti­sche, vor allem aber auch neo­na­tio­nal­so­zia­lis­ti­sche Stand­punk­te.  Trotz die­ser Tat­sa­che hält sich die Gol­de­ne Mor­gen­rö­te mit etwa sie­ben Pro­zent Stamm­wäh­ler­schaft im grie­chi­schen Par­la­ment; 2014 erhielt man zudem über neun Pro­zent der grie­chi­schen Stim­men bei der Euro­pa­wahl und sand­te drei Ver­tre­ter ins Euro­pa­par­la­ment. Die Par­tei ist nicht, wie Anel, »klein­bür­ger­lich« geprägt, son­dern rekru­tiert sich ins­be­son­de­re aus mili­tan­ten Rechts­struk­tu­ren und  (teil­wei­se  ehe­ma­li­gen) Poli­zis­ten und Mili­tärs. Dane­ben wirbt die Par­tei unter Aus­lands­grie­chen, vor allem auch in den USA, Kana­da und in den west­eu­ro­päi­schen Län­dern. (BK)

Niederlande, mit Ausblick auf Belgien

Wie in Frank­reich, war auch für die Rech­te in den Nie­der­lan­den das Jahr 2002 eine par­tei­po­li­ti­sche Zäsur. Pim For­tuyn, Spit­zen­kan­di­dat sei­ner eige­nen islam­kri­ti­schen, pro­west­li­chen und wirt­schafts­li­be­ra­len Platt­form, wur­de von lin­ken Medi­en zunächst als »Ras­sist« dämo­ni­siert und dann im Mai des Jah­res von einem links­ex­tre­men Ter­ro­ris­ten ermor­det. Die  Anhän­ger For­tuyns for­mier­ten sich neu als Lis­te Pim For­tuyn (LPF) und erziel­ten in einem geschock­ten Land 17 Pro­zent. Die LPF zer­stritt sich und zer­fiel ohne  ihren  cha­ris­ma­ti­schen  Grün­der rasch.

Vier Jah­re nach dem Tod For­tuyns wur­de von Geert Wil­ders die Par­tei für die Frei­heit (PVV) gegrün­det. Da die Nie­der­lan­de kein Par­tei­en­gesetz oder ähn­li­ches ken­nen, war es ihm mög­lich, die Par­tei so auf­zu­stel­len, daß nur er allein sowie die eben­falls gegrün­de­te Par­tei­stif­tung Mit­glied wer­den konn­te. Aus dem Stand erziel­te der markt­li­be­ra­le Islam­kri­ti­ker fast sechs Pro­zent der Stim­men. Sein sym­bio­ti­sches Ver­hält­nis zu den Medi­en half ihm, die Stel­lung sei­ner Ein-Mann-Par­tei aus­zu­bau­en; 2010 erziel­te er bereits 15,5 Pro­zent und wirk­te prompt als Stüt­ze für eine Min­der­heits­re­gie­rung – ein Umstand, der dem als Geg­ner des Estab­lish­ments ange­tre­te­nen Wil­ders scha­de­te. Zwei Jah­re spä­ter, als die Koali­ti­on zer­brach, fiel er fol­ge­rich­tig auf zehn Pro­zent der Stim­men. Im März 2017 konn­te Wil­ders wie­der zule­gen; die erreich­ten 13 Pro­zent blie­ben aber deut­lich unter den eige­nen (und geg­ne­ri­schen) Erwartungen.

Im Ver­gleich zum Front  Natio­nal  aus Frank­reich ist die PVV eine Par­tei gänz­lich ande­ren Typs. Bei Wil­ders steht nicht »das Volk« im Fokus. Er argu­men­tiert nicht per se gegen das media­le und poli­ti­sche Estab­lish­ment, dem er selbst ent­stammt, lehnt in kei­nem Fall wirt­schaft­li­che (er ist markt­li­be­ral), außen­po­li­ti­sche (er ist erklär­ter Anhän­ger der NATO) oder per­mis­si­ve gesell­schaft­li­che  Grund­bau­stei­ne  der nie­der­län­di­schen Poli­tik ab.

Gemein­sam mit lin­ken Par­tei­en sorg­te er bei­spiels­wei­se dafür, homo­se­xu­el­len Paa­ren die gemein­sa­me »Ehe«- Schlie­ßung zu erleich­tern, spricht sich zudem wei­ter­hin für die offe­ne und »bun­te« Gesell­schaft aus. Alles, was Wil­ders als »rechts« erschei­nen läßt, ist die kon­stan­te Nega­tiv­fi­xie­rung auf den Islam (und sei­ne meist marok­ka­ni­schen Gläu­bi­gen in den Nie­der­lan­den), den er als »Tota­li­ta­ris­mus des 21. Jahr­hun­derts« bezeich­net, sowie die Ableh­nung der Brüs­se­ler Büro­kra­tie, die wie­der­um daher rührt, daß die EU zu islam­freund­lich agie­re. Wil­ders ver­spricht, die Unzu­frie­den­heit vie­ler Nie­der­län­der zu kurie­ren, indem er die Isla­mi­sie­rung stoppt, aber ansons­ten alles – Mul­ti­kul­ti, offe­ne Gesell­schaft, Trans­at­lan­tis­mus etc. – beim alten beläßt.

Den­noch wird Wil­ders von lin­ken Medi­en als »Rechts­po­pu­list« dar­ge­stellt, und im Inland und Aus­land wird er von den Geg­nern des Alt­par­tei­en­kar­tells als einer der ihren wahr­ge­nom­men (so auch von Tei­len der AfD). Gleich­zei­tig aber bleibt der Ansatz Wil­ders’ deut­lich hin­ter den Mög­lich­kei­ten (und Wahl­er­geb­nis­sen!) zurück, die bei­spiels­wei­se der fran­zö­si­sche Front Natio­nal mit sei­nem an eine Welt­an­schau­ung und an brei­te Schich­ten des Vol­kes rück­ge­bun­de­nen sozi­al­ori­en­tier­ten »Rechts­po­pu­lis­mus« erreicht (der mehr als nur ein ein­zi­ges The­ma kennt).

Auch bei den bel­gi­schen Nach­barn von Wil­ders sieht es anders aus. Der Vlaams Belang (VB) ist kei­ne genu­in rechts­po­pu­lis­ti­sche, son­dern eher eine tra­di­tio­nel­le Rechts­par­tei mit moder­nen Stil­ele­men­ten. Ein unab­hän­gi­ges Flan­dern ist das pri­mä­re Ziel, Mas­sen­ein­wan­de­rung wird als bedroh­lich abge­lehnt. Als sepa­ra­tis­ti­sche Klein­par­tei, die der­zeit bel­gi­en­weit nur 3,7 Pro­zent und in ihrer Stamm­re­gi­on Flan­dern nur rund sechs Pro­zent der Stim­men errei­chen kann, ist sie zwar fest in den kul­tu­rel­len und poli­ti­schen Sphä­ren der Fla­men ver­wur­zelt, aber kein Erfolgs­mo­dell. Die Hoch­zeit der par­tei­po­li­ti­schen Rech­ten in Flan­dern ist einst­wei­len vor­bei, im wal­lo­ni­schen Teil Bel­gi­ens sogar nie erreicht wor­den. (BK)

Spa­ni­en

In Spa­ni­en (wie auch in Por­tu­gal) kommt die poli­ti­sche Rech­te nicht in Fahrt. Trotz per­p­etu­ier­ter öko­no­mi­scher Kri­sen­la­ge und Jugend­ar­beits­lo­sig­keits­zah­len, die längst die 25 Pro­zent über­stei­gen, kön­nen rech­te Kräf­te die­se Unzu­frie­den­heit nicht kana­li­sie­ren. Die libe­ral­kon­ser­va­ti­ve Regie­rungs­par­tei Par­ti­do Popu­lar (PP) beher­bergt zwar alt­fran­quis­ti­sche Über­bleib­sel und katho­li­sche Rech­te; die­se sind aber mar­gi­na­li­siert und ohne rele­van­te Einflußmöglichkeiten.

Wei­ter rechts gibt es kei­ne lan­des­weit akti­ve Par­tei. In den ein­zel­nen Regio­nen, vor allem im Bas­ken­land und in Kata­lo­ni­en, gibt es ver­schie­de­ne bür­ger­lich-natio­na­lis­ti­sche Grup­pen, deren the­ma­ti­sche Fokus­sie­rung sich aber meist auf die The­men Auto­no­mie, Sepa­ra­tis­mus und Islam­kri­tik beschränkt. Die radi­ka­le Rech­te um ver­schie­de­ne Falan­ge-Nach­fol­ge­grup­pen kann sel­ten Ergeb­nis­se über dem Pro­mil­le­be­reich erzie­len, wes­halb sich die poli­tisch akti­ve Jugend ande­re, fast aus­schließ­lich außer­par­la­men­ta­ri- sche Betä­ti­gungs­fel­der sucht.

Das Gros der poli­tisch reg­sa­men spa­ni­schen Jugend wen­det sich jedoch einer Par­tei zu, die gera­de kei­ne »Par­tei« im klas­si­schen Sin­ne dar­stel­len möch­te und durch­aus »rech­te« Ele­men­te absor­biert. Die eigent­lich »links­po­pu­li­ti­sche« For­ma­ti­on Pode­mos (»Wir kön­nen«) ist ein Pro­dukt der euro­päi­schen im all­ge­mei­nen und der spa­ni­schen Finanz- und Wirt­schafts­kri­se im beson­de­ren. Ent­stan­den erst im Früh­jahr 2014, lie­gen die Wur­zeln von Pode­mos in den Kri­sen­jah­ren 2011 /2012, als die außer­par­la­men­ta­ri­sche Bewe­gung der Indi­gna­dos (»Empör­te«) vor allem jugend­li­chen Pro­test gegen Regie­rungs­kon­ser­va­ti­ve und Sozi­al­de­mo­kra­ten auf die Stra­ßen trug.

Pablo Igle­si­as, heu­te Gene­ral­se­kre­tär von Pode­mos, zog aus den Mas­sen­pro­tes­ten die Schluß­fol­ge­rung, daß auf das außer­par­la­men­ta­ri­sche Spiel­bein nun ein par­la­men­ta­ri­sches Stand­bein zu fol­gen habe. Pode­mos über­win­det die klas­si­sche Links-Rechts-Dicho­to­mie und setzt bewußt auf volks­na­he, auf popu­lis­ti­sche Theo­rie und Pra­xis. Igle­si­as und Co. ver­tre­ten zuge­spitz­te Posi­tio­nen in bezug auf die »Kas­te« der Poli­ti­ker und die ihnen tat­säch­lich oder ver­meint­lich höri­gen Jour­na­lis­ten: Dort wer­de abge­ho­ben vom »Volk« agiert, und die­ser Kom­plex sei durch Kor­rup­ti­on und Klep­to­kra­tie gekenn­zeich­net. Der Begriff der »Kas­te« ist dabei ele­men­ta­rer Bestand­teil der Pode­mos- Ver­laut­ba­run­gen; er wirkt inte­grie­rend auf Unzu­frie­de­ne jeder Cou­leur und jeder gesell­schaft­li­chen Schicht.

Ini­go  Erre­jon,  Poli­tik­wis­sen­schaft­ler  und »Num­mer zwei« von Pode­mos nach Igle­si­as, ist ver­ant­wort­lich für die Wahl­kampf­stra­te­gien der lin­ken Popu­lis­ten; er beruft sich dabei direkt auf Ernes­to Laclau und Chan­tal Mouf­fe (vgl. Sezes- sion 79). Zudem inte­griert Pode­mos posi­ti­ve Bezug­nah­men auf Patrio­tis­mus und Vater­land in das moder­ne lin­ke Pro­gramm. Damit eckt man aber im wei­te­ren lin­ken Spek­trum durch­aus an und sorgt für Aus­fran­sun­gen am lin­ken Rand, wo man die Gefahr sieht, die Unzu­frie­den­heit »rechts« auf­zu­la­den. Die popu­lis­ti­sche Tak­tik des Bezugs auf die Gepei­nig­ten des aktu­el­len Zustan­des der poli­ti­schen und öko­no­mi­schen Ver­hält­nis­se gegen die olig­ar­chi­sche »Kas­te« als kon­kre­tem Geg­ner hat sich bis dato jedoch bewährt: Ende 2015 erreich­te man bei den Par­la­ments­wah­len 20,6 Pro­zent der Stim­men und bewies, daß das spa­ni­sche Zwei­par­tei­en­re­gi­ment der Ver­gan­gen­heit ange­hö­ren könnte.

Solan­ge also die poli­ti­sche Rech­te in Spa­ni­en mit dem Main­stream­kon­ser­va­tis­mus des PP und der Zer­split­te­rung der »alten« Rech­ten ver­bun­den wird, kann Pode­mos der­ar­ti­ge Wider­sprü­che aus­hal­ten und wei­ter dar­an arbei­ten, die Gren­zen zwi­schen Links und Rechts zuguns­ten eines »popu­la­ren« Pro­gramms zu ver­wi­schen. (BK)

Tsche­chi­en

In Tsche­chi­en gibt es kei­ne Rechts­par­tei mit Erfolgs­aus­sich­ten.  Die  Deˇl­nická  stra­na  sociální spra­ve­dlnos­ti (DSSS; Arbei­ter­par­tei der sozia­len Gerech­tig­keit) ist eine radi­kal rech­te Split­ter­par­tei. Es hat sich gezeigt, daß ihre unum­strit­te­ne und bewuß­te Ver­an­ke­rung im mar­gi­na­li­sier­ten alt­rech­ten Lager der Tsche­chi­schen Repu­blik jedes Wachs­tum über die­ses Spek­trum hin­aus – auch auf­grund der his­to­ri­schen Situa­ti­on des Lan­des – unmög­lich macht. Ein­zel­ne loka­le Wahl­er­fol­ge in der böh­mi­schen Peri­phe­rie konn­ten dar­an nichts ändern.

Jen­seits der DSSS steht mit Andrej Babiš ein Poli­ti­ker vom Typ Sil­vio Ber­lus­co­nis im Ram­pen­licht der Öffent­lich­keit. Babiš gilt man­chen Medi­en als »Rech­ter«; bekannt ist er aber vor allem als zweit­reichs­ter Mann des Lan­des. Der Eigen­tü­mer meh­re­rer Tages­zei­tun­gen grün­de­te 2011 /12 die Par­tei ANO (Ano heißt einer­seits auf tsche­chisch »Ja« und steht ande­rer­seits für »Akti­on unzu­frie­de­ner Bür­ger«) und ist Finanz­mi­nis­ter in Prag. 2013 erreich­te er mit ANO prompt 18,65 Pro­zent der Wäh­ler­stim­men bei der Abge­ord­ne­ten­haus­wahl, bevor man 2016 bei den Regio­nal­wah­len mit 21 Pro­zent sogar stärks­te Kraft Tsche­chi­ens wurde.

Babiš’ Agi­ta­ti­on rich­tet sich gegen »die« poli­ti­sche Klas­se, gegen die »alten« Par­tei­en und für einen schlan­ken Staat samt schlan­ker  Ver­wal­tung.  Die  Vor­wür­fe, Babiš habe sich die Wahl­for­ma­ti­on geschaf­fen, um den Reich­tum sei­ner Hol­dings wei­ter zu meh­ren, kön­nen bis heu­te nicht zwei­fels­frei bestä­tigt wer­den, ste­hen aber im Raum. Fest steht zudem, daß Babiš auf­grund von Steu­er­be­trugs­vor­wür­fen von sei­nem Amt zurück­ge­tre­ten ist und Ende Okto­ber 2017 vor­ge­zo­ge­ne Neu­wah­len statt­fin­den wer­den. Posi­ti­ve Bezug­nah­men auf Hei­mat, Tra­di­ti­on und sozia­le Ver­ant­wor­tung sind in Tsche­chi­en par­tei­über­grei­fend vor­han­den; auch dadurch wird die Ent­ste­hung einer dezi­diert rech­ten Par­tei deut­lich erschwert. (BK)

Slo­wa­kei

In der Slo­wa­kei ver­hält sich die Lage ein wenig anders. Gleich zwei rela­tiv erfolg­rei­che Rechts­par­tei­en kon­kur­rie­ren in Bra­tis­la­va um Stim­men. Die Slo­vens­ká národ­ná stra­na (SNS, Slo­wa­ki­sche Natio­nal­par­tei) ist eine christ­lich-natio­nal­kon­ser­va­ti­ve Par­tei mit sozia­ler Aus­rich­tung. Die Národ­nia­ri erziel­ten zuletzt bei den 2016er Wah­len über 8,5 Pro­zent der abge­ge­be­nen Stimmen.

Die dar­auf­hin ent­sand­ten 15 Abge­ord­ne­ten koalier­ten unter dem sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Pre­mier Robert Fico mit des­sen links­pa­trio­ti­scher Par­tei sowie mit der christ­de­mo­kra­ti­schen Ver­tre­tung der unga­ri­schen Min­der­heit. Erst im August 2017 wur­de die­se Drei- Par­tei­en-Koali­ti­on durch die SNS auf­ge­kün­digt; es geht, wie Beob­ach­ter ver­mu­ten, vor allem um koali­ti­ons­in­ter­ne Ver­tei­lungs­kämp­fe (Stel­len und EU-För­der­mit­tel). Rechts der tra­di­ti­ons­rei­chen SNS steht die erst 2010 gegrün­de­te Par­tei Kot­le­ba – L’udová Stra­na Naše Slo­vens­ko (LSNS, Volks­par­tei Unse­re Slo­wa­kei). Die Anhän­ger der LSNS ste­hen für einen radi­kal­na­tio­na­lis­ti­schen Kurs bei Beto­nung der sozia­len und christ­li­chen Ver­or­tung der slo­wa­ki­schen Nation.

2012 kam die LSNS ledig­lich auf 1,58 Pro­zent und blieb iso­liert. Bei den Regio­nal­wah­len im  Novem­ber des fol­gen­den Jah­res wur­de Par­tei­chef Mari­an Kot­le­ba in der Stich­wahl gegen einen Sozi­al­de­mo­kra­ten zum Regio­nal­prä­si­den­ten sei­nes »Land­schafts­ver­bands« (ähn­lich  dem Bun­des­land in Deutsch­land) in der Mit­tel­slo­wa­kei gewählt.

Erst nach die­sem Wahl­er­folg erfuhr die Par­tei weit­rei­chen­de media­le Auf­merk­sam­keit; sie for­cier­te ihren zuwan­de­rungs­geg­ne­ri­schen, natio­nal­so­zia­len Kurs.  Trotz  ent­spre­chen­der Skan­da­li­sie­rung durch euro­päi­sche Medi­en erreich­ten die Kot­le­bo­v­ci bei den Natio­nal­rats­wah­len von 2016 einen Stim­men­an­teil von acht Pro­zent; neben den 15 Abge­ord­ne­ten der rechts­kon­ser­va­ti­ven SNS sind seit­dem auch 14 Man­dats­trä­ger der radi­kal rech­ten LSNS im (ins­ge­samt 150 Per­so­nen umfas­sen­den) slo­wa­ki­schen Par­la­ment ver­tre­ten. Außer­dem – in der Slo­wa­kei ist der angeb­li­che euro­päi­sche »Rechts­ruck« tat­säch­lich zu spü­ren – sit­zen mit den 16 Abge­ord­ne­ten der Oby­cˇa­jní L’udia a nezá­vis­lé osob- nos­ti (OLANO, Gewöhn­li­che Leu­te und unab­hän­gi­ge Per­so­nen) als »rechts­po­pu­lis­tisch« gel­ten­de Par­la­men­ta­ri­er im Natio­nal­rat. OLANO kann inhalt­lich dabei am ehes­ten mit der liber­tär- bis libe­ral­kon­ser­va­ti­ven Bernd-Lucke-Par­tei Libe­ral­kon­ser­va­ti­ve Refor­mer (LKR, ehe­dem Alfa) ver­gli­chen wer­den. (BK)

Grossbritannien

Die Anfän­ge dezi­diert rech­ter bri­ti­scher Nach­kriegs­par­tei­en rei­chen zurück bis ins Jahr 1954, als der ehe­ma­li­ge Funk­tio­när der 1940 ver­bo­te­nen Bri­tish Uni­on of Fascists Arthur K. Ches­ter­ton (ein Groß­cou­sin des Schrift­stel­lers Gil­bert Ches­ter­ton) die Lob­by­grup­pe League of Empi­re Loya­lists (LEL) gründete.

Ihr Haupt­an­lie­gen war die »Ret­tung« des bri­ti­schen Welt­reichs vor sei­ner Nivel­lie­rung im Ange­sicht des begin­nen­den Kal­ten Kriegs zwi­schen Sowjet­uni­on und Ver­ei­nig­ten Staa­ten. Die LEL ver­ein­te tra­di­tio­na­lis­ti­sche Kon­ser­va­ti­ve und radi­ka­le jün­ge­re Akti­vis­ten, beschränk­te sich jedoch auf außer­par­la­men­ta­ri­sche Agi­ta­ti­on und kam selbst in ihren Hoch­zei­ten Ende der 1950er nicht über ca. 3000 Mit­glie­der hinaus.

Mit aus­blei­ben­dem poli­ti­schen Erfolg und star­kem Mit­glie­der­schwund durch meh­re­re (kurz­le­bi­ge) radi­ka­le­re Abspal­tun­gen kon­fron­tiert, ver­schmolz  Ches­ter­ton die LEL 1967 mit der 1960 gegrün­de­ten »ers­ten« Bri­tish Natio­nal Par­ty zur noch heu­te bestehen­den, nur wei­ße Bri­ten auf­neh­men­den und radi­kal auf­tre­ten­den Natio­nal Front (NF), die es Mit­te der 1970er auf schät­zungs­wei­se 19000 Mit­glie­der brach­te und heu­te mar­gi­na­li­siert ist.

Die heu­ti­ge Bri­tish Natio­nal Par­ty (BNP) ent­stand ihrer­seits 1982 als Fusi­on einer Abspal­tung von der Natio­nal Front mit meh­re­ren rechts­ra­di­ka­len Split­ter­grup­pen. Lan­ge mach­te die Par­tei vor allem durch pro­vo­kan­te öffent­li­che Auf­mär­sche und Mas­sen­schlä­ge­rei­en mit lin­ken Gegen­de­mons­tran­ten von sich reden. Ab Mit­te der 1990er gewan­nen  »Moder­ni­sie­rer« an Ein­fluß inner­halb der BNP, die den bis­he­ri­gen Radi­ka­lis­mus zuguns­ten eines Rechts­po­pu­lis­mus nach öster­rei­chi­schem und fran­zö­si­schem Vor­bild ver­wer­fen woll­ten; mit der Wahl Nick Grif­fins zum neu­en Par­tei­chef 1997 wur­den ihre For­de­run­gen zur offi­zi­el­len Linie.

Grif­fin ver­warf den bio­lo­gi­schen Ras­sis­mus sei­nes Vor­gän­gers, wand­te sich einer eth­nop­lu­ra­lis­ti­schen und anti­is­la­mi­schen Agen­da zu und ermu­tig­te die Par­tei­mit­glie­der zu sozia­lem Enga­ge­ment. Größ­ter Pau­ken­schlag war die Errin­gung zwei­er Sit­ze im EU-Par­la­ment mit fast einer Mil­li­on Stim­men 2009, was für erheb­li­ches Auf­se­hen sorg­te. Ver­gleich­ba­re Erfol­ge sind seit­her nicht mehr gelun­gen, wofür die BNP- Füh­rung vor allem die UK Inde­pen­dence Par­ty (UKIP) ver­ant­wort­lich macht, wel­che ihr The­men, Stand­punk­te und Wäh­ler­gunst »gestoh­len« habe. (NW)

Ungarn

Als »ers­te« post­kom­mu­nis­ti­sche Par­tei Ungarns grün­de­te sich 1988 noch vor dem Zusam­men­bruch des Ost­blocks der Fia­tal Demo­kra­ták Szö- vet­sé­ge (»Bund Jun­ger Demo­kra­ten«, kurz Fidesz) als radi­ka­le, akti­vis­ti­sche Par­tei der jun­gen Genera­ti­on; einer der Grün­der war der heu­ti­ge unga­ri­sche Minis­ter­prä­si­dent Vik­tor Orbán. Seit 1990 ist Fidesz im unga­ri­schen Par­la­ment ver­tre­ten, nahm 1996 den Namens­zu­satz Magyar Pol- gári Párt (»Unga­ri­sche Bür­ger­li­che Par­tei«) an und ver­tritt einen mil­de popu­lis­ti­schen, natio­nal­kon­ser­va­ti­ven Kurs. 1998 bis 2002 stell­te Fidesz in Koali­ti­on mit der Bau­ern­par­tei erst­mals die Regie­rung unter Vik­tor Orbán; 2004 konn­te die Par­tei einen Erfolg bei der Euro­pa­wahl ein­fah­ren. Seit 2010 stellt Fidesz in Koali­ti­on mit der Christ­lich-Demo­kra­ti­schen Volks­par­tei wie­der­um die unga­ri­sche Regierung.

Anfang 2015 aller­dings muß­te Orbán einen schwe­ren Ver­trau­ens­ver­lust hin­neh­men, nach­dem einer sei­ner Für­spre­cher Anfang 2015 an die Medi­en durch­ge­sto­chen hat­te, daß es sich bei der bür­ger­lich-wert­kon­ser­va­ti­ven, auf Gott, Nati­on und Fami­lie fokus­sier­ten Agen­da (»pol- gári Magyaror­szág«) des Minis­ter­prä­si­den­ten ledig­lich um ein sorg­fäl­tig for­mu­lier­tes Lip­pen­be­kennt­nis han­de­le, um das  Wäh­ler­po­ten­ti­al der Mit­tel­schicht abzu­schöp­fen. Ent­setz­te, sich ver­ra­ten füh­len­de Unter­stüt­zer wan­der­ten dar­auf­hin zur 2003 gegrün­de­ten, rechts­ra­di­ka­len ehe­ma­li­gen Stu­den­ten­par­tei Job­bik Magyaror- szá­gért Mozga­lom (»Bewe­gung für ein bes­se­res Ungarn«, kurz Job­bik) ab, die zuletzt 2009 durch das Ver­bot ihrer para­mi­li­tä­ri­schen Par- tei­mi­liz »Unga­ri­sche Gar­de« für Auf­se­hen gesorgt hatte.

Job­bik sieht sich durch die­sen Sym­pa­thie­zu­wachs deut­lich gestärkt; die nächs­ten unga­ri­schen Par­la­ments­wah­len  ste­hen  aller­dings erst 2018 an und wer­den zei­gen, wie­viel Unter­stüt­zung die 2015er Affä­re die eta­blier­te Fidesz tat­säch­lich gekos­tet hat.

2013 grün­de­ten eini­ge ehe­ma­li­ge Job­bik- Mit­glie­der nach Vor­bild der grie­chi­schen Chry­si Avgi die Par­tei Magyar Haj­nal (»Unga­ri­sche Mor­gen­rö­te«), um einen radi­ka­le­ren und völ­kisch-natio­na­lis­ti­schen Kurs zu fah­ren. Sie ist gegen­wär­tig jedoch ähn­lich bedeu­tungs­los wie die »tra­di­tio­nell« rechts­ex­tre­me Magyar Igaz- ság és Élet Párt­ja (»Unga­ri­sche Wahr­heits- und Lebens­par­tei«), die von 1998 bis 2002 mit fünf Sit­zen im Par­la­ment ver­tre­ten war und u. a. eine Wie­der­errich­tung Großun­garns durch Revi­si­on des Tria­non-Ver­trags von 1920 anstrebt. (NW)

Ita­li­en

Nach dem Nie­der­gang der 1946 gegrün­de­ten post­fa­schis­ti­schen Samm­lungs­par­tei Movi­men­to Socia­le Ita­lia­no (»Ita­lie­ni­sche Sozi­al­be­we­gung«, kurz MSI), die vor allem auf regio­na­ler Ebe­ne Erfol­ge ver­buch­te sowie vor­über­ge­hend ins Euro­pa­par­la­ment ein­zie­hen konn­te und 1995 unter zahl­rei­chen Abspal­tun­gen in der gemä­ßig­te­ren, natio­nal­kon­ser­va­ti­ven Alle­an­za Nazio­na­le (»Natio­na­le Alli­anz«) auf­ging, war die poli­ti­sche Rech­te in Ita­li­en lan­ge Zeit von einer Viel­zahl unter­schied­lich radi­ka­ler Klein- und Kleinst­par­tei­en geprägt.

1994 aller­dings hat­te der Unter­neh­mer Sil­vio Ber­lus­co­ni die Par­tei For­za Ita­lia (etwa »Vor­wärts, Ita­li­en!«) gegrün­det, die den Popu­lis­mus nach Ita­li­en brach­te und sich für das gesam­te Mit­te-Rechts-Spek­trum offen prä­sen­tier­te. Bei den Wah­len im sel­ben Jahr wur­de die For­za Ita­lia aus dem Stand stärks­te Kraft im Par­la­ment und schloß sich mit meh­re­ren rechts­kon­ser­va­ti­ven Neu­grün­dun­gen zu einem Wahl­bünd­nis zusam­men, das 1994 –1996, 2001 –2006 und ab 2008 jeweils unter Ber­lus­co­ni die Par­la­ments­mehr­heit und Regie­rung stell­te. Der­zeit ist sie vor allem im EU-Par­la­ment ver­tre­ten, wäh­rend sie im ita­lie­ni­schen Senat und Par­la­ment nur klei­ne Frak­tio­nen bildet.

Die 1989 gegrün­de­te und unter regio­na­lis­ti­scher Flag­ge viel­fäl­ti­ge poli­ti­sche Flü­gel ver­ei­nen­de Lega Nord per l’indipidenza del­la Pa- dania (»Liga Nord für die Unab­hän­gig­keit Pada­ni­ens«, kurz Lega Nord) tritt  ins­be­son­de­re für eine tief­grei­fen­de Föde­ra­li­sie­rung und »Devo­lu­ti­on« Ita­li­ens ein, die dem wirt­schafts­star­ken Nor­den des Lan­des zugu­te kom­men soll; von 1996 bis 2006 ver­focht sie eine offen sezes­sio­nis­ti­sche Poli­tik, in deren Rah­men die Repu­blik in die Makro­re­gio­nen Pada­ni­en (Nor­den), Etru­ri­en (Mit­te) und Aus­o­nia (Süden) auf­ge­spal­ten wer­den soll­te. Vor­den­ker hier­bei war der Poli­tik­wis­sen­schaft­ler Gian­fran­co Miglio, ein Epi­go­ne Max Webers und Carl  Schmitts.

Ab 2000 unter­warf sich die Lega dem Mit­te- Rechts-Bünd­nis Ber­lus­co­nis,  der  sie  zwang, ihre Abspal­tungs­rhe­to­rik zurück­zu­fah­ren. Die Lega Nord ist seit ihrer Grün­dung durch­gän­gig in Par­la­ment und Senat ver­tre­ten, wobei ihre Hoch­zeit in den frü­hen 1990ern lag.

Radi­ka­le­re Rechts­par­tei­en sind nach wie vor viel­fäl­tig, klein und haben wenig Bedeu­tung. Dazu zäh­len u. a. La Des­tra (»Die Rech­te«), For­za Nuo­va (»Neue Kraft«) sowie die neo­fa­schis­ti­sche Fiam­ma  Tri­co­lo­re  (»Drei­far­bi­ge Flam­me«). Die Sozi­al­be­we­gung Casa­Pound Ita­lia (CPI; die »Faschis­ten des drit­ten Jahr­tau­sends«) ihrer­seits stellt seit 2011 eige­ne Kan­di­da­ten zu Kom­mu­nal- und Regio­nal­wah­len auf und hat­te bereits eini­ge Ach­tungs­er­fol­ge zu ver­zeich­nen. Ihr Ein­zug in das ita­lie­ni­sche Par­la­ment bei den nächs­ten Wah­len Anfang 2018 ist nicht aus­zu­schlie­ßen. (NW)

Österreich

Par­tein­eu­grün­dun­gen haben es in Öster­reich tra­di­tio­nell schwer: Das Drei­ge­stirn aus Sozi­al­de­mo­kra­ten (SPÖ), Christ­de­mo­kra­ten (ÖVP) und Frei­heit­li­chen  (FPÖ) hat  die  poli­ti­sche Land­schaft fest im Griff. Die FPÖ  ging  1955 aus dem erfolg­lo­sen Ver­band der Unab­hän­gi­gen (VdU) her­vor, der als Nach­kriegs­par­tei ehe­ma­li­ger Natio­nal­so­zia­lis­ten und rech­ter Bür­ger­li­cher die Errich­tung eines »Drit­ten Lagers« neben den bei­den klas­si­schen Volks­par­tei­en ange­strebt hatte.

Nach­dem ein Ver­mitt­lungs­ver­such zwi­schen radi­ka­len natio­na­lis­ti­schen und natio­nal­li­be­ra­len Ele­men­ten 1966 zur Abspal­tung der neo­na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen (und 1988 behörd­lich auf­ge­lös­ten) Natio­nal­de­mo­kra­ti­schen Par­tei (NDP) führ­te, waren lan­ge Zeit wei­ter­hin nur mäßi­ge Wahl­er­fol­ge zu ver­zeich­nen. Aus­ge­rech­net mit dem schlech­tes­ten Ergeb­nis ihrer Geschich­te (fünf Pro­zent) erlang­te die FPÖ nach den Natio­nal­rats­wah­len 1983 in einer Koali­ti­on mit der SPÖ erst­mals eine Regie­rungs­be­tei­li­gung, nach­dem sich auf dem Par­tei­tag 1980 der libe­ra­le Par­tei­flü­gel durch­ge­setzt hatte.

Die­se Koali­ti­on wur­de been­det, nach­dem 1986 Jörg Hai­der Par­tei­vor­sit­zen­der gewor­den war – Hai­der führ­te die Par­tei auf einen dezi­diert rechts­po­pu­lis­ti­schen Kurs, der neue Wäh­ler­po­ten­tia­le erschloß und einen mas­si­ven Auf­schwung ein­lei­te­te. 1999 wur­de die FPÖ zweit­stärks­te Par­tei im Natio­nal­rat, und im Fol­ge­jahr trat eine ÖVP-FPÖ-Koali­ti­ons­re­gie­rung an, was für einen euro­pa­wei­ten Auf­schrei und Sank­tio­nen der übri­gen EU-Staa­ten gegen Öster­reich führ­te. Inter­ne Que­re­len führ­ten jedoch zu vor­ge­zo­ge­nen Neu­wah­len, in denen die Par­tei nur noch zehn Pro­zent der Stim­men errin­gen konn­te und fort­an vom Koali­ti­ons­part­ner poli­tisch domi­niert wurde.

2005 trat die dama­li­ge Par­tei­spit­ze (dar­un­ter auch Hai­der) geschlos­sen aus der  FPÖ aus und grün­de­te das neo­li­be­ra­le und heu­te bedeu­tungs­lo­se Bünd­nis Zukunft Öster­reich (BZÖ). Neu­er  Par­tei­ob­mann wur­de Heinz- Chris­ti­an Stra­che, mit dem die FPÖ einen deut­lich aggres­si­ve­ren, anti­is­la­mi­schen Kurs ein­schlug und in der Oppo­si­ti­on neu erstar­ken konn­te: Die  vor­ge­zo­ge­nen  Natio­nal­rats­wah­len 2008 brach­ten den Frei­heit­li­chen wie­der 17,5 Pro­zent der Stim­men. Beson­ders stark ist die FPÖ seit­her in Land­tags- und Kom­mu­nal­rats­wah­len mit teil­wei­se mehr als 30 Pro­zent der Stim­men; Höhe­punkt ihrer  Ent­wick­lung ist die extrem knap­pe Nie­der­la­ge ihres Kan­di­da­ten Nor­bert Hofer gegen den von den Grü­nen auf­ge­stell­ten und von einem gesamt­ge­sell­schaft­li­chen »brei­ten Bünd­nis« unter­stütz­ten Kan­di­da­ten Alex­an­der Van der Bel­len bei der Bun­des­prä­si­den­ten­wahl 2016. (NW)

Schweiz

Die zwei­fel­los  bekann­tes­te und  erfolg­reichs­te rech­te Par­tei der Eid­ge­nos­sen­schaft ist die Schwei­ze­ri­sche Volks­par­tei (SVP), die sich auf fran­zö­sisch und ita­lie­nisch als »Demo­kra­ti­sche Uni­on der Mit­te« bezeich­net. Sie ent­stand 1971 aus dem Zusam­men­schluß von Demo­kra­ti­scher Par­tei und Bauern‑, Gewer­be- und Bür­ger­par­tei; seit ihrer Grün­dung ist sie durch­gän­gig in Natio­nal- und Stän­de­rat  ver­tre­ten und seit 2003 die sitz­stärks­te Par­tei im Par­la­ment. Die­ser Erfolg ist ins­be­son­de­re dem Unter­neh­mer Chris­toph Blo­cher zu ver­dan­ken, der ab Mit­te der 1980er die trei­ben­de  Kraft hin­ter der Wand­lung der SVP von einer vor­ran­gig deutsch­schwei­ze­risch-pro­tes­tan­ti­schen, mit­tel­stän­disch und bäu­er­lich gepräg­ten Par­tei hin zum gesamt­schwei­ze­ri­schen, kom­pro­miß­lo­sen Rechts­po­pu­lis­mus unter den Maxi­men unein­ge­schränk­ter natio­na­ler Sou­ve­rä­ni­tät,  Bünd­nis­frei­heit und kon­ser­va­ti­ver Gesell­schafts­aus­rich­tung war.

Deut­lichs­ter Aus­druck die­ser gewan­del­ten Rhe­to­rik war der Skan­dal um das soge­nann­te »Schäf­chen­pla­kat«, der im unmit­tel­ba­ren Vor­feld der Par­la­ments­wah­len 2007 für welt­wei­te Auf­merk­sam­keit und ers­te gemä­ßig­te Abspal­tun­gen sorg­te;  nichts­des­to­we­ni­ger ver­moch­te es die SVP, in jener Wahl ihr  bis heu­te erfolg­reichs­tes Wahl­er­geb­nis ein­zu­fah­ren. Gleich­wohl hat­te die öffent­li­che Kon­tro­ver­se für nach­hal­ti­ge par­tei­in­ter­ne Span­nun­gen gesorgt: Blo­cher wur­de noch im glei­chen Jahr über­ra­schend nicht in den Natio­nal­rat gewählt, und im Fol­ge­jahr ver­lie­ßen auf­grund fort­dau­ern­der Aus­ein­an­der­set­zun­gen teil­wei­se gan­ze Kan­to­nal­par­tei­en die SVP und kon­sti­tu­ier­ten sich als Bür­ger­lich-Demo­kra­ti­sche Par­tei neu. Erst­ma­li­ge Stim­men­ein­bu­ßen waren 2011 zu ver­zeich­nen; die SVP blieb jedoch lan­des­weit klar stärks­te Partei.

Des wei­te­ren exis­tie­ren klei­ne­re rech­te Par­tei­en. Die 1961 als »Natio­na­le Akti­on gegen Über­frem­dung von Volk und Hei­mat« gegrün­de­ten Schwei­zer Demo­kra­ten waren von 1967 an 40 Jah­re lang im Natio­nal­rat ver­tre­ten, ver­lo­ren in den 1990ern jedoch den Groß­teil ihrer Wäh­ler an die SVP und sind heu­te poli­tisch bedeu­tungs­los. Ein ähn­li­ches Schick­sal erlitt die 1975 gegrün­de­te, natio­nal­kon­ser­va­ti­ve und expli­zit christ­li­che Eid­ge­nös­sisch-Demo­kra­ti­sche Uni­on; sie saß von 1991 bis 2011 im Natio­nal­rat und koalier­te zeit­wei­lig mit der SVP, befin­det sich seit ihrem Aus­schei­den aus dem Par­la­ment jedoch in einem Zustand der Stagnation.

Die völ­ki­sche, in der Tra­di­ti­on der faschis­ti­schen Natio­na­len Front der 1930er/40er ste­hen­de Par­tei Natio­nal Ori­en­tier­ter Schwei­zer hat sich seit ihrer Grün­dung im Jahr 2000 von einem »reak­tio­nä­ren« neo­na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen Kurs in Rich­tung der Neu­en Rech­ten ent­wi­ckelt, was sich auch in einer Neu­fas­sung des Par­tei­pro­gramms 2009 nie­der­schlug; heu­te fährt sie einen links­na­tio­na­lis­ti­schen Kurs. Sie blieb den­noch bis auf ver­ein­zel­te Stadt­rats­sit­ze erfolg­los und ran­giert schweiz­weit im drei­stel­li­gen Mit­glie­der­be­reich. (NW)

Skan­di­na­vi­en

In Nor­we­gen hei­ßen die Libe­ral­kon­ser­va­ti­ven Høy­re (»Rech­te«), anders als die rechts­po­pu­lis­ti­sche Frems­kritts­par­tiet (»Fort­schritts­par­tei«, gegr. 1973). Nach erheb­li­chem Stim­men- zuwachs Anfang der 2000er stell­te sie 2005 – 2013 die zweit­größ­te Frak­ti­on im Stor­ting; seit 2013 koaliert sie mit Høyre.

Die schwe­di­schen  Natio­nal­kon­ser­va­ti­ven hei­ßen seit  1969 Mode­ra­ta  Sam­lings­par­tiet (»Gemä­ßig­te Samm­lungs­par­tei«) und fah­ren einen libe­ral­kon­ser­va­ti­ven Kurs. Erwäh­nens­wert sind die Sve­ri­ge­de­mo­kra­ter­na (»Schwe­den­de­mo­kra­ten«, gegr. 1988), deren Ein­zug in den Reichs­tag 2010 für Auf­re­gung sorg­te; seit 2014 sit­zen sie auch im EU-Parlament.

Die 1995 gegrün­de­te Dansk  Fol­ke­par­ti (»Däni­sche Volks­par­tei«, DF) ver­ficht eine Syn­the­se aus natio­nal­kon­ser­va­ti­ver und sozi­al­de­mo­kra­ti­scher Poli­tik  sowie  Glo­ba­li­sie­rungs- und EU-Kri­tik. 2001 –2011 an der Regie­rungs­ko­ali­ti­on betei­ligt, stellt sie seit 2015 die zweit­stärks­te Par­la­ments­frak­ti­on. Die Kon­ser­va­ti­ve Fol­ke­par­ti (gegr. 1915) implo­dier­te nach jahr­zehn­te­lan­gen inter­nen Aus­ein­an­der­set­zun­gen; auch die  1972 gegrün­de­te Frems­kridt­s­par­ti (»Fort­schritts­par­tei«) stellt nach Abspal­tun­gen und unter dem DF-Kon­kur­renz­druck heu­te nur mehr eine Split­ter­par­tei dar.

In Finn­land fin­den sich die Perus­suo­ma­lai­set (»Basis-« oder »Wah­re Fin­nen«) als popu­lis­ti­sche Anti-Estab­lish­ment-Par­tei, die 1995 aus der Land­volk­par­tei  her­vor­gin­gen.  Sie  zogen 2003 erst­mals ins fin­ni­sche und 2009 ins Euro­pa­par­la­ment ein, spal­te­ten sich im Juni 2017 jedoch. (NW)

Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.

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