150 Jahre »Das Kapital«, 100 Jahre Oktoberrevolution

Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.

2017 ist nicht nur für die poli­ti­sche Lin­ke ein Jahr der Erin­ne­rung. Denn ihre bei­den gro­ßen Jubi­lä­en – 150 Jah­re Publi­ka­ti­on des ers­ten Kapi­tal- Ban­des von Karl Marx, 100 Jah­re Okto­ber­re­vo­lu­ti­on in Ruß­land – sind zwei­fel­los von welt­his­to­ri­scher Bedeu­tung: Das kom­ple­xe theo­re­ti­sche Werk des Kapi­tals ist auf­grund sei­ner Reso­nanz und der Rezep­ti­on durch prak­ti­sche Revo­lu­tio­nä­re als eines der fol­gen­reichs­ten Bücher der Geschich­te anzu­se­hen, die Okto­ber­re­vo­lu­ti­on auf­grund ihrer pola­ri­sie­ren­den Wir­kung auf die Welt­po­li­tik als die größ­te poli­ti­sche Zäsur nach der Fran­zö­si­schen Revo­lu­ti­on von 1789 /93.
Es geziemt sich also für poli­tisch Den­ken­de und Han­deln­de nicht, das Marx­sche Haupt­werk bei­sei­te­zu­schie­ben und die Okto­ber­re­vo­lu­ti­on zu igno­rie­ren. Man soll­te viel­mehr einen »rech­ten« Zugang zum Kapi­tal (I.), einen über­leg­ten Stand­punkt zur Okto­ber­re­vo­lu­ti­on (II.) und – auf die­sen bei­den Aspek­ten fußend – den Mut zu einer Neu­po­si­tio­nie­rung fin­den (III.), wel­che die poli­ti­sche Rech­te für kom­men­de Her­aus­for­de­run­gen geis­tig rüs­tet und gegen einen bestimm­ten libe­ra­len Fehl­schluß (IV.) feit.

 Das Kapi­tal, Band 1 – 150 Jah­re danach

Der ers­te Band des Marx-Ver­mächt­nis­ses Das Kapi­tal. Kri­tik der poli­ti­schen Öko­no­mie erschien 1867. Ursprüng­lich war es auf vier »Bücher« in drei »Bän­den« aus­ge­legt, doch tat­säch­lich wur­den drei Bücher in drei Bän­den publi­ziert; das vier­te Buch blieb unge­schrie­ben. Der Autor ver­faß­te sein Opus magnum im Exil in Groß­bri­tan­ni­en, dem dama­li­gen Motor der Welt­wirt­schaft. Karl Marx leb­te seit 1849 in der bri­ti­schen Haupt­stadt. Die Ver­ban­nung vom Fest­lan­d­eu­ro­pa kam ihm dabei durch­aus zupaß: Nur in Lon­don konn­te er den Zustand der herr­schen­den Pro­duk­ti­ons­wei­se stu­die­ren, ana­ly­sie­ren, kritisieren.

Im Auf­takt­band Der Pro­duk­ti­ons­pro­zeß des Kapi­tals wid­met sich Marx dem grund­sätz­li­chen Ver­hält­nis von Kapi­tal und Arbeit. Für sei­nen Kom­pa­gnon und Mäzen Fried­rich Engels, der Band 2 (Der Zir­ku­la­ti­ons­pro­zeß des Kapi­tals, 1885) modi­fi­ziert her­aus­gab und Band 3 (Der Gesamt­pro­zeß der kapi­ta­lis­ti­schen Pro­duk­ti­on, 1894) wesent­lich gestal­te­te, war die­ses Ver­hält­nis »die Angel, um die sich unser gan­zes heu­ti­ges Gesell­schafts­sys­tem dreht«. Mar­xens wis­sen­schaft­li­che Leis­tung sei zudem geprägt von einer »Gründ­lich­keit und Schär­fe, wie sie nur einem Deut­schen mög­lich war«.

Die ange­spro­che­ne Gründ­lich­keit ist denn auch ein Grund, wes­halb sich vie­le Lin­ke bis heu­te nur an eini­ge Schlag­wor­te oder an Marx-Ver­kür­zun­gen der real­so­zia­lis­ti­schen Ortho­do­xie wagen; Das Kapi­tal ist kein Mani­fest, kein Pro­gramm, kei­ne von Anti­ka­pi­ta­lis­ten stur zu befol­gen­de To-do-Lis­te, son­dern eine teils pole­mi­sche, vor allem aber nüch­tern-aka­de­mi­sche Ana­ly­se der zum Zeit­punkt der Abfas­sung des Tex­tes über­lie­fer­ten wirt­schaft­li­chen Grund­an­nah­men. Marx rich­tet sich ganz zen­tral gegen die Deu­tungs­ho­heit der füh­ren­den eng­li­schen Öko­no­men Adam Smith und David Ricar­do, er woll­te deren Axio­me wis­sen­schaft­lich kri­ti­sie­ren und eige­ne Defi­ni­tio­nen von Arbeit, Wert und den Geset­zen der Öko­no­mie vorlegen.

Band 1 ist, wie Rolf Peter Sie­fer­le fest­hielt, kei­ne Dar­stel­lung der effek­ti­ven Wirk­lich­keit des Kapi­ta­lis­mus. Er ist viel­mehr der Ver­such, das dar­un­ter­lie­gen­de Wesen (auch wenn Marx just die­sen hege­lia­ni­schen Begriff nicht gou­tier­te) des Kapi­tals als gesell­schaft­li­ches Ver­hält­nis zu erfas­sen, die kapi­ta­lis­ti­sche Pro­duk­ti­ons­wei­se dar­zu­stel­len und ins­be­son­de­re auch eine Ideo­lo­gie­kri­tik der poli­ti­schen Öko­no­mie vor­zu­le­gen – nicht aber ein gegen­läu­fi­ges Modell zu ent­wer­fen, wes­we­gen im ers­ten Band des Kapi­tal der Ter­mi­nus »Sozia­lis­mus« nicht ein ein­zi­ges Mal fällt.

Im drit­ten Band soll­te Marx (ver­mit­telt über Engels) dann ver­ra­ten, daß es ihm zual­ler­erst um eine ide­al­ty­pi­sche Gesamt­schau des Kapi­ta­lis­mus ging, also um die Merk­ma­le der herr­schen­den Pro­duk­ti­ons­wei­se, die es erlau­ben, den Begriff des »Kapi­ta­lis­mus« über­haupt als defi­nier­te Kate­go­rie zu ver­wen­den. Die­se abs­trak­te Vor­ge­hens­wei­se eines zum bes­se­ren Ver­ständ­nis der Ana­ly­se gedach­ten Durch­schnitts­ka­pi­ta­lis­mus ver­nach­läs­sigt die kon­kre­ten Ver­or­tun­gen des jewei­li­gen Kapi­ta­lis­mus: Er ist bis heu­te und trotz sei­ner glo­ba­len und vir­tu­el­len Expan­si­on an kon­kre­te Rah­men­be­din­gun­gen gebunden.

Unge­ach­tet vie­ler vom heu­ti­gen Kennt­nis­stand aus als falsch oder unzu­rei­chend anzu­se­hen­der Tei­l­ana­ly­sen und Pro­gno­sen erschuf der vor 150 Jah­ren erschie­ne­ne Debüt­band blei­ben­den »Mehr­wert« für die damals wie heu­te Leben­den. Zu nen­nen ist die Dar­stel­lung, daß ein wirt­schaft­li­ches Sys­tem grund­le­gen­de Bezie­hun­gen schafft, denen ein­zel­ne Per­so­nen nicht ent­ge­hen kön­nen. Die Fokus­sie­rung auf Ban­kiers und Mana­ger ist mit Mar­xens Kapi­tal nicht zu recht­fer­ti­gen: Viel­mehr weist Marx expli­zit dar­auf hin, daß der Ein­zel­ne »Geschöpf« der rea­len Ver­hält­nis­se sei, selbst dann noch, wenn die­ser ein­zel­ne denkt, er sei von die­sen unab­hän­gig oder habe sie durchschaut.

Marx inter­es­siert sich für die Kapi­ta­lis­ten nur inso­fern, als sie etwas Bestimm­tes dar­stel­len, näm­lich die Ver­ge­gen­ständ­li­chung einer Logik, die vom Kapi­ta­lis­mus indes vor­ge­ge­ben wird: Das Herr­schen­de im Kapi­ta­lis­mus ist das Kapi­tal, nicht der Kapi­ta­list als »Per­so­ni­fi­ka­ti­on öko­no­mi­scher Kate­go­rien« (Marx). Was Marx als End­ziel vor Augen hat­te, war die Über­win­dung der kapi­ta­lis­ti­schen Pro­duk­ti­ons­wei­se, nicht die Abschaf­fung eines bestimm­ten Aus­beu­ter­typs oder die For­cie­rung einer »gerech­te­ren« Umver­tei­lung. Denn die Pro­duk­ti­ons­wei­se des Kapi­ta­lis­mus die­ne per se dem Kapi­tal, nicht aber den Men­schen, was den Kern des Übels bedeute.

Ein wei­te­rer bei­spiel­haf­ter Aspekt ist die Ten­denz des Kapi­tals, auf­grund sei­ner Basis – dem von Marx erklär­ten Wert­prin­zip – alles zu »kom­mo­di­fi­zie­ren«, also alles zu einer Ware zu trans­for­mie­ren, jedem Ding, jeder Per­son einen Wert zuzu­schrei­ben. Es sei dies ein Vor­gang, der die zwi­schen­mensch­li­chen Bezie­hun­gen ein­schlie­ße und heu­te als Kom­mer­zia­li­sie­rung des gesam­ten gesell­schaft­li­chen Lebens, in dem der schon damals kon­sta­tier­te »Fetisch­cha­rak­ter der Waren­welt« (Marx) dut­zend­fach poten­ziert ist, wohl wei­ter fort­ge­schrit­ten ist als noch zu Mar­xens Zeit.

Das­sel­be gilt sicher­lich auch für die von Marx vor­weg­ge­nom­me­ne Glo­ba­li­sie­rung des Kapi­tals sowie die Her­aus­stel­lung der kapi­ta­lis­ti­schen Dyna­mik – allein wie fle­xi­bel und anpas­sungs­fä­hig sie indes bis heu­te alle Kri­sen und Wider­sprü­che über­dau­ert oder gar als Start­ram­pen für Ent­wick­lungs­schü­be nutzt, hät­te Marx dann doch überrascht.

100 Jah­re Oktoberrevolution

In sei­ner Marx-Ein­füh­rung hebt Sie­fer­le her­vor, daß Marx als Pole­mi­ker gegen sei­ne inner­so­zia­lis­ti­schen Kon­tra­hen­ten oft übers Ziel hin­aus­schoß, indem er selbst­herr­lich agier­te und Anders­den­ken­de als »Nar­ren« ver­höhn­te. So sehr die­ses Ver­dikt auf über­wie­gend pos­tum ver­öf­fent­lich­te Schrif­ten wie die Theo­rien über den Mehr­wert (von Karl Kaut­sky 1905 – 1910 ediert) zutrifft, darf der Fol­ge­schluß – Marx als her­ri­scher Gebie­ter, als geis­ti­ger Ahn Josef Sta­lins – nicht gezo­gen wer­den: Marx woll­te kei­ne gläu­bi­gen »Schü­ler« her­an­zie­hen, kei­ne dog­ma­ti­sche Schu­le grün­den, kei­nen Wider­spruch ver­bie­ten. Im ers­ten Band des Kapi­tal schrieb er expli­zit, daß erns­te Kri­tik will­kom­men sei.

Die von ihm kri­ti­sier­te bür­ger­li­che Gesell­schaft sei »kein fes­ter Kris­tall, son­dern ein umwand­lungs­fä­hi­ger und bestän­dig im Pro­zeß der Umwand­lung begrif­fe­ner Orga­nis­mus«. Wenn jedoch etwas umwand­lungs­fä­hig erscheint und bestän­di­ger Ver­än­de­rung unter­liegt, muß die Aus­ein­an­der­set­zung eben­falls zeit­ge­mäß, also »in der Lage« erfol­gen, mit­hin also vor­her­ge­hen­de wis­sen­schaft­li­che Urtei­le revi­die­ren und neue formulieren.

Lenin als Kopf der Okto­ber­re­vo­lu­ti­on wie als ratio­nal-stra­te­gi­scher »Machia­vell des Ostens« (Hugo Fischer) wuß­te noch über­wie­gend um die­se Marx­sche Fle­xi­bi­li­tät, die er sich selbst zu eigen mach­te, indem er gera­de in der Vor­ge­schich­te der Revo­lu­ti­on oft­mals auf­grund ver­än­der­ter Lage­ana­ly­sen neue Wege ein­schlug, die den vori­gen min­des­tens wider­spra­chen, sofern sie die­se nicht gänz­lich auf den Kopf stell­ten. In die­sem Sin­ne nann­te Niko­lai Bucha­rin Lenins Gedan­ken­ge­bäu­de das »bieg­sams­te aller erkennt­nis­theo­re­ti­schen Instru­men­te«. Erst die Lenin fol­gen­den Ver­ant­wort­li­chen mach­ten aus dem sich dyna­misch wan­deln­den Ana­ly­se­tool Mar­xens eine star­re Dok­trin, etwa Adam Debo­rin (»Der Mar­xis­mus […] ist eine geschlos­se­ne Welt­an­schau­ung«) oder, in per­ver­tier­ter Form nach Lenins Tod 1924, Sta­lin und sei­ne Claqueure.

Die Essenz des Marx­schen Kapi­tal von 1867 wirk­te zwei­fel­los auf die Bol­sche­wi­ki der Okto­ber­re­vo­lu­ti­on von 1917. Sie wirk­te aber in einer radi­kal ver­ein­fach­ten bis ver­küm­mer­ten Form. Zunächst, nach Mar­xens Tod 1883, sys­te­ma­ti­sier­te Engels das Marx-Erbe, ver­öf­fent­lich­te Frag­men­te und bear­bei­te­te Nach­laß­auf­sät­ze in sei­nem Sin­ne. Als Engels zwölf Jah­re spä­ter selbst ver­schied, über­nahm Kaut­sky die ver­ein­fach­te Dar­stel­lung der Marx-Engels-Publi­ka­tio­nen, so daß sie gewöhn­li­chen Arbei­tern ver­ständ­li­cher wurden.

Ein wei­te­rer, drit­ter Vul­ga­ri­sie­rungs­schritt wur­de durch die rus­si­schen Bol­sche­wi­ki vor­ge­nom­men, so daß bereits im Jahr der Febru­ar- und Okto­ber­re­vo­lu­ti­on ein dok­tri­när ver­ein­fach­ter und auf eini­ge Lehr- und Leer­phra­sen redu­zier­ter »Mar­xis­mus« das aus west­eu­ro­päi­scher Sicht unter­ent­wi­ckel­te respek­ti­ve revo­lu­ti­ons­un­rei­fe Ruß­land heim­such­te und in die Dik­ta­tur einer Min­der­heit über­führ­te. Sta­lin wie­der­um ver­ein­fach­te die bereits mehr­fach ver­kürz­te bol­sche­wis­ti­sche Marx-Exege­se erneut; man war beim geis­tig ver­küm­mer­ten Tief­punkt des Sta­lin­schen »Mar­xis­mus-Leni­nis­mus« angelangt.

Der Engel­streue Lenin war in die­sem Chor der extre­men Ver­ein­fa­che­rer eine rare Aus­nah­me, und doch konn­te (oder woll­te) er die­ser Ent­wick­lung nichts Sub­stan­ti­el­les ent­ge­gen­stel­len. Ent­ge­gen heu­te gän­gi­ger Mei­nungs­bil­der war er 1917ff. eben kein Dik­ta­tor im klas­si­schen Sin­ne, son­dern nur eines von meh­re­ren auto­ri­tä­ren Kraft­zen­tren inner­halb der damals noch frak­tio­nell gespal­te­nen Bol­sche­wi­ki. Sei­ne par­tei­in­ter­ne Macht 1923 /24 reich­te noch nicht ein­mal aus, den von ihm auf dem Ster­be­bett als gewal­ti­ge Gefahr ange­se­he­nen Sta­lin sei­nes Amtes als Gene­ral­se­kre­tär der Par­tei ent­he­ben zu las­sen – eine fol­gen­schwe­re Ent­wick­lung und Start­hil­fe für die Aus­prä­gung des spä­tes­tens 1932 (Holo­do­mor) bzw. 1936 (Sta­lin­sche Säu­be­run­gen) gefes­tig­ten Ter­ror­re­gimes. Aber die­se Ent­wick­lung war 1917 nicht line­ar vorgezeichnet.

War die Revo­lu­ti­on zwar durch­aus gewalt­sam ver­lau­fen, sah sich nichts­des­to­we­ni­ger die schau­ri­ge Dia­lek­tik aus rotem und wei­ßem Ter­ror noch nicht zur vol­len Ent­fal­tung gekom­men, wur­den die die Zustän­de ver­schär­fen­den Inter­ven­ti­ons­krie­ge der West­mäch­te noch nicht geführt usf.

Die vor 100 Jah­ren voll­zo­ge­ne zwei­fa­che Rus­si­sche Revo­lu­ti­on nur von ihrer – zwei Deka­den spä­ter – im Ver­nich­tungs­wahn enden­den Sta­lin­schen Ver­falls­form einer tota­li­tä­ren Büro­kra­tie zu betrach­ten, ver­stellt daher den Blick auf wich­ti­ge Erkennt­nis­se. Zunächst war die Okto­ber­re­vo­lu­ti­on (mehr als ihr Vor­läu­fer, die Febru­ar­re­vo­lu­ti­on; vgl. Sezes­si­on 77) jene Erschei­nung, die im 20. Jahr­hun­dert die stärks­ten Kräf­te, die hef­tigs­ten Gefüh­le – jeweils für und wider sie – entfesselte.

Gemein­sam mit dem Welt­krieg von 14 /18 leg­te sie den Grund­stein für die wei­te­ren Dez­en­ni­en des Jahr­hun­derts, für den Zwei­ten Welt­krieg, für den Kal­ten Krieg, nach dem Schei­tern ihres sowje­ti­schen Expe­ri­ments 1989 /91 sogar für die an ihr Ende gera­ten­de uni­po­la­re Welt der Jetzt­zeit. Die Okto­ber­re­vo­lu­ti­on war aber zugleich ein Fanal alter­na­ti­ver Welt­ge­schich­te. Erst­mals brach eine poli­ti­sche Grup­pe auf, um das Zeit­al­ter eines gan­zen Gesell­schafts­sys­tems, nament­lich des kapi­ta­lis­ti­schen, das auf Aus­beu­tung und Pro­fit­ma­xi­mie­rung, auf Kolo­nia­li­sie­rung und krie­ge­ri­sche Expan­si­on, auf tota­le Kom­mo­di­fi­zie­rung aller mensch­li­chen Bezie­hun­gen setz­te, zu beenden.

Welt­weit blick­ten Men­schen nach Mos­kau und Peters­burg, reis­ten in die Sowjet­uni­on und erträum­ten sich das Vater­land aller frei­en, täti­gen Men­schen – die Sowjet­pro­pa­gan­da ver­stärk­te die­se Begeis­te­rung, muß­te sie aber nicht gänz­lich insze­nie­ren. Doch das gewal­ti­ge Ziel der Her­stel­lung einer Gesell­schaft auf Basis des kate­go­ri­schen Impe­ra­tivs, »alle Ver­hält­nis­se umzu­wer­fen, in denen der Mensch ein ernied­rig­tes, ein geknech­te­tes, ein ver­las­se­nes, ein ver­ächt­li­ches Wesen ist« (Marx), schei­ter­te kolos­sal; die Mehr­zahl der Men­schen wur­de ernied­rigt und geknech­tet, sah sich ver­las­sen und wur­de ver­ächt­lich gemacht.

Die Rech­te und das lin­ke Erbe

Doch wenn man des­halb en bloc die Beschäf­ti­gung mit dem wider­sprüch­li­chen Erbe der Okto­ber­re­vo­lu­ti­on, die sich direkt auf das Marx­sche Werk bezog, auf­gibt oder sich als unbe­tei­lig­ter Nicht­lin­ker ent­las­tet zurück­lehnt, ver­kennt man einen zen­tra­len Punkt: Die zeit­ge­nös­si­sche Erin­ne­rung an das »Jahr­hun­dert­ereig­nis« wird, wie der Poli­tik­wis­sen­schaft­ler Frank Dep­pe zutref­fend resü­miert, »in ers­ter Linie vom Ende der Sowjet­uni­on und dem Schei­tern des von ihr bean­spruch­ten Modells des ›rea­len Sozia­lis­mus‹ bestimmt«. Das Deu­tungs­mo­no­pol der »bür­ger­li­chen« Geschichts­wis­sen­schaft und ihrer Sprach­roh­re in den Main­stream­m­edi­en zemen­tiert in die­sem Kon­text den Mythos der Alternativlosigkeit.

Jeder noch so zag­haf­te theo­re­ti­sche Ver­such, die Logik des Kapi­tals grund­le­gend zu hin­ter­fra­gen und alter­na­ti­ve Wege in Rich­tung einer sou­ve­rä­nen, demo­kra­ti­schen und post­ka­pi­ta­lis­ti­schen Gesell­schafts­ord­nung wenigs­tens zu dis­ku­tie­ren, kann mit dem Ver­weis auf das Schei­tern der Ok- tober­re­vo­lu­ti­on respek­ti­ve ihres real exis­tie­ren­den Sowjet­kon­strukts unter­mi­niert werden.

Die selbst auch auf Gewalt basie­ren­de kapi­ta­lis­ti­sche Ord­nung scheint so nicht mehr prin­zi­pi­ell in Fra­ge gestellt wer­den zu kön­nen; man sieht sich sonst impli­zit oder expli­zit in einer geis­ti­gen Ahnen­rei­he mit Men­schen­schläch­tern vom Schla­ge Sta­lins ste­hen. Gewiß: Das betrifft weit­aus mehr das lin­ke Spek­trum mit sei­nen offen sozia­lis­tisch bis kom­mu­nis­tisch aus­ge­rich­te­ten Strömungen.

Tat­säch­lich hat die nicht­ka­pi­ta­lis­ti­sche Rech­te also einen Vor­teil, da sie einer ande­ren Denk­tra­di­ti­on ent­stammt. Sie kann unvor­ein­ge­nom­men an die Okto­ber­re­vo­lu­ti­on, ihre Abwe­ge und Ent­glei­sun­gen, ihre Moti­va­ti­on und Aus­gangs­le­gi­ti­ma­ti­on her­an­tre­ten, fer­ner unge­zwun­gen die damals wir­ken­den man­nig­fa­chen Denk­rich­tun­gen – von (ukrainisch-)nationalanarchistisch über »volkstümelnd«-sozialrevolutionär bis bol­sche­wis­tisch – begut­ach­ten und das intel­lek­tu­ell Reiz­vol­le vom über­wie­gen­den dok­tri­nä­ren und »irren­den« Bal­last scheiden.

Glei­ches gilt auch für eine rech­te Kapi­tal-Lek­tü­re. Wäh­rend die Lin­ke 150 Jah­re das Kapi­tal selek­tiv stu­diert hat, indem sie auf das Werk durch fest­ste­hen­de ideo­lo­gi­sche Bril­len blick­te, je nach­dem, wel­chem ideo­lo­gi­schen Flü­gel man ange­hör­te – ob man also, um nur zwei Denk- schu­len zu nen­nen, in den ela­bo­riert-eso­te­ri­schen Dis­kurs-Laby­rin­then der Wert­kri­tik ver­sank oder ortho­dox mar­xis­tisch-leni­nis­tisch Zugang such­te –, kann die Rech­te auf direk­tem Wege zum Text selbst zurück­keh­ren und mit ihm ler­nen. Da bis­her kei­ne frucht­brin­gen­de rech­te Kapi­tal- Lek­tü­re statt­ge­fun­den hat, feh­len ideo­lo­gi­sche Mitt­ler: Man müß­te kei­ne Dog­men­ver­let­zung scheu­en, und das hie­ße, man könn­te ohne tra­dier­te Denk­blo­cka­den prü­fen, was man ver­wer­fen müß­te, und nut­zen, was man nut­zen könn­te.

Im 150. Jah­re des Kapi­tal Marx zu ent­de­cken und einen (für die Rech­te) neu­en Denk­kos­mos zu erschlie­ßen, hie­ße bei­spiels­hal­ber, den Begriff der »indus­tri­el­len Reser­ve­ar­mee« zu adap­tie­ren. Marx sah ihr Ent­ste­hen durch die Über­zäh­lig­ma­chung von Arbei­tern begrün­det; hoch­ak­tu­ell ist die­ser Topos in Zei­ten der Mas­sen­ein­wan­de­rung Gering­qua­li­fi­zier­ter, und zugleich wird dies beson­ders viru­lent im Rah­men der Digi­ta­li­sie­rung gan­zer Indus­trie­zwei­ge (vgl. Sezes­si­on 78). Auch die alte For­mel Basis/Überbau läßt sich neu lesen: In Zei­ten eines sich aus­dif­fe­ren­zie­ren­den Kapi­ta­lis­mus (als der mate­ri­el­len Basis der Gesell­schaf­ten) ist ein unter­schied­li­cher (ideo­lo­gi­scher) Über­bau mög­lich. Die­ser muß der Basis zwar weit­ge­hend ent­spre­chen bzw. darf mit ihr in essen­ti­el­len Fra­gen nicht über Kreuz lie­gen, ist aber nicht gänz­lich durch sie determiniert.

Das hie­ße kon­kret: Der Kapi­ta­lis­mus kann einen auto­ri­tär- partei»kommunistischen« Über­bau (Chi­na) eben­so akzep­tie­ren wie einen sun­ni­tisch-waha­bi­ti­schen Ver­blen­dungs­zu­sam­men­hang (Sau­di-Ara­bi­en, Katar) oder einen auto­ri­tär-patrio­ti­schen Roll­back (Ungarn), solan­ge die »Pro­duk­ti­ons­wei­se des mate­ri­el­len Lebens« (Marx) durch die Basis, die Gesamt­heit kapi­ta­lis­ti­scher Struk­tu­ren also, vor­ge­ge­ben wer­den kann.

Der libe­ra­le Fehlschluß

Es gibt im unvoll­endet geblie­be­nen Werk von Marx viel zu ent­de­cken, das dar­auf war­tet, für das 21. Jahr­hun­dert und sei­ne Her­aus­for­de­run­gen nutz­bar gemacht zu wer­den. Es spricht – wie aus­ge­führt – eini­ges dafür, daß die Rech­te hier zukunfts­ori­en­tiert und im Ver­gleich zur Lin­ken unkom­pli­zier­ter agie­ren kann.

Ledig­lich ein grund­sätz­li­cher Feh­ler ist bei einer rech­ten Her­an­ge­hens­wei­se an Kapi­tal und Okto­ber­re­vo­lu­ti­on zu ver­mei­den: Man hüte sich davor, mit der libe­ra­len Faschis­mus­keu­le, der Hieb­waf­fe des bun­des­deut­schen Tugend­ter­rors, auf Marx und den Mar­xis­mus ein­zu­schla­gen – was aber immer dann droht, wenn man etwa zu dicht ent­lang der The­sen Ernst Nol­tes operiert.

Die­ser ver­sperr­te sich über Jahr­zehn­te der von Zeev Stern­hell und ande­ren geleis­te­ten For­schungs­er­kennt­nis, wonach der Faschis­mus auf einer Syn­the­se basier­te, die vor­zugs­wei­se zwi­schen einer Revi­si­on des mar­xis­ti­schen Sozia­lis­mus und einem dyna­misch-moder­nen Natio­na­lis­mus von­stat­ten ging. Weil sich die­ser Grund­satz nicht adap­tie­ren ließ, ohne eige­ne, älte­re Leit­mo­ti­ve auf­zu­ge­ben, zeig­ten Nol­te und sei­ne Schü­ler sich Jah­re spä­ter baß erstaunt, daß es im Faschis­mus »lin­ke« oder »moder­ne« Ein­flüs­se gab, die sie bis­her geflis­sent­lich mar­gi­na­li­sier­ten, weil sonst die Ur-The­se von den Faschis­men als mili­tan­ter Reak­ti­on auf den Sün­den­fall der Okto­ber­re­vo­lu­ti­on gefal­len wäre.

Nun aber par­ti­ell geläu­tert und auf der Suche nach neu­en Invek­ti­ven »dem« Mar­xis­mus vor­zu­wer­fen, ganz wie »der« Faschis­mus »regres­si­ve« oder »ras­sis­ti­sche« Züge auf­zu­wei­sen, weil man in Mar­xens und Engels’ zehn­tau­sen- den Sei­ten Werk eini­ge ent­spre­chen­de Text­stel­len fin­den kann (zumeist in pri­va­ter Kor­re­spon­denz), legt nahe, daß man, und sei es unbe­wußt, der libe­ra­len Front gegen jed­we­de grund­sätz­lich aus­ge­rich­te­te Alter­na­ti­ve bei- getre­ten ist; einer Front, deren apar­ter Kern mal ver­schlei­ert, mal unver­hoh­len die Pre­digt von der Alter­na­tiv­lo­sig­keit der Kapi­tal­lo­gik ist, wäh­rend sich lin­ke wie rech­te Gegen­ent­wür­fe auf­grund von kom­mu­nis­ti­scher Okto­ber­re­vo­lu­ti­on und faschis­ti­scher irre­gu­lä­rer Revo­lu­ti­on von selbst des­avou­iert hätten.

Einer sol­chen Logik der Ver­ächt­lich­ma­chung nicht­li­be­ra­ler Kon­kur­renz bei Ver­wen­dung poli­tisch-kor­rek­ter Win­kel­zü­ge (vgl. Faschis­mus­keu­le) aber zu fol­gen, anstatt die zahl­reich vor­han­de­nen sach­li­chen Gegen­ar­gu­men­te zu bemü­hen, hie­ße, die von den Libe­ra­len jeder Cou­leur zur Herr­schafts­si­che­rung per­p­etu­ier­te Dicho­to­mie Libe­ra­lis­mus ver­sus Tota­li­ta­ris­mus (d. i. jed­we­de Abwei­chung von der »offe­nen Gesell­schaft«) anzu­er­ken­nen. Man steck­te dann so tief im zeit­geis­ti­gen Gedan­ken­ge­bäu­de des Bestehen­den, daß dar­an auch kei­ne neue Marx-Lek­tü­re etwas ändern könnte.

Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.

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