Sezession
1. Oktober 2017

Die konservative Revolution des Marxismus

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Als Lenin in einem um internationale Gleichrangigkeit bemühten kleinen Katechismus die deutsche Philosophie, den französischen Sozialismus und die englische Nationalökonomie als die »drei Quellen und drei Bestandteile des Marxismus« kodifizierte, laborierte er an einer konsistenten Doktrin, welche die bis zur Selbstwidersprüchlichkeit reichende Vielschichtigkeit des marxistischen Denkens zum Verschwinden bringen sollte.

Immerhin hatten Karl Marx und Friedrich Engels noch gewisse Rangunterschiede zwischen jenen drei nationalen Traditionslinien geltend gemacht, indem sie den englischen Antikapitalismus, der zwar nicht sozialistisch, dafür aber klassenkämpferisch gesinnt war, dem zur Klassenversöhnung aufrufenden französischen Frühsozialismus vorzogen. Und in der englischen Tradition selbst hielten sie »unsere chartistischen Vorväter« und »humanen Tories«, aber auch reaktionäre Ökonomen wie Thomas Hodgskin und Piercy Ravenstone in Ehren, die »der Wahrheit viel näher« gekommen seien als ihre offiziösen nationalökonomischen Vorläufer Adam Smith und David Ricardo.

Gelegentlich gaben Marx und Engels, die sich ansonsten stets zum geistigen Erbe des deutschen Idealismus Kants und Hegels bekannten, sogar preis, wie viel ihr kommunistisches Gegenbild zur bürgerlichen Gesellschaft den konservativen Gemeinschaftslehren deutscher Romantiker wie Adam Müller und Ernst Moritz Arndt verdankte. Über die von ihnen vollständig verleugnete Bedeutung der prophetisch-apokalyptischen Tradition des alten Judentums für die theologische Zurüstung ihrer revolutionären Gesellschaftskritik zu einer messianischen Heilslehre hätten sie sich dagegen von dem »Kommunistenrabbi« Moses Hess belehren lassen können.

Trägt man die architektonischen Schichten des marxistischen Lehrgebäudes ab, um es von seinen verdrängten Fundamenten her neu zu erschließen, so stößt man allenthalben auf unbewältigte Probleme, die weitaus lehrreicher sind als die bekannten Irrtümer, da sie bereits die bolschewistischen Fehlentwicklungen und faschistischen Frontverwirrungen im späteren Weltbürgerkrieg der Ideologien vorwegnehmen. Und hierzu zählen vornehmlich die seit Anbeginn im Denken von Marx und Engels wirkenden konservativen und reaktionären Antriebskräfte, die in der wissenschaftlichen Literatur kaum Beachtung gefunden haben, obwohl gerade sie dem Marxismus seinen komplexen Charakter verleihen, der ihn vor allen übrigen, zumeist trivialen Sozialismen auszeichnet.

Gleichzeitig aber droht eine unzensierte Sichtung der geistigen Voraussetzungen des Marxismus ihm einiges von seiner Originalität zu rauben: Die Forderung nach Aufhebung der Ausbeutung durch Abschaffung der Arbeitsteilung hatten bereits die Saint-Simonisten erhoben, und die Utopie einer staaten- und klassenlosen Gesellschaft schwebte schon Thomas Paine und Étienne Cabet vor; sogar Lehren vom Mehrwert und vom Klassenkampf waren bereits von François Babeuf, Robert Owen und Bronterre O’Brien verbreitet worden.

Doch wenngleich Marx und Engels diese als geistiges Eigentum reklamierten Topoi, Thesen und Theoreme in Wahrheit nur entlehnt haben, erschöpft sich ihre Lehre keineswegs in einem eklektischen Denksystem. Daß das Ganze des Marxismus mehr wert ist als die Summe seiner Teile, war maßgeblich dem philosophisch geschulten Kopf von Marx geschuldet, der sich in intensiver Arbeit an einer dialektischen Synthese der vorgefundenen Elemente diesen geistigen Mehrwert abrang. Gewisse strukturelle Paradoxien und zentrifugale Tendenzen im Herzen des Marxschen Geschichtsdenkens ließen sich gleichwohl nicht wegarbeiten, denn sie wurzelten in der realen Zwiespältigkeit einer frühindustriellen Gesellschaft, deren enthusiastischer wirtschaftlicher Aufbruch durchaus  traumatische gesellschaftliche Auflösungserscheinungen zeitigte.

Der Anspruch von Marx, die ambivalente Krisenerfahrung der industriellen Revolution als Fortschritts- und Verfallsprozeß durch eine dialektische Kapitalismuskritik zu bewältigen, scheiterte nicht zuletzt daran, daß in dieser insgeheim eine idealistische Geschichtstheologie fortwirkte, die noch seine Revolutionslehre als eine überaus gegenstrebige heilsgeschichtliche Fügung erscheinen ließ: Einerseits verschärfte Marx den optimistischen Fortschrittsglauben der bürgerlichen Epoche zu einem prophetischen Sozialismus, welcher sich die Sprengung der die industriellen Produktivkräfte fesselnden kapitalistischen Produktionsverhältnisse als Befreiung der ganzen Menschheit auf die Fahne schrieb.

In der Tat glorifiziert das Manifest der Kommunistischen Partei die Entfesselung maschineller Produktivität, die verkehrstechnische Erschließung eines Weltmarktes und die Zivilisierung barbarischer Völker mit einer solchen Emphase, daß es sich beinahe wie das Manifest einer wirtschaftsliberalen Partei liest, welches dem Proletariat kaum mehr abverlangt, als die permanente Revolution der Bourgeoisie lediglich zu einem guten kommunistischen Ende zu bringen.

Andererseits aber überführte Marx die nicht minder epochale pessimistische Dekadenzerfahrung eines Zeitalters des engherzigsten Egoismus und des schamlosesten Schachers in eine apokalyptische Sozialreligion, welche das zum Erlöser einer sich selbst entfremdeten Menschheit verklärte Proletariat mit der Verhängung eines vernichtenden Strafgerichts über die Bourgeoisie und der Errichtung eines Gottesreiches auf Erden beauftragte.

Es war nicht zuletzt diese politischtheologische Verschärfung, die aus der Marxschen Revolutionslehre einen gegenrevolutionären Vernichtungswillen hervortrieb, welcher die von der revolutionären Industrie verschuldete Vernichtung traditioneller Produktionsweisen und Berufszweige mit der Beseitigung der bürgerlichen Klasse und ihres liberalen Systems zu vergelten drohte. Und sofern sich dieser Wille zur Gegenvernichtung letztlich an einer Regeneration klassen- und staatenloser Urzustände ausrichtete, entfaltete er unweigerlich eine archaisch-anarchische Kraft, die nicht nur die kapitalistischen Eigentumsverhältnisse, sondern auch fundamentale zivilisatorische Errungenschaften treffen sollte.

Schließlich handelte es sich bei der industriellen Revolution um eine Fundamentalrevolution von anthropologischer Tragweite, welche mit der Arbeits- und Lebenswelt zugleich das Selbstbild des Menschen so radikal umwälzte wie zuvor allein die neolithische Revolution, als deren Fortsetzung mit maschinellen Mitteln sie geradezu begriffen werden kann. Und so muß noch Marxens in der Konsequenz totalitäre Weltheilungslehre, deren kommunistisches Zukunftsbild immer wieder die heile Vorwelt antiker Stadt- oder mittelalterlicher Dorfgemeinschaften durchscheinen ließ, als eine Reaktion auf die industrielle Mobilmachung zu einer totalen Welt- marktgesellschaft begriffen werden.

Daß sich der junge romantische Philosoph Marx dabei weniger von den progressiven und zumeist bürgerlichen Sozialisten Frankreichs als von den konservativen und zumindest ideologisch volksnahen Antikapitalisten Englands beeindruckt zeigte, lag nur in der Natur der Sache, denn sowohl in den von Proletarisierung und Entwurzelung bedrohten kleinbürgerlichen und ländlichen Schichten als auch in den von Verelendung und Überbevölkerung geplagten proletarischen Unterschichten hatten sich Widerstände gebildet, welche auf die Bewahrung oder Wiederherstellung ihrer traditionellen Arbeits- und Lebensverhältnisse abzielten. Biographisch war es freilich den frühen Schriften des nüchternen Fabrikantensohnes Engels zu verdanken, daß Marx einen lebendigen Eindruck von jenem »veritablen Bürgerkrieg« gewann, der »in den Fabrikdestrikten Englands zwischen Fabrikanten und Arbeitern tobt«, und ihm die Augen dafür aufgingen, daß dieser Typus der »englischen Gesellschaft« auch Deutschland und Frankreich nur »das Bild der eigenen Zukunft« präsentierte.

Allerdings hielt Marx, wie Adam B. Ulam es ausdrückte, die »Geburtswehen der Industriegesellschaft« kurzschlüssig für die »Todesqualen des Kapitalismus«, und für diesen Grundirrtum war, wie Ernst Nolte ergänzte, sein allzu selektiver und schematischer Kapitalismusbegriff verantwortlich, der auf einer »Fixierung« ausschließlich solcher »Charakterzüge der industriellen Revolution« beruhte, die eine »gewaltsame und vollständige Umwälzung des ganzen Systems als zwangsläufige Konsequenz« erwarten ließen.

Zwar wußte Marx selbst, daß nicht der »Kapitalismus«, den er schon in der antiken Welt vorgefunden hatte, das Novum der bürgerlichen Epoche war, sondern das Fabriksystem und die Weltmarktwirtschaft; dennoch kam ihm nicht in den Sinn, daß »Liberalismus« der treffendere Begriff gewesen wäre, um deren eben nicht nur sozioökonomische, sondern auch kulturhistorische Voraussetzungen zu umreißen. Immerhin bleibt es bemerkenswert, daß Marx den 1840 von Louis Blanc in L’organisation du travail nahezu unbemerkt eingeführten Begriff des Kapitalismus erst 1867 in seinem Spät- werk Das Kapital als Interpretationsschema für die industrielle Revolution verwendete, nicht ohne damit eine selbstreferentielle Scholastik auf den Weg zu bringen, die mit mathematischen Formeln und ökonomischen Modellen den »tendenziellen Fall der Profitrate« bis zum Zusammenbruch des kapitalistischen Systems glaubte vorausberechnen zu können.

Umso bestürzter zeigte sich nachmals Rosa Luxemburg darüber, wie »dem Sozialismus der granitene Boden der objektiven historischen Notwendigkeit dahin[schwand]«, seit Legionen von Marxisten auf der Grundlage des Kapital »die Möglichkeit der ewigen Dauer des Kapitalismus«, wenn nicht »die Unmöglichkeit des Sozialismus« nachzuweisen vermochten. Erst ein resignierter Spätmarxist wie Georg Fülberth riskierte die Empfehlung, zum besseren Verständnis von Marx am besten ganz auf den Einsatz »der vier Grundrechenarten« zu verzichten, da es sich bei seiner wissenschaftlich auftretenden »Kritik der politischen Ökonomie« eher um ein Stück »Geschichtsphilosophie« handele.

Zuweilen aber kam der sachliche Blick des Sozialhistorikers den erhabenen Visionen des Geschichtsphilosophen produktiv in die Quere. So reagierte Marx mit seinen Schriften Die Klassenkämpfe in Frankreich und Der Achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte auf den irregulären Auftritt eines »Bonapartismus«, der den Sozialismus von dem ihm zugedachten Platz forsch verdrängte. Daß sich in Frankreich, das um die Jahrhundertmitte für die proletarische Revolution reif zu sein schien, stattdessen eine demokratisch legitimierte Diktatur etablieren konnte, bedeutete nämlich im Klartext: »Die Reaktion exekutiert das Programm der Revolution.«

Und wenn Marx auch hoffte, daß diese praktische Ausnahme von der theoretischen Regel keine Verhinderung, sondern lediglich eine Verzögerung des revolutionären Endkampfes bedeute, so bestand faktisch jedenfalls ein »Gleichgewicht der Klassenkräfte«, aufgrund dessen die Bourgeoisie ihre politische Macht einem auf das Militär gestützten autoritären Staat übertrug, um wenigstens ihre obsolete ökonomische Herrschaft zu sichern.

Andere Aspekte hingegen ließen Marx den Bonapartismus bereits als eine »kaiserliche« Abart des Sozialismus erscheinen, und wie aus der Art geschlagen wirkte auch, was er zuvor als ideelles Gesamtproletariat konzipiert hatte: An der sozialen Basis des Bonapartismus entdeckte Marx neben den Parzellenbauern auch noch eine reaktionäre Schicht von Deklassierten, die als »Lumpenproletariat« nicht einmal mehr eine soziale Klasse bildeten. Engels wiederum sah im Bonapartismus einen Ausläufer der französischen Revolutionstradition, die sich dergestalt in einen sozialistischen Nationalismus verirrt habe, und nur folgerichtig sollte er später im Boulangismus eine »Wiederkehr des Bonapartismus« erblicken.

Aber auch das Deutsche Reich charakterisierte Engels als »bonapartistisch«, zumal hier eine »Arbeiteraristokratie« entstand, die sich unter einem rigiden Lassalleanismus sogar zu einer »bonapartistisch-staatssozialistischen Arbeiterpartei« hätte entwickeln können. Mit gesundem Realismus arg- wöhnten Marx und Engels, dieser wandlungsfähige und so national- wie staatssozialistische Bonapartismus werde am Ende womöglich noch den Sieg über ihren internationalistischen Marxismus erringen.

Dann freilich wäre aus der französischen Ausnahme eine europäische Regel geworden, und die scheinbare Paradoxie dieser »revolutionären Reaktion« oder »konservativen Revolution« hätte sich in einer Rückbesinnung auf den ursprünglichen Wortsinn von »Revolution« ebenso einfach wie einleuchtend auflösen lassen: Schließlich bedeutet »Revolutio« nichts anderes als »Rückwendung«; und in eben dieser Bedeutung tauchte der Ausdruck erstmalig im astronomischen Denken der Spätantike auf, wo er die kreisförmigen Bewegungen der Himmelskörper bezeichnete, bevor er in der Neuzeit als »Umlauf« der menschlichen Dinge in der Wiederkehr der Zeiten ins historische Denken Einzug hielt.

In diesem restaurativen Verständnis vollzog denn auch die gloriose Englische Revolution eine Kreisbewegung mit dem Ziel einer geläuterten Wiederherstellung früherer Zustände. Und selbst die Französische Revolution hatte sich nach deren liberal-konservativem Vorbild anfangs noch mit einer konstitutionellen Monarchie begnügt; erst nach ihrer links-progressiven Wende unter den radikalen Republikanern sollten sich die konservativ-revolutionären Kräfte auf der Seite der Gegenrevolution wiederfinden.

Zu einer solchen Radikalrevision seiner idealtypischen Revolutionskonzeption konnte Marx sich zwar nicht durchringen, aber immerhin stellte er ihr in späten Jahren eine realistischere Revolutionstypologie zur Seite, die statt des einen universalen Weges zur Weltrevolution vielmehr drei nationale Sonderwege eröffnete: zunächst den englischen Weg, an dessen paradigmatischer Rolle Marx schon deshalb festhielt, weil England trotz seines Mangels an revolutionärem Bewußtsein die fortgeschrittenste Ökonomie besaß; sodann den konkurrierenden deutschen Weg, der ihm als der philosophische galt, da in dem ökonomisch gewiß verspäteten Deutschland gleichwohl ein über nationale Grenzen hinausweisender Geist herrsche; und schließlich einen russischen Weg, welcher sich ihm allerdings als der riskanteste darstellte.

Denn einerseits schienen Marx gerade in der vollkommen zurückgebliebenen Agrarökonomie Rußlands noch urkommunistische Zustände lebendig zu sein, aber andererseits müßte das halbasiatische Land die westeuropäische Entwicklung in kürzester Zeit nachholen, um jene in einen modernen Kommunismus hinüberretten zu können. So äußerte Marx einmal besorgt, in Rußland könne nur »eine äußerst schreckliche Revolution« ausbrechen, und ein anderes Mal vertraute er wieder auf die »Lebensfähigkeit der Dorfgemeinde«, die sich als »Stützpunkt der sozialen Wiedergeburt Rußlands« erweisen könnte.

Hiermit hat Marx gleichsam gegen sich selber recht behalten. Denn nur wenige Jahrzehnte später sollte Lenin den von Marx unter erheblichen Zweifeln vorgezeichneten russischen Weg beschreiten, nicht ohne im Zuge dieses notgeborenen Versuchs, auf feudalistischer Grundlage die kapitalistische Periode in sozialistischer Richtung zu überspringen, die russische Dorfgemeinde zu zertreten.

Indem Lenin die sozialistische Revolution zur Voraussetzung statt zur Folge der industriellen Revolution erklärte, verkehrte er die ursprüngliche Revolutionslehre von Marx voluntaristisch in ihr blankes Gegenteil, und insofern lag in dem Sieg des russischen Bolschewismus von vornherein das Scheitern des sowjetischen Sozialismus beschlossen. Nicht von ungefähr beschuldigte der Menschewistensprecher Julius Martow den Bolschewistenführer des Bonapartismus, und Leo Trotzki hat diese Anschuldigung gegen Stalin wiederholt.

So bereiteten auch die »Geburtswehen« der nachzuholenden Industrialisierung Rußlands nicht dem Kapitalismus, wohl aber Millionen russischer Arbeiter und Bauern »Todesqualen«. Und in der Folge sollte es sich überhaupt als tragische Paradoxie marxistisch-leninistischer Bewegungen erweisen, daß sie allesamt nur in rückständigen Agrargesellschaften zur Macht gelangten, während in den fortgeschrittenen Industriegesellschaften, welche die ökonomischen Voraussetzungen geboten hätten, der Marxismus nirgends zur Staatsmacht werden konnte.

Aber auch dem Faschismus gelang es nur in »verspäteten Nationen« die Macht zu ergreifen, und rückblickend fallen dessen moderne, revolutionäre und linke Elemente ebenso ins Auge wie die antimodernen, reaktionären und rechten Züge der real existierenden Sozialismen. Bereits 1929 verortete der Komintern-Funktionär Franz Borkenau die Sowjetunion »unter den totalitären, den faschistischen Mächten«, und 1930 bezeichnete Leo Trotzki den stalinistischen »Sozialismus in einem Lande« sogar als »Nationalsozialismus«, bevor es für den Rätekommunisten Otto Rühle 1939 schlechterdings nur noch »roten und braunen Faschismus« gab.

Vor diesem Hintergrund sah Ernst Nolte die Epoche des europäischen Bürgerkriegs »nicht vom Kampf zwischen ›der‹ Revolution und ›der‹ Reaktion«, sondern »von der Auseinandersetzung zweier irregulärer Revolutionen« erfüllt, deren befremdliche Wesensverwandtschaft daher rühre, daß der Marxismus wie der Faschismus »konservative Revolutionen«, also höchst zwiespältige Reaktionsbildungen auf die »progressive« Herausforderung der industriellen Fundamentalrevolution darstellten.

Und angesichts ihrer totalitären Konvergenz kennzeichnete Nolte »den Faschismus und zumal den nationalsozialistischen Radikalfaschismus als die linkeste der rechten oder gegenrevolutionären Parteien und den Bolschewismus als die rechteste unter den linken oder revolutionären Parteien«. Aber erst in der extremen Gestalt des nationalistisch und antisemitisch verschärften Spätstalinismus enthüllte sich ihm der Marxismus als »der Faschismus des Sozialismus und insofern [als] der eigentliche Linksfaschismus«.

In seiner Schrift Zur Judenfrage hatte freilich schon der junge Marx diagnostiziert, die heutige Welt sei »bis in ihr innerstes Herz jüdisch«; doch zielte seine Polemik gegen den Schacher als »weltlichen Kultus des Juden« und das Geld als »eifrigen Gott Israels, vor welchem kein andrer Gott bestehen darf«, im Kern auf das kapitalistische Profitmotiv, welches im jüdischen Sozialcharakter nur seinen exemplarischen Ausdruck gefunden habe.

Erst der reife Marx revidierte, zumindest privatim, diese Aufhebung des Antijudaismus in Kapitalismuskritik und forcierte dessen Überführung in Rassenkunde, indem er etwa Lassalle als »jüdischen Nigger« charakterisierte, dessen »sonderbare Art« aus der »Verbindung von Judentum und Germanentum mit der negerhaften Grundsubstanz« hervorgegangen sei. Und Marxens besondere Leidenschaft für Phrenologie bekam unter anderem Karl Liebknecht zu spüren, als er von Marx einmal einer schädelkundlichen Untersuchung unterzogen wurde.

Eine grundsätzlichere Bedeutung kommt in diesem Zusammenhang der beunruhigenden Bevölkerungslehre von Thomas Robert Malthus zu, welche nicht nur Charles Darwin zu seiner Evolutionstheorie anregte, sondern auch den von Engels gern als »Darwin der Geschichtswissenschaften« titulierten Marx allererst zur Auseinandersetzung mit der Nationalökonomie nötigte. Tatsächlich bildete das Malthussche »Bevölkerungsgesetz«, demzufolge das moderne Bevölkerungswachstum das industrielle Wirtschaftswachstum notwendig überholen und zu Massenelend in der gesamten Gesellschaft führen werde, die notorisch verdrängte Voraussetzung für Marxens »Verelendungstheorie« und sein Konzept einer »industriellen Reservearmee«.

Auf seine Weise nahm jedoch auch Engels das »Malthus-Problem« ernst, indem er die »Rasse« als einen »ökonomischen Faktor« in Rechnung stellte und die von ihm in seinen letzten Jahren befürchtete Überschwemmung Europas durch chinesische Kulis als einen demographisch explosiven Rassenkampf interpretierte.

In bezug auf Deutschland lag wiederum James Guillaume, ein Anhänger Bakunins, ganz richtig, als er einer Schrift den Titel Marx Pangermaniste gab, nur daß es gleichermaßen Engels’ Herzenswunsch war, die internationale Revolution möge ihren Ausgang von einem Großdeutschland einschließlich Österreichs und Böhmens nehmen. Und wie Marx den Preußen vorwarf, »keinen historisch bedeutsamen Slawenstamm unterworfen oder germanisiert zu haben«, so forderte Engels die »Germanisierung des abtrünnig gewordenen Hollands und Belgiens«. Für die Autonomiebestrebungen der »Natiönchen« und »Völkertrümmer« des Balkans hatte Engels dagegen nur Hohn und Spott übrig, und die von den Deutschen an jenen verübten Verbrechen rechnete er unerschrocken zu ihren »besten und anerkennungswürdigsten Taten«.

In scheinbarem Widerspruch hierzu begrüßte Marx, seit er »Klassenkämpfe« in »Nationalkämpfe« übergehen sah, die »Erhebung von unterdrückten Nationalitäten« wie den Polen und den Iren durchaus als zeitgemäße Manifestation eines internationalierten Klassenkonflikts. Für die Zukunft indessen erwartete er die Verlagerung des »Klassenkampfes« als solchem in einen »Völkerkampf« zwischen armen und reichen Nationen, und solange Kolonalismus und Krieg zur Ausbreitung der »westlichen Zivilisation« führten, wofür ihm die englische Herrschaft in Indien das beste Beispiel bot, nahm Marx mitnichten eine antikolonialistische Haltung ein. Aus demselben Grund lobte im übrigen Engels die »energischen Yankees« dafür, den »faulen Mexikanern« das schöne Kalifornien entrissen zu haben.

Vor allem in Europa aber schien Marx und Engels der Klassenkampf nach kleineren Völkerkämpfen endlich auf einen großen Rassenkampf zuzusteuern, und dessen Akteure galt es zu taxieren: Für Marx gehörten Deutsche und Skandinavier »zu der gleichen großen Rasse«, deren Erbfeind »der Slawe« sei; und unter Auspizien eines »Racenkrieges« der Deutschen »gegen die verbündeten Racen der Slawen und Romanen« erklärte er noch zu Zeiten des Deutschen Bundes jeden Versuch, in einem solchen nationalen Notstand eine Revolution anzuzetteln, für »Reichsverrat«.

Ganz ähnlich bewunderte Engels die Norweger als eine »gesunde, kräftige und schöne Rasse«, und wenn er die Österreicher bereits als »eine kelto-germano-slawische Rassenmischung« abschätzte, so war doch die mit dem Panslawismus gegebene Kriegserklärung der »slawischen Rasse« an die »römisch-keltischen und deutschen Racen« allemal Grund genug, die europäischen Klassen und Völker auf einen »progressiven« Burgfrieden mit genozidalen Verheißungen einzuschwören: »Der nächste Weltkrieg wird nicht nur reaktionäre Klassen und Dynastien, er wird auch ganze reaktionäre Völker vom Erdboden verschwinden machen. Und das ist auch ein Fortschritt.«

So fanden die unorthodoxen Ideen von Marx und Engels nicht erst im Bolschewismus, sondern inkognito bereits im Imperialismus eine Ver- wirklichung, die einer Widerlegung ihrer orthodoxen Lehre gleichkam. Im Faschismus aber kehrte das Verdrängte des Marxismus feindlich wieder, und vollends im Nationalsozialismus als seinem radikalsten Feind wurden ihm die eigensten Fragen zur fremdesten Gestalt. Gegen das liberale System des westlichen Industriekapitalismus jedoch standen die feindlichen Brüder in einer queren Front zusammen.


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