Sezession
1. Oktober 2017

Die konservative Revolution des Marxismus

Siegfried Gerlich

Siegfried Gerlich

Siegfried Gerlich studierte Philosophie sowie Musikwissenschaft und lebt als freier Autor und Pianist in Hamburg.

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Als Lenin in einem um internationale Gleichrangigkeit bemühten kleinen Katechismus die deutsche Philosophie, den französischen Sozialismus und die englische Nationalökonomie als die »drei Quellen und drei Bestandteile des Marxismus« kodifizierte, laborierte er an einer konsistenten Doktrin, welche die bis zur Selbstwidersprüchlichkeit reichende Vielschichtigkeit des marxistischen Denkens zum Verschwinden bringen sollte.

Immerhin hatten Karl Marx und Friedrich Engels noch gewisse Rangunterschiede zwischen jenen drei nationalen Traditionslinien geltend gemacht, indem sie den englischen Antikapitalismus, der zwar nicht sozialistisch, dafür aber klassenkämpferisch gesinnt war, dem zur Klassenversöhnung aufrufenden französischen Frühsozialismus vorzogen. Und in der englischen Tradition selbst hielten sie »unsere chartistischen Vorväter« und »humanen Tories«, aber auch reaktionäre Ökonomen wie Thomas Hodgskin und Piercy Ravenstone in Ehren, die »der Wahrheit viel näher« gekommen seien als ihre offiziösen nationalökonomischen Vorläufer Adam Smith und David Ricardo.

Gelegentlich gaben Marx und Engels, die sich ansonsten stets zum geistigen Erbe des deutschen Idealismus Kants und Hegels bekannten, sogar preis, wie viel ihr kommunistisches Gegenbild zur bürgerlichen Gesellschaft den konservativen Gemeinschaftslehren deutscher Romantiker wie Adam Müller und Ernst Moritz Arndt verdankte. Über die von ihnen vollständig verleugnete Bedeutung der prophetisch-apokalyptischen Tradition des alten Judentums für die theologische Zurüstung ihrer revolutionären Gesellschaftskritik zu einer messianischen Heilslehre hätten sie sich dagegen von dem »Kommunistenrabbi« Moses Hess belehren lassen können.

Trägt man die architektonischen Schichten des marxistischen Lehrgebäudes ab, um es von seinen verdrängten Fundamenten her neu zu erschließen, so stößt man allenthalben auf unbewältigte Probleme, die weitaus lehrreicher sind als die bekannten Irrtümer, da sie bereits die bolschewistischen Fehlentwicklungen und faschistischen Frontverwirrungen im späteren Weltbürgerkrieg der Ideologien vorwegnehmen. Und hierzu zählen vornehmlich die seit Anbeginn im Denken von Marx und Engels wirkenden konservativen und reaktionären Antriebskräfte, die in der wissenschaftlichen Literatur kaum Beachtung gefunden haben, obwohl gerade sie dem Marxismus seinen komplexen Charakter verleihen, der ihn vor allen übrigen, zumeist trivialen Sozialismen auszeichnet.

Gleichzeitig aber droht eine unzensierte Sichtung der geistigen Voraussetzungen des Marxismus ihm einiges von seiner Originalität zu rauben: Die Forderung nach Aufhebung der Ausbeutung durch Abschaffung der Arbeitsteilung hatten bereits die Saint-Simonisten erhoben, und die Utopie einer staaten- und klassenlosen Gesellschaft schwebte schon Thomas Paine und Étienne Cabet vor; sogar Lehren vom Mehrwert und vom Klassenkampf waren bereits von François Babeuf, Robert Owen und Bronterre O’Brien verbreitet worden.

Doch wenngleich Marx und Engels diese als geistiges Eigentum reklamierten Topoi, Thesen und Theoreme in Wahrheit nur entlehnt haben, erschöpft sich ihre Lehre keineswegs in einem eklektischen Denksystem. Daß das Ganze des Marxismus mehr wert ist als die Summe seiner Teile, war maßgeblich dem philosophisch geschulten Kopf von Marx geschuldet, der sich in intensiver Arbeit an einer dialektischen Synthese der vorgefundenen Elemente diesen geistigen Mehrwert abrang. Gewisse strukturelle Paradoxien und zentrifugale Tendenzen im Herzen des Marxschen Geschichtsdenkens ließen sich gleichwohl nicht wegarbeiten, denn sie wurzelten in der realen Zwiespältigkeit einer frühindustriellen Gesellschaft, deren enthusiastischer wirtschaftlicher Aufbruch durchaus  traumatische gesellschaftliche Auflösungserscheinungen zeitigte.


Siegfried Gerlich

Siegfried Gerlich studierte Philosophie sowie Musikwissenschaft und lebt als freier Autor und Pianist in Hamburg.

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