Sezession
1. Dezember 2017

Geförderte Zerrüttung

Gastbeitrag

von Sophie Liebnitz

pdf der Druckfassung aus Sezession 81/Dezember 2017

Dieser letzte Text aus einer Dreierserie zum Thema »Geschlecht und die Rechte« sollte eigentlich den Entwurf einer Geschlechterpolitik für das rechte Lager beinhalten und den Titel »Mann-Frau. Eine Wieder-Holung« tragen. Die Ereignisse haben diese programmatischen Überlegungen in den Hintergrund treten lassen − die durch den Feminismus forcierte Frontstellung der Geschlechter hat, unter anderem im Gefolge der Weinstein-Affäre, eine neue Qualität erreicht.

Es lohnt sich, näher ins Auge zu fassen, wie diese Frontstellung durch aktuelle (Meta-)Politik gefördert und vertieft wird.
Der Grad der Entfremdung zwischen den Geschlechtern, der mittlerweile erzeugt worden ist, läßt sich vielleicht am besten am Phänomen des Meldens beschreiben. Dieses hat in der letzten Zeit verblüffende Blüten getrieben, die allerdings die einer fleischfressenden Pflanze sind. »Melden« bezeichnet neuerdings einen Vorgang, bei dem eine Frau (meist bzw. in der Praxis so gut wie immer) einen Mann bei einer (meist) halbstaatlichen, jedenfalls aus Steuergeldern finanzierten Stelle oder im Internet wegen eines beliebigen unerwünschten Verhaltens denunziert.
In Deutschland steht dafür die zum 11. Oktober, dem Internationalen Mädchentag, gestartete Facebook-App »keine kleinigkeit.de« zur Verfügung, während man, ebenfalls seit diesem Termin, seine Empörung über »sexistische« Werbung auf der Webseite werbemelder.in bei Pinkstinks loswerden kann, einer Organisation, die ihre Existenzberechtigung darin sieht, solche Werbung anzuprangern und gesetzlich unterbinden zu lassen.

Das Bild des Prangers, das im letzten Artikel zitiert wurde, gewinnt mit erschreckender Geschwindigkeit an Aktualität. Es ist das neue Kollektivsymbol einer Kultur des öffentlichen Beschämens (Public shaming). Daß der Pranger nicht mehr auf dem Markplatz, sondern im Internet steht, verbessert die Sache nicht. Es vervielfacht die Zuschauer und stellt den Vorgang auf Dauer. Konnte der Delinquent den physischen Pranger verlassen und darauf hoffen, daß über die peinliche Angelegenheit Gras wachsen werde und daß sie im Nachbarort vielleicht gar nicht publik geworden sei, so ist es damit vorbei. Das Netz »vergißt nichts«. Das ist im wesentlichen gesagt worden. Was nicht gesagt worden ist: Der- zeit stehen darin (fast) nur Männer.
Deren Stigmatisierung erfolgt nicht etwa aufgrund nachweisbar justiziablen Verhaltens, sondern durch beliebige Personen, die beliebige Vorfälle unerträglich finden.

Und das geht so: »Jedes Mal, wenn du dich durch einen Kommentar zu deinem Körper und Aussehen, durch Nachpfeifen, Grabschen oder was auch immer sexuell belästigst fühlst, drückst du den Button in unserer App oder meldest den Vorfall auf unserer Website. Dabei ist egal, ob die Belästigung von Bekannten, Fremden, Kollegen oder jemandem aus der Familie ausgeht. Belästigung ist, was dich belästigt und keine Kleinigkeit« (keinekleinigkeit.de; Hervorhebung S. L.). Halten wir fest: der Begriff Belästigung wird nicht definiert, die Meldung erfolgt anonym (eine grobe Zuordnung nach Rubriken wie »Belästigungen mit Worten«, »Belästigungen ohne Worte«, »Belästigungen durch Exhibitionismus« kann, muß aber nicht getroffen werden).

Niemand kann kontrollieren, ob der »Vorfall« überhaupt stattgefunden hat, geschweige denn, wie er stattgefunden hat. Die Vorfälle sind ohne Kon- trolle beliebig multiplizierbar. Das ist besonders absurd angesichts der Tatsache, daß es das erklärte Ziel ist, »auf die hohe Dunkelziffer sexueller Belästigung im Alltag aufmerksam zu machen und diese abzubilden« (keinekleinigkeit.de). Eine Agenda, die zum freien Erfinden von Vorfällen geradezu ermutigt, ist vollkommen ungeeignet, eine Dunkelziffer abzubilden.


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