Sezession
1. Dezember 2017

God bless America

Gastbeitrag

von Konrad Markwart Weiß

pdf der Druckfassung aus Sezession 81/Dezember 2017

Wer während weniger Wochen Ostpreußen und Ostküste bereist, erlebt die Antipoden des Westens. Hier berücken Sommerkühle, Stille, Ent- schleunigung, Natur, weite Horizonte und Horizontalität; dort erdrükken Schwüle, Getöse, Rastlosigkeit, Urbanität und eine Vertikalität, die den Horizont oft auf einige hundert Fuß heranrücken und überdies nur mit dem Kopf im Nacken sichtbar werden läßt.

Selbst wer »God’s own Country« über dessen linksliberales Schmelztiegel-Einfallstor New York betritt (entgegen Günter Maschkes Anweisung nicht »wenn überhaupt, dann als Mitglied einer Invasionsarmee«, sondern als gemeiner Tourist), ist vom Gegensatz frappiert: Die multiethnische Stadt, dabei die Stadt schlechthin, wie man alsbald zähneknirschend einräumt, ist an einem gewöhnlichen Wochentag beflaggt, wie man es sogar aus Europas selbstbewußteren Staaten an Nationalfeiertagen nicht kennt. Immer wieder zwingen überwältigende Schauwerte zum Rundumblick; immer rückt dabei das unentrinnbare Sternenbanner ins Gesichtsfeld – und am Rathaus von Staten Island ein eiserner Sammelbehälter zur Abgabe und würdigen Weiterbehandlung von »retired U.S. flags only«.

Auf der Fähre zurück nach Manhattan und in dessen Eingeweiden, auf jedem U-Bahn-Wagen, den plakativen T-Shirts oder dezenten Ansteckern auf Anzugrevers und selbst auf den Getränkebechern der Passagiere, auf deren Mützen und den Werbeflächen darüber – spätestens wenn man an der piekfeinen Fifth Avenue wieder an die Oberfläche steigt, glaubt man in Sachen Flaggentaumel alles gesehen zu haben: bis man die katholische St. Patrick’s Cathedral erblickt, ungläubig, weil selbst sie mit Stars and Stripes beflaggt ist.
Sogar die spätnächtliche Ausfahrt eines Feuerwehrwagens über den taghellen Times Square am Broadway, eines chromblitzenden Ungetüms, gerät zur patriotisch-dramatischen Inszenierung, und gelte es auch nur ein Kätzchen aus der Baumkrone zu retten: Blinkend und gellend bahnt sich Truck 4 – laut zahlreichen Aufschriften »Pride of Midtown« – seinen Weg, mit flatternden US-Fahnen am Heck.

Ihren Ruhm hat sich die Truppe insbesondere an Nine-Eleven erworben, als über 300 Feuerwehrleute unter den Trümmern des World Trade Centers zu Tode kamen. So erwartet man gerade am Ground Zero gestreift-gesterntes Pathos in Blau- Weiß-Rot, das alles Bisherige in den Schatten stellt – und erlebt eine handfeste Überraschung: Der zentrale Gedenkort ist vollkommen flaggenlos, ist einer der stillsten und horizontalsten Orte Manhattans – und auch deshalb einer der beeindruckendsten. Dort, wo einst die beiden Haupttürme des WTC in die Wolken ragten, ihre Abmessungen am Fundament beibehaltend, sind die Namen der 3000 Toten des 11. September in die umlaufende, massive Bronzebrüstung eingekerbt, hinter der ein Wasserfall in unzähligen feinen Fäden auf den Grund der rechteckigen Bekken stürzt, um dann, einer fast unmerklichen Neigung folgend, in deren Mitte langsam in einem dunklen Schacht zu verschwinden, dessen Grund dem Blick der Betrachter entzogen bleibt.

Und diese sind ungewöhnlich still, obwohl die sonst allgegenwärtigen Aufsichtsorgane und belehrenden Hinweisschilder fehlen, verzehren nichts, posieren nicht, telephonieren kaum und verleihen dem Ort zusätzliche Würde. Das angrenzende neue One World Trade Center scheint menschenleer, niemand fährt über die stark bewehrte Auffahrt vor, niemand betritt oder verläßt den Turmbau, dessen gläserne Fassade den strahlend blauen Himmel spiegelt und sich trotz ihrer 400 Meter Höhe beinahe dezent in diesen einfügt. Der vollständig aus dem Getriebe der Riesenstadt herausgelöste Ort vermittelt insgesamt den Eindruck, als wäre Amerika womöglich nachdenklich geworden, nachdenklich an seiner eigenen Größe und der üblichen Art, diese zu zelebrieren und aller Welt auf allen Kanälen unausgesetzt ins Bewußtsein zu hämmern.


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