Sezession
1. Dezember 2017

Dezember 1917: Brest-Litowsk

Gastbeitrag

von Stefan Scheil

pdf der Druckfassung aus Sezession 81/Dezember 2017

Vor einhundert Jahren sah es  lange  Zeit  so aus, als würden im Fall des Ersten Weltkriegs die 1914 angegriffenen Mittelmächte die Oberhand behalten, obwohl sich der Gang der Dinge als überaus offen erwies. Man hatte in Europa mehrheitlich mit einem kurzen Krieg gerechnet. Es wurde ein langer. Gerüstet wurde für entscheidende Seeschlachten. Sie fanden nicht statt. In Deutschland war man sich vor dem Krieg recht sicher gewesen, Frankreich notfalls überrennen zu können. Das mißlang.

Zugleich hatte in Berlin die »russische Dampfwalze« als militärisch unüberwindbarer Alptraum gegolten. Und nun standen deutsche Truppen Ende 1917 tief in Rußland; zahlreiche deutsche Siege und zwei russische Revolutionen hatten das erreicht, was niemand für möglich gehalten hatte: den deutsch-österreichischen Sieg über den östlichen Nachbarn.

Ab dem 7. Dezember 1917 schwiegen im Osten die Waffen. Die Weltgeschichte hielt gewissermaßen den Atem an, als sich in den Folgemonaten in Osteuropa eine neue Staatenwelt herauskristallisierte, die dann im März  1918 mit dem Friedensvertrag von Brest-Litowsk ihre rechtliche Anerkennung fand. Österreich-Ungarn, Deutschland, die Türkei und Bulgarien einerseits und Rußland andererseits schlossen dieses Abkommen als einen Vertrag alter Art. Ein Vertrag unter Feinden auf Augenhöhe, die miteinander verhandelten und tatsächlich Frieden schließen wollten.

Daher enthielt der Vertrag von Brest-Litowsk kein Wort des Vorwurfs an Rußland, 1914 den Krieg mutwillig vom Zaun gebrochen zu haben. Berechtigt wäre diese Anklage gewesen, denn niemand hatte das Zarenreich in der Vorkriegszeit von Mitteleuropa aus bedroht oder provoziert. Aus freien Stücken wurde im Juli 1914 der Entschluß zum Krieg in Petersburg getroffen und dies so lange wie möglich geheim gehalten, damit sich Berlin noch in Sicherheit wiege. Noch heute steht in den Lehrbüchern so gut wie nie der 25. Juli 1914, das echte Datum des Beginns der zunächst noch geheimen russischen Mobilmachung, sondern wird fast immer der 30. Juli genannt, der offizielle Tag.

Bald nach Kriegsende publizierten die jetzt in Rußland regierenden Bolschewiki auch beweiskräftiges Aktenmaterial für jene russisch- französische Aggression. In den Grundzügen wußte man das im deutschen Auswärtigen Amt allerdings vorher schon  und  hatte  deswegen zu radikalen Mitteln gegriffen. Der Zar  und die russische Regierung hätten angesichts  ihrer Taten jede Schonung verwirkt, daher könne man ihnen auch Revolutionäre wie Lenin ins Land schicken und sie mit entsprechenden Geldern ausstatten. »Militärisch war die Reise gerechtfertigt. Rußland mußte fallen. Unsere Regierung hatte aber darauf zu achten, daß nicht auch wir fielen«, erinnerte sich Erich Ludendorff später lakonisch an die damit verbundene Problematik.

Offiziell erhoben wurde der Vorwurf der »Kriegsschuld« von Seiten der Mittelmächte in den Brest-Litowsker Verhandlungen dennoch nicht. Die Vorgeschichte und die Kriegshandlungen des Großen Krieges sollten, wie traditionell üblich, »friedewirkend vergessen« sein.


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