Dezember 1917: Brest-Litowsk

 Gastbeitrag

Fremde Federn reichen Beiträge ein. Sind sie gut, bringen wir sie.

Vor ein­hun­dert Jah­ren sah es  lan­ge  Zeit  so aus, als wür­den im Fall des Ers­ten Welt­kriegs die 1914 ange­grif­fe­nen Mit­tel­mäch­te die Ober­hand behal­ten, obwohl sich der Gang der Din­ge als über­aus offen erwies. Man hat­te in Euro­pa mehr­heit­lich mit einem kur­zen Krieg gerech­net. Es wur­de ein lan­ger. Gerüs­tet wur­de für ent­schei­den­de See­schlach­ten. Sie fan­den nicht statt. In Deutsch­land war man sich vor dem Krieg recht sicher gewe­sen, Frank­reich not­falls über­ren­nen zu kön­nen. Das mißlang.

Zugleich hat­te in Ber­lin die »rus­si­sche Dampf­wal­ze« als mili­tä­risch unüber­wind­ba­rer Alp­traum gegol­ten. Und nun stan­den deut­sche Trup­pen Ende 1917 tief in Ruß­land; zahl­rei­che deut­sche Sie­ge und zwei rus­si­sche Revo­lu­tio­nen hat­ten das erreicht, was nie­mand für mög­lich gehal­ten hat­te: den deutsch-öster­rei­chi­schen Sieg über den öst­li­chen Nachbarn.

Ab dem 7. Dezem­ber 1917 schwie­gen im Osten die Waf­fen. Die Welt­ge­schich­te hielt gewis­ser­ma­ßen den Atem an, als sich in den Fol­ge­mo­na­ten in Ost­eu­ro­pa eine neue Staa­ten­welt her­aus­kris­tal­li­sier­te, die dann im März  1918 mit dem Frie­dens­ver­trag von Brest-Litowsk ihre recht­li­che Aner­ken­nung fand. Öster­reich-Ungarn, Deutsch­land, die Tür­kei und Bul­ga­ri­en einer­seits und Ruß­land ande­rer­seits schlos­sen die­ses Abkom­men als einen Ver­trag alter Art. Ein Ver­trag unter Fein­den auf Augen­hö­he, die mit­ein­an­der ver­han­del­ten und tat­säch­lich Frie­den schlie­ßen wollten.

Daher ent­hielt der Ver­trag von Brest-Litowsk kein Wort des Vor­wurfs an Ruß­land, 1914 den Krieg mut­wil­lig vom Zaun gebro­chen zu haben. Berech­tigt wäre die­se Ankla­ge gewe­sen, denn nie­mand hat­te das Zaren­reich in der Vor­kriegs­zeit von Mit­tel­eu­ro­pa aus bedroht oder pro­vo­ziert. Aus frei­en Stü­cken wur­de im Juli 1914 der Ent­schluß zum Krieg in Peters­burg getrof­fen und dies so lan­ge wie mög­lich geheim gehal­ten, damit sich Ber­lin noch in Sicher­heit wie­ge. Noch heu­te steht in den Lehr­bü­chern so gut wie nie der 25. Juli 1914, das ech­te Datum des Beginns der zunächst noch gehei­men rus­si­schen Mobil­ma­chung, son­dern wird fast immer der 30. Juli genannt, der offi­zi­el­le Tag.

Bald nach Kriegs­en­de publi­zier­ten die jetzt in Ruß­land regie­ren­den Bol­sche­wi­ki auch beweis­kräf­ti­ges Akten­ma­te­ri­al für jene rus­sisch- fran­zö­si­sche Aggres­si­on. In den Grund­zü­gen wuß­te man das im deut­schen Aus­wär­ti­gen Amt aller­dings vor­her schon  und  hat­te  des­we­gen zu radi­ka­len Mit­teln gegrif­fen. Der Zar  und die rus­si­sche Regie­rung hät­ten ange­sichts  ihrer Taten jede Scho­nung ver­wirkt, daher kön­ne man ihnen auch Revo­lu­tio­nä­re wie Lenin ins Land schi­cken und sie mit ent­spre­chen­den Gel­dern aus­stat­ten. »Mili­tä­risch war die Rei­se gerecht­fer­tigt. Ruß­land muß­te fal­len. Unse­re Regie­rung hat­te aber dar­auf zu ach­ten, daß nicht auch wir fie­len«, erin­ner­te sich Erich Luden­dorff spä­ter lako­nisch an die damit ver­bun­de­ne Problematik.

Offi­zi­ell erho­ben wur­de der Vor­wurf der »Kriegs­schuld« von Sei­ten der Mit­tel­mäch­te in den Brest-Litowsker Ver­hand­lun­gen den­noch nicht. Die Vor­ge­schich­te und die Kriegs­hand­lun­gen des Gro­ßen Krie­ges soll­ten, wie tra­di­tio­nell üblich, »frie­de­wir­kend ver­ges­sen« sein.

Zugleich ver­zich­te­ten bei­de Sei­ten im Frie­dens­ver­trag aus­drück­lich »gegen­sei­tig auf den Ersatz ihrer Kriegs­kos­ten« und zwar sowohl auf die Auf­wen­dun­gen für die Kriegs­füh­rung selbst als auch auf Scha­den­er­satz für zivi­le Staats­an­ge­hö­ri­ge. Kriegs­ge­fan­ge­ne soll­ten umge­hend von bei­den Sei­ten in die Hei­mat ent­las­sen werden.

In Sachen Gebiets­ab­tritt fie­len die Rege­lun­gen eben­falls ganz klar aus. Der Ver­trag von Brest-Litowsk zog eine Grenz­li­nie. Öst­lich davon ver­zich­te­ten die Mit­tel­mäch­te auf jeden Ein­fluß. West­lich davon ver­spra­chen die Sowjets, sich aus den inne­ren Ange­le­gen­hei­ten in die­sem Gebiet her­aus­zu­hal­ten – wenn sie auch kei­ne Sekun­de dar­an dach­ten, sich dar­an zu hal­ten. Die Mit­tel­mäch­te bean­spruch­ten aus­drück­lich, »das künf­ti­ge Schick­sal die­ser Gebie­te im Beneh­men mit deren Bevöl­ke­rung zu bestim­men.« So las sich der Ver­trag denn als Abschluß­pro­kla­ma­ti­on für den vor­mals sprich­wört­li­chen rus­si­schen »Völ­ker­ker­ker«.

Als Kon­se­quenz wur­den von  der  Ost­see bis zum Schwar­zen Meer erst­mals oder erneut Staa­ten wie Finn­land, die bal­ti­schen Län­der, Polen oder die Ukrai­ne geschaf­fen. Ruß­land ver­pflich­te­te sich ver­trag­lich, mit der »ukrai­ni­schen Volks­re­pu­blik« Frie­den zu schlie­ßen und die Ver­trä­ge der Mit­tel­mäch­te mit der Ukrai­ne anzu­er­ken­nen. Selbst im Kau­ka­sus blick­te man nach Ber­lin, und im Herbst 1918 soll­te dann sogar noch Geor­gi­en um den Bei­tritt zum Deut­schen Reich ersuchen.

Vom Wes­ten aus sah man höchst ableh­nend, aber macht­los auf die­se Ent­wick­lung. Groß­bri­tan­ni­en und Frank­reich stan­den 1917 vor dem Staats­bank­rott, in Frank­reich meu­ter­ten zudem die Trup­pen. Finan­zi­ell ver­schlech­ter­te sich die Situa­ti­on durch den Ver­lust des öst­li­chen Bünd­nis­part­ners erheb­lich. Ruß­land hat­te sich zur Vor­be­rei­tung des Krie­ges vor 1914 in Paris unge­heu­re Sum­men gelie­hen, die nun als For­de­rung weg­fie­len. Die Bol­sche­wi­ki wei­ger­ten sich, die­se Staats­schul­den anzu­er­ken­nen und ver­schick­ten statt des­sen eine lan­ge Lis­te mit »impe­ria­lis­ti­schen« Abkom­men des frü­he­ren Zaren­reichs, die sämt­lich null und nich­tig seien.

Sie reich­te bis ins 18. Jahr­hun­dert zurück und umfaß­te natür­lich auch die Kre­dit­ver­ein­ba­run­gen der jüngs­ten Zeit. Mit zu den gekün­dig­ten Ver­trä­gen gehör­te auch das fran­zö­sisch-rus­si­sche Bünd­nis von 1892, jener »Ver­trag zur Erobe­rung Deutsch­lands und sei­ne Auf­tei­lung in Klein­staa­ten«, wie der dama­li­ge Zar sich aus- gedrückt hatte.

Aller­dings hat­ten die Ver­ei­nig­ten Staa­ten als wei­te­re und schließ­lich ent­schei­den­de west­li­che Macht im Früh­jahr 1917 den eige­nen Kriegs­ein­tritt ver­kün­det. Der inter­na­tio­na­len Öffent­lich­keit prä­sen­tiert als angeb­li­che Reak­ti­on auf deut­sche U‑Boot-Atta­cken, galt die­ser Schritt vor allem der grund­sätz­li­chen Gefahr, die man von Deutsch­land aus­ge­hen sah, schon lan­ge vor 1914. In den Washing­to­ner Füh­rungs­zir­keln wur­de das Deut­sche Reich als der eigent­li­che Unru­he­herd der Welt­po­li­tik und als dunk­le Bedro­hung des eige­nen Anspruchs als ein­zi­ge Welt­macht empfunden.

Das bri­ti­sche Welt­reich wür­de sich letzt­lich Stück für Stück ver­drän­gen und über­neh­men las­sen, die­ser Pro­zeß war seit der zwei­ten Hälf­te des 19. Jahr­hun­derts längst im Gang. Von Deutsch­land glaub­ten die Washing­to­ner Ent­schei­dungs­trä­ger das nicht. Ganz im Gegen­teil galt die­ses Land als dyna­mi­scher Gegen­ent­wurf zur ame­ri­ka­ni­schen Weltordnung.

Der fins­te­ren The­ma­tik ent­spre­chend hat­te man Deutsch­land des­halb in den US-Mili­tär­ak­ten schon kurz nach der Jahr­hun­dert­wen­de den Code-Namen »Black« gege­ben und damit begon­nen, den »Black-Plan« zu ent­wi­ckeln, jenen für den kom­men­den Krieg gegen Deutsch­land. Als der Krieg von 1914 dann aus­ge­bro­chen war, da ver­trau­te US-Prä­si­dent Woo­d­row Wil­son sei­nem Bera­ter­kreis an, was sei­ner Mei­nung nach auf dem Spiel stand: Ein deut­scher Sieg wür­de den Lauf der Zivi­li­sa­ti­on ändern.

Dar­an ist höchst­wahr­schein­lich wenigs­tens so viel zutref­fend: Ein deut­scher Sieg oder das Ver­mei­den einer deut­schen Nie­der­la­ge hät­te das 20.Jahrhundert in Euro­pa zu einem weit­aus ange­neh­me­ren Zeit­raum wer­den las­sen, als dies der tat­säch­li­che Geschichts­ver­lauf spä­ter zuließ. Zwar lie­ßen sich die Strei­tig­kei­ten zwi­schen Ukrai­nern, Polen, Juden und Litau­ern nicht nach einem ein­fa­chen Sche­ma schlichten.

Die ver­wikkel­te Lage und die gegen­sei­ti­gen Ansprü­che lie­ßen nur Rege­lun­gen zu, die von den einen oder ande­ren erst ein­mal jeweils als unrecht emp­fun­den wor­den wären. Wie immer jedoch die im deut­schen Macht­be­reich viel­dis­ku­tier­te Neu­ord­nung der Völ­ker­schaf­ten schließ­lich im Detail gere­gelt wor­den wäre, sie hät­te kaum Platz für jene Radi­ka­li­sie­rung gelas­sen, die dann die tota­li­tä­re Ära erst mög­lich wer­den ließ.

Das eigent­li­che deut­sche Kriegs­ziel, vor wei­te­ren fran­zö­sisch-rus­si­schen  Angriffs­krie­gen einen wei­ten Puf­fer­raum als Schutz anzu­le­gen und ihn zugleich als Raum wirt­schaft­li­cher Durch­drin­gung zu kre­ieren, hät­te sich mit dem natür­li­chen Inter­es­se der ost­eu­ro­päi­schen Völ­ker ver­bun­den, Deutsch­land als Garan­ten der eige­nen Unab­hän­gig­keit zu ver­pflich­ten. Über- dies gehör­te es nicht zur Pra­xis deut­schen poli­ti­schen Den­kens, das Ver­hält­nis zu frü­he­ren Geg­nern mit erfun­de­nen Behaup­tun­gen über poli­ti­sche Schuld, dem ver­hand­lungs­lo­sen Dik­tie­ren von Bedin­gun­gen und der Auf­er­le­gung von untilg­ba­ren Schul­den dau­er­haft zu ver­gif­ten. Dies hät­te sich, wenn man sich die­sen Gedan­ken gestat­ten will, auch bei einer Frie­dens­re­ge­lung gen Wes­ten posi­tiv ausgewirkt.

Aus der Per­spek­ti­ve des Ver­tra­ges von Brest- Litowsk wir­ken das Jahr 1989 und der nach­fol­gen­de Zusam­men­bruch der Sowjet­uni­on daher ganz und gar nicht wie »die größ­te geo­po­li­ti­sche Kata­stro­phe des  Zwan­zigs­ten  Jahr­hun­derts« (Wla­di­mir Putin). Es scheint eher  so  zu  sein, als habe die List des Geschichts­ver­laufs einen 1918 /19 began­ge­nen Irr­tum wenigs­tens teil­wei­se kor­ri­giert und ihn wie­der näher an die natür­li­che Form her­an­ge­bracht. Für Euro­pa und für Deutsch­land kann sich dar­aus eine Zukunft als ein sich gegen­sei­tig stüt­zen­des Euro­pa der Völ­ker und Vater­län­der in einer zuneh­mend mul­ti­po­la­ren Welt­ord­nung erge­ben. Aber dies wäre, wie alles in Geschich­te und Poli­tik, kein Selbst­läu­fer. Es müß­te von Per­so­nen in Macht und Amt gewollt und prak­tisch umge­setzt werden.

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