Ernst Jünger als Erzieher – Einige Anmerkungen zu einem Kapitel aus »Finis Germania«

 Gastbeitrag

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Ich möch­te eini­ge Anmer­kun­gen zum Kapi­tel »Ernst Jün­ger als Erzie­her« aus Rolf Peter Sie­fer­les Buch Finis Ger­ma­nia (Finis) machen. Was lehrt Jün­ger mit sei­nem hun­dert­jäh­ri­gen Lebens­werk? Wozu kann er uns erzie­hen? Sie­fer­le gibt vor­der­grün­dig kei­ne Ant­wor­ten, er nennt kei­ne Quel­len, zitiert nicht. Sei­ne Aus­las­sun­gen sind »Frag­men­te«. Mei­ne Anmer­kun­gen zei­gen Ver­bin­dungs­li­ni­en auf: wel­che Gedan­ken Jün­gers hat Sie­fer­le, ohne sie aus­drück­lich zu nen­nen, aufgegriffen?
Drei Tex­te Ernst Jün­gers wer­den hier als »Vor­la­gen« der Pas­sa­gen von Sie­fer­les Kapi­tel gestreift: Der Essay Über die Linie (Linie), der die Vor­aus­set­zun­gen für einen Nihi­lis­mus skiz­ziert, der als »Pha­se eines ihn umfas­sen­den geis­ti­gen Vor­gangs« die Kul­tur zu über­wach­sen ver­mag; der Wald­gang (WALD), in dem Jün­ger die
»Lösung« der »tota­len Ver­wei­ge­rung« (Par­viz Amo­gh­li, Jün­gers Wald­gang heu­te) anbie­tet, sowie der Roman Eumes­wil (Eu) aus dem Jah­re 1977, in dem Jün­ger in einem fik­ti­ven »Welt­staat« anhand sei­nes Prot­ago­nis­ten Vena­tor, eines His­to­ri­kers, den Ver­such eines Ein­zel­nen beschreibt, der eine »Pas­sa­ge« in den »Wald« wagen will, »an deren Ende die Begeg­nung mit dem eige­nen Selbst« ste­hen soll, wie Amo­gh­li zusam­men­faßt. Hier ver­birgt sich der Jäger des Seins als »Lau­scher und Beob­ach­ter«, dem am Ende nur die »völ­li­ge Ablö­sung von der phy­si­schen Exis­tenz« (EU) bleibt.
Sie­fer­le geht von einer Dia­gno­se Jün­gers aus:
»Die moder­ne Wirk­lich­keit ist absto­ßend, mißt man sie an den ästhe­ti­schen Nor­men ver­gan­ge­ner Hoch­kul­tu­ren – sie ist vul­gär, geschmack­los, laut, gie­rig, des­ori­en­tiert, grau­sam, ober­fläch­lich, unap­pe­tit­lich, wider­wär­tig und selbst­zer­stö­re­risch.« Das The­ma rührt an die Exis­tenz­ba­sis des Ein­zel­nen, und es stellt sich die Fra­ge, »wel­ches Ver­hal­ten ihm in die­ser Anfech­tung emp­foh­len wer­den kann.«

(Linie) Sie­fer­le sieht die moder­ne Welt als »Mons­tro­si­tät«, erzeugt im Ein­zel­nen durch die »Ver­wick­lung in ihre Geschäf­te«; Jün­ger hält fest: »Im Wald­gang betrach­ten wir die Frei­heit des Ein­zel­nen in die­ser Welt, … in die­ser Welt ein Ein­zel­ner zu sein.« (Wald), und Sie­fer­le fragt, wie »die­se Per­spek­ti­ve wirk­lich kon­se­quent ein­zu­neh­men ist.« Bei­de kon­sta­tie­ren, daß wir in einer gefähr­li­chen Zeit leben, in der der Nihi­lis­mus zum »Stil der Zeit gewor­den« (Amo­gh­li) und die Zer­stö­rung des Selbst durch den Nihi­lis­mus längst in Gang gesetzt ist.
Was ist die­ser »Nihi­lis­mus«, den Sie­fer­le als »kon­se­quen­ten« anreißt, der »das Tableau zu einer neu­en Ord­nung« öff­net? Eines der Kenn­zei­chen, das Jün­ger benennt, ist das der Reduktion:
»Die nihi­lis­ti­sche Welt ist ihrem Wesen nach eine redu­zier­te und wei­ter sich redu­zie­ren­de, wie das not­wen­dig der Bewe­gung zum Null­punkt ent­spricht.« (Linie) Jün­ger faßt die­sen Pro­zeß auch im Begriff des »Schwunds«: Er ergrei­fe, »zu- gleich Beschleu­ni­gung, Ver­ein­fa­chung, Poten­zie­rung und Trieb zu unbe­kann­ten Zie­len, die gan­ze Welt« (Linie) und ist also ein glo­ba­ler Vor­gang, dem sich das Indi­vi­du­um nicht ent­zie­hen kann.

»Das Sein der zeit­ge­nös­si­schen Krea­tur löst sich mehr und mehr in Zah­len­ko­lon­nen und Algo­rith­men auf«, so inter­pre­tiert Amo­gh­li die Ten­denz des Redu­ziert­wer­dens. Über­all zeigt sich die Ver­nich­tung »als Pha­se eines [sie] umfas­sen­den geis­ti­gen Vor­gangs« und als »Aus­druck der Ent­wer­tung der höchs­ten Wer­te« (Linie). Auch in sei­nem frü­he­ren dys­to­pi­schen Roman Helio­po­lis schil­dert der Erzäh­ler Jün­gers das Schick­sal­haf­te die­ses Pro­zes­ses: »In die­ser Lage führt der Rea­lis­mus unaus­weich­lich dem Nihi­lis­mus zu, der Idea­lis­mus der lee­ren Uto­pie. Wir bli­cken in die Welt und fin­den die Ver­nich­tung; wir bli­cken in unser Inne­res und fin­den die schö­nen Träu­me; doch bei­de len­ken uns dem Unter­gan­ge zu.« (Helio­po­lis)
Es ist schwie­rig zu deu­ten, wie sich Sie­fer­le die Kon­se­quenz die­ser neu­en Ord­nung vorstellt.

Einen Ansatz bie­tet sei­ne Bemer­kung, ein »wech­sel­vol­les Spiel der Mus­ter­bil­dung … mit inter­es­se­lo­sem Wohl­ge­fal­len zu betrach­ten; und zwar als letz­te und radi­kals­te Form des Erha­be­nen.« (Finis) Die Betrach­tung der Mus­ter­bil­dung hat den Kampf um eine Ein­heit oder den Wil­len zur Macht abge­löst. Ihr Betrach­ter ver­sucht wohl, die Käl­te des Blicks, der sich vor »Sym­pa­thie, vor inne­rer Teil­nah­me« (EU) hütet, mit etwas Unde­fi­nier­tem zu ver­bin­den, in dem er »sich selbst begreift, in sei­ner tiefs­ten und über­in­di­vi­du­el­len Macht.« (Wald) Als Annä­he­rung mag genü­gen, daß sol­che »betrach­ten­den« Indi­vi­du­en von der Welt nur »eine har­te und kla­re Beschrei­bung ihrer Ober­flä­che lie­fern« können.

Sie sind ledig­lich die Beob­ach­ter des­je­ni­gen, das ihnen »sich im Pro­zeß der Welt­zer­stö­rung» offen­bart und das sie als »Hei­mat­lo­sig­keit«, als »Welt­schick­sal« erfah­ren, wie Hei­deg­ger im »Huma­nis­mus-Brief« fest­stellt, weil es sich ihnen ent­we­der längst ent­zo­gen hat oder höchs­te Gefahr auf­tritt, wenn sie sich ihm nähern. Der Ein­zel­ne – dies viel­leicht eine wei­te­re Annä­he­rung an Sie­fer­les »Inter­es­se­lo­sig­keit« –, sagt Vena­tor, »sucht [die gesetz­ge­ben­de Macht] weder zu ergrei­fen, noch zu stür­zen, noch zu ändern – ihre Stoß­rich­tung geht an ihm vor­bei.« (Eu)

Jün­ger fragt wei­ter, »wie der Mensch im Ange­sich­te der Ver­nich­tung im nihi­lis­ti­schen Sog bestehen kann« (Linie). Er bezieht die­se Über­le­gun­gen auf die Anlie­gen der Lite­ra­tur. Es scheint, als rich­te Sie­fer­le eben­falls den Blick auf die Ästhe­ti­sie­rung der Welt. Die »fina­le Kri­se« ist ihm ein »gran­dio­ses Natur­schau­spiel«, dem sich der Betrach­ter ohne Affek­te gegen­über­ge­stellt sieht,

»jen­seits von Gejam­mer, von Kri­tik und Pra­xis­wut.« Auch Jün­ger spricht an ande­ren Stel­len (Tita­nen) davon, daß er das Gan­ze (er bezieht sich hier aus­drück­lich auf sei­ne Erleb­nis­se im Ers­ten Welt­krieg!) nicht mehr als Akteur, son­dern als Beob­ach­ter erleb­te, das Schau­spiel fast von oben über­blick­te und daß sich auch die Kriegs­sze­ne in ein Schau­spiel ver­wan­delt habe. Sicher wird Sie­fer­le die­se Pas­sa­gen oder ähn­li­che, z. B. aus dem Kampf als inne­res Erleb­nis, gekannt haben. Ken­nern von Jün­ger wird die von den »Guten« inkri­mi­nier­te Stel­le aus den Strah­lun­gen in den Sinn kom­men: »Die Stadt mit ihren roten Tür­men und Kup­peln lag in gewal­ti­ger Schön­heit, gleich einem Kel­che, der zu töd­li­cher Befruch­tung über­flo­gen wird.

Alles war Schau­spiel, war rei­ne, von Schmerz bejah­te und erhöh­te Macht«, als er bei der Bom­bar­die­rung von Paris ein Glas Bur­gun­der in der Hand hält.

Der Ein­zel­ne ist nur­mehr in der Lage, als unbe­weg­ter Beob­ach­ter der redu­zier­ten Wirk­lich­keit bei­zu­woh­nen. Ihm sei, wie Sie­fer­le anschlie­ßend fest­stellt, der  Blick  des »neu­tra­len Beob­ach­ters« eigen.  Viel­leicht ist dies auch Vena­tors Gedan­ke, wenn er fest­stellt: »Ich bemü­he mich, kei­ne Gesin­nung zu haben«, und sich fragt, wie man sich für eine Zeit­lang »unsicht­bar« machen kön­ne. (Eu)

Urtei­le fäl­len sie bei­de nicht, son­dern zie­hen sich manch­mal so weit zurück, daß sie – wie Jün­ger an ande­rer Stel­le – zu über­le­gen schei­nen, »ob es nicht rät­lich wäre, aus der Geschich­te oder sogar der spe­ci­es huma­na zu emi­grie­ren« (Sieb- zig ver­weht IV). Durch­aus kom­men einem auch Gedan­ken des Dao­is­mus in den Sinn: »… dann magst du untä­tig wei­len beim Nicht-Han­deln, und alle Din­ge wan­deln sich sel­ber. Laß fah­ren dei­nen Leib; spei’ aus dei­ne Sin­nes­ein­drü­cke; wer­de gleich­gül­tig und ver­giß die Außen­welt«, wie Dschuang Dse sagt.

Dann wird nicht mehr geur­teilt wer­den müs­sen, so fährt Sie­fer­le fort. Die Welt als Schau­spiel ist also ein Ver­ges­sen, das weit abge­wand­te Sin­nen eines »Ento­mo­lo­gen«. Ein sol­cher war Jün­ger, und das Land Baden-Würt­tem­berg ver­gibt einen Ernst-Jün­ger-Preis für Ento­mo­lo­gie. Die­ser Stand­punkt wird dem Indi­vi­du­um »auf­ge­drängt«, und kein Zufall kann es sein, daß Sie­fer­le die dem Ein­zel­nen, »der sich den Din­gen aus dem unge­heu­ren Abstand der Inter­es­se­lo­sig­keit nähert«, auf­ge­zwun­ge­ne Distanz gera­de­zu empha­tisch wiederholt.

Die Teil­nah­me an den Gescheh­nis­sen wird hier vehe­ment ver­wei­gert, und der  Abstand  zu  die­sen ist unge­heu­er, obgleich er ver­sucht, sie als Regis­tra­tor fest­zu­hal­ten und zu beob­ach­ten. Die­ser agiert nicht nur »im Gehei­men, im Ver­bor­ge­nen» (Amo­gh­li), son­dern scheint sich schon jen­seits der »Linie« zu befin­den, an einem Ort, an dem er bar aller Kom­men­ta­re ist.

Der »unge­heu­re Abstand«, von dem Sie­fer­le spricht, geht noch über den siche­ren Ort des Wal­des bei Jün­ger hin­aus: Kann die­ser noch fest­stel­len, »daß der Mensch im Wal­de schläft« und »[i]m Augen­blick, in dem er erwa­chend sei­ne Macht erkennt, die  Ord­nung  wie­der­her­ge­stellt  [ist]« (Wald), er also noch an einem Ort ist, der ihm Sicher­heit gewährt und von dem aus er mög­li­cher­wei­se ord­nend in das Gesche­hen ein­greift, so ist Sie­fer­les Ein­zel­ner aus allen Bezü­gen her­aus­ge­fal­len, weil es kei­ne Ent­schei­dung oder einen Wil­len zur Ver­än­de­rung bzw. Macht mehr geben kann.

In die­sem Sin­ne ist viel­leicht die Äuße­rung des fast hun­dert­jäh­ri­gen Ernst Jün­ger zu deu­ten: »Ein Autor, der auf sich hält, lebt außer­halb der   Gesell­schaft. Es ist, als ob er deren Cha­rak­te­re flüch­tig  streif­te,  um ihre Essenz bes­ser zu begrei­fen.» (Tita­nen) Die Welt, so Sie­fer­le, hat »jede emo­tio­na­le Besetz­bar­keit ein­ge­büßt«. Dies ist Vena­tors  zen­tra­ler Satz: »Als Anarch bin ich ent­schlos­sen, mich auf nichts ein­las­sen, nichts letzt­hin ernst zu neh­men; Grenz­pos­ten, der im Nie­mands­land zwi­schen den Gezei­ten Augen und Ohren schärft.« (Eu)

Anarch: Zen­tra­ler Begriff vie­ler Tex­te Jün­gers, sicher­lich in Sie­fer­les Sinn. Jün­ger grenzt ihn an meh­re­ren Stel­len sowohl gegen den »Anar­chis­ten« wie den »Wald­gän­ger« ab. Vena­tor wen­det sich in einer Selbst­be­trach­tung als Ein­sa­mer gegen den Anar­chis­ten als Ver­tre­ter des Sozia­len: »… der Anar­chist ist ein Sozia­ler und muß sich mit Glei­chen zusam­men­tun.« (Eu)

Eine uto­pi­sche, gar roman­ti­sche Grund­hal­tung eig­ne dem Anar­chis­ten, wenn er als sei­ne geis­ti­gen Väter Rous­se­au oder Bru­tus nennt. Nur Ahnun­gen der Frei­heit über­kom­men ihn; sie berau­schen ihn zwar, aber »er ver­schwen­det sich wie eine Mot­te, die im Licht ver­brennt.« (Eu) Viel­leicht dach­te Rolf Peter Sie­fer­le auch dar­an, als er sich gegen die zitier­te »Pra­xis­wut« wandte.

Der Anarch ist dage­gen gegen­über der Gesell­schaft indif­fe­rent. »Der Anarch hat kei­ne Gesell­schaft.« (Tita­nen) Der fun­da­men­ta­le Unter­schied ist also, daß letz­te­rer kei­nen Anteil an der Gesell­schaft mehr besit­zen will, da er »nur sich allein« beherr­schen will (Eu), wäh­rend sich der Anar­chist, oft auch aus anteil­neh­men­der Empö­rung, auf sie ein­läßt, aber gera­de dadurch schei­tern muß. Als Sum­ma mag eine Äuße­rung Jün­gers gel­ten, die er kurz vor sei­nem Tode in einer Doku­men­ta­ti­on (102 Years in the Heart of Euro­pe, ab Minu­te 42:50) mach­te, als schwe­di­sche Jour­na­lis­ten ihn in Wilf­lin­gen besuchten:

»Der Anar­chist greift ein, er begeht Atten­ta­te, zuletzt Selbst­mord. Der Anarch betrach­tet die Sache und macht sich sei­ne Gedan­ken, aber er greift nicht ein.« Hier wer­den anti­the­tisch die unver­söhn­li­chen Posi­tio­nen deut­lich gemacht: Das »Ein­grei­fen« muß unter den gegen­wär­ti­gen Ver­hält­nis­sen zum Tode füh­ren; was bleibt, ist nur die emo­ti­ons­lo­se Betrachtung.

Anarch wie Wald­gän­ger pochen bei­de auf die Bewah­rung des Ein­zel­nen. Sie tre­ten her­aus, um die Welt zu beob­ach­ten, und wol­len sich jeg­li­cher Herr­schaft bewußt ent­zie­hen. Der Anarch kann sich nur und immer durch den Wald- gang behaup­ten. (Eu) Er ist »im Grun­de stets und über­all Wald­gän­ger, sei es im Dickicht oder in der Groß­stadt, sei es in der Gesell­schaft oder außer ihr« (Eu) und behaup­tet so sei­nen Eigenstand.

Der Wald­gän­ger ist eine schil­lern­de Figur: Er ist einer­seits der Ein­zel­ne, »durch den gro­ßen Pro­zeß ver­ein­zelt und hei­mat­los gewor­den« (Wald),  »will  nicht  Glei­cher  unter  Glei­chen sein« (Amo­gh­li); ist aber gleich­zei­tig ent­schlos­sen, fun­da­men­tal der Welt­ka­ta­stro­phe zu widerstehen.

Die­se Bestim­mung beschreibt Jün­ger im Wald­gang so: Sie »liegt dar­in, daß der Wald­gän­ger Wider­stand zu leis­ten ent­schlos­sen ist und den, viel­leicht aus­sichts­lo­sen, Kampf zu füh­ren gedenkt. Wald­gän­ger ist also jener, der ein ursprüng­li­ches Ver­hält­nis zur Frei­heit besitzt, das sich, zeit­lich gese­hen, dar­in äußert, daß er dem Auto­ma­tis­mus sich zu wider­set­zen und des­sen ethi­sche Kon­se­quenz, den Fata­lis­mus, nicht zu zie­hen  gedenkt.«  (Wald)

Der  Wald­gän­ger  ist also noch nicht am End­punkt ange­kom­men. Er bewahrt also noch Ele­men­te des akti­ven Han­delns und ist noch nicht einer Apo­li­teia ver­fal­len, wie die Abgren­zung gegen den Fata­lis­mus am Ende des letz­ten Zitats zeigt. Aber »Wald­gän­ger und Anarch dür­fen nicht ver­wech­selt wer­den, obwohl gro­ße Ähn­lich­kei­ten zwi­schen ihnen bestehen und sie »exis­ten­ti­ell kaum zu unter- schei­den sind.« (Eu) Sie exis­tie­ren nicht bloß als ande­re in der Wirk­lich­keit, son­dern erfül­len das »Hin­aus­ste­hen in die Wahr­heit des Seins.« (Hei­deg­ger) Ihr Unter­schied wird in Eumes­wil so gefaßt, »daß der Wald­gän­ger aus der Gesell­schaft her­aus­ge­drängt wur­de; der Anarch dage­gen hat die Gesell­schaft aus sich verdrängt.»

(Eu) Dies ist ein bewuß­ter Akt, ein Schritt, von dem es kein Zurück mehr gibt. Mög­li­cher­wei­se ist er doch die Bewe­gung zu dem Stand­punkt eines Men­schen, der gänz­lich außer­halb steht,  und zu der Posi­ti­on, die Juli­us Evo­la so beschreibt:

»Die ›Apo­li­teia‹ meint die unwi­der­ruf­li­che inne­re Distanz zu die­ser Gesell­schaft und ihren Wer­ten, die Wei­ge­rung, ihr durch die gerings­te spi­ri­tu­el­le oder mora­li­sche Bin­dung anzu­ge­hö­ren«, eine Posi­ti­on also, die Rolf Peter Sie­fer­le viel­leicht geteilt hät­te, wenn er am Ende des Kapi­tels schreibt, daß »die Neu­tra­li­tät zur letz­ten Zuflucht des Außen­sei­ters« wird.

Deut­lich wird bei die­ser Annä­he­rung, daß der Wald­gän­ger Opfer oder Pro­dukt der gesell­schaft­li­chen Seins­ka­ta­stro­phe ist; letzt­lich glaubt Vena­tor, daß der Wald­gän­ger schei­tern muß, so wie er selbst am Ende, indem er zu einer Expe­di­ti­on auf­bricht, um sich im Wald zu rüs­ten, schei­tert. Dies ist aber zunächst nur das Schei­tern einer lite­ra­ri­schen Figur und nicht das­je­ni­ge der Uto­pie des Wald­gangs selbst, hört man auch die Befür­wor­ter der Kata­stro­phe immer wie­der sagen: »Die ver­ach­te­te Rea­li­tät bleibt unbe­siegt«. (Georg Wolff, »Trau­ri­ge Träu­me«, Spie­gel 1977)

Wie hat nun der Anarch die Gesell­schaft »ver­drängt«? Dies ist natür­lich so zu ver­ste­hen, daß er sie igno­riert oder vor ihr flüch­tet. Was der Anarch tut, ist kein »roman­ti­scher Akt, son­dern der Spiel­raum klei­ner Eli­ten, die sowohl wis­sen, was die Zeit ver­langt, als auch noch etwas mehr.« (Wald) »Er kann aber auch die Augen geöff­net hal­ten und die erha­be­ne Aus­sicht genie­ßen, solan­ge sie sich bie­tet.« (Finis) Der Stand­punkt des Anar­chen ist stets »außer­halb«.

Die unbe­tei­lig­te Neu­tra­li­tät ist sei­ne Haupt­ei­gen­schaft: »Man ist betei­ligt, wo und wie lan­ge es beliebt.« (Eu) »Sie ist sein Gegen­stück zum ›Erken­ne dich selbst‹ am Tem­pel des Del­phi­schen Apoll. Bei­des ergänzt sich; wir müs­sen unser Glück und unser Maß ken­nen.« (Eu) Viel­leicht wer­den Anarch wie Wald­gän­ger schei­tern, weil sich die Teil­nahms­lo­sig­keit, die nichts mehr inves­tiert, zur Apa­thie im radi­ka­len Sin­ne wan­delt, und die Tat­sa­che, kei­ner Beein­flus­sung durch etwas Äuße­res zu unter­lie­gen, den Ein­zel­nen an den Null­me­ri­di­an führt. Sie­fer­le schließt sei­ne Frag­men­te, indem er als Aus­gang für den Ein­zel­nen nur das »Stau­nen« setzt. Stau­nen, der Beginn und der Urgrund eines, der sich von allem gelöst hat: Viel­leicht ist dies die Opti­on zur Freiheit.

Der Wald­gang schließt mit den Worten:

»Wer tie­fer gräbt, erreicht in jeder Wüs­te die brun­nen­füh­ren­de Schicht. Und mit den Was­sern steigt neue Frucht­bar­keit her­auf.« (Wald) Jün­ger hofft am Ende von Über die Linie, im Moment, da die Dämo­nen gegen die eige­ne Brust andrän­gen: »Ist [der Mensch] hier stär­ker, so wird das Nichts in sich zurück­wei­chen. Es wird die Schät­ze, die über­flu­tet waren, auf der Strand­li­nie zurück­las­sen. Sie wer­den die Opfer auf­wie­gen.« (Linie) Das mag wenig sein, aber es ist auf­rich­tig in einer Lage, die kei­ne Bestimmt­heit mehr zuläßt. Läßt sich nicht mehr sagen, muß auch der Anarch sein Schei­tern kon­ze­die­ren und mit Sene­ca: Bene autem mori est liben­ter mori.« ¡

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