500 Jahre Reformation: Eine Bücherschau

eine Bücherschau von Konrad Gill

pdf der Druckfassung aus Sezession 79/August 2017

 Gastbeitrag

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Seit 2007 bege­hen der staats­na­he Kir­chen­bund EKD und in der Fol­ge auch die Bun­des­re­pu­blik mit unge­wöhn­li­chem Auf­wand das soge­nann­te Refor­ma­ti­ons­ju­bi­lä­um. Dabei han­delt es sich, genau­er gesagt, um die 500. Wie­der­kehr des Tages, an dem der Augus­ti­ne­rere­mit und Wit­ten­ber­ger Theo­lo­gie­pro­fes­sor  Mar­tin Luder sei­ne »95 The­sen gegen den Ablaß« an den für die Abläs­se zustän­di­gen Erz­bi­schof von Mag­de­burg und Mainz schick­te.  Her­nach  schrieb er  sich  »Luther«  in  Anleh­nung  an Eleu­the­ria, »Frei­heit«.

Die­ser 31. Okto­ber 1517 gilt seit dem 17.Jahrhundert unter Luthe­ra­nern als Geburts­stun­de ihrer Kon­fes­si­on. Die heu­ti­ge EKD, die sonst erheb­li­che Pro­fil­neu­ro­sen in bezug auf ihre Kon­fes­si­ons­ver­gan­gen­heit hat, steht mit ihren Fei­er­lich­kei­ten in bemer­kens­wer­ter Kon­ti­nui­tät zu ihren Vor­gän­gern aus frü­he­ren Jahr­hun­der­ten. Neu ist, daß im 21. Jahr­hun­dert die Unter­schie­de zwi­schen den evan­ge­li­schen Glau­bens­grup­pen so klein gewor­den (und ver­blei­ben­de Dif­fe­ren­zen zudem im öffent­li­chen Bewußt­sein der­ma­ßen nivel­liert) sind, daß das an sich rein luthe­ri­sche Jubi­lä­um als »Refor­ma­ti­ons­ju­bi­lä­um« gel­ten darf.

Man­che dem Exper­ten längst bekann­te Infor­ma­ti­on dürf­te im Gefol­ge des­sen nun Ein­gang ins All­ge­mein­wis­sen fin­den: daß Luther weder die ers­te deut­sche Bibel­über­set­zung erstell­te noch die­se Über­set­zung die  ers­te  war, die wei­te Ver­brei­tung fand; daß der The­sen­an­schlag viel­leicht und der berühm­te Satz »Hier ste­he ich …« ziem­lich sicher Legen­den sind usw. Ande­re Fra­gen dage­gen domi­nie­ren die Fach­ge­sprä­che: Brach­te die Refor­ma­ti­on die Moder­ne zum Durch­bruch, oder beding­te anders­her­um der ein­set­zen­de Moder­ni­sie­rungs­pro­zeß die Reformation?

War die Refor­ma­ti­on in der ers­ten Hälf­te des 16. Jahr­hun­derts ein Renais­sance- Phä­no­men, oder ver­wies sie bereits auf die Neu­zeit? War Luther ein spä­ter mit­tel­al­ter­li­cher Mys­ti­ker oder sei­ner Zeit weit voraus?

Sol­che und wei­te­re For­schungs­per­spek­ti­ven zu ent­wi­ckeln und aka­de­mi­sche The­sen zu popu­la­ri­sie­ren, dürf­ten die ver­brei­tets­ten Moti­ve für Autoren gewe­sen sein, eine Flut von Neu­erschei­nun­gen rund um das The­ma Refor­ma­ti­on zu lie­fern. Eine klei­ne Aus­wahl sei hier vorgestellt.

 

1.) Es ist kein leich­tes Unter­fan­gen, die Refor­ma­ti­on in den Gesamtzusammenhang

1.

der reli­giö­sen, welt­an­schau­li­chen und poli­tisch- gesell­schaft­li­chen Ver­än­de­rungs­pro­zes­se  zwi­schen Mit­tel­al­ter und Neu­zeit zu stel­len. Nicht erschöp­fend, aber doch detail­reich und inter­dis­zi­pli­när ambi­tio­niert gelingt das einem von Mit­glie­dern des Wis­sen­schaft­li­chen Bei­rats zum Jubi­lä­um ver­faß­ten Band (Udo di Fabio/Johannes Schil­ling (Hrsg.): Die Welt­wir­kung der Refor­ma­ti­on. Wie der Pro­tes­tan­tis­mus unse­re Welt ver­än­dert hat, C. H. Beck 2017. 206 S., 16.95 €).

Acht Autoren haben vom umfang­rei­chen Auf­satz bis zur kur­zen Mis­zel­le Tex­te bei­getra­gen. Die kür­zes­ten Bei­trä­ge über die Bedeu­tung von Wit­ten­berg und über Luthers Bibel­über­set­zung blei­ben ober­fläch­lich, man über­blät­tert sie mit Ach­sel­zu­cken. Schwer zugäng­lich durch sei­ne kom­ple­xe Spra­che mit Hang zum ver­quas­ten Sozio­lo­gen­deutsch, aber  den­noch  lesens­wert ist ein Auf­satz über »Pro­tes­tan­tis­mus und Moder­ne«, in dem der Autor Epo­chen­phä­no­me­ne wie die Hin­nei­gung zur Indi­vi­dua­li­tät als Bedin­gun­gen der Refor­ma­ti­on prä­sen­tiert, wel­che aber zugleich die­sen Phä­no­me­nen wei­te­ren Exis­tenz­raum gab.

Die welt­wei­te (und ver­gleichs­wei­se schnel­le) Aus­brei­tung des Pro­tes­tan­tis­mus als Bei­trag zur Früh­glo­ba­li­sie­rung behan­delt ein ande­rer Auf­satz: Durch Mis­si­on einer­seits, durch Kolo­ni­sie­rung, Flucht und Aus­wan­de­rung ande­rer­seits ver­brei­te­te sich evan­ge­li­sches Gedan­ken­gut auf alle Kon­ti­nen­te. Mit »Die Dia­lek­tik der Neu­zeit im Geist der Refor­ma­ti­on« schließ­lich arbei­tet  der  Her­aus­ge­ber di Fabio schön her­aus, wie sehr die Refor­ma­ti­on Teil des neu­zeit­li­chen Pro­gramms ist, sich durch (selbst­ge­wähl­te) neue Bin­dun­gen aus den über­kom­me­nen zu lösen. Das dadurch ent­ste­hen­de Poten­ti­al für neue Pro­ble­me ver­schweigt der Autor nicht.

Der gewich­tigs­te Grund, zu die­sem  Buch zu grei­fen, ist aber der ers­te und längs­te Bei­trag: Tho­mas Kauf­mann bie­tet auf gut 50 Sei­ten einen Gesamt­über­blick über den geschicht­li­chen Ereig­nis­zu­sam­men­hang, den wir »Refor­ma­ti­on« nen­nen. Sicher­lich könn­te die­se Ein­füh­rung noch kon­zen­trier­ter sein, dafür liest sie sich gut und kurz­wei­lig. Eine idea­le his­to­ri­sche Ein­füh­rung für sehr eili­ge Leser!

2.

Einen noch gerin­ge­ren Umfang, auch ei- nen erheb­lich gerin­ge­ren Anspruch hat ein Ein­füh­rungs­band aus der Feder des (man erschrickt, aber hier zu Unrecht) Kul­tur­be­auf­trag­ten der EKD (Johann Hin­rich Claus­sen: Die 95 wich­tigs­ten Fra­gen: Refor­ma­ti­on, C. H. Beck 2016. 175 S., 10.95 €). In 95 teils bana­len, teils über­ra­schen­den Fra­gen ent­fal­tet Claus­sen ein reli­gi­ons­ge­schicht­li­ches Pan­ora­ma,  aus  dem man ange­sichts des Umfangs viel ler­nen kann.

Das Bänd­chen ist für the­ma­ti­sche Ein­stei­ger geschrie­ben, eig­net sich aber auch dem Ken­ner als Repe­ti­to­ri­um. Die Fra­ge­form bie­tet Raum für his­to­ri­sche Details (»War­um wäre Polen bei­na­he evan­ge­lisch gewor­den?«), klei­ne Pro­vo­ka­tio­nen (»Haben die Tür­ken Luther gehol­fen?«) und kom­ple­xe Erör­te­run­gen (»Was ist das Prin­zip des Pro­tes­tan­tis­mus?«) eben­so wie für viel zu knap­pe Abfer­ti­gun­gen (»Wie deutsch war Luther?«). Nicht alle die­ser Fra­gen füh­ren wirk­lich wei­ter, man­che sol­len ledig­lich einen Auf­hän­ger für die Erzäh­lung einer refor­ma­ti­ons- his­to­ri­schen Epi­so­de bie­ten (»War Cal­vin tolerant?«).

Erfreu­lich ist, daß die Refor­ma­ti­on in die­sem Buch weit mehr ist als Luther; Claus­sen macht Zwing­li und Cal­vin eben­so zum The­ma sei­ner Fra­gen wie die radi­ka­len »Schwär­mer« und auch die »katho­li­sche Refor­ma­ti­on«. Für the­ma­tisch wenig Vor­ge­bil­de­te ist dies wohl das bes­te Buch aus der hier vor­ge­stell­ten Aus­wahl; es wird von ver­schie­de­nen Lan­des­zen­tra­len für poli­ti­sche Bil­dung in einer Son­der­auf­la­ge gegen Ver­wal­tungs­kos­ten­pau­scha­le abgegeben.

 

3.

Eine gro­ße, auf ein brei­tes Publi­kum zie­len­de   Refor­ma­ti­ons­ge­schich­te   stammt von dem schon erwähn­ten umtrie­bi­gen luthe­ri­schen Kir­chen­his­to­ri­ker Tho­mas Kauf­mann, der im Umfeld des Jubi­lä­ums ein hal­bes Dut­zend Bücher zum The­ma auf den Markt gewor­fen hat (Tho­mas Kauf­mann: Erlös­te und Ver­damm­te. Eine Geschich­te der  Refor­ma­ti­on,  C. H. Beck 2016. 508 S., 26.95 €).

Sein Buch, in schö­ner Typo­gra­phie mit zahl­lo­sen Abbil­dun­gen und einem fast 80seitigen wis­sen­schaft­li­chen Appa­rat aus­ge­stat­tet, ist ein Zwit­ter aus einer wis­sen­schaft­li­chen Dar­stel­lung und einem Lese- und Geschenk­buch für vie­le. Dem Fach­mann wird es eher kei­ne neu­en Erkennt­nis­se schen­ken, für das gro­ße Publi­kum ist es wohl zu  anspruchs­voll.  Von Vor­ur­tei­len  ist Kauf­mann zwar nicht frei, aber ange­sichts der Fül­le der his­to­ri­schen, theo­lo­gi­schen, poli­tisch-sozia­len und bio­gra­phi­schen Aspek­te, die er abhan­delt, ist das Buch den­noch lesenswert.

4.

Das genaue Gegen­stück zu den dicken Jubi­lä­ums­schmö­kern, auch die Gegen­po­si­ti­on jeder auf Luther fixier­ten Dar­stel­lung lie­fert die »real­po­li­tisch« betrach­ten­de Abhand­lung einer  katho­li­schen  Kir­chen­his­to­ri­ke­rin (Mari­an­ne Sam­mer:  Mönchs­ge­zänk.  Refor- mati­on  vor  Luther?,  Karo­lin­ger  2016.  152 S., 19.90 €). Die Früh­re­for­ma­tio­nen im all­ge­mei­nen und der luthe­ri­sche Auf­bruch im beson­de­ren sind bei ihr fest ein­ge­bun­den in macht­po­li­ti­sche Zusammenhänge.

Nicht Luther, so legt sie nahe, war der Refor­ma­tor, son­dern die Fürs­ten, die sich vom Über­tritt ins Lager der Rom­geg­ner einen Macht­ge­winn ver­spra­chen – und ihn über das Ius refor­man­di auch beka­men. Der Lan­des­fürst (auch der katho­lisch geblie­be­ne!) wur­de zum Wäch­ter der Glau­bens­treue sei­ner Unter­ta­nen, grenz­te sich vom kon­kur­rie­ren­den Nach­barn ab und gewann gene­rell eige­nes Pro­fil. Man hat Sam­mers Dar­stel­lung als Teil einer Argu­men­ta­ti­ons­tra­di­ti­on zu lesen, die nahe­legt, daß eine Refor­ma­ti­on auch ohne Luther statt­ge­fun­den hätte.

Sam­mer bet­tet ihre The­se, die frei­lich nur eine Per­spek­ti­ven­ver­schie­bung ist, ein in eine unge­mein gelehr­te Dar­stel­lung aus­ufern­der kirch­li­cher  Büro­kra­tie,  zeit­ty­pi­scher Macht­kon­stel­la­tio­nen und der kom­ple­xen staats­recht­li­chen Ver­hält­nis­se des Alten Reichs. Bei der Lite­ra­tur­aus­wahl ver­läßt  sie  sich nicht auf die gro­ßen Hand­bü­cher, son­dern zieht direkt das (auch älte­re) Spe­zi­al­schrift­tum zu Rate. Ihr teils aus­ge­spro­chen schwer ver­dau­li­ches kirchen(verwaltungs)historisches  Mate­ri­al brei­tet sie mit einer Leich­tig­keit aus, die das Büch­lein trotz nicht gerin­gen Anspruchs in einem Zug durch­le­sen läßt. Sam­mers Buch über die Refor­ma­ti­on, die Luther gewis­ser­ma­ßen auf dem Ser­vier­ta­blett als nur noch theo­lo­gisch zu unter­mau­ern­des Fak­tum vor die Füße fiel, ist eine sehr beacht­li­che Leistung.

 

5.

Eine wei­te­re katho­li­sche, aber dezi­diert öku­me­ni­sche Stel­lung­nah­me zum Luther- Jubi­lä­um ent­stand auf dem Schreib­tisch eines eme­ri­tier­ten Dog­ma­tik­leh­rers (Peter Neu­ner: Mar­tin Luthers Refor­ma­ti­on. Eine katho­li­sche Wür­di­gung, Her­der 2017. 343 S., 24.99 €).

Er sucht – aus­ge­hend von Luther, dem Unver­söhn­li­chen – nach Zugän­gen zum auf  die  Ein­heit der Chris­ten­heit wei­sen­den Gespräch. Wenn es mit Luther im Gepäck  gelin­gen  kann, gelingt es mit jedem. Neu­ner sieht nicht die Kir­chen­po­li­tik ver­gan­ge­ner oder heu­ti­ger Zei­ten, nicht das Abend­mahl­ver­ständ­nis und auch nicht das Papst­tum als ent­schei­den­den Ansatz­punkt für ein öku­me­ni­scher Arbeit die­nen­des Refor­ma­ti­ons­ver­ständ­nis, son­dern Luthers Rechtfertigungslehre.

Zur Erläu­te­rung des Bewußt­seins, nur durch und aus Gott gerecht­fer­tigt zu sein, fin­det der Autor glän­zen­de  For­mu­lie­run­gen  (S. 120f.). Aus­führ­lich stellt Neu­ner die katho­li­sche Aus­ein­an­der­set­zung mit Luthers Theo­lo­gie vor, die sich seit der Auf­klä­rung kei­nes­wegs mehr auf blan­ke Ableh­nung redu­zie­ren läßt und im Fort­gang der Jahr­hun­der­te immer ein­sich­ti­ger argu­men­tier­te, sowie die Ent­wick­lung der Unter­schie­de im Ver­ständ­nis von Sakra­men­ten und Lehr­amt. Kei­ne leich­te, aber für etwas Vor­ge­bil­de­te eine frucht­brin­gen­de Lektüre.

 

6.

Mit den vor­ge­nann­ten, aus lan­gem Erfah­rungs­schatz klu­ge Urtei­le abge­wo­gen prä­sen­tie­ren­den Bän­den hat das nächs­te Werk wenig zu tun (Jörg Laus­ter: Der ewi­ge  Pro­test. Refor­ma­ti­on als Prin­zip, Clau­di­us 2017. 142 S., 12 €). Der klein­for­ma­ti­ge Band, etwa so groß wie ein kapla­ken-Bänd­chen, ver­steht sich nicht als gelehr­te Abhand­lung, son­dern als Streit- oder auch Bekennt­nis­schrift. Laus­ter als libe­ra­ler Theo­lo­ge will an den Neu- und Kul­tur­pro­tes­tan­tis­mus erin­nern und sei­ne jahr­hun­der­te­al­te Tra­di­ti­on wiederbeleben.

Theo­lo­gen wie Spal­ding, Tro­eltsch, Til­lich und vor allem Richard Rothe sind sei­ne Gewährs­män­ner. Refor­ma­ti­on »als Prin­zip« ist denn auch kein his­to­ri­sches Ereig­nis, son­dern ein Zustand, der, seit die Chris­ten­heit ein­mal in ihn ein­ge­tre­ten ist, kei­nen End­punkt kennt. Laus­ter ist nicht auf den Mund gefal­len und kri­ti­siert in erfreu­li­cher und teils amü­san­ter Deut­lich­keit man­che Fehl­ent­wick­lung ins­be­son­de­re des nar­ziß­ti­schen deut­schen (amt­li­chen) Pro­tes­tan­tis­mus: »Nicht ein­mal in Kuba, Chi­na oder Nord­ko­rea käme man im 21. Jahr­hun­dert auf die Idee, die eige­ne Grün­dungs­le­gen­de zehn Jah­re zu feiern.«

Sei­ne gewin­nen­de Spra­che kann aber nicht dar­über hin­weg­täu­schen, daß er sich gele­gent­lich zu sehr auf die Wir­kung die­ser Wor­te ver- und das Wei­ter­den­ken unter­läßt. Dort­hin, wo es für poli­tisch-welt­zu­ge­wand­tes evan­ge­li­sches Den­ken tat­säch­lich unan­ge­nehm wer­den könn­te, folgt er sei­ner eige­nen Pro­ble­mer­fas­sungs­kom­pe­tenz lei­der nicht. So hin­ter­läßt der im übri­gen zu gedrängt geschrie­be­ne Essay einen zwie­späl­ti­gen Ein­druck ver­ge­be­ner Möglichkeiten.

 

 

7.

Ein offen­siv Luther angrei­fen­des und die Vor­zü­ge  sei­ner   Refor­ma­ti­on  bestrei­ten­des Mani­fest darf in der Bücher­schau nicht feh­len (Micha­el Lösch: Wäre Luther nicht gewe­sen. Das Ver­häng­nis der Refor­ma­ti­on. Ein The­sen­buch,  dtv  2017.  239  S.,  14.90  €).

Mit­tels der uchro­ni­schen Metho­de ver­sucht der sie­ben­bür­gi­sche Pfar­rers­sohn Lösch zu begrün­den, war­um Luther und sei­ne Anhän­ger die  Neu­zeit nicht geför­dert, son­dern behin­dert hät­ten. Ohne Luthers star­ken Cha­rak­ter hät­te die refor­ma­to­ri­sche Auf­bruchs­be­we­gung sich inner- wie außer­halb der römi­schen Kir­che auf meh­re­re Schul­tern ver­teilt und das Papst­tum so zu einer lang­sa­men Anpas­sung gebracht.

Der angli­ka­ni­schen Kir­che ähn­lich wären  viel­leicht  der römi­schen Kir­che dog­ma­tisch und lit­ur­gisch nahe­ste­hen­de  Natio­nal­kir­chen  ent­stan­den, die sich ohne die dicho­to­me Lager­bil­dung wie­der hät­ten ver­ei­ni­gen kön­nen. Das schwer ver­ständ­lich geglie­der­te Buch ohne jeg­li­chen roten Faden ist vol­ler Wie­der­ho­lun­gen und Wider­sprü­che, schon das zusam­men­fas­sen­de Vor­wort ist eine Mischung aus muti­gen Fra­gen und blank unsin­ni­gen Schluß­fol­ge­run­gen und Wertungen.

Luther gilt Lösch als mit­tel­al­ter­li­cher Mensch, der die Zei­chen »der Zeit« nicht habe sehen wol­len oder kön­nen – als ob die Renais­sance Anfang des 16. Jahr­hun­derts vom Dach einer jeden säch­si­schen Bau­ern­ka­te geschrien wor­den und nicht etwa ein schwer ein­schätz­ba­res, viel­schich­ti­ges Eli­ten­phä­no­men geblie­ben wäre.

Das gan­ze Buch ver­mit­telt ein tief­ge­hen­des Unver­ständ­nis gegen­über der Luther­zeit und ihren Men­schen. Trotz sei­ner offen­kun­di­gen Män­gel und sei­ner Unüber­sicht­lich­keit ist das Buch durch­aus kurz­wei­lig, schon weil eine sol­che Pro­vo­ka­ti­ons­lust und ‑bereit­schaft auf dem Sach­buch­markt sel­ten ist. Kon­sen­sua­le Jubi­lä­ums­freu­de? Nicht mit Lösch!

 

8.

Der Memo­ria eines Jahr­tau­sen­d­er­eig­nis­ses wie der Refor­ma­ti­on kann sich auch der aka­de­mi­sche Kon­greß­be­trieb nicht ent­zie­hen. Ein Tagungs­band (Josef Wie­land, Ger­hard Weg­ner u. Ramo­na M. Kor­desch (Hrsg.): Luther 2017. Pro­tes­tan­ti­sche Res­sour­cen der nächs­ten Moder­ne, Vel­brück Wis­sen­schaft 2017.  207  S.,

39.90 €) ver­eint inter­dis­zi­pli­när Vor­trä­ge von Theo­re­ti­kern und Prak­ti­kern über in den Pro­tes­tan­tis­men ange­leg­te Zukünf­te sowie Beein­flus­sungs­po­ten­tia­le auf Arbeit, (Sozial-)Staat und Wirt­schaft. Dis­pa­rat wie die meis­ten Tagungs­bän­de ist auch die­ser Band kei­ne unter­halt­sa­me Lek­tü­re; zu ver­dor­ben ist der Stil der meis­ten akti­ven Hoch­schul­for­scher durch beton­te Kom­ple­xi­tät und gedank­li­che Ein­kap­se­lung in the­ma­ti­sche Nischen.

Aus dem Band sticht der Bei­trag eines Minis­te­ri­al­be­am­ten her­vor, der sei­ne erkennt­nis­lei­ten­de Fra­ge­stel­lung (»Gibt es einen pro­tes­tan­ti­schen Wirt­schafts­stil?«)  zwar  kei­ner defi­ni­ti­ven Ant­wort zuführt, aber in jeder- mann ver­ständ­li­cher Spra­che  sozi­al­po­li­tik­his­to­ri­sche Aus­füh­run­gen mit luthe­ri­scher Theo­lo­gie ver­knüpft. Inter­es­sant ist auch zu lesen, wel­che Gedan­ken sich ein chi­ne­si­scher cal­vi­nis­ti­scher Theo­lo­ge macht, wenn er den unkon­trol­liert und theo­lo­gisch unbe­darft wach­sen­den Pfingst­ler­ge­mein­den gewis­ser­ma­ßen im Lauf­schritt theo­lo­gi­sche Stre­ben ein­zie­hen will.

 

9.

Abschlie­ßend sei noch ein Blick auf zwei Wer­ke gewor­fen, die sich mit dem natio­na­len und inter­na­tio­na­len Kul­tur­ein­fluß der Refor­ma­ti­on befas­sen. Es ist eine Bin­sen­weis­heit, daß die refor­ma­ti­ons­in­du­zier­ten (oder eben: durch sie beglei­te­ten) Wand­lungs­pro­zes­se gera­de in der deut­schen Geschich­te von nicht zu über­schät­zen­der Bedeu­tung sind. Ein bereits 2015 erschie­ne­nes, aber erwäh­nens­wer­tes Buch will deut­lich machen, daß die »refor­mier­te Kul­tur« Deutsch­land noch stär­ker prä­ge, als es heu­te bewußt sei (Chris­ti­ne Eichel: Deutschland, Luther­land. War­um uns die Refor­ma­ti­on bis heu­te prägt, Bles­sing 2015. 256 S., 19.99 €).

Die Autorin hat für ihr jour­na­lis­tisch, nicht wis­sen­schaft­lich geschrie­be­nes Buch unse­re Kul­tur und die bun­des­deut­sche Gesell­schaft danach durch­mus­tert, was an ihnen heu­te noch luthe­ri­sche Prä­ge­merk­ma­le auf­weist. Dies ist sehr weit zu ver­ste­hen: Von sozia­lem  Enga­ge­ment der Frau über Kunst­lie­be bis Spar­sam­keit dis­ku­tiert sie auch Phä­no­me­ne, die auf den ers­ten oder noch den zwei­ten Blick nichts mit Theo­lo­gie zu tun haben. Dane­ben ste­hen klas­si­scher­wei­se als typisch evan­ge­lisch wahr­ge­nom­me­ne Eigen­schaf­ten wie Fleiß und kol­lek­ti­ves Schuldbewußtsein.

Beson­ders inter­es­sant sind Eichels Aus­füh­run­gen über die poli­ti­sche Demut­s­kul­tur und über die deut­sche Kin­der­lo­sig­keit. Nur wer osten­ta­tiv beschei­den sei, nicht auf­trump­fe und eher als Die­ner des Staa­tes denn als eigen­nüt­zi­ger Indi­vi­dua­list wahr­ge­nom­men wer­de, erhal­te im poli­ti­schen Geschäft der Bun­des­re­pu­blik lang­fris­ti­gen Kre­dit. Und den Kin­der­man­gel erklärt sie mit den zu hohen Ansprü­chen, die von Bil­dungs­idea­len gepräg­te poten­ti­el­le Eltern an ihre eige­nen Erzie­hungs­leis­tun­gen stell­ten. Bei­des begrün­det sie mit der evan­ge­li­schen Sitt­lich­keit bzw. Bil­dungs­tra­di­ti­on, die nach und nach auch auf die katho­li­schen Volks­tei­le über- gegrif­fen hät­ten und in den reli­gi­ös ent­frem­de­ten Heu­ti­gen uner­kannt fortwirkten.

 

10.

Den Blick über Deutsch­land hin­aus wagt eine Samm­lung von Rei­se­re­por­ta­gen um evan­ge­li­sches Erbe  und  Gegen­wart in Euro­pa (Tho­mas Greif: Die Refor­ma­ti­on in Euro­pa. Wo die pro­tes­tan­ti­sche Idee bis heu­te fort­wirkt. 25  Orts­ter­mi­ne, Clau­di­us 2016.  349S., 22 €).

Die zwi­schen 2011 und 2016 ent­stan­de­nen Berich­te stel­len unge­wöhn­li­che Orte gegen­wär­ti­gen Pro­tes­tan­ten­tums oder auch bei­spiel­haft beson­de­re Erin­ne­rungs­or­te und ande­re glau­bens­kul­tu­rel­le Stät­ten vor. Von der angli­ka­ni­schen Pracht der Kathe­dra­le von Can­ter­bu­ry bis zur radi­ka­len Min­o­ri­sie­rung ehe­mals mäch­ti­ger kirch­li­cher Struk­tu­ren in Ams­ter­dam, vom letz­ten Schwarz­meer­deut­schen in Odes­sa bis  zur moder­nen Groß­stadt­mes­se in Hel­sin­ki führt Greif kreuz und quer durch ein evan­ge­li­sches Euro­pa, das aus­ge­spro­chen »bunt« ist, ohne dafür per­so­nel­le Anrei­che­rung von außen zu benötigen.

Beson­ders beein­dru­ckend sind die Erin­ne­run­gen an die deut­sche und damit evan­ge­li­sche Ver­gan­gen­heit bis in hin­ters­te Win­kel Ost­eu­ro­pas, so in Kes­mark (Zips) oder Her­mann­stadt (mit Gast­auf­tritt von Egi­nald Schlatt­ner, vgl. Sezes­si­on 47). Typisch und unver­meid­lich evan­ge­lisch ist wohl, daß Wor­te und Taten der doch so im Glau­ben frei­en und gewis­sen­haf­ten Amts­trä­ger immer auch Aus­druck der poli­ti­schen Stim­mung im Land sind: In Upp­sa­la scheint die Betreu­ung von afgha­ni­schen Ein­wan­de­rern das wich­tigs­te »spi­ri­tu­el­le« Anlie­gen zu sein (was den Autor sofort zum »Gegen-rechts«-Bekenntnis anspornt), im unga­ri­schen Debre­cen dage­gen – einem der erstaun­lichs­ten unter den vor- gestell­ten Orten – wan­delt sich der Got­tes­dienst zur patrio­ti­schen Iden­ti­täts­ver­ge­wis­se­rung, was aus christ­li­cher Sicht eben­so befremd­lich ist. Das gut geschrie­be­ne und sorg­fäl­tig recher­chier­te Lese­buch ist eine wert­vol­le Ergän­zung zu den eher wis­sen­schaft­li­chen Werken.

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