Sezession
19. November 2018

Michael Köhlmeier: Bruder und Schwester Lenobel

Ellen Kositza / 10 Kommentare

Als man sich jüngst in netter Runde wieder in fröhlichem Kulturpessimismus erging, mußte an einer Stelle jäh Einhalt geboten werden:

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Es gäbe heute auch keine Erzähler mehr, klagte einer. Da irrte sich der Gast gewaltig. Freilich gibt es sie, die großen Erzähler deutscher Zunge! Michael Köhlmeier  nimmt fraglos einen der obersten Ränge ein. Mit seinem ausuferndem, mäandernden Familienroman Bruder und Schwester Lenobel stellt er das erneut unter Beweis. Echte, gute, zeitgenössische Literatur, welthaltig und zweifelsohne kanonisierbar? Hier!

Robert Lenobel ist Psychiater in Wien. Ein »aggressiver, paranoider Charakter, der nach Macht verlangte. Aber es gab einen Zeugen, nämlich ihn selbst, und dessen aggressiven, paranoiden Spott wollte er sich nicht antun.« Robert ist verschwunden. Seine Frau Hanna, Inhaberin einer jüdischen Buchhandlung, bittet Roberts Schwester Jetti um Hilfe. Die, eine ätherische Schönheit, eine ru(c)hlose Circe, fliegt aus Irland ein.

Dort leitet sie ein florierendes Unternehmen: Sie führt zeitgemäße One-world-Projekte mit Geldgebern zusammen. Gerade plant sie eine Dauerausstellung im irischen Nationalmuseum über die frohe Lebensart der Zigeuner. Sie weiß, wie man dafür den europäischen Sozialfonds knackt und den Asyl- und Migrationsfonds sowie den Integrationsfonds gewinnt – private Unternehmen pflegen dann gern mit einzusteigen.

Jetti hat in ihrem Fundus viele auswendiggelernte Redewendungen, »die Kompetenz anzeigen«. Wenn dies alles nicht reicht, hilft der Hinweis auf ihr Jüdischsein: Dann fragt das Finanzamt nicht nach, »weil die Behörden nicht in der Zeitung landen wollen«, und sie wird dann wie »eine zerbrechliche Heilige« behandelt.

Hanna hingegen hat mit dem Jüdischwerden (bekanntlich ein schwieriger Akt) lange geliebäugelt. Speziell deshalb, weil sie schwer verliebt war in (den längst toten) Abba Kovner, den Kopf der jüdischen Rache-Truppe Dan Yehudi Nakam, die geplant hatte, in deutschen Großstädten Trinkwasser und Brot zu vergiften. Ihr Mann Robert, der sich nun abgesetzt hat und auf erotischen Abwegen wandelt, hatte ihr vorgeworfen, daß sie ihm »Nachhilfe in Betroffenheit« geben wollte. Als hätte man eine solche »Vorturnerin« nötig! Letztlich hatte Hanna abgelassen von Kovner: »Die Große Gerechtigkeit war zu groß für sie. Niemand nahm ihr das übel.«

Köhlmeier nun zieht diese an sich bereits vielfältig verzwickte Geschichte keineswegs an einem Strang durch. Lauter Nebenschauplätze tun sich auf. Er verpackt sie zum einen in enigmatische Kunstmärchen, die jedem Kapitel vorangestellt sind und zum anderen in Kleinst-Exkurse, die jeder für sich goldwert sind.

Da ist jener Bürgermeister eines österreichischen Dorfs, der Jetti mit seinen Plänen penetriert: Er möchte sein Kaff zu einem Kafka-Dorf werden lassen, eine Event-Maschine starten. Nicht, daß er literarisch gebildet wäre, nein, aber er kann Kafka-Erzählungen auf Punkt und Komma auswendig hersagen. Der leider verblichene Lou Reed sei begeistert gewesen; nicht ausgeschlossen, daß man nun Hollywoodstars wie Cate Blanchett hinzugewinnen könne?

Am Ende wird die umtriebige Jetti ihre mutmaßlich große Liebe finden, und wir begleiten Robert Lenobel bei seinen  Versuchen,  ein  Jude zu werden, »wie er im Buche steht.« Der Weg dorthin, an die Klagemauer, war langwierig. Kurz vor seinem Verschwinden gen Osten hatte Lenobel die Welt der Internetforen für sich entdeckt. Er hat gepostet, was das Zeug hält – rechtsradikale Auslassungen, just for fun; rein zur Freude an der Wirkung hat er Stil, Jargon und Rechtschreibschwäche der wutbürgerlichen Internetarmee übernommen und sich nebenher kundig in Wikipedia-Einträge eingefuchst. Das ist zum Schießen!

Wenigstens ist es dies vordergründig. Performanz und Authentizität sind die Sachbestände, die hier eigentlich verhandelt  werden. In diesem Sinne ergeht sich Lenobel auf Identitätssuche in Aphorismen: »Gleichheit ist der gesellschaftliche Zustand der Hölle«, schreibt er. Und:»Ist man neurotisch, weil man Jude ist? Oder ist man Jude, weil man neurotisch ist?«

»Die Juden«, soviel scheint klar, fungieren als »Figuren aus der eingespielten Bühne des deutschen Gedächtnistheaters.« Eine gewisse Eitelkeit gesteht sich Lenobel dabei durchaus zu, zumal er als Fachmann den psychologischen Vorgang durchschaut und »Maß zu  halten«  bereit ist. Sein Finale findet in Jerusalem statt. Er kauft sich eine Kippa, »kichert, wie ein Schtetljude wohl kichert, er macht den Rücken krumm und gestikuliert, als wäre er Veit Harlans Jud Süß entstiegen« – um letztlich diese Identität als unpassende abzulegen.

Überborden, Nebenarme bilden und dennoch ein Fluß bleiben, was für eine schriftstellerische Leistung, welch ein Genuß! Es gibt wenige, die Köhlmeier in seinen Charakterzeichnungen, in seiner Schattierungskunst, seiner Erzähllust übertreffen.

Hinzu kommt, daß dieser Autor imstande ist, selbst eine Figur abzugeben, die aus einem seiner lebensnahen Romane entsprungen sein könnte. Man kann im Netz leicht die Rede finden, die Köhlmeier im vergangenen Frühjahr vor dem österreichischen Parlament zum Gedenken an die Opfer der nationalsozialistischen Herrschaft hielt:  Life is life, Leben heißt Leben (Laibach).

Michael Köhlmeiers Bruder und Schwester Lenobel kann man, nein: sollte man, wenn man wieder einmal so richtig lesen will, UNBEDINGT hier bestellen.


Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Kommentare (10)

Heinrich Loewe
19. November 2018 19:08

Mein Lieblingsformat im Rundfunk ist die Lesezeit vormittags auf mdr Kultur, da brachte man vor einiger Zeit ich glaube Geschichten aus der Bibel nacherzählt von Michael Köhlmeier - ganz ganz große Sache; man folgt wie gebannt...Keine Frage, Köhlmeier ist ein Großer.

Kositza: Oh ja, in der Lesezeit haben sie durchweg eine tolle Auswahl; da hab ich schon Großartiges entdeckt - grad hatten sie 19 Folgen "Der Stechlin", die halbe Stunde hab ich mir immer reserviert!

Waldkind
19. November 2018 21:49

Den Roman habe ich nicht gelesen. Aber in der Besprechung kommt er rüber wie ein Schwank aus der One-World-Klamottenkiste bzw. ihrer Negativfolie.

Bei all der herrlichen Literatur und Musik weltweit wäre mir meine Lesezeit dafür zu schade, vom kanonischem Potenzial der Textproben ganz zu schweigen. Und für eine Viertelstunde gepflegter Gehässigkeit tut es hervorragend eine alte Fips-Asmussen-Kassette.

Fuechsle
20. November 2018 09:53

Köhlmeier ist ein begnadeter Erzähler. Seine Hörbücher zur griechischen Mythologie, Nibelungenlied, Shakespeare etc. sind großartig. Ein Hörbuch trägt den spaßigen Titel "Wer hat dir gesagt, daß du nackt bist Adam?", da erläutert er gemeinsam mit dem Philosophen Liessmann zwölf Grundbegriffe des Lebens anhand von Mythen und Märchen - klasse! Ist das mal in Schnellroda gelandet?

Maiordomus
20. November 2018 10:11

Köhlmeier ist mir bekannt von der Verleihung des Bodenseeliteraturpreises vor ein paar Jahren. Seinen Roman "Abendland" konnte ich weder sprachlich noch inhaltlich als Meisterwerk einschätzen. Da ziehe ich von der literarischen Qualität her das durchaus als Roman zu lesende Magnum opus zu diesem Thema von Oswald Spengler doch vor. Ich bin mir aber sicher, dass Frau Kositza in der vorliegenden Besprechung nicht einfach der Enthusiasmus durchgegangen ist. Werde mir deshalb diesen Autor noch einmal vornehmen. Ich halte Kositza in der Tat für eine ausgezeichnete und stets anregende , auch informative und unbefangene, auch ideologisch unbefangene Feuilletonistin, sicher über dem Durchschnitt dessen, was die FAZ und die Neue Zürcher Zeitung bringen. Das ist mein voller Ernst, wobei es beim Feuilleton schon zum Namen gehört, dass es etwas leicht und zeitgeistig einherkommt.

Franz Bettinger
20. November 2018 10:13

Quel Hommage! Ein roterer roter Teppich wurde selten einem Buchautor ausgelegt. Also Köhlmeiers Bruder und Schwester Lenobel bestellen und lesen!

Heinrich Loewe
20. November 2018 12:44

@Kositza: Ja, fast durchweg grandios! Der Stechlin, Tom Sawyer mit dem 100% passenden Thomas Thieme, Jurek Becker vor einiger Zeit (Amanda Herzlos), Biermann selbst gelesen (was ein eitler Hund, aber eben gut), Angelika Klüssendorf, Philip Roth, Solschenizyn...
Macht sich gut, wenn man mit dem Schlepper seine Runden auf dem Feld dreht. Oft habe ich aber "Lücken".

Maiordomus
20. November 2018 18:54

@Loewe. Jurek Beckers Roman "Jakob der Lügner" halte ich für eine der hintergründigsten Geschichten zu dem dort angesprochenen auch für SiN im Prinzip geltenden Tabuthema. Kein anderer mir bekannter Verfasser eines historischen Romans über den 2. Weltkrieg ist auf eine vergleichsweise annähernd ebenso geniale Idee gekommen, vermutlich auf einer wahren Episode beruhend. Im Gegensatz etwa zurvielgelesenen Kolportage von Schlink hielt ich dieses Werk als gymnasiale Klassenlektüre für geeignet. Dass Medien grundsätzlich und sehr politisch lügen und dass man mit Lügen oder Mimikry sogar erfolgreich überleben kann (eine auch biologische Wahrheit) ist das eine, ferner scheint mir der Gedanke von Max Frisch, dass die Wahrheit, die für eine Lüge gehalten wird, zu den besten Tarnungen gehört, bei Becker irgendwie mitenthalten zu sein. Es sollte mehr solche Romane geben. Diese Art Literatur liegt näher bei George Orwell als bei Michael Köhlmeier.

brueckenbauer
21. November 2018 21:26

Ähnlichkeiten mit Robert und Eva Menasse?

Kositza: Das ist witzig und eine gute Frage, zumal mir beim Herrn Lenobel dauernd Robert Menasse vor dem inneren Auge stand! Das ist aber, denk ich, eine sehr subjektive Sichtweise.

sokrates399
22. November 2018 13:23

Es sei noch einmal ausdrücklich auf die großartigen Lesungen Köhlmeiers über die griechischen Mythen, eines Grundpfeilers unserer Kultur, hingewiesen.
Die Videos (80 Sendungen zu je einer Viertelstunde) sind noch beim BR bzw. Ard-alpha abrufbar, z.B. hier

https://www.br.de/fernsehen/ard-alpha/sendungen/mythen/videothek/index.html

Maiordomus
24. November 2018 20:45

Was die griechischen Mythen betrifft, so gehören die Übersetzungen von Kurt Steinmann bis heute zum Besten, was es überhaupt gibt, in annähernd "heutiger" Sprache, wenngleich nicht gar so simpel, wie es mehr und mehr verlangt scheint.

Anmelden Registrieren