Sezession
14. November 2018

Moralistische Selbstverzauberung

Götz Kubitschek / 50 Kommentare

Ein Hygienewahn hat die Zivilgesellschaft befallen. Mit der Bezeichnung »moralische Selbstoptimierung« ist er gut getroffen.

Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

Allerdings ist »moralische Selbstverzauberung« noch präziser, denn der vorbewußte Zug und die mangelnde Zurechnungsfähigkeit sind damit besser gefaßt.

Symptome sind Toleranzverlust, Hysterie und ein missionarischer Drang zur totalen geistigen Reinheit.

Das wahnhafte Verhalten ist unerbittlich und setzt ein, wo die moralischen Kategorien »gut« und »böse« in Bereiche getragen werden, in denen sie nicht am Platze sind. Einer dieser Plätze ist die politische Auseinandersetzung in einer Demokratie. Weil die Demokratie in ihrer Selbstbeschreibung die auf Gespräch und kompromißbereit vorgetragenem Programm basierende Regierungsform ist, gilt der Möglichkeit der ganz anderen Meinung und der Gelegenheit zu ihrer freien Äußerung das Augenmerk jeder demokratischen Verfassung. Dem »Anderen« muß mit Verständigungswillen begegnet werden, sonst ist es kein Gespräch.

Was geschieht aber, wenn »das Andere«, wenn »die Alternative« nicht mehr als diskutable Beiträge gelten, sondern als "Propaganda"? Was, wenn »das Böse« vom »Guten« geschieden werden soll? Darf das »Böse« als Meinung und Programm neben dem »Guten« existieren und als Konkurrent um Mehrheiten den mündigen Bürger - bedrängen? Nach Auffassung der Guten darf es das nicht. Die Moral verbietet das, oder besser: der Moralismus, dieser politische Hygieneblick, der – dies vorweg – ein Totalangriff auf die Mündigkeit und vor allem auf die natürlich vorhandene politische und private Vielgestaltigkeit des Bürgers ist.

Was bedeutet das? Nichts weniger, als daß der Vielfalt an Verhaltensmustern einer »anderen Meinung« gegenüber der Garaus gemacht wird. Es soll diesem »Anderen« gegenüber nur noch eine einheitliche Art und Weise der Entgegnung geben, in Stufen: Verdächtigen, Ausgrenzen, Kriminalisieren, Tilgen.

Wenn nämlich »die andere Meinung« nicht mehr sachlich als mögliche (und statthafte) andere Sicht auf die Dinge, sondern entlang der Kategorien »gut« und »böse« eingeordnet und bewertet wird (wobei grundsätzlich »gut« der linken, »böse« der rechten Seite des Meinungsspektrums zugewiesen ist), liegt in der  Konsequenz eine Verhaltenslehre vor: Wer jetzt noch ins Gespräch kommen will, spricht nicht mehr mit dem Anderen, sondern mit dem bösen Anderen.

Wer dennoch den Dialog sucht, muß sich ab sofort dafür rechtfertigen, und rechtfertigen muß sich auch, wer diese Kategorisierung (die eine Simplifizierung und zugleich eine Entmündigung ist) grundsätzlich in Frage stellt.

Aber der moralistische Hygienewahn macht dort noch nicht halt, sondern zieht weitere Kreise: Rechtfertigen soll sich auch, wer Verständnis dafür hat, daß es Leute gibt, die noch immer mit dem bösen Anderen in den Dialog treten möchten. Daß auch diejenigen Schuld an der Aufweichung der moralischen Front tragen, die den Dialogbesessenen aus den eigenen Reihen nicht denunzieren, nicht verstoßen, nicht bloßstellen und nicht ächten wollen, ist dann nur konsequent:

Denn selbst eine Nicht-Beteiligung an der wilden Jagd auf diejenigen, die eine Auseinandersetzungssperre für falsch halten, gilt mittlerweile als brennendes »Ja« zum Dialog, zum Feind selbst, und »den Feind zu lesen« ist aus der Sicht der moralisch Selbstverzauberten zweifellos eine Einstiegsdroge, die aus eigener Kraft keiner abzusetzen vermag und die also über kurz oder lang zu einer verheerenden Wahlentscheidung führen muß.

Die »Zivilgesellschaft« (neben »Toleranz«, »Pluralismus« oder »Respekt« einer dieser ruinierten Begriffe) ist moralistisch infiziert. Man kann dies an einem Beispiel von der Frankfurter Buchmesse belegen. Zu dieser Messe hatten sich offiziell fünf Verlage aus dem »rechten Spektrum« als Aussteller angemeldet. Aus Deutschland die Wochenzeitung »Junge Freiheit«, das Magazin »Cato« und der Verlag »manuscriptum«, aus Österreich die Verlage »Karolinger« und »Ares«. Die drei bundesdeutschen Aussteller wurden in einer Sackgasse vom Besucherstrom abgeschnitten, worauf »Cato« seine Teilnahme zurückzog.

Daß die beiden österreichischen Verlage nicht auch noch in dieser Hallenecke konzentriert wurden, galt in der Presse als Versäumnis oder, moralistisch präziser, als mangelnde Konsequenz und nicht ausreichende Verfahrenshygiene.

An vorderster Front der Infizierung aller gesellschaftlichen Teile mit dem moralistischen Virus steht die 1999 von einer ehemaligen Informantin der Stasi gegründete Amadeu Antonio Stiftung. Sie wurde bereits auf der Buchmesse 2017 als »Aufpasserin« mit einem kostenlosen Stand dem "Verlag Antaios" gegenübergesetzt.

Dies reichte der Stiftung für die diesjährige Buchmesse aber nicht aus. In einer Pressemitteilung vom 26. 9. 2018 faßte die Stiftung ihren selbsterteilten Auftrag zusammen:

Im Vorfeld der Frankfurter Buchmesse fordert die Amadeu Antonio Stiftung die Buchbranche und Medienschaffende auf, sich klar gegen neurechte Vereinnahmungsversuche zu stellen.

Die Zielsetzung war klar: Man würde sich in diesem Jahr vor allem um diejenigen kümmern, die noch neutral ihrer Arbeit als Verlag, Zeitschrift oder Dienstleister nachgingen und bisher nicht begriffen hätten, daß Neutralität Zustimmung und Nicht-Aktivwerden fahrlässiges Gewährenlassen sei. Denn, so weiter in der Pressemitteilung:

Die Antwort auf die Rufe nach Meinungsfreiheit seitens der Neuen Rechten war ein breiter Aufruf dazu, mit extrem Rechten zu reden. Den extrem Rechten geht es nicht um Debatte und Austausch, sie suchen die Bühne, um ihre Ideologie im Mainstream zu platzieren. Die Buchmesse wurde zur Bühne dieser Normalisierungsstrategie. Was im öffentlichen Diskurs vollkommen unbeachtet blieb, ist, dass die Neue Rechte allen, die nicht in ihr Menschenbild passen, demokratische Grund- und Menschenrechte verwehren will. Wer mit Neurechten redet, kommt ihrer Ideologie entgegen und macht ihre Meinungen diskutabel. Die freiheitlich-demokratische Grundordnung und die Würde aller Menschen sind nicht verhandelbar und sollten nicht zur Disposition stehen.

Diese Sätze sind ein Lehrbeispiel für moralistische Selbstoptimierung samt politischer Aufladung. In ihnen ist fast nichts bescheiden oder deskriptiv formuliert, und der Spieß wird umgedreht: Die tatsächliche Normalisierungsbemühungen neurechter, alternativer Verlage und Publikationen wird als Vortäuschung beschrieben, was im Umkehrschluß nichts anderes bedeutet, als daß Diskurswächter wie die Amadeu Antonio Stiftung an einer Normalisierung, an Dialog, am besseren Argument oder gar an einem Kompromiß tatsächlich keinerlei Interesse haben.

Dies ist konsequent, denn solche Institutionen beziehen ihre Daseinsberechtigung ausschließlich aus einer Dramatisierung der Feindlage: Nichts wäre schlimmer als ein normales Gespräch.

Daß diese Strategie des moralistischen Drucks also zugleich Denunziation und Entmündigung ist, hat der konservative Publizist Karlheinz Weißmann in der Wochenzeitung Junge Freiheit vom 19. Oktober so zusammengefaßt:

Von "Kritikfähigkeit" als Tugend war nur so lange die Rede, als man ›Kritik‹ zur Zerstörung des Bestehenden nutzen konnte. Seitdem man sich den Weg an die Spitze gebahnt hat, weiß man den Durchgriff und den widerspruchslosen Gehorsam zu schätzen und warnt die naiven Anhänger der Vernunft davor, daß es auch ein "zuviel Denken" geben kann.

Dieses »zuviel Denken« ist – wen wundert’s – die naheliegende Medizin gegen den moralistischen Befall, denn es ist ein Ausweis der Mündigkeit und ermöglicht überhaupt ein Denken in Perspektiven und Alternativen, kurz: entlang einer tatsächlich anderen Auffassung und Meinung.

In den jüngst erschienenen Notizen 2011–2013 aus der Feder Peter Sloterdijks finden sich über die moralistische Selbstverzauberung und den ihr zugrundeliegenden Impuls sehr interessante Überlegungen. Sie sind nicht durch die weltanschaulichen Auseinandersetzungen der Bundesrepublik Deutschland inspiriert, sondern nähren sich (ohne dies explizit zu benennen) aus den Gedanken, die Carl Schmitt über den »diskriminierenden Kriegsbegriff« ausgeführt hat:

Wenn der niedergerungene Gegner nicht mehr schlicht der besiegter Gegner ist, sondern aufgrund eines moralistischen und damit diskriminierenden Kriegsbegriffs der militärisch zwar niedergerungene, aber noch immer böse Feind, endet der Krieg erst, wenn die Umerziehung dieses Feindes weg von seiner bösen Vergangenheit und seinem verwerflichen Lebensgesetz vollzogen ist.

Der Krieg, der mit einem diskriminierenden, moralistischen Feindbild geführt wird, ist kein hegbarer Krieg mehr, sondern die Säuberungsaktion einer moralischen Instanz, einer moralisch geimpften (oder infizierten) Weltinnenraumpolizei, und wo der Feind nicht ganz und gar ausgemerzt werden muß, muß wenigstens sein Wesenskern, sein wesentliches Anderssein dran glauben.

Sloterdijk blickt auf die erfolgreiche und gezielte Tötung Osama bin Ladens durch eine US-amerikanische Spezialeinheit sowie die Aufladung dieses Vorgangs durch die Propaganda und die mediale Verbreitung der Tötungsfeierlichkeiten in den Straßen amerikanischer Orte.

Dem Guten, das den Lauf der Geschichte ändern möchte, muß schlechthin alles erlaubt sein. Unverzeihliches kann verzeihlich werden,

notiert Sloterdijk und meint damit das Töten jenseits jeder Kriegserklärung und die Rache als Staatsakt. Und weiter:

Wer verstehen möchte, warum im 20. Jahrhundert der politische Moralismus mehr Opfer forderte als der politische Biologismus, sollte auf das gute Böse achten, das seinen Agenten die Pflicht zur Auslöschung des Feindes einflüstert.

Spätestens seit den Ausführung Alexis de Tocquevilles über die Demokratie in Amerika wissen wir, daß die Zivilgesellschaft für ihre Feinde keine Guillotine mehr, sondern zuerst einen diskriminierenden Feindbegriff und dann subtile Formen sozialer Hinrichtung bereithält.

Die moralistischen Treiber sind dabei nicht nur Jäger, sondern auch Getriebene. Das ist ein entscheidender Perspektivenwechsel, den die von ihnen Bedrängten, also wir (!) vollziehen sollten: Diese zivilgesellschaftlichen Jäger sind die eigentlich Getriebenen, weil ihnen, die doch moralisch längst und tatsächlich auch beinahe schon ganz und gar gewonnen haben, ständig neue Feinde erwachsen.

Das »Gute« muß jagen, muß ausmerzen, muß alle Neutralen zur Positionierung zwingen, muß hellwach sein. Noch einmal Sloterdijk:

Der Vormacht ist es nicht erlaubt, Provokationen von seiten schwächerer Aggressoren zu ignorieren. Um der Behauptung ihres Ranges willen ist sie dazu verurteilt, ihre rückschlagbereite Haltung in Permanenz zu demonstrieren. Für sie besteht eine ständige Pflicht zur Intervention – anders ausgedrückt: Sie lebt unter dem kategorischen Müdigkeitsverbot.

Müdigkeitsverbot! Wer sieht hier den Hebel nicht? Wir sehen ihn: Wem es nicht erlaubt ist, aufgrund eines geistfeindlichen Putzfimmels das "Andere" zu tolerieren oder wenigstens zu ignorieren, der kann sich wie eine Art Automat nicht wehren, wenn einer die passenden Münzen einwirft. Und wir müssen sie einwerfen.


Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

Kommentare (50)

John Haase
14. November 2018 12:52

Das Seltsame und Gruselige daran ist, daß der BRD-Mainstream seine stetig steigende Hysterie nicht bemerkt und zwar völlig egal, wie weit sie ausufert. Eine Stasimitarbeiterin wird eingesetzt, um Internetkommentare zu überwachen. Was zur Hölle? So viel Selbsterkenntnis muß doch drin sein?

Dann dieses „Konzert“ in Chemnitz mit Empfehlung des Bundespräsidenten an der er auch festhielt, nachdem man ihm erzählte, wer da eigentlich so spielt. Die unsägliche Atmosphäre der Veranstaltung war ebenfalls unübersehbar, sollte man jedenfalls meinen.

Aktuell werden gerade ein paar Leute von der Jungen Union in die Medien gezerrt, weil sie -schockschwerenot- das Westerwaldlied gesungen haben (Bild: „Junge Union grölt Wehrmachtslied“). Kein Mitleid hier, die haben sich ihren Herren selber ausgesucht, aber trotzdem absurd.

So etwas muß man, bei aller politischen Färbung, doch sehen, was man da tut! Wie gesagt: gruselig.

Der Gehenkte
14. November 2018 13:36

Grundlegend!

Haben andere auch diese Erstickungszustände? Das Gefühl, immer weniger Luft zu bekommen und damit auch das Bedürfnis, der Situation zu entfliehen?

Die Grundfrage, wenn es um das Gespräch geht, wird sein, wie man die Selbstimmunisierungen aushebelt, dieses "sie wollen nicht reden" - entgegen aller Evidenz - "sie suchen nur die Bühne". Man muß freilich nicht mit allen reden wollen, aber man sollte diejenigen ausfindig machen, die potentiell dazu in der Lage sind - Querfront etwa, gemeinsame Themen finden, gemeinsame Vergangenheiten etc.

Nicht aufgeben - Müdigkeitsverbot auch bei uns! Oder wenigstens Wachheitsgebot!

RMH
14. November 2018 14:21

"der kann sich wie eine Art Automat nicht wehren, wenn einer die passenden Münzen einwirft."

Und damit schließt sich der Kreis zum Artikel über die NPC.

Aufklärung war einmal nach Kant der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. In diesem Zusammenhang darf an das Werk "Dialektik der Aufklärung" von Horkheimer/Adorno erinnert werden, welche eine in der Aufklärung liegende Dialektik beschrieben haben, dass der "Aufgeklärte" am Ende in ein Stadium gerät, in welchem er quasi weitere Aufklärung ablehnt und seine eigene "Aufgeklärtheit" nicht mehr einer ständigen Kritik unterzieht, sondern sie selbst zu einem Mythos, mithin zu etwas Irrationalem, werden lässt.

Die neuen/alten Manichäer und Tugendwächter des Politischen und Gesellschaftlichen haben es nach Jahrhunderten, ja Jahrtausenden des blühenden, geistigen Lebens in Europa geschafft, wieder so blind zu werden, wie die Insassen in Platons Höhlengleichnis. Es kommt einem vor, als ob Europas geistige Haupt-Eliten wie des Fischers Frau Ilsebill am Ende wieder in der eigenen, alten intellektuellen "Pissputt" gelandet sind. Aber vielleicht besteht darin ja auch eine kleine Chance ...

W. Wagner
14. November 2018 15:36

@John Haase
Ich hab das mit dem Westerwaldlied nicht verfolgt, vielleicht kann die Mitteilung nützen, dass ich 1988/89 bei der Bundeswehr in Diez an der Lahn war und es normal war, dass wir auf Märschen durch Berge und Wälder stets dies Lied sangen! Es stand nicht mal die Frage im Raum, dass das nicht gehe.

Reaktion
14. November 2018 16:27

Manchmal frage ich mich, ob diese geradezu infantile manichäisch-moralistische Haltung auf den exzessiven Konsum von schlechter Literatur und vor allem schlechter (Hollywood-) Filme, die für die heutige Generation ja sicher prägend waren, zurückzuführen ist. Bestimmte Menschen verhalten sich - und fühlen sich offenbar - wie Akteure in einem Italo-Western oder Star-Wars-Film (oder wie immer das Zeug heißt), die unentwegt kompromisslos gegen das Böse kämpfen müssen und in ihren Gegnern die Mächte der Finsternis sehen. Ein spezieller Teil der Umerziehung und "Charakterwäsche" im Sinne von Caspar von Schrenck-Notzing.

starhemberg
14. November 2018 16:34

Um, allem gebotenen Ernst zum Trotz, auch mal die humoristische Seite dieses wahnhaften Verhaltens auszuleuchten: "any promotion is good promotion" sagte man früher in der U-Musikbranche, und für den Buchbereich würde ich das nicht unbedingt anders sehen. Soll heißen - all diese dummdreisten Aktionen, insbesondere auch jene des Fräuleins Stokowski, bringen Schlagwörter wie Antaios, Lichtmesz oder Kubitschek nach vorne. Und Verbotenes war schon immer interessant. Damit schließt sich der Kreis linker Idiotie und beweist zugleich, von Marktwirtschaft keine Ahnung zu haben. Oder, Herr Kubitschek, arbeiten diese greulichen Gestalten in Wirklichkeit alle als Doppelagenten für Ihr dunkles Imperium?

John Haase
14. November 2018 17:43

@W.Wagner
Das war ja auch bis vor kurzem bei der BW noch üblich. Ich glaube Flintenuschi hat es vor einem Jahr streichen.

Eigentlich lag ja Huxley näher dran als Orwell, aber das hier ist wirklich mal klassischer Orwell. Was bis gestern noch normal war ist heute verboten und war es außerdem immer schon, capisce? Wir waren immer schon im Krieg mit Eurasien.

Caroline Sommerfeld
14. November 2018 18:19

Schaut's mal, ich hab welche eingeworfen:

https://oe1.orf.at/programm/20181113/533210

"Wer jetzt noch ins Gespräch kommen will, spricht nicht mehr mit dem Anderen, sondern mit dem bösen Anderen."

Es kommt auch der vor, der täglich mit dem bösen Anderen spricht, geschickt geschnitten ...

Hartwig aus LG8
14. November 2018 21:14

"Müdigkeitsverbot" - eine herrliche Metapher. Ich wurde erst vor wenigen Wochen als "gefährlich" markiert, und zwar von der ersten Reihe meiner verschwägerten Verwandtschaft, - so gefährlich, dass man zumindest glaubte, meinen Umgang mit Kindern und Jugendlichen der Familie reglementieren zu müssen, oder zu können. Da war tatsächlich einer noch hell wach gewesen, denn Anstoß wurde lediglich an einer sehr allgemein formulierten Globalisierungskritik genommen. Aber man weiss ja, und er wusste es, wohin das in letzter Konsequenz führen muss.
Aber dieses "abtörnenden" Beispiels zum Trotz wird man feststellen, dass die Energiezufuhr beim Feind im Schwinden begriffen ist. Überreaktionen sind ein klassisches Indiz für Übermüdungszustände. Bleiben wir also am Ball - vielmehr ist wohl gar nicht mehr nötig.

Porsenna
14. November 2018 21:35

@W. Wagner
@John Haase

Zum Vorfall der JU-Gruppe beim Absingen des Westerwaldliedes:
Es ist immer auch entscheidend, in welcher Verfassung die Sänger des Liedes sind, wie sie auftreten, in welchem Rahmen sie das von sich geben, ob und welche Zuhörer der Gesangsdarbietung es gibt und ob diese daran Anstoß nehmen.

1988 mit der Bundeswehr bei Waldmärschen das Lied zu intonieren: Da gab es wohl so gut wie keine unbeteiligten Zuhörer.

Die JU-Gruppe dagegen hat in einer Berliner Kneipe in alkoholisiertem Zustand in Anwesenheit anderer Gäste herumgegrölt und auch laute Parolen gebrüllt, sich zudem lautstark abfällig über "Schwuchteln" geäußert. Typisches flegelhaftes Jungmännergehabe von unsensiblen Typen mit begrenztem Horizont und geringer Intelligenz.

Der Vorfall gelangte deshalb in die Medien, weil er sich am 9. November ereignete und in der Nähe der Kneipe der Westhafen liegt, von dem aus in der Nazizeit Juden deportiert wurden. Eine jüdische Künstlerin hatte zuvor in Gedenken daran an diesem Tag dort Blumen abgelegt und sich danach in der Kneipe aufgehalten. Sie wurde Ohren- und Augenzeugin dieses aufdringlichen, flegelhaften Gegröles, hat es gefilmt und über soziale Netzwerke verbreitet.

Ob es heute noch angemessen ist, dass Mitglieder einer demokratischen Partei einen Text in der Öffentlichkeit vortragen, der nach Medienberichten 1932 von Vertretern des späteren RAD verfasst wurde und kurz danach in der Wehrmacht äußerst beliebt war, sollte sich jeder fragen, auch wenn das Lied nicht als verfassungsfeindlich indiziert ist. In jedem Fall aber ist ein solches prolliges und gedankenloses Gegröle angesoffener JU-Leute an Geschmacklosigkeit nicht zu überbieten.

simple
14. November 2018 21:45

Tja, Kubitschek, da laufen Ihnen die Hühner weg. Sie würden sich schlecht machen als AfD-Sprecher. Sie hätten keine Antworten auf die Linken. Keine Antwort auf Fragende. Nein, ich bin rechts. Mit dem Blut. Ich schreib nicht so verschwurbelt wie Sie. Lassen wir das. Kennen Sie Abstraktion? Wenden Sie Sie an. Sie werden alle erwischen. Und, bitte, hören Sie auf, zu schwafeln. Dank geht auch ans Forum. Gruß an Ihre Frau, ein Held, der weiß, wie man es macht. Und an Dagen, an Tellkamp und alle anderen.

Simplicius Teutsch
14. November 2018 22:19

@Sloterdijk: „Dem Guten, das den Lauf der Geschichte ändern möchte, muß schlechthin alles erlaubt sein. Unverzeihliches kann verzeihlich werden“

Ein gewisses psychologisches Verständnis habe ich schon für die linken, unsympathischen, gefährlichen „zivilgesellschaftlichen Jäger“ (G. Kubitschek), abgesehen von den nur oberflächlich moralischen Opportunisten, die als Handlanger aber nicht weniger gefährlich sind.

Hygienewahn, Kriminalisierung, Ausgrenzung, Abschaffung des Deutschen, des „alten“ Menschen, Willkommenswahn, Schaffung des neuen Menschen: Es ist wieder mal diese rauschhafte, nazihafte Maßlosigkeit, Radikalität und Intoleranz, die sich Bahn bricht und sich alles heraus nimmt, um jeden Gegner mit bestem Gewissen beiseite zu räumen. Man will ja nur das Böse vernichten und vertilgen: Die Ketzer, die Hexen, die Teufelsanbeter, die Ewiggestrigen, die Rechten und Konservativen, das Männliche. Und ich sehe aber mit Bedauern, dass es ein „wahnhaftes Verhalten“ ist, das die ganze westliche weiße Welt erfasst zu haben scheint.

Haben die alle eine Schraube locker? Ja. Vor allem die Frauen, - die wir deutschen Männer und Krieger (ich rede hier stellvertretend für unsere Vorfahren) z.B. vor den bestialischen Massenvergewaltigungen, vor der totalen Entwürdigung, vor Vertreibung nicht schützen konnten. Flächendeckende Total-Bombardierung der deutschen Städte. Oder die oft jungen, tapferen Soldaten, die in den Schützengräben erbärmlich verreckt sind oder in den Straflagern z.B. der Russen („Soweit die Füße tragen“). Tote über Tote.

Es ist das Trauma der Vergangenheit, das der „alte“ Menschenschlag verursacht und auf die Lebenden übertragen hat: Kriege, Verbrechen, Grausamkeit, Perversion, Vernichtung, Tod und unermesslicher Schmerz.

Ist es nicht selbst jedem von uns in den Jugendjahren oder auch später so ergangen, dass wir Bücher, wie im „Westen nichts Neues“ oder „Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitschs“, aus der Hand legen mussten, weil wir angesichts des nachempfundenen menschlichen Elends für einen Moment nicht mehr weiterlesen konnten? Die Lehre: So wie in der schrecklichen Vergangenheit darf es nicht weitergehen mit der Menschheit.

Curt Sachs
14. November 2018 23:00

@Porsenna, simple: Na, da haben die Münzen ja schon mal gepasst. :)

Lyrurus
14. November 2018 23:42

Früher beschäftigte mich mal die Frage „Was ist eine Beleidigung?“ Dabei studierte ich auch einige Ehrenordnungen und entsprechende Literatur der verflossenen Jahrhunderte und es kristallisierte sich ein wesentliches Kriterium heraus: Es muss beim Beleidiger subjektiv der Wille zur Beleidigung vorhanden sein.

Daher sahen viele dieser Ehrenkodizes die unmittelbare Befragung des vermeintlichen Beleidigers durch den mutmaßlich Beleidigten vor, der man sich nicht ausweichend entziehen durfte. Es herrschte also grundsätzlich die Auffassung, dass die tatsächliche Absicht einer Handlung (denn man kann ja nicht nur verbal, sondern auch durch Tun oder Unterlassen beleidigen) für ihre moralische Bewertung zu erforschen sei.

Inzwischen gelten in der Öffentlichkeit die genau entgegengesetzten Kriterien: Es kommt nicht auf die konkrete Absicht einer Handlung/Äußerung- sondern davon völlig losgelöst - wendet man interessenabhängig ggf. die schlimmstmögliche Auslegung an, wobei es eine besondere Rolle spielt, wer etwas sagt. Das sog. Erdogan-Gedicht von Böhmermann, die dümmlich-prolligen linksextremen Gesänge von FSF vor Fernsehkameras in Chemnitz? Kunst! Aber: Das Westerwaldlied gegrölt von ein paar angetrunkenen Mitgliedern der Merkeljugend in einer Kneipe am 9.11.? Skandal!

Nahezu alle (versuchten) Skandalisierungen der letzten Monate, und zwar weltweit, folgen diesem Schema, dem man eigentlich nur durch völliges Ignorieren oder bewusste Nichtteilhabe am gesellschaftlichen Leben entkommen kann. Bedenklich aber ist, daß diese Sichtweise inzwischen auch die Gerichte erreicht.

Das ist alles etwas Orwellesk mit einem Schuß Bradbury und Huxley.

nom de guerre
15. November 2018 00:06

@ Porsenna
Meinen Sie nicht, dass es in unserem Land inzwischen "[t]ypisches flegelhaftes Jungmännergehabe von unsensiblen Typen mit begrenztem Horizont und geringer Intelligenz" gibt, das sich - gerade auch in seinen Auswirkungen auf Unbeteiligte - etwas problematischer gestaltet als betrunkene JUler, die das Westerwaldlied grölen?
Zu dem "Vorfall" an sich: Ich kannte das Lied nur oberflächlich, habe es aber anlässlich dieser "Nachricht" gegoogelt, und in meiner Naivität erwartete ich irgendetwas furchtbar Schlimmes, das die Aufregung gerechtfertigt hätte (so in der Art von "Bomben auf Engeland") - aber nein, das ist ein völlig unpolitischer, unproblematischer Text, wie ihn jedes x-beliebige Volkslied enthalten könnte. Wer sich davon provoziert fühlt, will sich provoziert fühlen. Die Aussage "das haben die aber damals in der Wehrmacht gesungen" weigere ich mich im Übrigen als Argument ernst zu nehmen.

Gustav Grambauer
15. November 2018 00:56

Octavio.
Mein bester Sohn! Es ist nicht immer möglich,
Im Leben sich so kinderrein zu halten,
Wie's uns die Stimme lehrt im Innersten.
In steter Notwehr gegen arge List
Bleibt auch das redliche Gemüt nicht wahr –
Das eben ist der Fluch der bösen Tat,
Daß sie, fortzeugend, immer Böses muß gebären.
Ich klügle nicht, ich tue meine Pflicht,
Der Kaiser schreibt mir mein Betragen vor.
Wohl wär' es besser, überall dem Herzen
Zu folgen, doch darüber würde man
Sich manchen guten Zweck versagen müssen.
Hier gilt's, mein Sohn, dem Kaiser wohl zu dienen,
Das Herz mag dazu sprechen, was es will.
- Wallenstein, IX, 5 / 1

- G. G.

Simplicius Teutsch
15. November 2018 07:26

Der Wahnsinn nimmt seinen Lauf. Da kann die Münchner Moralprominenz sich aber wirklich auf die Schultern klopfen. Gestern Nacht schrieb ich noch obigen Kommentar über den „nazihaften“ Austilgungs- und Hygienewahn der linken und multikulturellen Bessermenschen, und dachte, ob ich nicht wieder selber zu radikal bzw. zu pessimistisch in meiner Einschätzung der „zivilgesellschaftlichen“ Entwicklung wäre. Aber heute Morgen beim Aufstehen schaue ich auf die Tageszeitung MÜNCHNER MERKUR und lese links oben auf der Titelseite (ungekürzter Text):

„München. Rauswurf für AfD-Politikerin (Überschrift). Das Lokal: eine Szene-Bar mit multikulturellem Personal. Der Gast: die Landtagsabgeordnete einer rechtspopulistischen Partei. Diese Mischung sorgte im Haus der Kunst für Zündstoff. Am Dienstag musste Katrin Ebner-Steiner, die Fraktions-Chefin der AfD im Landtag, die Goldene Bar im Museum verlassen. Bezahlen musste sie ihre Bestellung nicht, man gab ihr sogar zehn Euro fürs Parken mit – nur gehen musste sie.“

Die „zivilgesellschaftliche“ Eskalation ist im vollen Gange. Ich weiß nicht, wie es anderen geht, bei mir wirkt das, da stellen sich die Nackenhaare. Und jetzt sage ich dazu nichts mehr weiter in dem Blog, ich muss ja schließlich Steuern für die Projekte der „zivilgesellschaftlichen“ Bessermenschen erarbeiten. Nur noch soviel: Die Goldene Bar befindet sich im Haus der Kunst, das von den Nazis erbaut wurde. Es ist ja fast schon wieder zum Lachen.

Waldgaenger aus Schwaben
15. November 2018 07:29

Gesetzt den Fall, Ihr habt mehr Münzen, als der Automat Ware. Der Automat leer - Ihr steht mit Münzen klimpernd da.

Und dann?

fortsetzung kubitschek: Dann drehen wir auf Glatzen Locken.

quarz
15. November 2018 08:00

@Lyrurus

"es kristallisierte sich ein wesentliches Kriterium heraus: Es muss beim Beleidiger subjektiv der Wille zur Beleidigung vorhanden sein."

Ein Kriterium muss als solches ja weder eine notwendige noch eine hinreichende Bedingung wiedergeben, sondern anhand statistischer Korrelation die Identifizierung erleichtern.

Wenn wir deswegen eine (dem empirischen Sprachgebrauch entsprechende) Begriffsdefinition anpeilen, dann stellt sich die Frage nach den Definitionsbedingungen. In diesem Sinne: sehen Sie - im Bedeutungsrahmen der von Ihnen studierten historischen Quellen - die beleidigende Absicht als (nur) notwendige oder auch als hinreichende Bedingung an?

Fredy
15. November 2018 08:14

Ach wenn die neuen Jungmänner, die es vermehrt und unaufhaltsam zu uns zieht, das Westerwaldlied fehlerfrei grölen könnten, wir wollten ihnen extra Kneipen dafür errichten und Speiß und Trank bereitstellen.

Fritz
15. November 2018 09:12

Ich nehme das auch so wahr wie im Text beschrieben, und ich habe immer noch Probleme, diese Art von "Moral" zu verstehen. Sie ist ihren Propagieren immer sofort im Bewusstsein präsent, was auf genetisch verankerte moralische Intuitionen verweist (wie sie sich z.B. auxch schon bei Affen finden, die protestieren, wenn sie schlechters Futter bekommen als der Nachbar). Der Protest gegen wahrgenommene unlegitimierte Ungleichbehandlung, die spontane Bereitschaft, anderen zu helfen (die immer auch die umgekehrte Bereitschaft impliziert), das sind solche wohl allen Menschen gemeinsamen moralischen Intuitionen.

Diese Intuitionen werden im Normalfall konterkariert vom Interesse an Selbsterhaltung und vom ebenfalls genetisch verankerten "Kin Altruism", sprich der Bevorzugung der eigenen Familie vor Fremden. Ich gebe Fremden gerne, aber nur, was ich nicht unbedingt für mich selber brauche. Und meine Kinder sind mir trotz allem näher als die Hungernden in Afrika.

Genau diese Intuitionen sind es, die den Hypermoralisten fehlen und die sie als antimoralisch betrachten. Das dürfte auf einen Mangel an Lebenserfahrung zurück zu führen sein, und man wünscht sich, so manchem Journalisten mal ein Praktikum in einem Slum der III. Welt vermitteln zu können (wäre vielleicht auch eine Idee für die allgemeine Dienstpflicht, deren Einführung ja z.Z. diskutiert wird).

Jedenfalls ergibt sich eine Moral der allgemeinen Hilfsverpflichtung gegenüber allen Menschen, und zwar gegenüber allen in gleicher Weise; man dürfte konsequenterweise auch die eigenen Kinder nicht bevorzugen.

Es müsste eigentlich jedem einleuchten, dass das völlig impraktikabel ist.

Gustav Grambauer
15. November 2018 09:35

Simplicius Teutsch

"man gab ihr sogar zehn Euro fürs Parken mit"

In der Zentralen Hinrichtungsstätte des Ministeriums des Inneren der DDR hatte der Todeskandidat einen letzten Wunsch frei, "dessen Warenwert", - schon der Jargon -, zehn Mark nicht übersteigen durfte".

https://de.wikipedia.org/wiki/Henkersmahlzeit

Nie vergessen: in den Zehnerzahlen leben mephistophelische Dämonen sich aus. Hier wurde mit der Zehn, so wie mit der Bezeichnung Die Vielen, eine Duftmarke gesetzt, in allen drei Fällen wahrscheinlich im völligen Unwissen der äußerlich Beteiligten, zumal der Mammon sich hier am wohlsten fühlt und es ihnen vielleicht mit einem Zehn-Euro-Schein besonders bequem gemacht hat. In unverdorbeneren Zeiten waren in solchen Lagen z. B. ein Dutzend oder die gesegnete Siebenzahl üblich.

Raskolnikow hat mal geschrieben:

"Wir sollten zugeben, dass wir Zunftordnungen wieder in Kraft setzen und das teuflische metrische System abschaffen, dass jemand, der bei Bachs Weihnachtsoratorium nicht ergriffen ist, ausgepeitscht gehört, das Fernsehen abgeschaltet wird und wir keine Ahnung haben, wohin all die Journalisten verschwunden sind ... Wir sollten drauf scheißen, wie mehrheitsfähig, das heute ist!" - https://sezession.de/40484/alternative-fuer-deutschland-mit-mimikry-ins-establishment

Der_Juergen
15. November 2018 09:58

Besser als es Kubitschek hier tut kann man die Problematik des "totalitären Liberalismus" (wer diesen treffenden Ausdruck geprögt hat, weiss ich nicht mehr) nicht auf den Punkt bringen. Die Herrschaften von der Antifa und ihre Verbündeten können mit ihrem Slogan "Faschismus ist keine Meinung, sondern ein Verbrechen" allerdings ein böses Eigentor schiessen, denn wenn die Rechten eines Tages an die Macht kommen, können sie ihn problemlos in "Liberalismus/Linkssein ist keine Meinung, sondern ein Verbrechen" umkehren. Wer Wind sät, kann nur allzu leicht Sturm säen. Allerdings traue ich so zivilisierten und gemässigten Rechten wie Kubitschek und seinen Mitstreitern nicht zu, dass sie die Härte besässen, den Linken und Liberalen die Meinungsfreiheit zu entziehen.

kommentar kubitschek:
Weder die Härte, noch die Überzeugung, daß dies notwendig oder angemessen wäre. Im Grunde meines Herzens bin ich tolerant und an der Vielgestaltigkeit von Meinungen und Lebensentwürfen ehrlich interessiert. Es dürfte reichen, diese Leuten von den staatlichen Infusionen abzuklemmen - 90 Prozent ihrer Einrichtungen und "Berufe" wären auf dem freien Markt nicht fähig, auch nur einen halben Euro zu verdienen.

RMH
15. November 2018 10:54

" ... und ich habe immer noch Probleme, diese Art von "Moral" zu verstehen."

Verstehen wird man das nie ganz, man kann allenfalls ein paar Erklärungsversuche unternehmen, da man Irrationales eben nicht rational komplett fassen kann. Man kann aber Symptome erkennen und Schlüsse ziehen. Die Hexenverfolgungen, die man auch nicht rational vollständig erklären kann, fanden in Zeiten statt, in denen Gesellschaften durch diverse Krisen ihre innere Zentrierung verloren hatten.

Und das unser Land den inneren Kompass schon seit längerem verloren hat, dürfte ausnahmsweise einmal sogar Mehrheitsfähig sein. Um so mehr wird jetzt eben auf vermeintliche Abweichler eingeschlagen (leider nicht nur im übertragenen Sinn), die die neue Ausrichtung nicht mit machen wollen oder sich nicht mit dem Soma (brave new world) unserer Zeit in Form von Karriere, Konsum, Urlaub, Sex, Drogen, Party etc. billig abspeisen und sedieren lassen wollen.

Das wird noch heftiger werden - keine Frage. Das Denunziantentum hat alle technischen Mittel und Möglichkeiten, man muss nicht mehr in ein Amt gehen und warten, bis man dran kommt, um sein Anliegen vorzubringen, nein, man postet es einfach auf Twitter, Instagram & Co. und schon geht es los. Würde mich nicht wundern, wenn es auch bei uns - wie es das auch in der Türkei und für die Türken bei uns gibt - demnächst Apps zum Denunzieren gibt. Das offiziell nicht mehr existierende "Volk" darf ja nicht auch nur ansatzweise Gefahr laufen, "verhetzt" zu werden.

W. Wagner
15. November 2018 12:38

Zu Kubitschek Antwort auf Der_Juergen:
Der erste Schritt wäre, dass die AfD endlich den Kampf gegen die GEZ wirklich groß und breit auf ihre Fahnen schreibt. Jedes Jahr (obwohl weder Tv noch Radio) werden mir und sicherlich auch anderen hier über 200 € geklaut, die man besser in Bücher oder Spenden für andere Projekte einsetzen könnte.

Franz Bettinger
15. November 2018 12:50

Eine sehr schöne Analyse der Lage und auch dessen, was Demokratie im Kern bedeutet! Mit dem Bösen darf es kein Gespräch geben! Gemeint waren damals die Häretiker. Gemeint ist heute das böse rechte Gedankengut. Ha, selbst Gott, der nach F. N. angeblich tot sein soll, selbst dieser hohe Herr duldet, ja braucht das Böse neben sich, und der Schalk fällt ihm von allen Geistern, die verneinen, noch am wenigsten zur Last. Selbst Gott wusste, dass mindestens zwei Meinungen, besser noch zwei Pole, zur Ausgewogenheit gebraucht werden. Nur die moralisch selbst-verzauberte Linke, die Goethe-begeisterte Sarah W. darunter, begreift nicht, dass es immer auf einen ernst gemeinten Dialog ankommt mit dem anderen Teil, dem "bösen" Gegner. Audiatur et altera pars - nie war der Grundsatz wichtiger als heute. Stattdessen: Wörter-Orwell und Sippenhaft. Ein scharfes Gegengift ist, wie Gott schon sagte, der Humor! Gebrauche wir ihn!

Fredy
15. November 2018 13:21

@Franz Bettinger

Der Satan ist ja als gefallener Engel ein Geschöpf Gottes. Und Gott ist nach Christenlesart zwar allmächtig, braucht aber um des Satans Herr zu werden, seinen Sohn (der er aber auch gleichzeitig selbst ist) und stets eine individuelle Entscheidung des Sünders, diesen Sohn als Satansaustreiber anzunehmen - anders funzt die Sache angeblich nicht, also des Satans dann im Einzelfall für genau diesen Sünder Herr zu werden. Aber so wie die Sache funzt kann sich das auch nur ein kranker Geist ausgedacht haben. Wenn nämlich Gott allmächtig und allwissend wäre, hätte er den Satan längst ein für allemal vernichtet, oder noch besser, dieses Geschöpf gar nicht erst geschaffen (Gott hat den Satan also entweder absichtlich derart erschaffen, dann stellt sich die Frage nach dem zweifelhaften Charakter dieses Gottes, oder aber er hat den Charakter seines Geschöpfes nicht vorhergesehen, dann stellt sich die Frage nach der tatsächlichen Allmacht des Gottes). Aber vielleicht bereitet das Spiel Gute gegen Böse dem Christengott offenbar nur einen Heidenspaß.

Herzog
15. November 2018 13:50

@ Porsenna

"Ob es heute noch angemessen ist, dass Mitglieder einer demokratischen Partei einen Text in der Öffentlichkeit vortragen, der nach Medienberichten 1932 von Vertretern des späteren RAD verfasst wurde und kurz danach in der Wehrmacht äußerst beliebt war, sollte sich jeder fragen, auch wenn das Lied nicht als verfassungsfeindlich indiziert ist."

Ich dachte immer, das sei ein Oktoberfest-Lied:
https://www.youtube.com/watch?v=sje0Chg8UI4

Man mag es mir verzeihen...

Immer noch S.J.
15. November 2018 14:55

Das Geschehen in der Bar und die Kommentare im Münchner Merkur beweisen vor allem moralistische Selbstbeweihräucherung. Es ist schon oft angemerkt worden, wie sehr sich die Leute dabei selbst und anderen gefallen wollen (Seht ihr mich alle? Bin ich nicht toll?). Man bekommt es auch von den Eliten vorexerziert; der sprichwörtliche Fisch stinkt mitunter tatsächlich vom Kopfe her. Wenn es als politisch beispielhaft gilt, medienwirksam die gültige Rechtslage zu ignorieren, in Serie die üblichen Verfahren nachlässig zu handhaben oder im Plenarsaal wie ein unreifer Pennäler zu pöbeln – alles, um moralistisch zu punkten -, dann erklärt sich das Weitere von selbst. Nicht zu vergessen ist, wie wirkungsvoll der Topos von der rechtskonservativen Gewaltaffinität ist, die in allen Rechten schlummere und die sich – so der allgemeine Topos - bei der erstbesten Gelegenheit entlade und daher die pauschale Devise „Wehret den Anfängen“ legitimiere. Und da es reicht, das einfach zu behaupten bzw. zu glauben, hält sich dieses Denken auch beharrlich und begrüßt einen gleich zu Beginn der Durchsicht eines Nachrichtenportals. Mittlerweile fühlt sich der „Homo bundesrepublicaniensis“ (unverständlicherweise ärgern sich manche über diesen satirisch gemeinten Begriff, sodass sie Akten und Karteien anlegen) auch dafür zuständig, spontan über Unbekannte ein Urteil zu sprechen und die Strafe gleich selbst zu vollziehen. Das wird zunehmen. Wer wert auf Ruhe und Frieden legt, meidet solche Leute.

HomoFaber
15. November 2018 17:32

“das haben die aber damals in der Wehrmacht gesungen”

Sozusagen eine Autobahn des deutschen Gesangs

Emil D
16. November 2018 10:21

@ Porsenna, Thema Westerwald
Der Hinweis auf passende/unpassende räumliche und zeitliche Gegebenheiten zielt auf Pietät als moralisch zu bewertendes Verhalten. Das empfinde ich als angenehm - mehr nicht. Denn: D ist mittlerweile so dicht besiedelt und mit historisch bedeutsamen Daten aufgeladen, dass wohl immer irgend eine Sache einer anderen entgegensteht. Es gibt auch den 9.November 1989, den Tag des Mauerfalls. Diesen freudig zu begehen werde ich mir, im Gleichklang mit Millionen anderen, nicht nehmen lassen. Ich werde mir auch kein Schild umhängen, dass ich mit meiner Freude nicht das Nazidatum meine. Wir wissen nicht, wie sich die der Beschreibung nach wenig situiert auftretenden jungen Leute wirklich benahmen. Es ist auch möglich, dass man die Grenzöffnung feierte, die den Ossis nun endlich ermöglichte auch den Westerwald sehen zu dürfen. Wir waren nicht dabei. Selbst wenn es das berühmt berüchtigte Rotzlöffelverhalten war, sollten wir mit (ver)Urteilen vorsichtig sein.
Der Jungen Dame gilt mein ehrliches Mitgefühl, aber auch die Frage warum sie in ihrer mentalen Verfassung überhaupt eine Berliner Kneipe aufgesucht hat. Erst Platz nehmen und danach Empörung in die Welt blasen wirkt nicht glaubwürdig und erzwingt, wie bei den Rotzlöffeln, Aufmerksamkeit - war das der Plan?

Emil D
16. November 2018 11:35

@Der Gehenkte
Nein, ich habe keine Erstickungszustände. Mein Blutdruck steigt zwar immer mal wieder, jedoch er kriegt sich schnell wieder ein, denn den aktuell unser Leben so heftig beeinflussenden linken Wahn kenne ich schon - aus der DDR.
Ich musste, vor allem im Bildungssystem, viel Rotlichtlichtbestrahlung ertragen. Als naives Kind fand ich das nicht weiter schlimm. Kinder glauben ohnehin dass sie für den Lehrer lernen. Später als, ironischer Weise von den Rotlichtbestrahlern forciert, das eigene Denken in Schwung kam, gab es in der Politshow eine immer wieder gestellte zentrale Frage, die von keinem Genossen beantwortet wurde:

Wenn, wie Marxistisch-Leninistisch korrekt gelehrt, der Widerspruch die Triebkraft der Entwicklung ist, wieso dulden die Genossen dann keinen Widerspruch?

Der Stillstand ist also systemimmanent. Da hilft auch kein Gefasel von „antagonistischen Gegensätzen“, denn gerade diese sollten enorme Entwicklungskräfte freisetzen - haben sie aber nicht. Das System lief sich tot - leider mit (weltweit ungezählten) Toten am Wegesrand, wirtschaftlichem Niedergang, Verfall der Infrastruktur etc. pp.! (siehe aktuell Venezuela) Damit generieren sich die Genossen ihre politischen Gegner selbst und immer aufs Neue.

Trotz dieser Fakten darf man nicht hoffen, dass sich mit der Zeit alles von selbst richtet!
Die Genossen werden NIEMALS freiwillig das Feld räumen! Sie klammern sich an das was sie für die Macht halten und bekämpfen jeden Gegenspieler mit allen Mitteln! (paradoxerweise ohne sich gesellschaftlich zu entwickeln, nur die Taschen werden immer voller, auch nichts Neues)
Nie vergessen: Auch die Genossen haben dazu gelernt, sie verfügen über intelligente Köpfe und perfektionieren ihre Kampfmethoden! Für Genossen ist alles todernster Kampf, Entwicklung durch (auch mal spielerisches) Kräftemessen kennen sie nicht!

Das Mittel der Wahl ist: Bewahre die Hoheit über deine Denke und lerne zu verstehen wie die Genossen denken.

Stil-Bluete
16. November 2018 11:49

Vor vielen, vielen Jahren habe ich mir von Linken anhören müssen, dass 'Schwarz-braun ist die Haselnuss' faschistisch sei, weil das Lied Hitler angeblich gemocht hat. 'Schwarz-braun'? War das damals schon Hitlers Ideal, oh, oh, wenn schon keine Verschwärungstheorie (Freudscher Verschreiber beabsichtigt), so doch Kon-Fusion?

Stil-Bluete
16. November 2018 11:59

@ Gustav Grambauer
Leider hat man Schiller und sein wetter-leuchtendes Pathos hinter Goethe in den Schatten gestellt (Goethe wohl selbst auch dazu beigetragenes).

Es hat mir gefallen, dass sie ihn zitieren. Er ist zeitlos und hat Aktualität. Ein Kopf!

Ostelbischer Junker
16. November 2018 12:27

Die JUler sind der Gipfel des Cuckservatism. Das ist für diese Leute, den CDU-Klüngel, Konservatismus: Ein ( sehr schönes) Marschlied schlecht und viel zu langsam lallen und in der Öffentlichkeit Neger sagen dürfen (Joachim Hermann). Und Dann faseln sie von der Liebe zur Heimat und zur Tradition.(https://www.bild.de/regional/berlin/berlin-aktuell/eklat-in-berliner-kneipe-junge-union-groelt-wehrmachtslied-58414930.bild.html) Während sie die Heimat optisch, kulturell, wirtschaftlich und ethnisch ruinieren. Und Stolz auf die Westintegration, heißt das Traditionsvernichtungssystem des Finanzkapitalismus sind. Man schimpft auf die Schwuchteln und hat gleichzeitig weniger Eier als eine Transe nach der Geschlechtsumwandlung. Diese ,,Konservativen" wiedern mich zehn mal mehr an, als die linksradikalen Studenten, die in meinem Hinterhof Deutschland muss sterben grölen.

Ratwolf
16. November 2018 13:14

Die Anette-Kahane-Bank erscheint wie ein Überbleibsel des Ost-Kommunismus. Nur das nun die SPD dieses Unterdrückungsinstrument mit dem Geld der Steuerzahler auftecht erhält und zuschüttet.

Es wird mit harten Bandagen gekämpft.

Wer sich an die zweiten Montagsdemos gegen Schröder/Fischer erinnert und damal noch die Nase rümpfte, wurde später eines Besseren belehrt.

So wird auch jetzt sein. Die Nachteile der jetzigen Politik werden immer stärker in Wirkung treten, und die jetzigen Helfer werden ziehmlich blöd aus der Wäsche schauen.

Die Kräfte, welche da im Hintergrund wirken, haben keine Problem, später auf die eigenen Leute zu schießen, wenn man sie nicht mehr braucht.

nom de guerre
16. November 2018 16:32

OT, aber trotzdem interessant:

Tichys Einblick hat die Urheberin der Hase-Videos aus Chemnitz ausfindig gemacht und bringt einen ausführlichen Artikel zu den angeblichen Hetzjagden:
https://www.tichyseinblick.de/meinungen/tichys-einblick-fand-die-herkunft-des-chemnitz-videos-heraus/

Ruewald
16. November 2018 22:23

Beleidigungsbegriff (@Lyrurus , @quarz)
Versuch einer Definition: Bei Beleidigung handelt es sich um eine zweiseitige (zweistellige) Relation, für die auf der einen Seite (des Senders, des Beleidigers) eine Intention (Absicht) und auf der anderen Seite (des Empfängers, des Beleidigten) eine entsprechende Interpretation (Akzeptanz) konstitutiv ist.
Wenn ein Hund mich anbellt oder ein Ungebildeter mich anpöbelt, brauche ich dies nicht als Beleidigung zu interpretieren, da sie auf Grund ihrer Natur nicht anders können. Dazu ein orientalisches Sprichwort: "Den Löwen kümmert es nicht, wenn auf dem Baum ein Affe ihn auslacht".
Anders ist es bei der (heute auch noch hoch honorierten) Diffamierung und Denunziation: da ist die Absicht unverkennbar und die Interpretation aus Sicht des Betroffenen eindeutig.
Dazu kommt noch die praktizierte (und den Rechtsprinzipien widersprechende) Beweislastumkehr: nicht der Verleumder muß beweisen, sondern vom Verleumdeten wird verlangt, den Gegenbeweis zu liefern.

Für moralistische Kampfbegriffe, wie "Hass", "demokratiefeindlich", "menschenverachtend", usw. gilt, daß es sich um Bumerang-Begriffe handelt (Jost Bauch, Abschied von Deutschland); sie fallen genau auf diejenigen zurück, die sie verwenden. Man muß ihnen ganz groß den Spiegel vor die Augen halten.

Ergon
16. November 2018 22:50

Zwar nicht der hypermoralische Duktus, durchaus aber die Form der Verfolgung hat Vorbilder in der deutschen Geschichte, und zwar im Umfeld der Karlsbader Beschlüsse 1819. Nationale und liberale Tendenzen galten als Volksverhetzung, die Träger dieser Ideen wurden als Demagogen verfolgt und ein Äquivalent des VS war die Immedat-Kommission zur Ermittlung hochverräterischer Verbindungen und anderer gefährlicher Umtriebe.

Tony
17. November 2018 00:20

Werter Herr Kubitschek,

Ihrer Analyse kann ich nur vollumfänglich zustimmen. Zumal der Begriff „Wahn“ als erschreckend passend gewählt wurde. Ich weiß, dass man zurückhaltend sein sollte, wenn es um die Pathologisierung anderer geht. Aber was bleibt einem noch übrig, wie sollte man überhaupt reagieren, wenn der Wahnsinn regiert, und die Protagonisten dieses Schauspiels sich in ihrer selbsterwählten Herrlichkeit sonnen, in Sphären die nie ein Mensch für möglich gehalten hätte. Welch eine Narretei, was für ein Theater!

Der Gedanke kam mir bereits im Café Schnellroda, nachdem Sie die „Dresdner Erklärung der Vielen“ vorgelesen hatten, um im Anschluss ihren Text zur aktuellen Lage in die Runde zu werfen. Man kann über diese „Erklärung“ lächeln, sie vielleicht auch belächeln oder gar nur den Kopf schütteln, doch eines muss uns allen klar sein. Die leicht schwingenden Worte, die zuckersüßen Aufgüsse und die vielen beliebigen, sich endlos wiederholenden Phrasen der Humanität und Toleranz, jederzeit austauschbar, vernebeln den Blick auf eine Entwicklung, die uns alle betrifft. In einer Weise die vielleicht, für viele aber nicht alle, nicht vorstellbar ist. Weil man sich den „Ernstfall“ einfach nicht vorstellen kann! Eine Entwicklung die uns in den Abgrund eines ultimativen Totalitarismus der „letzten Welt“ führen kann/wird.

An dieser Stelle möchte ich einige kurze Zitate von Alain de Benoist aufführen, der sich mit dem Thema „Totalitarismus“ eingehend beschäftigt hat. Wer verstehen möchte, was gerade passiert und zwar mit unerbittlichstem Ernst passiert, dem kann ich das Buch „Totalitarismus“ von Benoist ans Herz legen. Wer das Glück hat, dieses Buch sein Eigen nennen zu dürfen, sollte, nachdem er Herrn Kubitschek’s Artikel noch einmal gelesen hat, das Kapitel 18 aufschlagen.

Dort schreibt Benoist;
„Das mobilisierende Wesen der dichotomischen (zweigeteilten) Denkweise, die die totalitären Systeme kennzeichnet, ist offensichtlich. In einer solchen Denkweise muß die Welt zwangsläufig von denen gesäubert werden, die man von vornherein nicht etwa als bloße Gegner bezeichnet hat, sondern als ontologische Feinde, die zu beseitigen sind.“

Weiterhin schreibt Benoist;
„Der Messianismus macht nämlich nur Sinn, wenn die Guten und die Bösen völlig entgegengesetzte Schicksale erfahren.“

Die Struktur der gegenwärtigen Entwicklung nimmt Benoist ebenfalls vorweg.
„In dieser manichäischen Sicht, in der »die Vielfalt innerhalb einer einzigen Welt durch den unversöhnlichen Gegensatz zweier Welten ersetzt wird, verlangt die Totalisierung des Guten die Totalisierung des Bösen, das heißt eine nicht weniger willkürliche Vereinigung all dessen, was sich aus den verschiedensten Gründen dem vereinheitlichten Guten widersetzt«“

Folgt man dem sich immer während wiederholenden „Kampf gegen Rechts“, wobei die Definition was „Rechts“ sei immer dehnbarer und somit willkürlicher und damit willfähriger wird, kommt man nicht umhin, auf den Gedanken zu kommen, dass die (notwendige) Existenz des „Bösen“, für das ultimative „Gute“ konstitutiv sein muss.

Benoist schreibt unter anderem.
„Ein Merkmal des totalitären Terrors ist, daß er seinen Höhepunkt erreicht, wenn das Regime keine Gegner mehr hat, daß er weiter zunimmt, wenn es für seine Existenz keinen Grund mehr gibt…
Paradoxerweise müssen sie gleichzeitig die Opposition verschwinden lassen und eine neue, sogar künstliche schaffen, damit ihre Existenz noch einen Sinn hat, das heißt, damit sie weiterhin berechtigt erscheinen, ihre Mission fortzusetzen.“

Wohin uns die Geschehnisse auch tragen, was uns bleibt ist unser EGO NON, nicht gedacht, nicht geflüstert, sondern gemeißelt, wie ein schwarzer Monolith, alles überragend, unantastbar in den Stürmen unserer Zeit.

Das tröstliche an der Zukunft ist, dass sie noch geschrieben werden kann von jenen die noch Flame in sich tragen. Denn wenn nicht, dann muss ich, an dieser Stelle, Hannah Arendt zitieren; „Totalitäre Systeme morden die Menschen nicht nur für das was sie tun, sondern auch für das, was sie sind.

Guten Abend

Carlos Verastegui
17. November 2018 10:37

Herr Kubitschek,

was Sie glänzend analysieren ist unsere Amerikanisierun, Bitte erlauben Sie mir, auf einen Artikel zu verweisen ("Politische Theologie der jetzigen Demokratie"), den ich vor bald zwei Jahren für die Blaue Narzisse geschrieben habe:

"Eine dieser Fragen, auf die es selbst in der Demokratie keine endgültige Antwort gibt, lautet so: Wozu und, besonders, für wen, sind Recht und Staat eigentlich da?

Die Forderung der Demokratie lautet bekanntlich „gleiches Recht für alle“. Ursprünglich war diese Forderung polemisch gemeint im Gegensatz zu „ungleiches Recht“, d.h. Privileg für einige wenige – der Kampf gegen das Privileg hat die demokratische Revolution von Anfang an begleitet. Er ist eine logische Konsequenz des demokratischen Gerechtigkeitsempfindens, welches Gleichheit mit Gerechtigkeit in eins setzt.

Und tatsächlich hält noch heute der radikale Demokrat Gleichheit für den Gipfel der Gerechtigkeit, Ungleichheit dagegen für die Verletzung eines Menschenrechts, z.B. der Menschenwürde. Die Idee der Verletzung ist hierbei keine Bagatelle, sondern bezeichnet tatsächlich eine der physischen Leidzufügung und Schindung genau entsprechende moralische Schädigung des Menschen. Wird letztere aufgrund ihrer Schwere als „Schändung“ bezeichnet, wird ersichtlich: Hier handelt es sich eher um die Beleidigung eines religiösen als eines moralischen Empfindens. Die Verletzung eines Menschenrechts ist Gotteslästerung innerhalb einer theokratischen Weltsicht, in der der Mensch nicht mehr bloß Herr der Schöpfung, sondern selbst Gott ist.

Das Problem der Verletzung eines Menschenrechts bestünde nun nicht, wenn der Gott Mensch sich als Gott selbst verletzte, sich tatsächlich selbst lästerte. Die allgemeine Theokratie des Menschen – im weitesten Sinne „Herrschaft“, zu der auch Naturbeherrschung gehört –, die sich im Menschenreich in einer Priesterherrschaft, genauer: in einer „Ideokratie“ bestehend aus Intellektuellen und Juristen ausdrückt, hat aber nur solange bestand, wie das Problem selbst besteht.

Dass das Problem als solches aufrechterhalten wird, dafür sorgt die vom Priesterstand der Juristen und Intellektuellen eigens besorgte Dogmatik: Gott, der Mensch, kann sich an seinen eigenen Rechten nicht vergreifen, die Menschenrechte sind genauso unantastbar für den Menschen wie seine nur ihm zukommende Würde, Gott lästert nicht sich selbst. Diese dogmatische Lösung bringt dabei unausweichlich die Konsequenz einer Aufsplitterung mit sich: entweder die Aufsplitterung des Menschentums selbst in zwei Menschengattungen, oder aber die Aufsplitterung des Menschenreiches in zwei Menschenreiche. Ersteres führt zur Unterscheidung zwischen gottfernen, d.h. unmenschlichen Menschen und einem gottnahen, also „menschlichen“ und, von daher, „richtigen“ Menschen. „Menschlichkeit“ gilt dann als Ausweis der eigenen Göttlichkeit. Zweites führt zur Unterscheidung zwischen einem menschlichen Gottesreich („Reich des Guten“) sowie einem unmenschlichen Teufelsreich („Reich des Bösen“).

Empirische Beispiele für beide Unterscheidungsformen bieten jeweils die USA und die europäischen Staaten: Während in den USA ein Terrorist seine grundsätzlichen Menschenrechte verwirkt hat – der Terrorist ist drüben ganz folgerichtig „des Teufels“, wenn nicht der Teufel selbst – werden in Europa den Terroristen mehr oder minder penibel, trotz allem, was sie angerichtet haben können, Menschenrechte zuerkannt.

Während in den USA der Menschenrechtsverletzer durch die Selbstverletzung, die eine Versündigung an der eigenen Gattung – ein wahrhaft luziferinischer Abfall! – darstellt, seine Rechte nicht nur verliert, sondern sogar selbst zum Teufel herabsinkt, sinkt er in Europa gegenüber der unangreifbaren Majestät sowie der eigenen Göttlichkeit der Menschenrechte ideell zur Machtlosigkeit herab: egal, was er auch tut, gegenüber seinen eigenen Menschenrechten ist er machtlos. Egal wie schlimm seine Gräueltaten auch sein mögen, sie tun dabei seiner eigenen Göttlichkeit nicht den geringsten Abbruch. Schlimmstenfalls kommt dabei ein „machtloser Gott“ – immerhin ein Gott – raus, der seinen sich gegen sich selbst versündigten Menschen gerade im „Reich des Bösen“ geparkt bzw. für immer abgestellt hat.

Aufgrund dieser theologischen Voraussetzung der real existierenden Demokratie kommt es in Europa immer wieder zu Spannungsverhältnissen gegenüber dem Staatsbetrieb. Dieser ist im Gegensatz zu den USA viel nüchterner, eben human-„untheologisch“ und, darum, unmenschlich. Der Staat in Europa verfährt grundsätzlich eben nicht nach demokratischem Stand-, sondern rein nach pragmatischem Gesichtspunkt, ohne darum ins Fadenkreuz radikal demokratisch gesinnter Intellektueller zu geraten.

Demokratisches Rechtsempfinden – d.h. die aus dem Grundsatz der Gleichheit sich ergebende Notwendigkeit von Vergeltung und Widervergeltung – steht in Europa gegen kodifiziertes Recht – ein Gegensatz, der so in den USA eher selten vorkommt. Man drehe und wende es, wie man wolle, innerhalb der Regierungspraxis eines europäischen Staates ist das technisch umgesetzte Recht keineswegs ein „gleiches Recht für alle“.

Das wäre bestenfalls noch hinzunehmen, wenn wenigstens der Geltungsgrund des Rechts noch in der theologischen Voraussetzung der Demokratie, die geschichtlich zum Begriff der Volkssouveränität geführt hat, läge. Tatsächlich aber liegt der echte, nicht der fiktive Geltungsgrund des Rechts in Sacherfordernissen begründet, die sämtlich auf das einfache, voraussetzungslose Faktum, nicht aber auf das Juridicum, von Regierung hinweisen. Lincolns berühmte Formel „Demokratie ist die Regierung des Volkes durch das Volk und für das Volk“ wird in Europa nicht einmal ansatzweise erfüllt. Das liegt nicht etwas daran, weil Lincolns Volksbegriff problematisch wäre – das ist er beileibe nicht –, sondern weil die Demokratie in Europa recht frühzeitig in die Hände von eigenständigen Priesterkollegien („Ideokratie“: Juristen und Intellektuelle) gelangt ist, die die effektive Machtausübung an eine aus Berufspolitikern, Bürokraten und bestimmten Journalisten bestehende Dienerschaft delegieren.

Zuweilen machen sich diese Diener gegenüber ihren Herren selbständig, doch wollen sie im Sattel bleiben, müssen sie immer wieder auf sie zurückkommen. Der alte Gerechtigkeitsgrundsatz, der auch in der amerikanischen Demokratie weitgehend verwirklicht ist, dass Recht und Staat schlechthin für auf sie passende Menschen da sind, liegt in Europa offensichtlich außer kraft, ohne dass darum gefährliche Konsequenzen für die Stabilität der Staaten zu befürchten wären. Ihre Stabilität gibt ihr nämlich nicht das „Volk“ – weswegen das „Volk“ gut Nebensache sein kann – sondern sie kommt von ebenbesagten Kollegien und Dienerschaften her. Praktisch umgesetzt wäre die demokratische Forderung eines „gleichen Rechts für alle“ damit eine Gegensetzung zu gültigem Recht. Gerechtigkeit – darunter wird in der Demokratie immer nur verstanden der Grundsatz der Gleichheit – und Recht fallen auseinander in Europa.

In der Wirklichkeit ergeben sich rechtliche Normierungen nur aus faktischer Machthabe. Die Probe aufs Exempel machen dabei die Juristen selbst: Wenn sie auch nicht selbst am Ruder sitzen, ist es doch mehr als nur ausreichend für sie, dem faktischen Machthaber unentbehrlich zu sein. Und so sehen wir sie überall in der neueren Staatengeschichte: mal vor, mal neben, mal hinter dem jeweiligen Machthaber, der noch dazu ein x-Beliebiger sein kann, nur in den allerseltensten Fällen, und auch dann nur zufällig, mit ihm selbst identisch.

Heinrich Leo zufolge ist jede Ideokratie nur an der Erhaltung ihres Systems, nicht aber an der Befolgung ethischer Normen – und dazu gehört trotz seiner Sonderbarkeit auch der demokratische Grundsatz der Gleichheit – interessiert. Zur Ideokratie gehört immer die Privilegierung eines bestimmten Priesterstands, so Leo. Warum nun gerade radikale Demokraten und Apostel der Gleichheit, wie z.B. der Ideokratie fern, dahingegen dem Anarchismus nahe stehende Intellektuelle, sich trotzdem für unsere europäischen Demokratien, die allesamt solche von Leo dargestellten Ideokratien sind, erwärmen, ist schnell gesagt: der Wille zur Macht vermag hier eben mehr auszurichten als die herkömmliche Logik oder einfach nur Redlichkeit.

Auch sind die meisten Intellektuellen, die von der einen grenzenlosen Menschheit träumen und schon von Berufs wegen für Gleichheit schwärmen, selbst privilegierte Nutznießer verschiedenster Rahmen, von denen sie in ihren unrealisierbaren Sozialutopien geflissentlich abgesehen haben: akademischer Rahmen, staatlicher Rahmen, nationaler Rahmen, westlicher Kulturkreis – auch ein Rahmen, wenn auch ein runder –, ja, sogar der von den meisten verteufelte „Kapitalismus“ ist ein solcher Rahmen.

Auch die Tatsache, dass die Ideokratie auf die verschiedenen Rahmen nicht allzu viel Rücksicht nimmt, macht sie, wenn nicht attraktiv, so doch erträglich für radikaldemokratische Gleichheitsapostel. Da wird dann auf einmal die demokratische Moral beiseite gelassen und, im Gegenzug dazu, dem Opportunismus gehuldigt. Der Zweck heiligt die Mittel. Alles Weitere ist durch die gute Absicht gerechtfertigt. Diese Intellektuellenmoral und -logik zeigt sich hier überaus konsequent: der Weg zum (menschlichen) Himmelreich auf Erden ist mit den guten Absichten der Intellektuellen gepflastert. Wer´ s glaubt, wird selig – selig sind aber immer noch die Armen im Geiste."

JakobusMolensis
17. November 2018 12:30

Herr Kubitschek verdeutlicht hier den wesentlichen Punkt: Triebfeder des Konflikts ist eben nicht ein politischer Dissens, sondern ein moralisches Konstrukt von Gut und Böse. Und diese Art der Verteufelung von Abweichlern kennen wir aus der Geschichte.

Herr Franz Bettinger, Sie schreiben, "gemeint waren damals die Häretiker". Ich widerspreche: Nein, es geht auch heute gegen die Ketzer!
Es geht zwar vordergründig gegen rechts, denn das sind die Schaukämpfe, die man in der Arena inszeniert, um den Betrachter abzulenken. In der Hauptsache aber ging es immer und geht es weiterhin gegen die Gnosis, oder einfacher gesagt, gegen das bessere Wissen.

Das kann völlig analog gesehen werden zu einer Christenkirche, die einerseits Hexen bekämpfte, die aber mit denselben Mitteln auch die wissenschaftlich begründete Kritik an ihrem falschen physikalischen Weltbild bekämpfte.

Es ist fast bedauerlich, dass die meisten der offensichtlich hochgebildeten Diskutanten hier sich selber als rechts verorten wollen, denn von da aus nimmt man naturgemäßg in erster Linie den Kampf gegen rechts wahr, und nicht so sehr den Kampf gegen die Gnosis, bzw. gegen Geistigkeit an sich.

Herr Sellner hat kürzlich hier einen Artikel über Benediktiner veröffentlicht, in dem er den Mangel an Geistigkeit beklagte und letztlich eine innere Rückbesinnung auf das Wesentliche empfahl.

Unabhängig wie er dahin gelangt ist, scheint mir seine Conclusio treffend und richtig. Denn selbst wenn sich "rechts" im politischen Kampf durchsetzen sollte, dann würde das nur einen Überraschungssieg im Schaukampf bedeuten, den eigentlich zugrundeliegenden Konflikt aber nicht adressieren.
Viel wichtiger und zielführender wäre, dass die Geistigkeit sich wieder etabliert.

Simplicius Teutsch
17. November 2018 21:53

@ JakobusMolensis. Sie sagen leicht kritisch, dass sich hier „die meisten ...selber als rechts verorten wollen“.

Was soll man denn machen, wenn der Feind sich explizit und implizit als links definiert? Wenn der Feind die politische und mediale Diskurshoheit in der Gesellschaft inne hat und seine Hegemonie gnadenlos durchsetzt und jeden explizit zum rechten Feind erklärt, der anders denkt. Selbstverständlich geht die dualistische Spaltung der Gesellschaft, wie sie sich aktuell immer unversöhnlicher auswächst, ursächlich von den Linken aus. Sie kennen im wahrsten Sinn des Wortes keine Grenze und kein Maß.

Dieser Tage im Radio BR5 (ich hatte mir das Zitat notiert): Von der Moderatorin vorgestellt wird „ein Journalist und Rechtsextremismusexperte“, der dann übers Radio Anweisungen gibt: „Man muss eine harte Auseinandersetzung gegen rechts führen.“

Ich bin jedenfalls rechts, weil ich mit denen, die sich selber schon dadurch links verorten, indem sie alltäglich einen missionarischen „Kampf gegen rechts“ ausrufen und führen („Kein Zutritt für Rechte! Rock gegen rechts! Demo gegen rechts! Rechter Mob! Kein Sex mit Rechten. Beten gegen rechts. Christsein und AfD passen nicht zusammen! AfD ausladen und damit ein klares Zeichen setzen! Säuberung der Regale von rechten Büchern und rechten Verlagen, Säuberung der Lokale von rechten Personen, Säuberung aller „zivilgesellschaftlichen“ und öffentlichen Posten von Rechten, etc.) nicht auf derselben Seite stehen will.

Und ich bin rechts, weil Frau Kositza und Herr Kubitschek, wenn ich mich nicht täusche, sich ebenfalls schlicht und einfach als rechts verorten. Auf dieser Seite der Barrikade bin ich gerne.

Cacatum non est pictum
17. November 2018 23:49

@Ostelbischer Junker

"... Man schimpft auf die Schwuchteln und hat gleichzeitig weniger Eier als eine Transe nach der Geschlechtsumwandlung ..."

Danke für den Lacher! Zu den Grundeigenschaften des Konservativen zitiere ich ergänzend aus einem alten Bühnenprogramm von Volker Pispers:

"... Der Strauß war der Prototyp des konservativen Geschäftemachers. Der hat Geschäfte gemacht mit Pinochet in Chile ... der hat Geschäfte gemacht mit Honecker ... der hat auch Geschäfte gemacht mit Idi Amin und Bokassa. Solche Leute machen Geschäfte mit Chomeini, mit Gaddafi, das ist denen doch alles völlig egal. Ein Konservativer, der kennt doch keine Werte und keine Moral ... Ein Konservativer fokussiert sich auf das Geschäftemachen. Der geht auch nicht sonntags in die Kirche, weil er an Gott glaubt, sondern weil er hofft, Geschäftspartner kennenzulernen. Aus demselben Grund ist er im Karnevalsverein und im Schützenverein ... Der Konservative fokussiert sich auf die Kohle - Kohle, Kohle, Kohle ..."

Franz Bettinger
18. November 2018 09:54

@JakobusMolensis
Sie haben weiter gedacht als ich, und Sie haben recht: Es geht um die Gnosis, das bessere Wissen, die Wahrheit, die nicht ans Licht soll. Wer sie ausspricht, gilt - auch heute noch - als Ketzer. Danke Ihnen!

Was die Rechts-Verortung der Foristen hier angeht, so ist es einfach so, dass "wir" (na jedenfalls ich) Rechts anders definieren als der Mainstream und vielleicht auch Sie. Ich wiederhole es gern:

Rechts ist das Erkennen und Anerkennen (Bejahen) von Unterschieden, z. B. "Mehr Geld für mehr Leistung".
Links bedeutet Gleichmacherei !! Links hat nichts mit Gerechtigkeit zu tun, auch nicht mit sozialer, sonst wären die Bewohner der DDR, der UDSSR oder Kubas ja glücklich gewesen. Viele wollten aber ihr Land verlassen. Die Nazis waren Linke (dafür steht das S und das A in NSDAP) auch in ihrem Selbstverständnis. Dazu gibt es genügend Zitate von Hitler und Goebbels.

Die Links-Rechts-Gesäßgeographie ist eigentlich obsolet - da haben Sie recht - sie bringt kaum Sachlichkeit in eine Debatte. Dennoch müssen wir uns im Moment mit diesen Totschlag-Begriffen rumschlagen, denn der Linke hat nur noch diese Sprachkeulen zur Verfügung, aber keinen Rest an Verstand mehr. Also schlagen wir sie ihm um die Ohren, so dumm wie's ist!

Fredy
18. November 2018 12:25

Hab eben gelesen, dass ein deutscher Held gestorben ist. Er hinterläßt musikalisches Kulturgut wie: "Ich bin ne arme Sau/ Schalalalala / hab kein Geld und keine Frau", oder "Geld weg, Frau weg, Laden weg / Schalalala, alles weg / ich bin pleite, aber sexy". Die Zeilen werden sicher noch gegrölt werden (und gegrölt werden darf alles was nicht Nazi ist, und überhaupt kann Nazi nicht singen sondern nur grölen) wenn das Westerwaldlied keiner mehr kennt. Sag nochmal einer, dass die BRD keine Helden hervorbringt und nichts Bleibendes von Wert hinterläßt.

JakobusMolensis
18. November 2018 13:43

Geschätzter Simplicius Teutsch,

das "leicht kritische", das sie richtig aus meiner Äußerung entnehmen, ist vielleicht so zu verstehen: wenn unsere Truppen sich in der Talsenke befinden und der Gegner am Hang mit Geländevorteil aufzieht, dann würde ich unsere Position auch eben kritisch betrachten.
Das heisst frelich nicht, dass die Position irgendwie falsch wäre oder man auch überhaupt etwas daran ändern könnte.

Für mich selber stellt es sich ein bischen komplexer dar, weil ich den einen Teil des rechtskonservativen Ideengebäudes gut und wichtig finde, einem anderen Teil wiederum möchte ich widersprechen. Da ist die Positionierung also nicht so einfach - aber das ist ein eigenes Thema.
Und insgesamt frage ich mich auch, ob die rechts-links Achse politischer Sichtweisen noch sonderlich viel Sinn macht, wenn sie vorwiegend zur Diskreditierung genutzt wird und die zugrundeliegenden politischen Ideen der Selbstbedienung aus Opportunismus anheim gefallen sind. Der einzige ursächliche "technische" Unterschied zwischen einem Engel und einem Teufel ist ja der Gehorsam, und mit der Zuordnung zu rechts und links scheint es inzwischen nicht mehr viel anders auszusehen.

Und dann möchte ich zwei Dinge unterscheiden: den erschreckenden Zustand unseres Landes - der ist absolut, und die Frage ist da nur, ob man ihn sehen will oder nicht, unabhängig von politischen Bekenntnissen. Und den "Kampf gegen rechts", der relativ ist und, wie Sie sagen, impliziert dass man selber links sei.

Gewiss fühle ich mich provoziert, wenn ich höre dass irgendwo "rechte Meinungen nicht geduldet" werden - schon deshalb, weil "rechts" nunmal die notwendige eine Hälfte eines politischen Spektrums sein sollte, ohne das die andere Hälfte gar keinen Sinn machen würde (wo ist links, wenn es kein rechts gibt?). Und gewiss reagiere ich darauf, indem ich mir die rechte Sache zu eigen mache, schon um der da offenbarten Dummheit zu begegnen.
Aber im Kern bin ich eben kein Parteisoldat, sondern Freidenker,
und schöpfe meine Inspiration aus Quellen, die mal eher rechts, mal
eher links zugeordnet sein mögen. (Gerade die sich heute als links
sehende Seite hat viele ihrer einst fruchtbaren Quellen vergessen
und verraten - so dass diese im Grunde auf jemand warten, der etwas
damit anzufangen wüsste.)

Max
18. November 2018 21:14

"Das Seltsame und Gruselige daran ist, daß der BRD-Mainstream seine stetig steigende Hysterie nicht bemerkt und zwar völlig egal, wie weit sie ausufert."

Das liegt wohl am erfolgreichen Beginn. Damals (Dutroux 1995) hatte man als Feindbild jemanden gewählt, der sowieso von niemandem auf Unterstützung hoffen konnte - Pädophile. Da konnte man hysterisch werden wie man wollte, alle machten mit, die Rechten mit voran. Und alle konnten daran gewöhnt werden, dass es sich von selbst versteht, dass die Pädophilen selbst dazu nicht mal angehört werden, egal wie krass gelogen wird, und außerdem noch daran, dass die Medien unwidersprochen Einheitsmeinung a la DDR verbreiten können.

Damit war die liberale Grundlage der freien Presse - die es, wenn man Mill, Über die Freiheit, folgt, sogar erfordert, für Positionen die überhaupt niemand vertreten will extra einen "Advokaten des Teufels" anzustellen - erledigt. Der Rest ist lediglich Ausweitung des einmal erreichten Erfolges.

Simplicius Teutsch
19. November 2018 00:09

@Werter JakobusMolensis, natürlich sind die beiden Begriffe grobe Klötze: Was ist „links“, was ist „rechts“? Da lässt sich theoretisch lange streiten.

Die Zeitumstände und das herrschende politisch-mediale Regime lassen aber in der alltäglichen Auseinandersetzung wenig Spielraum für Differenzierungen zu. Religion, Freidenker, Meinungs-Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, Recht auf Selbstbestimmung, Recht auf Eigentum, Demokratie, Rechtsstaat, Überwachung, Polizei, Strafrecht, Bürgerliches Recht, Militarismus, Kapitalismus, Sozialismus, Leistungsprinzip, Solidarität, soziale Marktwirtschaft, Tierschutz, Naturschutz(!), Bildung, etc., es gibt soviele Lebensaspekte in der Gemeinschaft von Menschen, wo wir beide vermutlich unterschiedlicher Meinung sein können und doch einen gemeinsamen Weg finden würden, ohne dass wir uns gegenseitig eleminieren wollten.

Aber die aktuelle politische Realität zwischen den Lagern in Deutschland, Europa – auch in den USA/Trump – ist anders, ist sehr angespannt, aggressiv, unversöhnlich, die Spaltung wächst: In Deutschland „links“ die Grünen, „rechts“ die AfD. Nach Manfred Kleine-Hartlage (in ZUERST, 12/2018) ist „das einzige relevante Thema der Tagesordnung das Sein oder Nichtsein des deutschen Volkes“. Die „Linken“ wollen „bewusst das eigene Volk abschaffen“. Die Rechten/die AfD sind eigentlich nur defensiv, sie stemmen sich dagegen.

Eine für Rechte erfreuliche Prognose als Betthupferl: MKH meint in der ZUERST-KOLUMNE weiter, dass „Kamerad Trend“ auf unserer Seite stünde. „Der Aufstieg der Rechten bei sonst gleichbleibenden Bedingungen (sei) praktisch unaufhaltsam.“

JakobusMolensis
19. November 2018 02:12

Werter Herr Bettinger,

haben Sie Dank für die Handreichung zur Orientierung. Bei einer solchen Definition von rechts und links bin ich natürlich rechts. Gleichmacherei ist eine Wahnidee der Marxisten, und kann von Natur aus nicht funktionieren - wenn man das will, muss man Individualität über Bord werfen, muss seriöse Psychologie über Bord werfen, und noch sehr viel mehr, vermutlich den halben Humanismus und das was den Menschen eigentlich ausmacht. (Nicht dass das nicht versucht würde, aber es führt in den Irrsinn.)

Mein politisches Bewußtsein entstand freilich in einem Umfeld, wo die Begriffe ganz anders, beinahe umgekehrt verstanden wurden. Denn das war, als die Nachbeben der Studentenrevolten sich im ländlichen Raum verbreiteten. Aber da wir eh amerikanische Musik hörten, hab ich mich mehr für die amerikanische Sicht interessiert, wo die Dinge unterschieden wurden: da gab es Hippies, die Selbstentfaltung, Vielfalt, Musik machen, Gammeln, und gewisse Kräuter rauchen wollten - und es gab die Yippies, die auf Demonstrationen, Bombenlegen und dergleichen aus waren. Und das alles war "links". "Rechts" war Vietnamkrieg, Konformismus, Denkverzicht, und langhaarige-Motorradfahrer-erschießen (aka Easy Rider).

Für mich ist die Idee der Unterschiede untrennbar verbunden mit der Idee der Selbstentfaltung. Denn wir sind alle unterschiedliche Individuen (siehe NPC), aber wir müssen das Individuelle aktiv in uns selbst entwickeln, d.h. Selbstentfaltung.

Daher habe ich das, was ich als humanistische Idee verstehe, was also dem Menschen würdig und angemessen ist, damals vorwiegend auf der linken Seite gefunden: eben persönliche Freiheit, den eigenen Interessen und Veranlagungen zu folgen. (Der Denkfehler darin war, dass disziplinloser Hedonismus in den seltensten Fällen zu persönlicher Entwicklung führt.)

Heute erscheint es umgekehrt: von denen, die sich als links verstehen, werden uniformistische Glaubenssätze gefordert, während ich die Anerkennung der Vielfalt (im Gegensatz zur bloßen Vermischung und Gleichmachung) jetzt rechts finde.

Nun denke ich nicht, dass ich selber bzw. mein Denken sich so entscheidend gewandelt hat; ich meine vielmehr, dass diese Linken, nachdem sie im Establishment angekommen waren, schlichtweg reaktionär geworden sind - im grunde ist es "Animal Farm". Aber damit haben sie den Joker, dass sie mit Berufung auf ihre alten humanistischen Ideale ihre neuen kranken Vorstellungen repressiv durchsetzen wollen.

Und nun eine noch unausgegorene Idee: anstatt dass wir uns das Etikett einfach so zuweisen lassen: "ihr, die ihr dem Mainstream widersprecht, seid rechts", könnte man die humanistische Idee von da aufgreifen, wo die Linken sie verloren oder vergessen (oder vielleicht auch abseits einiger kluger Denker nie wirklich geglaubt) haben. Das hieße, sie mit ihrem eigenen verdrängten Schatten zu konfrontieren, im jungianischen Sinne, und zumindest in der Individualpsychologie ist das eine recht wirksame Angelegenheit, allemal wirksamer als lediglich aus der Defensive zu widersprechen. Die einfachere Form davon ist: sie mit den eigenen Waffen schlagen - und das macht ja etwa die IB schon in sehr erfreulicher Weise.

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