Sezession
25. November 2018

Sonntagsheld (85) – Schießbefehl

Till-Lucas Wessels / 22 Kommentare

Freedom ends here.

Till-Lucas Wessels

Till-Lucas Wessels studiert und ist identitärer Aktivist sowie »Minenhund für zukünftig Zumutbares«.

  • Sezession

Es gibt nichts Häßliches an der Geschichte, die ich Ihnen heute erzähle. Sie handelt von Traumtänzern, Märtyrern, und den Grenzen des metaphysischen Amerikas. Fangen wir vielleicht mit letzterem an.

Mitten im Golf von Bengalen vor der Küste Myanmars liegt ein zur Inselgruppe der Andamanen gehörendes Eiland mit dem vielsagenden Namen „North Sentinel Island“ (zu Deutsch: Nördliche Wächterinsel). Ihre Bewohner, die Sentilesen, gelten als eines der letzten nahezu vollständig isoliert lebenden Völker der Erde. Dabei kann davon ausgegangen werden, daß sie sich dieser Isolation und dem großen Gewässer der Fremdheit, das sie von der restlichen Welt trennt, durchaus bewußt sind. Ja, ihr Verhalten legt sogar nahe, daß sie diese Trennung recht gern aufrechterhalten wollen.

Marco Polo schrieb über sie, „Sie sind eine brutale und gewalttätige Generation, die jeden zu essen scheinen, den sie fangen können“ – das könnte man im übertragenen Sinne über die Propheten des universalen westlichen Lifestyles sicherlich auch sagen. Als 2004 ein Rettungshelikopter über der Insel kreiste, um nach Überlebenden der Tsunamikatastrophe zu suchen, beschossen sie den Blechvogel mit Pfeilen.

Pfeil und Bogen – ihre bevorzugten Waffen haben sich wohl seit Jahrzehntausenden nicht geändert, obgleich es heißt, daß sie ihre Pfeilspitzen heute aus angespülten Schiffswrackteilen herstellen würden. Allein, daß diese einfache Bewaffnung gereicht hat, um ihnen bis heute die Objektive, Vermessungsinstrumente, Fragebögen und Netzwerke unserer Welt weitestgehend vom Hals zu halten, grenzt an eines der vielen kleinen Wunder, die nur den im Schatten der Geschichte hausenden Völkern widerfahren.

Wie gesagt: Jahrtausende ging’s gut. Ab und an kamen Fischer der Insel zu nahe, manche entkamen dem Pfeilhagel, andere nicht. Irgendwann erklärte die Indische Regierung die Insel zum Schutzgebiet und zog eine Sperrzone um ihre Gewässer, die inzwischen von der Polizei bewacht wird.
Alles das aber reichte nicht mehr, als sich am anderen Ende der Welt ein Mann namens John Chau entschloß, nach der Wächterinsel aufzubrechen. Sein Ziel: Er wollte die Sentilesen, in deren Heimat er „des Teufels letztes Bollwerk“ vermutete, zum Christentum bekehren. Chau war ein Student und Weltenbummler, aber es scheint, daß er das Vorhaben sehr ernst nahm.

In Seinen Aufzeichnungen schreibt er, daß er sich mehrere Jahre auf die Mission vorbereitet hatte, Mitte November gelangte er schließlich mit der Hilfe bestochener Fischer durch die Sperrzone und an den Strand der Insel. Was dort geschah ist nicht ganz klar, mehrmals kehrte er an Bord des Fischerbootes zurück, da sich die Bekehrung schwieriger als erhofft gestaltete und der Fußball, den er als Geschenk mitgebracht hatte, offenbar nicht allzu gut ankam. Als er etwa seine wasserfeste Bibel gegen einen der Sentilesen erhob, schoß dieser einen Pfeil in ihre Mitte, auf Chaus Kontaktversuche reagierten seine Schäfchen wahlweise aggressiv, oder mit Gelächter.

Am Morgen des 17. November schließlich sahen die Fischer dann, wie die Sentilesen den leblosen Körper des selbsternannten Missionars, der auf der Insel übernachtete hatte, durch den Sand zogen. Danach hörte man nichts mehr von ihm.
Den Fischern hatte Chau in weiser Voraussicht briefartige Notizen hinterlassen, in denen er darum bat, den Sentilesen im Falle seines Ablebens nicht böse zu sein: Vergib Ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.

Sie mögen sich bei alldem fragen: Wer ist jetzt der Held in der Geschichte? Ist es der Missionar, der bereit war, sich in die Reihe der Märtyrer des wahren Glaubens irgendwo zwischen dem heiligen Stephanus und August Engelhardt zu gesellen? Oder sind es die Sentilesen, die wilden Wächter, die ihren hoffnungslosen Posten gegen die Moderne halten?

Um ehrlich zu sein möchte ich mich gar nicht so genau festlegen, deswegen ja: Es gibt nichts Häßliches an alledem; Kraft geben kann uns der Tod von Chau, und das Leben der Sentilesen – andersherum würde es nicht funktionieren.


Till-Lucas Wessels

Till-Lucas Wessels studiert und ist identitärer Aktivist sowie »Minenhund für zukünftig Zumutbares«.

  • Sezession

Kommentare (22)

Solution
25. November 2018 22:36

Zu diesem Themenkomplex kann ich nur empfehlen, den satirischen Roman von Owen Stanley "The Missionaries" zu lesen. Hier ist alles Wesentliche enthalten und dazu ist es auch ein Lesevergnügen.

Wer lesen möchte, wie man "Eingeborene" - am Beispiel der "Ureinwohner" Neuseelands - in absurder Weise idealisiert, möge Kerry Boltens "The Parihaka-Cult" lesen.

Nicht zu vergessen: T. Lothrop Stoddard: "The French Revolution in San Domingo" und Hesketh Prichards "Where Black Rules White" zu Haitis Geschichte.

Danach ist man von Rousseau und seinen Nachfolgern garantiert geheilt.

quarz
25. November 2018 22:59

"des selbsternannten Missionars"

Gar nicht selbsternannt. "Geht zu allen Völkern und macht alle Menschen zu meinen Jüngern; tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes" (Mt 28,19)

Oder gibt es inzwischen eine Behörde, wo man sich zum Missionar ernennen lassen kann um dem gestrengen Vorwurf des Selbsternanntseins zu entgehen?

CajaM
25. November 2018 23:50

Gute Wahl für heute! Ich las davon und auch, dass die USA da jetzt wen hinschickt. Klingt nicht gut. Klingt nach Vergeltung. Es ist immer dasselbe Spiel.

Kahlenberg
26. November 2018 00:04

Der Artikel macht die, gleich mehrfache, metaphorische Kraft dieser Geschichte faßbar. Respektvoll und angenehm erzählt. Schließe mich der Auffassung des Autors an: Nichts Häßliches.

Franz Bettinger
26. November 2018 08:13

Gut, dass es so etwas noch gibt: die unabhängigen, freien, isolierten Sentilesen, Wächter ihrer Insel. Ein wahres Märchen! Auf den Inseln, die den Philippinen vorgelagert sind, gibt es ähnliche Völkchen, See-Zigeuner, und auf Palawan noch die Urbevölkerung, angeblich Kopf-Jäger.

Wir verbrachten einmal, sehr angeschlagen und fußkrank nach einem Gewaltmarsch durch den Dschungel, eine Nacht in der Hütte einer solchen wilden Familie. Ein Dach überm Kopf und Rauch in der Stube würde die Moskitos fern halten, so hofften wir.

Der Bauer und sein Weib gehörten dem Stamm der Batak an, Jäger, die in kleinen Gruppen oder Einzelfamilien das Küstengebirge Palawans durchstreifen. In der Regenzeit werden sie sesshaft und legen vorübergehend kleine Felder an. Sie zeigten sich erfreut über unsere Gaben. Kaffee-Pulver, Cornedbeef, Thunfisch aus der Dose und Block-Schokolade. Das Paar aus Deutschland, auf der anderen Seite, bevorzugte Hühnerfleisch mit Reis und zerstoßenen Erdnüssen in Sojasoße. Und so bekam jeder die Exotik, die er liebte.
Matratzen gab es nicht. Zum Schlafen legte man sich auf den Bambusboden. Jeder hatte eine Bastmatte und ein mit Stroh ausgestopftes Kissen. Neben der Schlafstätte des Hausherrn lehnte ein Kalasag Schild und griffbereit daneben Kaman, die Kopfaxt. Die nahe liegende Frage, wozu der Batak die Axt braucht, wurde nicht gestellt. Das war auch gut so, sonst hätte man vielleicht eine gar zu banale Antwort erhalten wie zum Beispiel, dass die Axt im Hause den Zimmermann erspare, während man ja nichts Banales, sondern Abenteuer mit nach Hause bringen wollte. Durch die Ritzen des Bodens sah und hörte man Hühner und Ferkel. Zwei Mücken sirrten durch den Raum; wahrscheinlich war die eine eine Malaria-übertragende Anopheles, und von der anderen konnte man sich Dengue-Fieber holen, und wahrscheinlich würden die Biester die Touristen stechen, nicht die Einheimischen. Wir schliefen trotzdem wie Steine. Alles gut gegangen!

Fritz
26. November 2018 09:35

Diese Missionare sind schlimmer als die Pest. Napoleon Chagnon beschreibt, wie die Yanomami im Amazonasgebiet von einem stolzen, unabhängigen Volk zu Slumbewohnern der Großstädte wurden; Hauptsache, sie laufen nicht mehr nackt herum.

https://de.wikipedia.org/wiki/Napoleon_Chagnon

H. M. Richter
26. November 2018 10:23

Mehr als nur interssant ist, wie der Vorfall in den einschlägigen deutschen Medien behandelt wird. Sätze wie "Diese Menschen wollen keinen Besuch und haben das nun erneut unmissverständlich deutlich gemacht." [SZ v. 23.11.2018), gehen dann auf einmal ganz einfach von der Lippe bzw. fließen plötzlich erstaunlich leicht aus der Feder.

Auch gibt es im Umkreis des dortigen Geschehens wie selbstverständlich wieder "Völker" [ebd.], ohne daß dies jemand zu bestreiten wagt, nicht einmal ein Robert Habeck ("Es gibt kein Volk.")

Doch zurück zur SZ. Diese schließt ihren Artikel mit dem Satz: "Die Küstenwache wird nun vermutlich noch etwas wachsamer sein, damit keine weiteren unerwünschten Besucher mit missionarischem Eifer am Strand landen und nicht mehr zurückkommen." [ebd.]

So bekommt der bekannte Satz "Quod licet Iovi, non licet bovi!" eine ganz neue Bedeutung, wobei sich mit Wessels - leicht abgewandelt - fragen ließ, wer hierbei denn nun Jupiter und wer der Ochse ist.

Der_Juergen
26. November 2018 11:12

Einer der tiefgründigsten Beiträge, die Wessels bisher geliefert hat. (Ich lese seine Texte immer gerne.)

Zu den Bewohnern der andamanischen Inseln, die bis auf die erwähnte bereits teilweise "zivilisiert" wurden, lese man u. a. "Das Zeichen der Vier" von Arthur Conan Doyle, wo ein kleinwüchsiger, giftpfeilbewehrter Andamanese, den ein ehemaliger Sträfling als Gefährten (und bei Bedarf als Mörder) nach London gebracht hat, eine wichtige Rolle spielt.

Übrigens kam mir bei der Lektüre des Artikels Stefan Georges geniales Gedicht "Der Herr der Insel" in den Sinn, obgleich die Parallelen nur teilweise auf der Hand liegen.

John Haase
26. November 2018 11:23

Ernst Nolte schrieb mal von der Verabsolutierungsfalle, in die Bolschewismus und Nationalsozialismus geraten seien. Beide hätten teilweise durchaus richtige Kritik an den herrschenden Verhältnissen geübt, seien dann aber dem aus ihnen selbst folgenden Wahnsinn erlegen, indem sie keine Nuancen mehr zuließen.

Das wohlwollende Betrachten steinzeitlicher gewalttätiger Stämme scheint mir so etwas wie das Tappen in eine identitaristische Verabsolutierungsfalle zu sein. Das ist wirklich Relativismus und sonst gar nichts. Betrachten wir es mal ganz nüchtern: irgendwelche Steinzeitmännchen haben jemanden, der ihnen ein Buch entgegengehalten hat, grausam umgebracht. Was zur Hölle kann man daran gut finden? Wenn die Ägypter so etwas mit den Kopten machen, verurteilen wir das doch auch.

Nicht, daß der Missionar nicht ziemlich verblendet war. Es hätte in den USA oder dem sonstigen Westen genug Bedarf gegeben, da muß man nicht auf die letzte Insel fahren.

Nichtsdestoweniger: Zivilisation ist wichtiger als Kultur.

Durendal
26. November 2018 12:10

@Fritz
Dank des Wirkens von Missionaren wie den Heiligen Bonifatius, Columban, Magnus und Gallus etc. entstand aus den Stämmen der damaligen Zeit Deutschland und seine Kultur. Würden Sie da auch davon sprechen, dass diese Missionare "schlimmer als die Pest" waren?
Und warum sollte man den Yanomami oder den Sentinelesen das vorenthalten, dem wir alles verdanken, was es in unserer Kultur an Wertvollem gibt?

RMH
26. November 2018 13:21

Diese Sentinelesen hatten doch nur Glück, weil keiner irgendwelche Rohstoffe oder Gold oder wenigstens einen großen Piratenschatz bislang dort vermutet hat. Kleiner Tipp an alle Prospektoren, schaut mal genauer nach ;) (vgl. "der unvermeidliche, weiße Mann" ... Jack London, findet man auch bei Google Books, da wird bereits genau am Anfang diese These aufgestellt).

Wie auch immer, wenn schon ein Herr Schäuble bei geschätzten 35 bis 40 Mio an verbliebenen "Biodeutschen" in Deutschland die Gefahr der Inzucht und Degeneration gesehen hat, diese ja sogar für ganz Europa behauptet hat ("Abschottung würde Europa in Inzucht degenerieren lassen", Schäuble) wäre es schon interessant zu wissen, wie die Sentinelesen dieser nicht von der Hand zu weisenden Gefahr vorbeugen. Den wenigen Aufnahmen nach zu schließen, scheinen sie ja in einem ganz guten, properen Zustand zu sein. Eine robust ausgestattete Forschungsexpedition könnte hier Aufschluss darüber bringen. Im Sinne des allgemeinen Fortschritts sollten sich die Sentinelesen also bitte nicht so haben, evtl. kann mit ihrem Wissen anderen Menschen geholfen werden - es gibt ja genug Regionen in Europa (bspw. Berlin Neukölln) und in Kleinasien, wo die Degeneration durch Inzucht ja tatsächlich ein Thema sein soll.

Im Übrigen sehe ich hier das Heldenhafte ganz klar beim naiven Missionar. Der Hund bellt, der Sentinelese schießt mit Pfeil und Bogen, daran ist nun wahrlich nichts Heldenhaftes oder außergewöhnliches.

Aber wie Don Quijote die Zeit zurückdrehen zu wollen und sich in heldenhafte Zeiten der Mission zurück zu phantasieren und das Ganze auch noch praktisch umzusetzen (bei Don Quijote war es das Rittertum), da gehört schon was dazu. Genau die Portion Mumm, die entweder Großes hervorbringt oder ein totales Scheitern. Eingedenk dieser Tragik, des vergeudeten Mumms, der an anderer Stelle besser verschwendet worden wäre, gebührt meine Schweigeminute dem Held, der seine letzte Ruhe im Sandstrand von North Sentinel Island gefunden hat (und nicht im Kochtopf der dortigen Einwohner, wie es ja dem einen oder anderen seiner Vorläufer auf anderen Inseln geschehen sein soll).

PS: Bitte diesen Beitrag jetzt nicht bierernst nehmen, danke ;)

Fritz
26. November 2018 13:42

Vielleicht weil sie es nicht wollen? Haben die Yanomami kein Recht auf den Erhalt ihrer Kultur?

Fredy
26. November 2018 13:57

@Durendal

Es hat keines Christentums und seiner Missionare gebraucht um das Antike Griechenland und das Römische Reich groß werden zu lassen. Und zweifelsohne ist die Antike immer noch die Basis der westlichen Zivilisation. Witzigerweise brauchte das Christentum sogar seinen alles entscheidenden Moment durch die Heiden, das Römische Reich: Der Heiland mußte ja schließlich ans Kreuz genagelt werden. Und durchs Christenkreuz sind erstmal mehr Germanen gestorben als später zusammengefunden haben. Wer sagt überdies, dass sie später nicht auch unter einem andereren Banner, als dem christlichen, zusammengefunden hätten? Die Akzeptanz des Christentums liegt vor allem in 2 Punkten begründet: Erstlich, dass es durch die Staatsreligion des Römischen Reiches aus dem primitven Nomadenglauben hervorgehoben und um antike Philosophie und Werte angereichert wurde; zweitens, weil es versprach alle Menschen, insbesondere die Nichtkrieger, Frauen und Kinder, selig zu machen. Die breite Akzeptanz fußt also vor allem auf Letzterem, einer Lüge.

Utz
26. November 2018 14:02

@ Durendal
Sie schrieben:
>Und warum sollte man den Yanomami oder den Sentinelesen das vorenthalten, dem wir alles verdanken, was es in unserer Kultur an Wertvollem gibt?<

Weil wir kein Recht dazu haben! Man muß die Völker fragen ob sie missioniert werden wollen, und wenn sie nein sagen, hat man das zu respektieren.

Wenn das vermeintlich "gute" Projekt so weitgehende Eingriffe legitimiert, sind wir selbst die ersten Opfer. Das ist doch das, was wir beklagen: daß die linksgrünen meinen, sie hätten recht, und wir müßten ja bloß ihre Weltsicht übernehmen und dann ginge es uns und der ganzen Welt besser.

Sicher ist unsere Kultur durch Missionierung entstanden und man hat unsere Vorväter nicht gefragt, aber deshalb war das nicht richtig. Wenn wir jetzt woanders stünden, wäre es auch recht, und wir würden keinem Zustand nachtrauern, den wir dann nicht gekannt hätten.

KlausD.
26. November 2018 14:20

Es ging und geht immer um Macht, und Missionare sind die Vorreiter. Bald werden Klöster gebaut und nicht lange danach "reitet" der neue weltliche Herrscher ein, Hand in Hand. So geschehen beispielsweise schon vor 1700 Jahren östlich von Elbe, Saale, Unstrut und hervorragend dokumentiert in einer Ausstellung "Wissen und Macht" in der Klosteranlage und Kaiserpfalz Memleben.
https://www.youtube.com/watch?v=OlKxq9HjKSA

nom de guerre
26. November 2018 14:53

@ Durendal
Die Christianisierung und "Zivilisierung" solcher Stämme wie den Sentinelesen führt im Allgemeinen dazu, dass die Ureinwohner sich mit Krankheiten anstecken, für die sie keine Abwehrkräfte haben, sodass sie an eigentlich relativ harmlosen Dingen wie z.B. Masern sterben, sowie zu den von @Fritz bereits angesprochenen Problemen - genauer bedeutet das Alkoholismus, eine hohe Suizidrate und andere Dinge, auf die diese Leute vermutlich gerne verzichten würden. Was die wertvolleren Bestandteile unserer Kultur angeht: Warum muss man die jemandem aufzwingen, der sie nicht haben will, der damit offenbar nichts anzufangen weiß und dem es doch auch so ganz gut zu gehen scheint? Was für die eine Kultur ein Segen ist (wenn man denn die Christianisierung Europas uneingeschränkt positiv finden möchte), muss es für eine andere noch lange nicht sein.

starhemberg
26. November 2018 15:56

Wieder eine sehr schöne Wahl. Mir gefällt vor allem die Konsequenz, die sich durch die ganze Angelegenheit zieht, und zwar von beiden Seiten. Heutzutage findet man ja kaum noch Feinde, die man auch achten und respektieren kann. Doch die Männer in diesem Schauspiel - meinen großen Respekt!

quarz
26. November 2018 16:25

@KlausD
"Es ging und geht immer um Macht, und Missionare sind die Vorreiter."

Mitunter verhielt es sich auch genau umgekehrt. Beispielsweise waren es missionierende Dominikanermönche, die im frühen 16. Jahrhundert in Hispaniola (heute: Haiti/Dominikanische Republik) die Machtansprüche der spanischen Krone gegenüber den dortigen Eingeborenen mit theologischen Argumenten zurückwiesen und damit ganz nebenbei die Weichen zur Begründung des Völkerrechts stellten, das ihre Confratres anschließend im spanischen Mutterland theoretisch ausarbeiteten.

Waldkind
26. November 2018 16:53

@JohnHaase:

"Betrachten wir es mal ganz nüchtern: irgendwelche Steinzeitmännchen haben jemanden, der ihnen ein Buch entgegengehalten hat, grausam umgebracht. Was zur Hölle kann man daran gut finden?"

Betrachten wir es mal ganz nüchtern: Jemand dringt unerwünscht in fremdes Territorium ein und wird nach diversen Abschreckungsmaßnahmen dann - tötlich - beschossen. Kein unbekanntes Szenario. Was ist hier Ursache, was Wirkung? Klingelt's?

Wer hier von "Steinzeitmännchen" faselt, zeigt nur, wie wenig er vom Eigenen verstanden hat. Was hat ein zivilisatorisches Exportgut (die Wüstenbücher auch noch als eines von zweifelhaftem Wert) bei Menschen verloren, die es nicht einmal haben wollen? Mit einem solchen Zwangsbeglückungsanspruch steht man qualitativ auf einer Stufe mit einem Soros.

"Nichtsdestoweniger: Zivilisation ist wichtiger als Kultur."

Ja, und Luft ist wichtiger als Wasser.
Zivilisation kann erst aus vitaler und kohärenter Kultur erwachsen. Und was passiert, wenn der zivilisatorische Scheck irgendwann nicht mehr gedeckt ist von kultureller Substanz, das erleben wir dieser Tage.

Benno
26. November 2018 23:12

Ich für meinen Teil meine, die Inselbewohner haben das gemacht, was man diese Tage von Trump erwarten könnte und wozu die Armee in Raspails bekannten Roman nicht mehr fähig war: Eindringlinge, die trotz besseren Wissens und Vorwarnung die Staatsgrenze nicht akzeptieren, werden erschossen. Jedes Land, welches ernstgenommen werden will, verfährt so, ansonsten müsste man ja lediglich Invasionsarmeen unbewaffnet losmarschieren lassen, damit sie Erfolg haben.

"Das wohlwollende Betrachten steinzeitlicher gewalttätiger Stämme scheint mir so etwas wie das Tappen in eine identitaristische Verabsolutierungsfalle zu sein. Das ist wirklich Relativismus und sonst gar nichts."

Das denke ich nicht. Ich halte unsere Kultur und Zivilisation für fortgeschrittener als die steinzeitlicher gewalttätiger Stämme. Nur mache ich das Recht auf Selbstbestimmung nicht am Zivilisationsgrad eines Volkes fest. An das Märchen vom edlen Wilden glaube ich auch nicht, aber wo kämen wir denn hin, wenn man allem unedlen das Lebensrecht absprechen würde? Zudem dringen die Kopten nicht auf ägyptisches Territorium ein um die dort lebenden Menschen zu missionieren. Die Kopten wären wohl eher mit den Insulanern gleichzusetzen. Ihr Vergleich hinkt gewaltig.

Franz Bettinger
26. November 2018 23:54

@nom de guerre: @Krankheits-Erreger-Austausch: Es lief auch umgekehrt. Die seit 1492 zurückkehrenden Matrosen des Christoph Columbus schleppten die Syphilis aus Mittel-Amerika nach Europa ein, wo sie sich mit hoher Virulenz (die später durch Teil-Immunitäten abgeschwächt wurde) epidemisch über den ganzen Kontinent und dann weltweit verbreitete und Millionenen tötete.

Fritz
27. November 2018 11:23

Indigene Amerikaner sind zu Millionen an europäischen Krankheiten gestorben.

Anmelden Registrieren