Sezession
4. Dezember 2018

Weihnachtsempfehlungen II – Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser / 4 Kommentare

Geschenkempfehlungen in Buchform – wie jedes Jahr aus unserer Redaktion. Teil II: Benedikt Kaiser.

Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.

Schönes

Günter de Bruyn: Der neunzigste GeburtstagRoman, 272 S., gebunden, 22 €

Zugegeben: Was Schriftsteller der ehemaligen DDR betrifft, war Günter de Bruyn nie meine erste Wahl. Erwin Strittmatter (Ole Bienkopp, Der Laden), Erich Loest (Durch die Erde ein Riß, Die Westmark fällt weiter) oder Werner Bräunig (Rummelplatz), der tragische Fall aus Chemnitz, sagten mir mehr zu als der spätere brandenburgische Heimatautor de Bruyn, von dem lediglich die beiden autobiographischen Schriften Zwischenbilanz und Vierzig Jahre Eindruck hinterließen. Nun, als 92jähriger, legt de Bruyn jedoch ein Werk vor, das mit dem Potential beglückt ist, zum ostdeutschen »Neigungsroman« (Ellen Kositza) schlechthin zu werden. Jenseits der literarischen Größe und der vom Autor bewiesenen Sprachvirtuosität ist das Buch nämlich ein eminent Politisches; Kultur- und Establishmentkritik finden sich ebenso eingewoben wie süffisante Dialoge über den bundesdeutschen Wahn der letzten Jahre. Der neunzigste Geburtstag ist ein Heimatroman, aber kein nostalgisch-verklärender, sondern ein hochaktueller, kluger, nachdenklicher: ein Bekenntnis zum Eigenen, das innerhalb unserer Redaktion Kositza wie Kaiser gleichermaßen überwiegend beeindruckt zurückläßt. Nicht zuletzt diese Rarität macht deutlich, daß man es bei diesem Roman wahrhaft mit einem selten so gelungenen Wurf zu tun hat. – De Bruyn hier bestellen!

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Gutes

Wolfgang Pohrt: Kapitalismus forever/Das allerletzte Gefecht/Texte und Interviews 2011–2016 (= Werke, Bd. 10), 320 S., gebunden, 22 €

Mit demonstrativ zur Schau gestellter Verblüffung reagierte ein linkssozialisierter Freund, als ich gestand, von Wolfgang Pohrt, einem Ideologiekritiker mit unerschütterlichem Hang zur Polemik, bisher nichts gelesen zu haben. Gut, daß Anfang des Jahres in der Edition Tiamat Band 10 der Werke Pohrts erschien, mit zentralen Texten des einstmals »antideutschen« Soziologen. In diesen späten Schriften findet sich vor allem publizistisches Gegengift zu optimistischen Auslegungen kapitalistischer Krisensymptome: Wenn man meine, die immanenten Widersprüche führten zu einem mittelbar erreichbaren Ende des hoch flexiblen Systems, sei man, so läßt Pohrt es den Leser jedenfalls spüren, schlechterdings dumm. Pohrt stellt seinen – vorwiegend linken – Lesern daher spöttelnd die Frage, ob es nicht so sei, daß »die Gattung Mensch im Kapitalverhältnis zu ihrer artgerechten Bestimmung gefunden« habe. Kluge Passagen über Marx und die Marxismen wechseln sich ab mit bissigen Gegenwartsanalysen. Grundlegend deutlich wird Pohrts konservativ anmutende Desillusionierung, was Fortschrittsgläubigkeit betrifft: »Für ein funktionierendes Paradies braucht man Engel. Die Menschen sind keine.« – Pohrt hier bestellen!

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Wahres

Richard Millet: Töten. Ein Bericht, 143 S., broschiert, 16 €

Seit Beginn meiner Tätigkeit für den Verlag Antaios und die Zeitschrift Sezession ist das Werk des französischen Schriftstellers und Lektors Richard Millet ein Teil der Arbeit: Ich durfte ihn 2013 interviewen und in der Zeitschrift porträtieren, dann verlegten wir seine Verlorene Posten (2018: erweiterte Neuauflage!), nun konnten wir einen weiteren kleinen Schatz heben: Töten. Ein Bericht ist die schonungslose Darstellung Millets eigener Verwicklungen in den libanesischen Bürgerkrieg (er kämpfte dort auf Seiten christlicher Phalangisten), aber das Buch umfaßt mehr: Prägnante, luzide Essays zum »Islamismus als Verbündetem des globalisierten Kapitalismus« und über die mehr als nur akut bedrohten »Christen im Orient« machen nämlich unheimlich bewußt, was manch hiesigem Leser schwer vorstellbar schien: daß nämlich »der Westen« für geostrategisches Kalkül, ökonomische Verwertungsinteressen und kurzfristige Allianzen willfährig bereit ist, den Exodus der orientalischen Christen zu beschleunigen. Wenn in den heiligen Messen zum Weihnachtsfest wieder über »christliche Werte«, »Nächstenliebe« und die »Pflicht zur Hilfe« gepredigt wird, sollte man sich auch dessen ursächlich erinnern. – Millet hier bestellen!


Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.

Kommentare (4)

Maiordomus
4. Dezember 2018 13:30

Günter de Bruyn war für mich ohne wenn und aber der am besten schreibende und zugleich glaubwürdigste Autor Deutschlands der späten DDR-Zeit. Eines seiner Meisterwerke: Die Biographie von Jean Paul Friedrich Richter, der damals auch parteioffiziell für die DDR vereinnahmt wurde. Eine Gnade, dass der Meister noch am Leben ist. "Töten. Ein Bericht" vermag mich umso mehr zu interessieren, weil ich erst dieser Tage in "Sternstunden der abendländischen Redekunst" von Ferdinand Urbanek den "Kreuzzugsaufruf an die Deutschen" von 1148 gelesen habe ebenso wie Fichtes 14. Rede an die deutsche Nation von 1808. Da würden mich natürlich mehr die Unterschiede interessieren als die Gemeinsamkeiten, siehe nach die entsprechenden Aufzeichnungen Ernst Jüngers zum einschlägigen Thema aus seinen Tagebüchern und Aufzeichnungen zum 1. Weltkrieg und zumal das 2. Pariser Tagebuch mit der in der deutschen Literatur präzisesten Beschreibung der Hinrichtung eines Deserteurs durch Erschiessung. Eine der unheimlichsten Partien in der Geschichte von Weltliteratur deutscher Sprache, was u.a. Heinrich Böll und Jürg Federspiel in diesem Sinn wahrgenommen haben.

Maiordomus
4. Dezember 2018 13:44

PS. Zu "Gutes". Der Satz, für ein funktionierendes Paradies brauche man Engel, und die Menschen seien keine (was zwar stimmt), beruht auf Unkenntnis der Angelologie, zumal nach Dionysios Areopagita, dem bedeutendsten und massgebenden Theoretiker des Zwischenreichs in der Geschichte des Abendlandes. Erstens sind mal die Teufel und Dämonen in nicht kleiner Schnittmenge gefallene Engel, und zweitens bilden die Engel in neun Chören himmlische Heerscharen, mit denen keineswegs gut Kirschen essen ist, zum Beispiel der vor Gewalttat nicht zurückschreckende Erzengel Michael. Gerade auf die Weihnachtszeit hin erlaube ich mir, vor der Verkitschung unserer Vorstellung von Engeln, in der DDR einst "Jahresendflügelpuppen" genannt, zu warnen. Insofern die Engel hohe und maximale Intelligenz verkörpern und wie der Menschheit über die Freiheit verfügen, sich für oder gegen Gott zu entscheiden, so garantieren die Engel auch nicht ein funktionierendes Paradies. Am Ende war es auch ein Engel, siehe Schnorr von Carolsfeld oder wie der Illustrator hiess, der Adam und Eva aus dem Paradies vertrieben hat. Es gibt weder im Diesseits noch im Jenseits eine Ordnung, die schlechthin mit einer übergreifenden Idylle zu verwechseln wäre. Die Idylle ist, wenn schon, gemäss Jean Paul eine ganz kleine Nische des Glücks, was der Meister Günter de Bruyn nicht schlecht vermittelt hat. Wie auch immer: der Erzengel Michael steht Bernhards Kreuzzugspredigten immer noch näher als einer hoffentlich vom Alkoholismus allmählich entwöhnten deutschen Ex-Bischöfin.

Literatur: G.-K. Kaltenbrunner: Dionysios vom Areopag, ca. 1000 Seiten, ein Standardwerk zumal über Engel!

nigromontanus
4. Dezember 2018 19:58

Ich kann mich hier, nebenbei bemerkt, nur dem Herrn Malordomus anschließen, Günter de Bruyn gehört zu denjenigen Autoren der ehemaligen DDR, die eine größere Aufmerksamkeit verdient hätten, wieso mich die Empfehlung hier freut. Auch wenn ich, im Gegensatz zu dem, was bei Herrn Kaiser durchscheint, gerade das Unpolitische seines Werks schätze, während mich eine literarische "Tagesaktualität" oder ähnliches meist eher abschreckt.

Franz Bettinger
5. Dezember 2018 23:17

Bei den Buch-Empfehlunegn für Weihnachten fehlt mir die herrlich zu lesende, aktuelle Kampfschrift von Prof. Günter Scholdt "Anatomie einer Denunzianten-Republik", welche typologisch solche Perversitäten aufs Korn nimmt, wie sie in Chemnitz gerade Pelzer und Ruch (leider nicht Schall und Rauch, sondern bitter für jeden Betroffenen) ausleben dürfen, wo also Orwell'sche "Demokratie-Schützer" alias das Orwell-"Zentrum für Politische Schönheit" Hunderte von moral-politischen Steckbriefen versandten. Wenn es nicht perfide wäre, würde ich gerne umgekehrt nun einen Pranger für die linksgrünen Denunzianten und Antifanten kreieren. Dann merken die einmal, wie es sich anfühlt, mit vollem Vor- und Zunamen in der Öffentlichkeit hingestellt zu werden.

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